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61. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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|(0, 55. Verlags-Fernsprecher No.

2853.

Dienstag» den 3. Februar.

RebaktionS-Fcrnfprccher No. 52.

1903.

Morgen «Ausgabe.

Häusliche FmarypoMiK.

Von F. Echtermayer.

Um die hohe Finanzpolitik der Staaten wirb uner­müdlich viel Tinte und Druckerschwärze verschwendet, und die Finanzminister gelten heutzutage als höchst be­dauernswerte Wesen, denen über Nacht die Haare grau werden. Neben der sogenauuten „hohen" Finanzpolitik läuft aber im Staate eine andere einher, die weit wich­tiger ist, weil sich auf ihr erst die Finanzen eines Staats­wesens aufbauen. Und in der es weit schwieriger ist, als Finanzmiuister beamtet zu sein,' denn ein Staats­minister, der schlecht wirtschaftet, wird einfach nrit hoher Pension entlassen. Jene anderen Finanzminister aber Müssen aushalten bis zum grauen Ende. Was sie sich einbrockten, müssen sie ausessen, voll und ganz. Und wehe, wer sich drückt! Ihm ist der Gerichtsvollzieher auf den Fersen und kleistert einen blauen oder grünen Vogel auf das unzureichende Gewissen.

Häusliche Finanzpolitik!

Wir können auch sagen: „Finanzpolitik des kleinen Cannes". Wer viel hat, dem steht der Bankier ratend zur Seite. Wer aber nur wenig sein Eigen nennt und sich selber Bankier sein mutz, der mutz sich selber durch­finden. Den meisten wird das grausam schwer. Sie finden bei ihrem bescheidenen „Einkommen" nicht das rechte „Auskommen". Sie schreiben vielleicht die Schuld auf ihr Einkommen und übersehen, datz nicht dieses die Hauptsache ist, sondern das richtige „Auskommen", mit dem, was man hat. Denn das will gelernt sein,' mancher lernt's nie. Aber die Finanzpolitik, die des Staates wie die der Familien, ist eine Wissenschaft, bei der es ohne ein bischen Studium nicht glücklich abläuft. Und weil 80 Prozent des Glückes heutzutage im Geldbeutel vergraben liegen, darum ist sicherlich die hier verwandte Druckerschwärze nicht vergeudet, sondern kann zu einem segensreichen Anstoh werden für alle, die lesen gelernt haben.

Die drückenden Geldsorgcn, unter denen Hunbert- tausende von deutschen Familien zu leiden haben, ge­hören zu den schlimmsten Begleitern des ohnehin oft schon minderwertigen Lebens. Wo sie ihren Einzug gehalten haben — meistens still, unbemerkt, wie ein Dieb in der Nacht —, da fliegt alles zum Fenster hinaus, was das Leben erst lebenswert macht: Die Ruhe des Geistes, der Frieden der Seele, die Klarheit des Auges, die Fröh­lichkeit des Gemütes, die Festigkeit des Charakters und der Stolz vor sich selbst. Wie ein heimtückischer Wurm nagen sie am Mark des Daseins rmd beeinträchtigen leider mit wenigen Ausnahmen bas wahre Familien­

glück. Mag die Liebe eines jungen Paares noch so fest und tief sitzen — allmählich wird sie verschaltet, ange­fressen, brüchig,' denn nur wenige sind so stark, daß sic bis zu ihrem Lebensende mit erhobenem Haupte gegen ein endlos widriges Schicksal ankämpfen und als Held bestehen. Wer das nicht glaubt, werfe nur einen Blick in seine Kreise. Wie viele Familien gehen alljährlich zu Grunde aus finanziellen Ursachen: wie viele gehen Jahr um Jahr sichtlich zurück in ihrem Wohlbefinden! Wie vielen stirbt der Ernährer unvermutet fort und mit ihm der letzte Halt: was er zurücklüßt, sind oft wirt­schaftliches Elend und Verzweiflung.

In dieser Erkenntnis haben unsere besten Philo­sophen über die Finanzfrage der Familien nachgedacht und Beherzigenswertes ausgezeichnet. Als roter Faden zieht sich durch alles der Gedanke: „Gleichgewicht im Haushalt!"

Dieses Gleichgewicht ist das Mindestziel jedes ehr­baren Kaufmannes. Wehe ihm, wenn am Schluffe des JahreZ seine Geschäftswage nicht günstig balanciert: wenn seine Jahresbilanz mehr Passiva als Aktiva, mehr Schuldenposten als Wertobjekte aufweist! Ein ehrbarer Kaufmann aber soll jeder Familienvater, jede Haus­mutter, überhaupt jeder selbständige Mensch sein. Wenn ein Kaufmann mehr ausgibt, als er einnimmt, so begeht er nicht nur eine leichtsinnige Selbsttäuschung, sondern auch einen regelrechten Betrug gegen alle, die ihm Waren anvertrauen. Das Schuldenmachen ist wahrlich keine Kunst. Jeder halbwegs Ehrliche findet immer noch mehr Kredit, als er verantworten kann. Kaufe nur im äußersten Notfälle auf Borg! Gewiß — so mancher wird dich schief ansehen, wenn du in einem etwas ab­gebrauchten Rock einhergehst. Aber ich sage dir: von allen diesen Schiefgesichtern wird dir kein einziger einen roten Pfennig geben, wenn du einen neuen Rock auf Borg kaufst und ihn am Ende nicht bezahlen kannst. Gerade dieses falsche Schamgefühl ist der schlimmste Feind jedes häuslichen Finanzglücks. Wer es nicht zu überwinden vermag, wird nie ins reine mit sich und den anderen kommen.

Zu diesem einfachen ersten Grundpfeiler einer ge­sunden Familienwirtschaft kommt ein noch einfacherer zweiter. Dieser betrifft den Begriff sparen. Gewiß ist die Sparsamkeit in erster Linie etwas Angeborenes. Aber die Erkenntnis von ihrer unbedingten Notwendig­keit verschafft ihr auch dort sofort Eingang, wo ein ge­wisser Hang zur Sorglosigkeit besteht, wo man gewohnt ist, „ins blaue zu wirtschaften". An sich ist das Sparen furchtbar schwer, etwa wie das Erlernen fremder Sprachen durch Selbstunterricht. Es gehört dazu eine starke Energie, eine unentwegte Gleichmäßigkeit — beides Eigenschaften, die den meisten fehlen. Daher ist es zu verstehen, wenn die Finanzphilosophen als das Haupt­geheimnis der Sparkunst den ersten entschiedenen An­

fang bezeichnen. Hat sich auS den sorgsam und mühselig zusammengelegten Pfennigen erst ein runder Taler ge­bildet tlnd ist dieser rasch aus der verführerischen Nähe fortgeschafft in den sicheren Hafen der Sparkasse, so ist 'alles gewonnen. Wer diesen Anfang, diese Umwand­lung des ersten Talers in ein Sparkassenbuch nicht zu­wege bringt, der lasse sich begraben. Wer aber das un­scheinbare Fundament gelegt hat, mache sich keine Sorge um das weitere. Das kommt ganz von selbst. Man braucht dazu weder Ratschläge, noch sonstige Auf­munterung. Man empfindet Gcnitß an dem mühsam er­worbenen Besitz, und das ist, scherzhaft gesagt, wie mit dem jungen Löwen, der erst einmal Blut geleckt hat.

In diesen beiden Grundpfeilern: „Nicht ohne Not auf Borg!" und „Der erste Taler im Sparkassenbuch!" ist das ganze Rezept für ein glückliches, häusliches Finanzministerium enthalten. Was sonst noch geredet wird von der Torheit frühzeitiger Ehen, von Genußsucht, von Trägheit, von der Verschwendung der Streichhölzer — das ist alles barer Unsinn. Wer jene beide Sätze in ihrem ganzen Umfange verstanden und mit praktischer Energie angefaßt hat, der braucht keine weiteren Ver­haltungen, denn er ist damit ein Stück Philosoph ge­worden. Mögen die anderen lachen. Sagt doch F. Jacobs mit Recht: „Nicht viel Einkommen macht das Haus reich, sondern verständige Wirtschaft", und Lewes: „Der Mensch ist der Bildner seiner Verhältnisse", und Denison: „Die Zukunft zu wissen, ist keine Tugend". Und wenn es auch ein wenig alt ist, so bleibt das Sprich­wort doch wahr: „Wer spart, wenn er hat, der findet, wenn er braucht!"

Deutsches Deich

Holzprcis und Holzeinfuhr.

In den Kreisen nicht nur unserer Agrarier, stellen- wcis auch in denen der Regierung, welche ja von agra­rischen Anschauungen stark beeinflußt sind, sicht man sonderbarerweise in der Einfuhr immer ein Unglück, glaubt man, datz dieselbe stets preisdrückend wirke. So hatte der Finanzminister in seiner Etatsrede ausgcführt. daß die Einnahmen der preußischen Forstverwaltung günstige gewesen seien, „weil erfreulicherweise die Ein­fuhr ausländischen Holzes stark zurückgcgangen sei." Demgegenüber war von liberaler Seite nachgewiesen worden, datz die Zeiten der stärksten Holzeinfuhr auch die Zeiten der höchsten Holzpreise, die der schwachen Ein­fuhr die verhältnismäßig niedriger Holzpreise gewesen seien, und daß das seinen natürlichen Grund darin habe, daß in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität die Nachfrage nach Holz eine lebhafte sei, demzufolge die Preise stiegen, und in weiterer Konseauenz auch die Einfuhr zunehme, tndem dann noch die Zufuhr solchen Holzes sich lohne,

Feuilleton.

Karneval.

Berlin, 29. Januar 1903.

Nun schwingt er wieder Pritsche und Schellenkappe, der närrische Prinz, und sammelt seine Getreuen um sich zu ausgelassener Fröhlichkeit.

Dort wenigstens, wo echte Karncvalslust blüht, — am Rhein und in München, und in Wien.

Anderwärts versucht man's wenigstens, den närrischen Trubel nachzuahmen.

Aber es geht mit diesen Nachahmungen wie nrit allem Unechten, man merkt gar zu oft das Falsche, das Aufgetragene.

Und solch eine Karnevalsveranstaltung, bei der sich die allermeisten in ihren Masken und ihren Rollen un­behaglich fühlen, das ist dann freilich eine traurige Sache.

Es ist auch gar zu schwer, etwas Neues zu finden, etwas gut Ausgedachtes, Witziges, Man hat sich satt und übersatt gesehen an all den Zigeunerinnen, Rokoko­dämchen, Bäuerinnen, Orientalinnen. Und gar die Herren! diese edlen Polcnjünglinge mit Schwanenpelz- besatz um rote Sammetkonfcdcratken und diese wunder­baren Ritter und Räuber mit dem Zwicker auf der Nase und dem „Es ist crreicht"-Schnurrbart! — Ja, cs ist eben nicht leicht, sich schneidig zu maskieren.

Und den Herren der Schöpfung — wenn sie nämlich nicht gerade zum lustigen Künstlervolk gehören, das den Geschmack für so was, den Humor und das Stilgefühl so zu sagen in den Fingern hat, — denen möchte man einen guten Rat ins Ohr sagen: „Lieber nicht!"

Die Damen aber, die können unter Umständen in einer hübschen Maskierung noch viel anziehender als gewöhnlich aussehen. Sie mutz freilich zu der Persön­lichkeit passen. Und gar zu abgedroschen, gar zu oft dagewesen darf sie auch nicht sein. Für stilvolle Kostüm­feste, wo das Echte, Ernsthafte, Künstlerische dominiert, gibt cs ja hundert gute Vorbilder, unter denen man das Passendste, Kleidsamste, Schönste wühle» kann. Aber für lustige Feste, für „Gschnasbälle" und Veranstaltungen, wo das Phantasickostüm vorherrscht, da heißt's, sich den Kopf zerbrechen, um etwas recht Originelles zu schaffen.

Wie wär's nun mit einer Papierserviette? — Das ist ein allerliebstes Ding, solch eine lebende Papier­serviette. Fesch, schneidig, appetitlich! (Abb. 1.)

Ein kurzes Kleidchen aus plissiertem weißem Tüll, oder noch besser dem steiferen Tarlatan, doppelt oder dreifach übereinander, damit es recht duftig und bauschig

fabriziert, aus zweimal sechs Scrvicttchen hinten eine fächerartige, flott abstehende Schärpe. Der Kopfputz be­steht aus drei Serviettchcn, zwei über den Ohren rautendclcinartig befestigt, das dritte aus der Mitte der bauschrgcn Frisur keck in die Höhe strebend. Für eine junge zierliche Schönheit gibt das ein aller­liebstes flottes und sehr billiges Kostüm.

Die Sczessionsöame (Abb. 2) ist schon etwas bekannter. Aber sic ist äußerst wirk­sam, besonders wenn das Gewand, das schlangenhautgleich anlicgen muß, von sach­verständiger Hand bemalt oder mit Auf­lagen versehen ist. Aus einem hyper­modernen Schnörkel in der vorderen Mitte des Kleiöcrsaumes steigt ein einziger Stengel auf bis zur Taille. Aus ihm wächst dann eine große Blume auf, die die Taille ganz bedeckt. Am schönsten wirkt das auf weißem oder goldgelbem Grunde. Die Blume muß von ganz moderner Farbe sein, „totes Lila" oder „freudiges Rot" oder „trauerndes Blau". Große sezessiouistische Blätter gehen ebenfalls von der Wurzel aus über oeu ganzen Rock. Den Kopf ziert dieselbe Blume, ebenfalls „auf schlankem Stengel" aus der bekannten wahnsinnigen Wellenfrisur, die man auf jedem modernen Plakat studieren kann, aufsteigend und von zwei Blättern begleitet. In der Hand trägt die Sezessions­frau dieselbe Blume. Hauptbedingung zu dieser Maske ist modernste Schlankheit einer­seits, sowie vorschriftsmäßige Enge und Länge des Gewandes andererseits, das sich schlangenhaft um die Füße ringeln, aber pfauenschwcifartig auf dem Boden ausbreiten muß.

Uber Paris und Wien kommt uns eine hübsche Erfindung. Fürstin Pauline Metternich, die immer Fesche, hat in diesem Fasching in Wien die erste „Kopfredvute" veranstaltet. Auf den Einladungskarten war zu lesen: „Man ist gebeten, sich einen Kopf zu machen". — Das ist einfach, bequem, reizend. Zur Ball- oder Gcsellschafts- toilctte ivird nur der Kopf karnevalistisch „gemacht", ent­weder mit einer närrischen humoristischen Kopfbedeckung,

Sig. 1. Fig. 2.

ist. Um den unteren Rand eine volle Rüsche aus den japanischen Scrvicttchen, die in der Mitte zusammen- gcfaßt und so locker aneinander gereiht werden. Auch um den tieferen Halsausschnitt eine solche Rüsche, die auch zugleich die kurzen Armclpnffcn bedeckt. Man reiht verschiedenfarbige Serviettchcn aneinander, damit cs recht bunt und kraus ausschaut. Aus vier aneinander-