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Beilage non Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 57. Morgen Ausgabe.

MMwoch, den 4. Februar.

31. Jahrgang. 1903.

Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, ist nicht tot, er ist nur fern. Tot ist nur. der vergessen wird.

Emil Fromme!.

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( 13 . Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. Schöye«.

Dom Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.

VII.

Einige Tage später langten die Majorin und Elsa in cher Hauptstadt der Lombardei an. Sie nahmen Logis in .einem größeren und eleganten Hotel mit roten Marmor- !pfeilern auf beiden Seiten des Eingangs, mit Flurwänden ;in pompejanischem Stil, schwarzen Marmortreppen mit vergoldetem Geländer. Sie mutzten sich mit ein paar jStmimeni im obersten Stockwerk begnügen, aber eine Treppe hoch befanden sich mehrere elegante Salons,^ die jton den Reisenden benutzt werden konnten, und dort 'konnten die Agenten und Jmpresarii empfangen werden.

Nun legte man den besten Sonntagsstaat an und die Geschäftsbesuche begannen. Der erste galt dem Agenten, an welchen Madame Gemain Elsa empfohlen hatte. Seine Wohnung lag in einer- engen schmutzigen Straße. Die Eingangstür war niedrig, die Treppe finster. Draußen sin Vorzimmer saß ein zahnloser Greis und heftete griine lllmschläge um Musikzeitungen, die in großen Packeten überall auf den Tischen und Regalen lagen.

„Ja, Signor Amati ist zu Hause, aber die Damen müssen warten, denn es sind mehrere Herrschaften bei ihm, mit denen er zu sprechen hat!"

Sie wurden in ein dunkles, dürftig möbliertes Zimmer geführt, ein Piano stand in der Mitte, in jeder der vier Ecken eine Porträtbüste eines berühmten Kom­ponisten. Ans dem Zimmer nebenan hörte man heiter lachende Frauenstimmen, bald darauf wurde die Tür ge­öffnet urw drei elegant gekleidete Damen schritten durch das Zimmer und verschwanden. Schließlich zeigte sich der Agent.

Es war ein großer korpulenter Herr von sechzig Jahren mit silberweißem, kurzgeschnittenemHaar, schwar­zen, buschigen Augenbrauen über ein Paar braunen gut- müsigen Augen, das halbe Gesicht von einem grauen Wart bedeckt.

„Haben Sie die Güte, Platz zu nehmen, meine.Tarnen, Also das ist das Phänomen, von welchem man mir von Paris geschrieben hat? Sie verstehen wohl italienisch?"

„Ja, ich wohl, aber nicht meine Mutter", erklärte Elsa. „Wer Signor Amati spreckien wohl französisch?"

„Natürlich", antwortete er, indem er das Gespräch in französischer Sprache fortsetzte.

„Ich wünsche Gelegenheit zu bekommen, hier in Italien zu debütieren, und Mde. Gemain hat mir gesagt, daß sie der vornehmste Agent hier sind."

„Das heißt, ich schließe im allgemeinen nur Kontrakte mit guten Theatern ab; doch bevor wir weiter darüber sprechen, lassen Sie mich Ihre Stimme hören", sagte er, indem er sich ans Piano setzte. „Welches Repertoire haben Sie?"

„Die „Afrikanerin", „Faust", „Mignon", „Alice"."

„Gut, lassen Sie uns Selikas Arie hören!" unterbrach er sie, indein ec das Notenbuch öffnete und zu spielen begann.

Elsa trat an das Instrument und sang.

„Eine prächtige Stimme, eine ausgezeichnete Schule", sagte er. „Hören Sie mich nun: Die wichtigsten Voraus­setzungen sind da, um Gliick zu machen — Stimme und ein geeignetes, ja ein besonders geeignetes Äußere, auf das wir hier im Süden besonders hohen Wert legen. Wer wenn man in unserem Lande die Sängerlaufbahn betreten will, giebt es nur zwei Wege; entweder beginnt man an den kleinen Theatern mit großen Rollen oder an den Theatern ersten Ranges mit kleinen Rollen."

„Nein, nein!" rief die Majorin energisch, „meine Tochter darf nichts anderes als die vornehmsten Partieen singen. Sie hat eine zu kostbare Stimme und eine zu umsichtsvolle Ausbildung erhalten, daß es lächerlich sein würde, wenn sie gezwungen werden sollte, in unter­geordneten Rollen aufzutreten."

„Bdeine geehrte Signora, ich verstehe Sie wohl; ähn­liches wünschen alle Mütter, Tanten und Duennen", sagte er mit einein liebenswürdigen Lächeln; „aber ich muß Ihnen doch erklären, wie die Verhältnisse in unserem Lande nun einmal sind."

„Ja, natürlich! Und ich setze vollkommenes Ver­trauen in Ihre Meinung", sagte Elsa.

„Ich wiederhole also", fuhr er fort, _ „wenn Sie in unseren großen Theatern in Rom, Venedig und Neapel, Turin rc. auftreten wollen, müssen Sie sich mit den un­bedeutendsten Partieen zufrieden geben. Die Impre­sarien in diesen Städten wagen selten, Debütantinnen vorzuführen. Die Billetpreise sind so hoch, daß das Publikum sicher sein will, etwas Gediegenes zu hören, bevor es zahlt. Tie älteren Künstler, ein berühmter Tenor zum Beispiel, würden es indigniert von der Hand weisen, mit einer jungen Dame, welche zum erstenmale auftritt, Duette zu stngen."

„Glauben Sie denn, daß Sie jemand finden würden, der mir kleinere Rollen anvertraut?" fragte Elsa.

„Nein, versprechen kann ich Ihnen das nicht; aber ich werde mein Bestes tim. Hier wartet übrigens eine ganze Hoerschar von Schülern, die bei allen Akademieen der Welt ausgeb ildet sind, auf eine Anstellung. Aber oftmals dauert es mehrere Jahre, bis sich eine Gelegen­heit zeigt."

Die Majorin wurde ganz blaß vor Schrecken bei dem Gedanken an ihre leere Börse.

„Eine ausgezeichnete Art und Weise, torzugehen, ist folgende," fuhr der Agent fort, „Sie haben ein paar Rollen, worin Sie sich sicher fühlen; im Fall Sie nun hören, daß diese oder jene große Oper in einer oder der anderen Stadt aufgeführt werden soll, so reisen Sie dahin mit einer Anempfehlung von mir und melden sich sofort bei dem Impresario für den Fall, daß er in Per- legenheit gerathen sollte. Trifft es sich nun, daß eine Sängerin krank wird oder aus anderen Ursachen zu singen sich weigert, so können Sie leicht Gelegenheit be­kommen, an ihre Stelle zu treten. Gelingt Ihnen das, — ja, dann ist Ihr Glück bald gemacht."

„Aber wenn nun keine der Sängerinnen krank wird, würde ich untätig bleiben und vielleicht den ganzen Winter warten müssen?"

„Ja, ein Rifiko ist das immer, aber es ist manchem gelungen."

„Unmöglich, unmöglich!" sagte die Majorin. „Mein« Tochter muß Geld verdienen, ohne Verzug. Das Studium hat unglaubliche Summen gekostet."

„Ich verstehe," antwortete er. indem er mit der Hand über seinen dicken, grauen Bart strich. „Müssen Sie un­bedingt so eilig hervortreten, schaffen Sie sich selbst em Theater! Mieten Sie eine Truppe! Seien Sw ihr eigener Impresario! Ta können Sie ja alle Rollen singen, ganz nach Herzenslust. Ich kenne ente Jirtm- kanerin, die auf diese Weise in Florenz versucht hat und sich dadurch eine bekannten Namen im Verlaufe von ein paar Monaten verschaffte. Es_ kostete iyr freilich einige Hunderttausend Lire, aber die hat sie spater mit Zinsen wieder eingenommen. Sie ist gegenwärtig Primadonna in Petersburg." < . < m

Elsa und die Majorin verzweifelten ber dem Ge- danken an alle diese Schwierigkeiten.

„Aber was in aller Welt soll ich tun?" fragte Elsa

fast weinend. .

„Ich kann nicht so lange warten, ich muß mir eins

unabhängige Stellung sichern." , , . ...

„Ich habe Ihnen erst berichtet, ww es bei Theatern erstell Ranges zugeht. Aber in Italien gibt es ungefähr dreihundert Opernbühnen. llnö_ wollen,«w unbedingt die Hauptpartieen singen, so müssen Sie in den kleinsten Städten beginnen. Viele von unseren tornehmsten Künstlern sind in diesen Städten umhecgereift und all- mählich zu den größeren aufgestiegen_ und dieKliPPen müssen entweder auf die eine oder die andere Werfe er­klommen werden." ,

„Aber an so kleinen Orten inutz es za entsetzlich fein! sagte die Majorin; „besonders für eine Person ww meine Tochter, die nur dem feinsten Piiblikum genügen will iind die vollendetste Erziehung genossen hat."

„Ich habe Sie init den Verhältnissen bekannt gemacht, so wie sie nun einmal sind", antwortete Sintern. „Signorina müssen über die Sache Nachdenken und den Weg wählen, der Ihnen der beste erscheint. Wer meine Zeit ist stark in Anspruch genommen."

Er verbeugte sich vor den Damen. „Sw können sich darauf verlassen, daß ich tun werde, was ich vermag."

„Es ist doch nicht so leicht, als wir glaubten", sagte Elsa, als sie die Treppe hinuntergingen. „Es kann viel­leicht mehrere Monate dauern, ja Jahre, bevor ich etwas

zu tun bekomme." , , „

„Aber wovon in aller Welt sollen wir dmn ltom>? Ich habe ja meine Witwenpension für die nächsten Jahre

schon beliehen!" . , „

„Ich nehme, was sich auch immer bieten mag , ant- wortete Elsa bestimmt. „Du sollst nicht nEluetwoF-m N^nnewl loidou."

Im Verlauf der Woche besuchten sie noch mehrere Agenten Elsa hörte überall viel Lob über ihre schöne Stimme, aber ebenso oft auch dieselbe Versicherung in- betreff der Kämpfe, die ihrer harrten. Nach den Agenten kamen die Verleger an die Reihe. Alle Musikstücke, dis in Italien aufgeführt werden, sind nämlich das Eigentum von drei Maständern, und kein Impresario hat das Recht, Rollen an einen Künstler auszuteilen, der nicht ton den betreffenden Musikverlegern anerkannt ist. Von diesen mächtigen Matadoren, von denen jeder seinen eigenen Palast bewohnte, wurde Elsa mst ausgesuchter Freund­lichkeit enrpfangen und mit den verbindlichsten Zusiche, rungen entlassen. (Fortsetzung folgt.)

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