si. Jahrgang.
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54. Berlags-Fcrnsprecher No. 2953.
Montag, den 2. Februar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1803.
JI!seflid»M&isgafoe-
Deutscher Reichstag.
Berlin, 31. Januar.
Zunächst wird das Patent-, Muster- und Markeu- schutz-Ablommeu mit Italien dcbattelos in dritter Lesung definitiv genehmigt, ebenso das gleichartige Abkommen mit der Schweiz. Sodann wird die zweite Beratung des Gesetzentwurfes, betreffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben, bei § 1 fortgesetzt, zu welchem der sozialistische Antrag Baudert vorliegt, das Gesetz auch auf die Kinderarbeit in der Landwirtschaft und im Gesindedienst aus- zuöehnen. — Abg. Hasse (nat.-lib.) wünscht, daß eingehende Erhebungen über die Arbeitsverhältnisse auf dem Lande ins Werk gesetzt würden. Den Antrag Baudert bitte er abzulehnen und lediglich der bezüglichen von der Kommission beantragten Resolution zuzustimmen. Betreffs Anwendung des Gesetzes auf die Hausindustrie und den Familienbetrieb erklärt er, daß seine Freunde diesen Schritt mitmachen wollten, aber ein vorsichtiges Vorgehen sei unerläßlich. Er bitte, dieses Gesetz unter Ablehnung aller weiter gehenden Anträge unverändert in der Kommissionsfassung anzunehmen. — Abg. Trim- b o r n sCentr.s hofft, daß die Resolution vom Hause einmütig angenommen werden wird. Dem Lehrer Agahd sei man für seine Tätigkeit auf diesem Gebiete Dank schuldig. — Staatssekretär Posadowsky erkennt ebenfalls die großen Verdienste des Lehrers Agahd in dieser Angelegenheit an. Was die Landwirtschaft anlange und den Antrag Baudert, so gebe er zu bedenken, daß doch die Verhältnisse in der Landwirtschaft und den sonstigen Gewerben gar zu verschieden seien, so daß eine gleichzeitige Regelung des Kinderschutzes durch das vorliegende Gesetz sich verbiete. Er bitte, den Antrag Baudert abzu- lchnen und nur die Resolution der Kommission anzunehmen. — Abg. Ernst ifreis. Ver.) verwahrt den Lehrer Agahd gegen den Vorwurf frivoler Verdächtigung. — Abg. V r ä si ck e ifreis. Volksp.) bemerkt unter großem Beifall der Rechten, daß ein Dekret, welches die Kinderarbeit in der Landwirtschaft verbieten wolle, einen Sturm der Entrüstung unter den Bauern Hervorrufen würde. Was über die Verkümmerung der Hütckinber gesagt worden sei, sei unrichtig. Die Resolution nehme er an, und auch dagegen, daß über die Arbeitsverhältnisse der Kinder auf dem Lande noch Erhebungen angestellt würden, habe er nichts einzuwenden. (Bravo! rechts.)
— Abg. R e i ß h a u s (Soz.) meint, das sei eine nette Volkspartei. Die Herren schienen seit den Tagen vor Weihnachten nach dem Beifall der Rechten lüstern zu sein. Redner bittet um Annahme des Antrages Baudert.
— Abg. Henning ikons.) widerspricht diesem Anträge. Wolle man den Bauern die Hütejungen nehmen, so wäre das ihr wirtschaftlicher Ruin. — Abg. Ga mp (Reichsp.) bemerkt zu der Entrüstung, die ihm neulich das Wort
frivole Verleumdung in den Mund gelegt habe, sei er durchaus berechtigt gewesen. — Abg. Sieg (nat.-lib.) bedauert, daß von den Sozialdemokraten wieder der Versuch gemacht worden sei, den Großgrundbesitz gegen die Bauern auszuspielen, um dem ersteren etwas am Leder zu flicken. — Abg. Stöcker (wildlib.) legt ebenfalls Verwahrung dagegen ein, daß es auf dem Lande mit der Kinderarbeit gar so schlimm aussehe. Der Antrag Baudert (Soz.) wird abgelehnt und 8 1 unverändert einstimmig in der Kommissionsfassung angenommen.— Nach 8 2 sollen als Kinder im Sinne des Gesetzes gelten Knaben und Mädchen unter 18 Jahren, außerdem ältere insoweit, als sie noch zum Besuch der Volksschule verpflichtet sind. 8 2 wird unverändert angenommen. — 8 3 stellt fest, welche Kinder im Sinne des Gesetzes als „eigene" gelten sollen. Regierung und Kommission wollen als eigene Kinder auch solche betrachtet wissen, die dem sie Beschäftigenden als Fürsorgekinder überwiesen sind. — Ein Antrag Trimborn (Centr.) will die Fürsorgekinder als eigene nur angesehen wissen, wenn sie zugleich mit eigenen Kindern beschäftigt wurden. Dieser Antrag wird angenommen. — § 4 handelt von den verbotenen Beschäftigungsarten. Derselbe wird unverändert angenommen. — 8 6 handelt von der Beschäftigung in Werkstätten und bestimmt: nicht vor 8 Uhr morgens, überhaupt nicht vor dem Vormittags-Unterricht: mittags ist eine mindestens zweistündige Pause zu gewähren. — Abg. Wurm (Soz.) empfiehlt eine andere Fassung, um das Wort „gewähren" zu vermeiden. — Staatssekretär Posadowsky verbreitet sich ausführlich über den Begriff „gewähren" und eiticrt dabei verschiedene gerichtliche Erkenntnisse. Er bittet, es bei der in der Vorlage gewählten Fassung zu belassen. 8 5 wird hierauf unverändert angenommen. — Bei 8 1?: Beschäftigung eigener Kinder in Werkstätten re. wird das Verbot cingefügt, die Kinder vor dem Vormittagsunterricht zu beschäftigen. — § 15, wonach laut Kvmmissionsbeschluß in Gast- und Schankwirtschafts- Betrieben Kinder (eigene) unter 12 Jahren überhaupt nicht und Mädchen nicht bei der Bedienung der Gäste beschäftigt werden dürfen, wird in der Kommissionsfassung angenommen, desgleichen der Rest des Gesetzes. Angenommen wird auch die Resolution (Landwirtschaft und Gesindcdienst). Dienstag 1 Uhr zweite Lesung des Etats. Schluß nach 6 Uhr.
Preußischer Kandtag.
Abgeordnetenhaus.
Berlin, 31. Januar.
Das Abgeordnetenhaus setzt die Beratung des Landwirtschaftsetats fort. Beim Extraordinarium dankt D a u b (nat.-lib.) für die besondere Berücksichtigung Hessen-Nassaus, das 20 000 Mk. mehr erhielt als sonst bei den landwirtschaftlichen Meliorationen und wünscht ähnliche Maßnahmen für verschiedene Gegenden der Rheinprovinz. Bei den Kapiteln „Ostfonds" und „West-
fonds" wurde der Minister noch reichlich mit Wünschen aus Ost und West angegangen. Herr v. Podbielssi, der sich an den vergangenen Tagen sein Ministergchalt so sauer verdienen mußte, überließ es heute ganz seinen Kommissaren, all die Begehrenden mit vorsichtiger Ablehnung oder noch vorsichtigerer Gewährung abzutun. Man kam dann zum Etat der Gestütverwaltnng. Unter großer Unaufmerksamkeit des Hauses erörtern zunächst einige Sachverständige fachmäßige Fragen der Pferdezucht. Dann erhebt sich der Referent, Herr v. A r n i m , um über die Trakehner Schulverhältnisse zu berichten und damit eine Erörterung zu eröffnen, auf die man ieit geraumer Weile nicht mit Unrecht gespannt ist. Als Ankläger der öffeiktlichen Meinung, die in diesem Fall ihren Namen mit Recht für sich und nicht nur einen Parteiklingel hinter sich hat, tritt der freisinnige Rektor Kopsch auf. Er erhebt u. a. den Vorwurf, daß die Zeugen, welche ungünstig für v. Oettingen aysgcsagt hatten, nachträglich aus Rachsucht geschädigt worden seien. So sei u. a. dem Apotheker zu Trakehnen ohne Angabe von Gründen urplötzlich die Fleischbeschau entzogen worden. Bisher habe in Trakehnen die Sitte bestanden, daß Kaisersgeburtstag von allen Beamten der Gestütsverwaltung gemeinsam gefeiert worden sei. Diesmal hätten alle Beamten, welche gegen Oettingen ausgcsagt hätten, keine Einladung erhalten. Die ganzen Vorgänge in Trakehnen erklärten sich nur durch eine verkehrte Organisation der Gestütsverwaltung. Redner unterzog dann die Schulverhältnisse in Trakehnen und das Verhalten des Herrn v. Oettingen einer sehr scharfen und eingehenden Kritik. Kopsch spricht mit einer ruhigen Eindringlichkeit. Saal und Tribünen lauschen. Es ist eine der dunkelsten Stellen preußischer Verwaltung, die da eine Beleuchtung erfährt, welche betrübende Zustände enthüllt.
— Die Erwiderung desLandwirtschaftsministers v. P o d- bielski war nicht besonders glücklich. Er versuchte zunächst mit einigen Späßen den Eindruck der Ausführungen des freisinnigen Abgeordneten abzuschwächen, mußte dann aber, als im Hause kein rechtes Verständnis sich hierfür zeigte, sich doch bequemen, wenigensts aus einige der vorgebrachten Vcschwerdepunkte näher einzugehen. Sein Bestreben ging dabei dahin, den Landstall- meister v. Oettingen, der sich übrigens auf der Tribüne befand, möglichst in Schutz zu nehmen. Redner meinte, die Mißhelligkeiten zwischen den Lehrern und der Gestütsverwaltung stammten schon aus der Zeit vor der Berufung v. Oettingens. Aus dem Urteile des Gerichtshofes gehe zweifellos hervor, daß v. Oettingen nicht in böser Absicht den Lehrern Schwierigkeiten gemacht habe. Nicht zur Revision des Gestüts, sondern zur Erledigung der Beschwerde des Apothekers habe er einen Beamten nach Trakehnen geschickt. Im übrigen bitte er, die Person bei der Sache ganz aus dem Spiele zu lassen. Er bedauere, daß sich ein großer Teil der Ausführungen des Abgeordneten Kopsch gegen v. Oettingen persönlich gerichtet habe. Jedenfalls müsse er sich das Urteil über die Brauchbarkeit des Herrn v. Oettingen selbst Vorbehalten.
— Im nämlichen Sinne, wie der Minister, sprach sich
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
(35. Fortsetzung.)
Zwei Stunden später kam dann wirklich durch direkten Boten ein langer, augenscheinlich in heftiger Aufregung geschriebener Brief von ihm, in dem er Jenny beschwor, ihn zu empfangen und ihm Gelegenheit zu geben, alle Mißverständnisse zwischen ihnen zu beseitigen.
„Du bist stets mein guter Engel gewesen", bieß es weiter, „sei es auch jetzt. Ich sehne mich danach,. Dir ein offenes Bekenntnis abzulegen und von Dir Verzeihung zu erlangen. Wenn Tu wüßtest, wie innerlich entzwei ich bin, Tu würdest Mitleid mit mir haben. Gewiß hast Tu volles Recht, mir zu zürnen; ich habe unverantwortlich gehandelt. Es fällt mir wie eine Binde von den Augen, und ich sehe, daß ich im Begriff stehe, mein kostbarsws Gut, Deine Liebe, zu verlieren. — Vielleicht habe ich sie schon verloren! — Nein, meine Geliebte, laß mich das nicht denken. Ich wüßte sonst nicht, wie ich es ertragen sollte. Hilf mir! Strecke Deine rettende Hand aus, daß ich mich daran halten kann. Ich bin schwach, gewiß, aber nicht schlecht. Ich möchte in Deiner Liebe dm sicheren Ankergrund wiederfinden. Laß mich nicht vergebens bitten. Denke daran, daß es Dein Gewissen belasten würde, wenn ich hier zu Grunde ginge. Sprich das erlösende Wort' Gieb mir die Erlaubnis, Dich aufzusuchen und mein Herz vor Dir ausschütten zu dürfen. Dein unglücklicher Mar."
Jenny ließ das Blatt mit einer mutlosen Bewegung sinken. Es war ihr erster Gedanke, daß dies alles auch nur Lügen seien, die verletzte Eitelkeit ihm diktiert haben mochte. Aber wie sie das Schreiben nochmals durchlas, schien es ihr den Stempel aufrichtiger Verzweiflung zu tragen. +
Eine große Traurigkeit bemächtigte sich ihrer. Er rief ihre Liebe an, aber sic war erloschen. Am gestrigen
Abend hatte sie den endgültigen Todesstoß empfangen, und Gestorbenes ließ sich nicht mehr zum Leben erwecken. Jenny fühlt sich selbst so müde, so unfähig, irgend jemand einen Holt zu gebe::. Sie zweifelte auch daran, daß Engler überhaupt zu halten sei. Was er da schrieb, entsprang wohl nur einem rasch aufflackerndcn Impulse, der ebenso schnell erlöschen würde. Selbst wenn sie heute das alte Verhältnis zwischen ihnen neu Herstellen und alles vergeben und vergessen sein lassen wollte, so mußte sie doch gewärtig sein, daß er bei der ersten Gelegenheit sich wieder wie ein schwaches Rohr nach einer anderen Richtung biegen werde. Warum also etwas mühsam aufrecht erhalten, was jeden Augenblick vom Zusammenbruch bedroht war? Nein, mochte es nun zu Ende sein! Sie hatte auch Pflichten gegen sich selbst, und dieser Selbsterhaltungstrieb lehnte sich dagegen auf, das Opfer ihres ganzen Lebens zu bringen, denn darauf mußte es herauskommen. Neben einem so schwankenden Charakter ein ganzes Ptmschenalter herzugehen, ohne die wahre Liebe, hieße die Kämpfe, die sie während der letzten Monate durchgemacht, ins Endlose verlängern. Ihre Verlobuitg war eine Übereilung gewesen, die auf falschen Voraussetzungen beruhte, sie fortbestehen zu lassen, wäre einer dauernden Lüge gleichgekommen.
Gewiß, sie empfand Mitleid mit ihm, glaubte aber nicht, daß er daran zu Grunde gehen werde. wenn sie ihr Schicksal von dem seinigen löste. Trotzdem peinigte es sie. Verworrene Vorstellungen drängten sich ihr auf. Sie wußte nicht, was tun. Es war ihr unmöglich, ihin in ihrer augenblicklichen seelischen Verfassung zu antworten. Was hätte sie ihm auch sagen können? Sie hätte so gern das Richtige getan, vermochte jedoch nicht zu unterscheiden, wo der rechte Weg lag.
Mit einmal kam ihr der Gedanke an Ritter. Er war der einzige ihr bekannte Mensch in dieser ungeheuren Stadt, der unbeirrt seine Bahn ging und sich den klaren Blick und das gesunde Urteil bewahrt hatte: der einzige, zu den: sie unbedingtes Vertrauen besaß.
Schnell nach Hut und Schirm greifend, eilte sie zum nahen Telegraphenbüreau imd sandte ihm eine Stadt-
dcpesche, ihn bittend, sie um die Mittagszeit.im Restaurant Teroi in dringlichen Angelegenheiten zu treffen.. Es war ihr erinnerlich, daß er auf dem Wege zu Tisch vom Louvre herauf zu Hause'vorzusprechen pflegte, um nachzusehen, ob Briefe für ihn eingetroffen seien.
Zwei Stunden später saß sie ihn: gegenüber in dein kleinen Vorderzimmer des Restaurants, das sie in letzter Zeit der peinlichen Erinnerung halber, die sich daran knüpfte, gemieden hatte.
ES fiel ihr ein, wie glücklich sie an jenem erste» Abend hier gewesen, und mit welcher frohen Neugier sitz dem Leben in Paris an Englers Seite entgegen gesehen hatte. Nun saß sie hier mit einem andeeen, betroffen von den Gedanken, die sich ihr dabei aüfdrängten, und unfähig, sofort die rechten Worte zu finden. 1
Ritter hatte die Speisekarte vorgenannnen, um ihr Zeit zu lassen, sich zu sammeln, und tat,stk!s studiere er die Liste der kulinarischen Genüsse. Mit einmal faltete er das Blatt entschlossen zusammen, strick mit dem Daumen die Ecken glatt und sagte, ohne sie nnzusthen: „Womit kann ich Ihnen dienen?"
„Ich weiß nicht mehr aus noch ein und brauche Ihren Rat."
Er machte stumm eine Art Verbeugung, die andrsten sollte, daß er ihrer Mitteilung entgegenselse.
„Sie haben mir gesagt, ich solle versuchen, aus vollem, warmem Herzen heraus ehrlich eine Bepständigung mit Engler herzustellen." .
„Und das haben Sie nicht getan?"
„Doch, ich tat's. Ich schrieb ihm warm., uich. herzlich», wie ich in dem Augenblick empfand. Bei Gott im Himmel, ich klammerte mich an das, was ich für: meine Pflicht hielt, als hinge meine Seligkeit davon ab."
„Und er?"
„Er antwortete mir mit Unwahrheiten, die es be- schönigen sollten, daß er es unterließ, meiner inständigen Bitte Folge zu leisten."
„Woher wußte Sie. daß es Unwahrheiten seien?" versuchte Ritter den Abwesenden zu verteidigen. „Diel-
