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si. Jahrgang.

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|t0. 60* Verlags-Fernsprecher No. 2953.

Donnerstag» den 5. Februar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

Der | 2 des Aesiiilengesrhes.

Diese letzte Session des Reichstags, die spätestens im Mar ihr Ende finden wird, lveist den ausgeprägten Charakter einer Session der Überrascktungen auf. Auch die Dienstagssitzung des Reichstags hat wiederum eine dieser Überraschungen gebracht, wie wir sie in letzter Zeit schon mehrfach erlebt haben. Der Abgeordnete Spahn erkundigte sich nach dem Schicksal der Reichstagsbeschlüsse in Bezug auf die Diätensrage und das Jefuitengesetz, und der Reichskanzler Graf Bülow erwiderte, daß sich der Bundesrat zwar bisher über die Frage der Diäten noch nicht schlüssig gemacht habe, daß er aber die Auf­hebung des 8 2 des Jefuitengesetzes in Aussicht stellen könne.

Das Frage- und Antwortspiel zwischen dem Abg. Spahn und dem Reichskanzler Grafen Bülow ist offenbar das gewesen, was man „bestellte Arbeit" nennt. Das Centrum hat selbswerständlich vorher gewußt, daß ihm die Konzession der Aufhebung des § 2 des Jesuiten- gesctzes zu Teil werden wird. And so brauchte denn der Abg. Spahn keine Überraschung vorzuschützen, und er konnte in wohlgesetzten Worten dem Reichskanzler seinen Dank für dies Entgegenkommen ausdrücken. Diesem Dank folgte freilich, „wie die Trän' auf den herben Zwiebel", der hinkende Bote, indem der Wg. Spahm es für bedauerlich erklärte, daß die Wünsche des Centrums nicht ganz erfüllt worden seien, d. h., daß mit 8 2 nicht der grundlegende 8 1 des Jesuitengesetzes falle. Als der Reichstag am 1. Februar 1899 aufs neue die Auf­hebung des 8 2 des Jesuitengesetzes forderte, erklärte der Wortführer desCentrums,daß seine Partei die Aufhebung dieses Paragraphen nur als eine Abschlagzahlung be­trachten könne. Herr Spahn hat diesmal, vielleicht aus diplomatischen Erwägungen heraus, dieses unschöne Wort vermieden, aber an der Tatsache, daß das Centrum die in Aussicht gestellte Aufhebung des 8 2 nur als eine Ab­schlagszahlung ansieht, ändert das selbstverständlich nichts. Wir wollen jedoch hoffen, daß diese Zahlung eine ein­malige bleiben und daß sie die erste und letzte auf dem Gebiete der Jesuitenfrage sein wird.

Das Jesuitengesetz, dessen 8 2 nunmehr fallen soll, ist nahezu 31 Jahr alt. Das Gesetz ist seiner Zeit n i ch t aus der Initiative der Regierung, sondern aus der des Volkes hervor­gegangen/welches in einem ungeheuren Petitions st urm seinen Willen kund­gegeben hatte. Das Gesetz wurde im Reichstag am 16. Mai 1872 mit 183 gegen 93 Stimmen ange­nommen und trat am 4. Juli 1872 in Kraft. £ 1 des

Gesetzes bestimmt die Ausschließung des Ordens der Ge­sellschaft Jesu und der ihm verwandten Orden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches und das Verbot der Er­richtung von Niederlassungen. 8 2, der jetzt aufgehoben werden soll, lautet wie folgt: „Tie Angehörigen des

Ordens der Gesellschaft Jesu oder der ihm verwandten Orden oder ordensähnlichen Kongregationen können, wenn sie Ausländer sind, ans dem Bundesgebiet ausge­wiesen werden; wenn sie Inländer sind, kann ihnen der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orten versagt oder angewiesen werden." Der 8 3 endlich bestimmt, daß der Bundesrat die zur Ausführung des Gesetzes erforder­lichen Anordnungen erläßt.

Das Jesuitengesetz verbietet mithin nur die Orden als solche, aber nicht den Aufenthalt der einzelnen Jesuiten in Deutschland. Es g i b t i n derTateine ganze Anzahl Jesuiten in Deutschlan d, die eine durchaus nicht unerhebliche religiös-politische Wirksamkeit entfalten, aber dieser Wirksamkeit sind da­durch Schranken gesetzt, daß die Jesuiten nur als einzelne und nicht mit vereinten Kräften wirken können. Was nun den 8 2 des Gesetzes, der dem Centrum als Morgen­gabe dargebracht werden soll, betrifft, so mutz offen zu­gegeben werden, daß dieser Paragraph praktisch be­deutungslos war. Er ist seit den Zeiten, wo die Wogen des Kulturkampfes sich zu glätten begannen, überhaupt nicht mehr und auch während des Kulturkampfes selbst nur in ganz verschwindenden Fällen zur Anwendung ge­bracht worden. Ein Praktisches Bedürfnis, den Para­graph aufrecht zu erhalten, liegt somit nicht vor, und seine Aufhebung braucht keinerlei Beunruhigung zu er­regen. In der Tat hat sich auch der Reichstag wieder­holt, so in den Jahren 1894, 1895, 1897 und 1899, nahezu einmütig fiir die Aufhebung des 8 2 des Jesuiten­gesetzes ausgesprochen.

Tie Erfüllung dieser Forderung braucht uns deshalb nicht zu beunruhigen, weil die Erklärung des Reichs­kanzlers keinen Zweifel darüber läßt, daß die ver- bündeten Regierungerr nicht gewillt sind, der weitergehen­den Forderung des Centrums auf Aufhebung des ganzen Jefuitengesetzes zuzustimmen, obwohl sich am 1. Februar 1899 die Mehrheit des Reichstags gegen die Stimmen der beiden konservativen Parteien, der Nationalliberalen, der freisinnigen Vereinigung und eines Teiles der frei­sinnigen Volkspartei für diese Forderung des Centrums ausgesprochen hat. Die Gründe gegen die Zulassung der Jesuitenorden bestehen heute noch so unvermindert und ungeschwächt fort, wie sie vor 31 Jahren bestanden. Tie Abneigung gegen die Jesuiten und den Jesuitismus ist übrigens nicht nur in der evangelischen, sondern auch in einem großen Teile der katholischen Bevölkerung vor­handen. Ja, wenn man unter der katholischen Geist­lichkeit eine ehrliche Enquete über diese Frage veran­stalten wollte, wer weiß, ob sie für die Jesuiten günstig ausfiele!

Eine wichtige Seite der Erziehung.

Bon Erich Juethe.

„Der Mensch ist das Maß aller Dinge", eine alte und abgegriffene Wahrheit, die aber um deswillen von ihrem Gehalte nichts eingebüßt hat und von uns gern unterschrieben wird. Aber dagegen müssen wir ent­schieden Einspruch erheben, wenn man diese Worte in den unwahren Satz umzubiegen sucht: „Der Mensch ist der Zweck aller Dinge." Das Recht des Stärkeren fügt es nun mal so, wo der Mensch seinen Fuß hinsetzt, mutz alles, was lebt und seines Daseins sich sreut, weichen; harrt es aus am Platze, so wird es sein Sklave oder mutz sterben. Die Dienstleistungen des Tieres hat der Mensch sich bemüht zu Pflichtleistungen zu stempeln, und von den Pflichten des Tieres gegen den Menschen pflegt sein Mund voll zu sein. Aber so ungeheuerlich die Dienste sind, die er dem Tiere abzwingt, eins scheint er ganz oder fast ganz vergessen zu haben, etwas, was doch so nahe liegt, nämlich die durch die Arbeiten des Tieres ihm er­wachsenden Pflichten, die Pflichten des Herrn gegen seinen Arbeiter. Und so wie die Alten sie vergessen haben, so bekommen sie die Jungen überhaupt nicht in die Seele geschrieben. Was sieht das Kind, sobald cs mit erwachendem Verständnis die Vorgänge um sich, zu Hause, im Hof, auf der Straße u. s. w. betrachtet? Das Pferd, das zu nichts weiter da ist, als um zu arbeiten und zu arbeiten und den Karren zu ziehen, und sollte es auch vor Entkräftung zusammenbrechen. Und öauw immer dieselbe Leier: Vermag ein Tier nicht die Forderungen des Menschen zu erfüllen, so bekommt es Prügel. Oder: Ein Hund, der gezwungen ist, in eis­kalten Winternächten ohne Strohlager und Schutz das HauS zu bewachen und dem Frost preisgcgeben um Er­barmen heult; er bekommt einen Tritt, einen Steinwurf. Wenn ein Kind klagt und weint, so betrachtet es dieses als ganz selbstverständlich, daß man ihm hilft. Wie selten wird diesem selben Kinde der Anblick zu teil, daß man einem leidenden Tiere beispringt? Für seine Vor­stellungen existiert das Pferd zu keinem anderen Zwecke, als zum Ziehen und geprügelt zu werden, der Esel nur dazu, daß man dumme Menschen mit seinem Namen titu­liert, das Schwein lediglich zur Fabrikation von Würsten ec. Mit diesen elenden Anschauungen muß auf­geräumt werden: Alle Menschen, die zu erzieherischen

Funktionen verpflichtet sind, müssen dafür sorgen, daß endlich in der Seele des Kindes die Erkenntnis heran­reife, die Tiere sind nicht bloß dazu da, um im Dienste des Menschen sich aufzureiben und von diesem zu Tode gequält und geprügelt zu werden, sondern sie sind da, um in ihrem Leben auch ein bestimmtes Maß von Glück zu empfangen. Die für die Jugenderziehung des Menschen hauptsächlich in Betracht kommenden Faktoren, die Familie und die Schule, haben sich zweierlei klar zu machen, erstens, daß ihre Zöglinge über kurz oder lang aus ihrer Pflege und Aufsicht herauswachsen werden, daß also die Zeit ausgenntzt werden muH, und zweitens.

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(88. Fortsetzung.)

Er schwieg und lief mit gesenktem Kopf auf und neder.

Sie fing an, sich zu langweilen.

„Jetzt frage ich zum letztenmal, was daraus werden oll?"

Engler Zuckte die Achseln. „GehenSie zum Teufel, venu Sie mich nicht in Ruhe lassen können!"

„Zu dem nun gerade nicht!" gab sie gleichmütig urück, „aber zu jemand, der auch weiß, was ich als Rodelt wert bin."

Sie stand auf, zupfte gelassen vom dem Spiegel die -tirnlöckchen zurecht und ging zur Tür.

„Kommen Sie morgen wieder!" rief er ihr nach. ,Bis dahin werde ich wieder einen klaren Kopf haben!"

„Wer kann so lange voraus über sich besümmen!" varf sie über die Schulter hin.

Ihr Fortgehen war ihm zuerst eine Erleichterung. §r setzte sich und schrieb einen langen, demütigen Brief in Jennh. Als er ihn fertig hatte, zerriß er ihn wieder, veil er nicht wußte, wohin er ihn schicken sollte. Wozu ich auch noch unnütz demütigen? Der Bruch war ja nun doch eine Tatsache! Dann, wie die Stunden vor- cückten, traten die Anforderungen des täglichen Lebens in ihn heran und lenkten seine Gedanken von dem einen Punkt ab, um den sie sich bis dahin gedreht hatten.

ES lag auf der Hand, daß er, von allen Barmitteln entblößt, niehr denn je arbeiten mutzte. Inzwischen gab ihm wohl der Kunsthändler oder einer seiner Be­kannten Vorschuß. Wenn ihm nur eine neue Idee hätte kommen wollen! Er hatte während der letzten Zeit seine geistigen Fähigkeiten vollständig brach liegen lassen und sich gar nicht mehr die Mühe genommen, über irgend ein künstlerisches Problem nachzusinnen, hatte sich damit begnügt, Las, reizende Modell, das i.öttl der Zufall in

die Hand gespielt, in allen Stellungen zu skizzieren und zu malen, und weil das erste Bild, zu dem Fanchon ihm gesessen, so rasch einen Käufer fand, bildete sich bei ihm die fixe Idee heraus, daß er mit dem zweiten gleichfalls mühelos Glück haben werde. Unwillkürlich verwandte er weniger Sorgfalt darauf, war nur bestrebt, es so bald als möglich fertig zu stellen, um mit dem dritten zu beginnen, für welches er die Skizze auch bereits ent­worfen hatte. Im Grunde unterschied sich keines wesent­lich von dein andern, weder im Vorwurf noch in der Auffassung.

Nein, er konnte das Persönchen nicht entbehren; er hätte sich sonst zu der Anstrengung emporschwingen müssen, nerre Ideen zu fassen, andre Modelle zu suchen, und das schien ihm im Augenblick neben all den qnälendeir Gedanken und Sorgen unmöglich.

Es tat ihm nun schon leid, Fanchon so barsch ange­fahren und fortgeschickt zu haben. Aber sie kam wohl trotzdem am folgenden Tage wieder. Er hatte sie ja so verwöhnt; es wäre unnatürlich gewesen, wenn sie nicht Dankbarkeit und Anhänglichkeit an ihn gehabt hätte.

Er lief mit den Skizzen zu dem Kunsthändler, bei dein er das von Lebrnn gekaufte Bild ansgestellt hatte, und fragte etwas von oben herab, ob für ein zweites Gemälde ähnlichen Genres Stimmung vorhanden sei.

Der Mann lächelte geringschätzig. Er für seine Person könne unmöglich das Risiko eines Ankaufs über­nehmen, müsse ihm sogar die unangenehme Mitteilung machen, daß das Bild von den Besuchern seines Salons abfällig beurteilt worden sei. Indessen wolle er Engler nicht entmutigen: vielleicht würden sich andre Kunst­händler, deren Salons ein etwas niedrigeres Genre kultivierten, bereit finden lassen, seine Arbeit auszu­stellen. Es sei immerhin empfehlend, daß ein so ge­wiegter Kenner, wie Herr Professor Lebrun, eines seiner Werke erworben habe.

Bedeutend herabgeftimmt setzte Engler seinen Weg fort, wurde da und dort abgewiesen, bis er endlich ein Geschäft fand, das sich damit befaßte, kleine, wertlose Sachen um billigen Preis unkundigen Fremden auf-

zuschwatzen, und dessen Inhaber die Notlage der zu ihm kommenden Künstler ausnutzte, um ihre Arbeiten zu wahren Schleuderpreisen zu erwerben.

In seiner augenblicklichen Bedrängnis und nach den vielen niederschlagenden Abweisungen, die er erfahren, war Engler jedes Angebot recht. Er mußte unter allen Umständen etwas Geld in der Hand haben, um über­haupt weiter arbeiten und leben zu können, und war zufrieden, daß der Geschäftsmann nach Prüfung der Skizze versprach, das Bild am folgenden Vormittag ab­holen zu lassen und die vereinbarte geringe Summa sofort auszuzahlen.

Sterbensmüde kehrte er ins Atelier zurück und machte sich daran, die neue Leinwand zu spannen und alles für die morgen zu beginnende Arbeit zu rüsten. Von nun an nmßte es bei ihm fabrikmäßig hergeh er:.. Vermochte er nicht höhere Preise zu erzielen, so konnte er auch keine große Sorgfalt auf die Ausführung ver­wenden. Es kam ihnr in erster Linie darauf an, ver­käufliche Bildchen zu malen, und es schien, als sei Fanchons keckes Gesichtchen gerade dazu angetan, Laien, die nicht eben viel an einen Kunstgegenstand tuenden konnten, in die Augen zu fallen, wenigstens hatte der Händler derartiges angedeutet.

Die peinliche Sorge um die materielle Existenz lenkte ihn von dem großen Herzenskummer ab, ja ein gewisser! Trotz begann sich in ihm zu regen. O, er wollte es! Jenny schon zeigen, daß er der Mann sei, sich selbst bei der größten Konkurrenz seinen Weg zu bahnen. Wurde er jetzt auch gezwungen, kleine Sächelchen hinzuschleudern, um aus der Hand in den Mund leben zu können, sa war das doch nur ein Übergangsstadium, aus dem er siegreich als bekannter, geachteter Künstler hervorgehen mußte. Ihr würde noch einmal die Reue kommen, wenn er auf der Höhe des Ruhmes stand.

Je eindringlicher er sich zu dieser Auffassiing über, redete, um so rosiger sah er in die Zukunft, bis er, schließlich kaum, den nächsten Tag erwarten konnte, um seinen Frieden mit Fanchon zu machen und die Sitzungen zu beginnen