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WiesbsdkM ianblatt.

51 . Jahrgang.

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r. 58.

Berlags-Fernsprechcr No. 2853.

Äberatl-ÄMsgaise-

Englische Budget-Vorgefühle.

llnjer Londo n e r n-Korrespondent schreibt iinter dem 31. Januar: Mr. Ritchie, der neue Schatzkanzler, hat soeben gesprochen und zwar, wie sich das von selbst versteht, über das kommende Budget. Verraten wurde uns dabei srcilich nichts über dasselbe, und einer schöneir alten Sitte gemäß, bereitete er die Nation nur ein wenig ans das vor, was im März kommen wird, damit ihr dann der Schreck nicht schade. Bisher hat man immer geglaubt, eine solche Vorbereitung würde dieses mal nicht notig sein, weil das Budget große Stenernachlässe bringen müßte, und selbst die Tories schütteln daher in ihrer Presse nun gewissermaßen die weisen Häupter. ToryiS- inns ist das politische Glcrubensbekcmitnis der besitzenden Klassen, die auf einmal die Entdeckung machen, daß es ihnen recht unangenehme Geldopfer auslädt. Ter „Standard", eines ihrer Blätter, bejammerte in herz­zerreißender Weise das schwere Geschick der Einkommen- steuerzahler, die den Krieg mit einer Abgabe von 3% % begannen, und diese im Verlaufe desselben auf 6% % steigen sahen. Davon, daß England das Jahr 1899 ohne Getreide-, Kohlen- und Zuckerzölle antrat, die es aber bald danach einführte, erwähnt der „Standard" treulich nichts, und dabei berechnet man, daß infolge der- selben und anderer Kriegslasten das Leben namentlich nt einigen der ärmsten Arbeiterbezirke seit l 899 um 15 % teuerer geworden ist. Die große Menge hat sich das allerdings selbst zuzuschreiben, denn sie wollte ja den Krieg und widersetzte sich sogar seiner Zeit der Beendi­gung dcsselbeii mit den Mitteln der Civtlisation. Aber gerade unter den sogmannten kleinen Lenken gab es die meisten Friedensfreunde, und ihnen sollte man entschieden vor deii Einkommensteuerzahlern Erleichterung ver- schaffen. Es ist das jedoch ausgeschlossen, denn jener zarte Anfang einer Schutzzollpolitik gehört zu den Grund­steinen des modernen englischen Imperialismus iind bildet das Werk „Chamberlains des Großen". Vielfach glaubt man, der Schatzkanzler würde wenigstens den Vor­stellungen des sogenannten Glacehandschuh-Proletariates, d h der Leute Gehör geben, die auf das aus ihren täg- lichen Arbeitsleistungen stammende Einkommen den gleichen Steuersatz bezahlen müssen wie die Kapitalisten, die von ihren Zinsen leben. Das wird Mr. Ritchie aber gar nicht in den Sinn kommen, denn m einem domo irakischen Staate wie England müssen sich die Staats münner hüten, es um einer einzelnen^Wählergruppe willen mit den anderen zu verderben. Schließlich fragt es sich aber auch noch sehr, ob er überhaupt etwas er­übrigen wird, um die Steuerschraube wieder ein wenig lockern zu können, und er selber ist in dieser Hinsicht offen-

Mittmoch» den 4. Februar.

bar voii Zwetfelii erfüllt. Rechnungsmäßig müßte er einen Überschuß voii etwa zwanzig. Mill. Pfund isterl. haben, aber seitdem Mr. Chamberlain in Südafrika siotz erklärte, die Empfangsbestätigungen englischer Offiziere äir während des Krieges requiriertes Eigentum der Be­völkerung würden unter allen Umständen; vom Staate honoriert werden, hat der Schatzsekretär mit einer neuen unbekannten Größe zn rechnen. Zudem machte^der Kolonialminister ja auch noch weitere Zusagen in Süd­afrika, deren Erfüllung einen sehr bedeutenden Geldauf­wand zur Folge haben wird, iind schließlich kommt un­gemein viel mls den Umfang der Garnisonen im Pomv- vaal und in der Oranjekolonie an. Wie Mr. Ritchie er­klärte. kostet in Südafrika jeder Soldat 50 Pfd. Sterl. oder tausend Mark mehr als daheim in England. Vor- läufig ist die Regierimgsform für die neuen. Kolomeen noch nicht endgiltig festgesetzt und von ihr wird die Zahl der Soldaten abhängen, die die englischen Steuerzahler daselbst fernerhin unterhalten müssen. , Je weiter die Sclbslregieriing geht, d. h. je größer die Verantwartlich- feit die man den Kolonisten auflädt, um so geringer wird die Last sein, die England zu tragen hat. Je mehr sich aber der Imperialismus in Südafrika oder rat britischen Reiche im allgemeinen spreizt, um so höher steigen die Steuern.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1908.

icfori des KmkemrWrmWcklM.

Von Hans Seelmann.

Stellvertretender Magistratskommissar für die Invaliden­versicherung.

Die seit Jahren verheißene und sehnlichst erwartete Novelle zirm Krankenversicherungsgesetz ist nun endlich dem Bundesrat zngegangen. Ter Wortlaut des Ent­wurfs ist bisher nicht bekannt geworden, doch soll sich der Inhalt desselben auf eine Ausdehnung der Krankeu- unterstützung voii 13 auf 26 Wochen, der Wöchnerinncn- vnterstützung von 4 ans 6 Wochen, sowie auf den Fort­fall der einschränkenden Bestimmllngen für Geschlechts­kranke beschränken. Man wird mit der Kritik zurück­halten müssen, bis der Entwurf selbst publiziert ist, das aber kann man schon heute sagen, daß, wenn sich die Novelle ans die obigen drei Punkte beschränkt, ihr In­halt'als ein ungenügender und mit Rücksicht auf die jahrelangen Vorbereitungen dürftiger bezeichnet wer­den müßte, zumal alle Erweiterungen der Leistungen schon jetzt durch die statutarischen Bestimmungen der ein­zelnen Krankenkassen eingeführt werden können. Un­erfüllt bleiben würden insbesondere die Wünsche auf Beseitigung der rückständigen Gcmeindekrankenversichc- rungen, auf die Ausdehnung des Krankenversicherungs- zwanges auf alle Personen, die jetzt der Juvalidenver- sicherungspflicht nitterliegen, auf Centralisation des Ärankenkasseiiwescns innerhalb der einzelnen Gemckn- den re. Immerhin sind die vvrgeschlagencn Änderungen mit Freuden zn begrüßen, da sie einen erheblichen Fort-

schritt bedeuten. Die Beseitigung der Sonöcrbestim- mungen für Geschlechtskranke wird den neuerdings mit verstärktem Interesse aufgenommenen Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten wesentlich erleichtern,' die erwei- terte Fürsorge für die Wöchnerinnen gestattet diesen,' längere Zeit der Arbeit fernzubleiben und so nicht nur ihrem Körper die nötige Ruhe zu gönnen, sondern auch dem Kinde eine bessere Pflege angedeihcn zn lassen. Die Ansdehnnng der Unterstützungszeit auf 26 Wochen schließlich beseitigt die bekannte und schwer zu begreifende Lücke von der 14. bis zur 26. Woche. Wer das Elend der Unglücklichen gesehen hat, die nach 13 Wochen aus der Kranlenkaffenfürsorge entlassen wurden, weil die statu­tarischen Leistungen ihr Ende erreicht hatten, die aber erst mit Beginn der 27. Woche bei den Anstalten der In­validenversicherung Anspruch auf die Krankenrente er­heben konnten, und deshalb ein Vierteljahr lang ohne Existenzmittel und ohne ärztliche Hülfe dastanden, der wird es verstehen, welche Wohltat diese Neuerung den Versicherten bringen wird.

Hcrvorgchoben muß aber werden, daß ein lückenloser Anschluß der Leistungen der Invalidenversicherung an die der Krankenversicherung auch durch die in der Novelle vorgeschlagene Abänderung des Gesetzes nicht immer er­reicht wird, und zwar — ganz abgesehen davon, daß weite Kreise der Bevölkerung zwar gegen Invalidität, aber nicht gegen Krankheit versichert sind, wie die Dienst-, boten, landwirtschaftlichen Arbeiter — deshalb nicht, weil der Begriff der Erwerbsunfähigkeit im Kraukenversiche- rungsgesetz ein anderer ist als im Jnvalidenversiche- rungsgesetz. Erwerbsunfähigkeit im Sinne desKrauken- versicherungsgesetzes liegt dann vor, wenn der Versicherte unfähig ist, ohne Verschlimmerung der Krankheit seinem bisherigen Erwerbe nachzugehen. Die Invalidenversiche­rung dagegen kennt keine Berufsinvaliditüt, Erwerbs­unfähigkeit im Sinne dieses Gesetzes liegt vielmehr erst dann vor, wenn der Versicherte nicht mehr tm stände ist, durch eine seinen Kräften und Fähigkeiten ent­sprechende Tätigkeit, die ihm unter billiger Berücksich­tigung seiner Ausbildung und seines bisherigen Berufes zugemntet ivcrden kann, ein Drittel desjenigen zn er­werben, was körperlich und geistig gesunden Personen derselben Art mit ähnlicher Ausbildung in derselben Gegend durch Arbeit zn verdienen pflegen. Wie es nun zahlreiche Personen gibt, die erwerbsunfähig im Sinne des Jnvalidenversichernngsgesetzes, aber nicht krank und erwerbsunfähig im Sinne des Krankenversicherungs­gesetzes sind, so gibt es ebenso Versicherte, die zwar noch krank und erwerbsunfähig im Sinne des Krankenver- sicherungsgesetzes, aber nicht erwerbsunfähig im Sinne des Jnvalidenversichernngsgesetzes sind. Derartige Per­sonen erhalten also mit Beginn der 27. Woche von den Versicherungsanstalten keine Krankenrente, obwohl sie noch weiter krank und erwerbsunfähig im Sinne des Krankenversicherungsgesetzes sind. Hier zeigt sich so recht, wie dringend erforderlich eine Vereinheitlichung unserer gesamten' Reichsverstcherungsgesetzgebung ist. Daß eine solche bei der Bcschließung über die vorliegende Novelle zum Krankenversicherungsgesetz erfolgt, ist zwar ans-

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckorvström.

(37. Fortsetzung.)

Bis vor kurzem war er stets vom Glück begünstigt ewesen und hatte die laufenden Tagesausgaben ziemlich ,rglos von dem Gewinn bestreiten können. Erst neuer- ings war darin ein Umschwung cingetreten, und w ver- issener er hinter seinem Verlust herlief und merate, das Rück zwingen zu können, zu ihm zurückzukehren, um jo charrlichcr fing es an, ihli zii fliehen. ^ = or .

An diesem Abend nun, unter dem Einfluß dev Ab- nth sowohl wie seiner unglückseligen Stimmung, machte r die gewagtesten Einsätze, die einein wohlmeinenden jekannten zu einer ernsten Mahnung ä>eran!nssnug gabein Diele Mahnung im Verein mit der Wahrnehmung, daß r dauernd im Verlust blieb, erregte ihn nur noch mehr.

„Ich lasse mich nicht schulmeistern!" brauste er auf. ,U„d wenn ich alles verliere, wen geht's was an?"

Als er feiii letztes Zehnfrankenstiick aus der Tasche ,og, war er aschfahl und zitterte am ganzen Leib. Seme si engen, gespannten Blicke verfolgten die Chancen dev Zpiels.

„Ah, verflucht!"

Er schlug mit der Faust auf den Tisch und sprang

^^'„DaS geht liicht niit rechten Dingen zu! Ich will mich" nicht von einer Gairaerbande betrügen lassen!"

„Ist der Kerl toll?"

Die Mitspielenden sprangen gleichfalls auf. Heiße zornige Gesichter umdrängten ihn.

„Wenn er gewiniit, ist chm nufer Geld recht, aber jeder Verlust macht ihn verrückt/'

„Wir können keine unanständigen Elemente unter

uns brauchen!" ^ ., . ,

„Ruhe, merae Herren!" legte sich rm Zuschauer ras Mittel „Sie sehen doch, daß er betnrnken ist und nicht toeik was er sagt. Er hätte überhaupt in der Verfassung

nicht spielen sollen. Kommen Sie nach Hanse, Engler. Sie werden sich morgen wohl entschuldigen."

„Nein, ich entschuldige mich nicht!"

Er riß sich die Krawattennadel ab und warf sie auf den Tisch.

„Ta, sie ist ihre dreißig Franken wert! Wer gibt mir fünfzehn darauf?"

„Nieinand! Nehmen Sic deii Quark weg!" Per Sprecher schob die kleine Nadel verächtlich beiseite. „Keine dreißig Sous bekommen Sic daraus. Wir sind nicht Pfandleiher."

Schwankend, mit blutunterlaufenen Augen stand Engler da, niid unzusammenhängende, kaum verständ­liche Schimpfworte flössen ihm von deii Lippen. Ter Tabaksqnalm, die Hitze im Zimmer iind die Aufregung des Spiels hatten seinen halben Absinthrausch zu einein vollständigen gemacht. Irgend jemand, er wußte später selbst nicht mehr, wer es gewesen, faßte den Taumelnden unter den Arm und zog ihn ans die Straße hinaus.

Ob dieser jeinand ihn in seine Wohnung gebracht oder ob er allein deii Weg dorthin gefunden, hätte er nicht 311 sagen vermocht. Genug, er fand, als er erwachte, daß er in Kleidern auf dem Bett geschlafen hatte, und daß fein Kopf wüst und schwer war.

Im Augenblick konnte ec sich der Vorgänge des vec- slosseiieii Tages nid)t mehr genau entsinnen, hatte nur das dumpfe Gefühl, daß es ein unglücklicher gewesen sei und er Verschiedenes gut zii machen habe.

Da war zunächst Jenny. — Engler legte die Hand an die Stirn und dachte iiach. In diesem Augenblick brachte der Hausdiener dm Kaffee und zugleich einen Brief, dessen Aufschrift Jennys Handschrift zeigte. Ihm war sehr elend 31t Mut, Seine Hände zitterten. Er wartete darauf, daß der Mensch das Atelier wieder ver lieh, che er sich entschloß, dm Umschlag zu öffnen. Die Buchstabm tanzten ihm vor dm Augm. Er vermochte zuerst keinen Sinn in die Worte zu bringen. Mit ein­mal begriff er. Es war alles aus. Jenny gab ihm sein i Wort zurück.

Wie voiii Blitz getroffen saß er da, und ein großer Jammer schlug über ihm zusammen, Tann kam ihm flüchtig der Gedanke, daß sie ihm vielleicht doch noch eine Gnadenfrist lassen könne. Er sprang ans iind lief, ohne zu frühstücken, nach ihrer Wohnung, Doch schon unter- Wegs entmutigte ihn die Überzeugung, daß sie nicht die Frau sei, die leere Worte mache, und gleich danach erhielt er auch die Bestätigung, daß Jmny in der Tat den Mcmt- matre verlassen habe, ohne ihre Adresse zn geben.

Als er langsam heiiiigiilg, kam ihm alles so entsetz- sich leer und öde vor. Ec wußte, daß er das Beste aus seinem Lebn verloren habe und schuld daran sei. Die Sonne tat ihm weh und der Anblick der sorglosen Menschen, bcneit er begegnete. Sie sahen sich nach ihm um, der mit seinem farblosen, starren Gesicht ganz geistes- abwesend auf der Straße bald links, bald rechts ging, und es belustigte sie, daß jemand 31t dieser frühen Vormittags­stunde offenbar schon in Wein des Gutm zu viel getan hatte. Er merkte, daß er ein Gegenstand der Heiterkeit wurde, und eS machte ihn toll. Er hätte mit deii Fäusten dreinschlagen mögen, um sich Luft zu machen. Was hatten sie zu lachen, lvenn einer ihrer Mitmenschen in Derzweifung war!

Wieder im Atelier, warf er sich ans den Sessel, stützte den Kopf in beide Hände, die Ellenbogen ans die Knies und brütete vor sich hin.

In diesem Moment trai Fanchon ein. Sie hätte keinen unglücklicheren Augenblick wählen können. Beim Anblick ihres lächelnden Kindergesichts packte ihn eine rasende Wut. Er schnellte empor und ging ihr mit ge­ballten Fäusten ciitgegen.

„Sie! Sie!" stammelte er. „Wie können Sic sich unterstehen, sich noch bei mir blicken zu lassen!"

Das Mädchen prallte zurück, faßte sich jedoch schnell, legte die Hände auf den Rücken und sah ihn furchtlos an.

„Wie kann man unr diese Süinde schon betrunken sein!"

„Betrnnkeii? Möchte wissen, wovon! Sic haben , das Unglück über mich gebracht, und jetzt wollen Sie sich