Einzelbild herunterladen
 

51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ansgabc». — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch d,e Post 2 Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

19,000 Abonnenten.

Anzeigen-PreiS:

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

4.

Anzeigen - Annahme

für die Abend - Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später cingercichter Anzeigen zur

nächstcrscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

63 . Verlags-Fernsprecher No. 2853.

Sonntag» den 1. Februar.

RedaktionS-Aernsprcchcr No. 52.

1903 .

WoFgen-flusgahei

Politische Uebersicht.

Die in der vorigen Woche int Reichstag aus- gebrochene Präsidentenkrisis hat in dieser Woche ihre schnelle und glatte Erledigung gesundet:. Am Freitag der vorigen Woche hatte Graf Ballestrem nach der recht lebhaft und zeitweise sehr erregt verlaufenett Etatsdebatte das Präsidium mit der Erklärung nreder- gelegt, daß er die Überzeugung hege, „nicht mehr in dem Maße das Vertrauen zu besitzen, wie er es für nötig halte, um die Geschäfte des Reichstages mit Erfolg zu führet:." Die Bemühungen der Mehrhcitsparteien, welche den Grafen Ballestrem gern ans dem Präsidenten- Posten festhalten wollten, hatten jedoch den Grafen so weit voit seiner früherer: Ansicht bekehrt, daß er ain Donnerstag dieser Woche die mit 193 von 283 abge­gebenen Stimmet: auf ihn gefallene Wiederwahl dankend annahm, so daß ntithiit die Präsidentenkrisis recht harnt- los mit der Wiederherstellung des skakus quo ge­endet hat. ,

Im preußische'.: A b g e a r d u e t e n h a u s e

ist die zweite Lesung des Etats unterdeß in langsamem Tempo vorwärts geschritten, mrd es ist dabei zeitweise weniger vom Etat, als voi: Dingen die Rede gewesen, welch: eigentlich nicht Sache des Wgeordnetenhauses, sondern des Reichstages siitd, nämlich vom Zolltarif und von den künftigen Handelsverträgen. Der Führer des Bundes der Landwirte, Freiherr v. Wangenheim, hat auch iin Abgeordnetenhause die Gelegenheit nicht ver­säumt, einen heftigeit Vorstoß gegen die Zolltarifpolitik der Regierung und gegen die Politik der Regierung überhaupt zu machen, so daß sowohl die Vertreter der Regierung wie die Redner derseitigeit Parteien, die im Reichstage dei: Zolltarif zu staitde gebraclst habe::, sich zu einer entschiedenen Abwehr gettötigt sahen.

Der Kampf um die Zolltarifpolitik rst jetzt auch m Ö st erreich-Ungarn brennend geworden, nachdem die beiden Regierungen der beiden Reichshälsten die Ausgleichsvorlagen, zu denen auch der neue Zoll­tarif gehört, in den beiden Parlamenten eingebracht haben Ter österreichisch-ungarisckie Zolltarif ist gleich dem deutschen stark schutzzöllnerisch ausgcstaltet, und er stellt eit: Kompromiß zwischen deit von Ungarn gefor­derten hohen landwirtschaftlichen und den von Österreich geforderten Hoheit industriellen Zöllctt dar. Im übrtgen ist nach wie vor die Frage ungelöst, wie im österreichischen Abgeordnetenhause die parlamentarische Erledigung der Ausgleichsvorlagen erledigt werden soll, da die radikalen Tschechen chre ' Vorliebe für die Rolle des „wilden Mannes" noch nicht ganz abgelegt zu habet: scheiiten.

Feuilleton.

Was sich die Hafen erzählen.

Humoreske von Adolf Birkhahn.

Die Jagd auf Hasen hatte glücklicherweise wieder ein­mal ihr Ende erreicht.

Auf einem mit grüner Saat geschmückten Hügel des Pommerlandcs, von dem man eine herrliche Aussicht auf die in bläulichen Dunst gehüllte einst wendische Stadt mtt den zackigen Türmen, mittelalterlichen Mauern und lebenslustigen Mädchen, sowie das am Fuße des Hügels sich hinstreckende Dorf genoß, saßen fünf Hasen zu trau­lichem Gespräch versammelt.

Einer von ihnen, Herr Lbfselmann, war weit und breit unter dem Hasenvolke als Nestor bekannt und auch der Laie erkannte ihn auf Grund seines dicken Kopfes, des schwarzen Streifens auf dem Rücke», sowie der weißen Barthaare als Patriarchen.

Zwölf Jahre — oder, wie der Weidmann zu sagen pflegt, „Felder" — zählte der Ehrwürdige. Mehr wie dreißig Hasengcnerationen hatte er kommen und gehen gesehen und da er als Hase ungemein begabt war, so hatte er sich im Laufe der Zeit das Verständnis nicht nur für die Sprache der Menschen, seiner größten Feinde, son­dern auch deren schlechten Gewohnheiten angceignet.

In seiner frühesten Jugend hatte Löffelmann schon traurige Erfahrungen gemacht. Kaum ein Jahr alt, kam er bei einem Standtreiben in die Nähe des damaligen Referendars, jetzigen Staatsanwalts Schnüffler, der ihm einige Gramm Schrot Nr. 4 auf die Htntcrläufe setzte, dann brannte ihm der Drogist und Salbenfabrikant Rosenöl eins auf den damals schon dichtbehaarten Buckel und schließlich lief er im zweiten Lebensjahre dem Bäcker- meister Teig in die Flinte und erhielt hierbei zwei Schrotkörner aufs rechte Schulterblatt. Glücklicherweise vernarbten unter der zärtlichen Pflege seiner Mutter, sowie auf Grund seiner kräftigen Natur die zahlreichen Wunden, ohne schlimmere Folgen zu hlntcrlassen: Löffel» mann aber mar gewitzigt und ging seit jener Zeit den Jägern nicht mehr auf den Leim.

Die amtliche „Wiener Zeitung" hat in dieser Woche die kaiserliche Verordnung veröffentlicht, dtwch ivelche der Kronprinzessin L u i f e von Sachsen alle Rechte und der Titel einer österreichischen Erz­herzogin entzogen werden. Am Mittwoch ist in Dresden der zum Atlstrag der „Eheirrung" zwischen dein sächsi­schen Kronprinzen und der Kronprinzessin eingesetzte Gerichtshof zusammengetreten, doch sind die Verhand­lungen bis zum 11. Febniar vertagt worden.

In dieser Woche haben auch die Verhandlungen in Washington zwischen den Vertretern Deutschlands, E n g l a n d s und I t a l i e n s und denr Vertreter Venezuelas begonnen, nachdem in der vergangenet: Woche die einleitenden Vorbesprechungen günstig ver- lattsen waren. Allen: Anschein nach wird jetzt die Er­ledigung der ja auch gerade lang genug verzögerten venezolanischen Affäre in eii: schnelleres Fahrwasser komnretr, da Präsident Castro endlich doch zahm ge­worden zu sein scheint. Tie glatte Erledigung dieser Affäre darf schon deshalb erwartet werden, da die von der britischen Botschaft in Washington erlassene Erklärmrg geeignet ist, allen Ausstreuungen zu begegnen, als ob innerhalb des antivenezolanischen Dreibundes irgeird welche Uneinigkeit oder materielle Differetrzett beständen. Die Hetzereien der „gelben" Presse in Amerika, der ein Teil der eitglischei: Presse, die zur Hetze gegen Deutsch­land immer bereit ist, getreulich sekundiert, braucht man nicht allzu tragisch zu nehmen. Sind doch alle miß­günstigen Ausstreuungen, welche diese Presse wieder atis Attlaß des Bombardements auf das Fort San Carlos ii: die Welt setzte, als eitel Humbug und als haltlose Verleumdungen erwiesen worden.

Noch langsamer als in Venezuela entwickeln sich die Dinge in M a r o k k o . und die Nachrichten über den statu» quo in Marokko sind wenn ntöglich noch wider­spruchsvoller als die aus Venezuela. Dauernd ntelden die einen Nachrichten, „der Sultan rückt dem Präten­denten entgegen", und die anderen: „der Prätendent rückt dem Sultan entgegen." Wenn beide Nachrichten zutreffen, dann wird man zum Schluß befürchten müssen, . daß die Kämpen aneinander vorbeimarschiert sind, und daß sie erst aufeinanderstoßcn werden, wenn sie nach ihrer im kriegerischen Eifer vollbrachftn Weltumsegelung wieder in der marokkanischen Heimat zusammentresfen!

Deutsche Interessen in Marokko.

Bei dem Interesse, das die Weltmacht Deutschland an jeder Verschiebung voi: Machtverhältnissen nehmen muß, wo sie auch stattfinden mögen, war es nicht anders möglich, als daß die marokkanischen Wirren auch bei uns lebhafte Aufmerksamkeit erregtet:. Die rein poli- tischet: und strategischen Fragen, die dabei in Betracht

Ausgestattet mit einer außergewöhnlich scharfen Be­obachtungsgabe, wußte Lösfelmann ganz genau,, wann die alljährliche Treibjagd, an der meistens 90—40 Hono­ratioren aus der nahen Stadt, sowie den umliegenden Dörfern teilnahmen, stattfinden würde.

Er erkannte es daraus, daß am Tage vorher die Jagdpächter aus der Stadt mit Kisten angefahren kom­men, die Bier-, Likör- und Weinflaschen, sowie Cigarren, die die Insel Cuba nie gesehen hatten, enthielten, und daß sich im Dorfe ein geschäftiges Treiben unter dem jungen Volke, aus dem man die mit Klappern und Blas­instrumenten bewaffneten Treiber entnahm, entwickelte.

Kam dieser Tag, dann eilte Löffelmann an das Ufer des beim Dorfe in gleich langsamer, bedächtiger Weise, wie die Gedanken der Dörfler, vorbetfließenden Flüß­chens, nahm noch einen tüchtigen Schluck des nach Stadt­luft und Klärstation schmeckenden Wassers und kroch dann in eine Getreide- oder Strohmiete, von wo aus er un- cntdeckt dem Massenmorde Zusehen konnte, von dem seine Genossen betroffen wurden.

War in Jahren mit schlechter Ernte keine Miete vor­handen, dann „wechselte" er über die Grenze ins „Feind­liche" hinüber, auf Nachbargebiet und sah von dort auS dem mehr oder weniger verderblichen Treiben der Sonn­tagsjäger, sowie der Jäger von Fach zu.

Dort sammelte er dann die Erfahrungen, welche er nach Schluß der Hasenjagd mit den ttbriggebliebenen seines Stammes auStauschte.-

Wir kehren nach dem saatbestandenen Hügel zurück.

Um den Hasengrcis herum saßen vier Hasen, unter ihnen eine Häsin, die bei der letzten Treibjagd von einem Großbauer zur Witwe gemacht worden war. Ihr Seli­ger war vom Wildpretthändler Spitz nach den Berliner Markthallen geschafft und in der Stadt der Intelligenz verspeist worden. Sie selbst märe auch beinahe umS Leben gekommen, wenn der Apotheker, der hellgrün wie ein Laubfrosch gekleidete junge Rentier und der dicke Gastwirt aus der Stadt besser geschossen hätten, so aber fehlten alle drei a tempo in der Hitze des Gefechts und nur eine Zehe dcö linken Bordcrlaufes mußte sic dem Jagdteufel zum Opfer bringen. Durch Kühlen und fleißiges Belecken der Wunde befand sich diese jedoch aus

kommen, sind reichlich hin und her erörtert worden. Den „Mitteilungen des Allgemeinen Deutschen Schulvereins" entnehmen wir nun nähere Angaben über die unmittel­baren greif- und zählbaren Interessen, die wir inMarokko zu wahren haben. An der Zahl unserer in Marokko an­sässigen Landsleute gemessen, scheinen diese Interessen zu­nächst ja nicht allen schwerwiegend. Nach Professor Fischer, der Marokko besonders zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hat, betrug die Zahl der Deut­schen in diesen: Lande im Frühjahr 1901 ein» hundertundneuuzig ; das scheint viel weniger als es ist. Tenn erstens ist Marokko trotz seiner Lage vor den Toren Europas eines der unzugänglichsten Länder und dann finden wir Deutsche dort überhaupt erst seit 30 Jahren. 1873 kam der erste von ihnen dahin, so daß das Anwachsen bis heute auf etwa 200 immerhin etwas bedeutet. Noch stärker wird diese Bedeutung durch die wirtschaftlichen Interessen, die^ von diesen unseren Landsleuten vertreten werden. Sie haben das Land mit hundert Fäden an den deutschen Handel ge­knüpft, und wenn uns die Engländer lnerin auch noch ein gut Stück voraus sind, so ist der deutsche Handel doch dabei, den französischen einzuholen und ihn zu üfier- tresfen. In Frankreich fängt man an, das mit Betrüb­nis und Eifersucht zu erkennen. So veröffentlichte die französische Gesellschaft für HaudelSgeogrcwhie den Be­richt eines marokkanisch-französischen Kaufmannes, in dem es u. a. heißt:

„Die Zahlen unseres Handels sind noch ziemlich hoch, aber Deutschland folgt uns auf dem Fuße. Die Anzahl unserer Kaufleute hat sich stark vermindert. Dagegen hat sich die der deutsch e n Häuser stark vermehrt; sie sind jetzt stärker vertreten als die unfrigen . . . Zwei deutsche Da mp fe rgesc l l sch a fte n besuchen die Küste, aber nur eine französische ... Kurz, wir sind Zuschauer einer Überflutung, die der wirtschaft­lichen Eroberung Marokkos gleichkommt ... In einiger Zeit wird nicht mehr England unser Hanptgegner sein, sondern das viel gefährlichere Deutschland . . "

Man könnte denken, der Mann sieht zu schwarz und übertreibt. Verwunderlicherweise aber bleiben die zahlen­mäßigen Angaben, mit denen er seine Ausführungen be- legt.' hinter der Wirklichkeit noch zurück. Er gibt die Zahl der deutschen Häuser geringer an, als sie in der Ta: ist. Es gibt deren in Fez und Marrakesch drei, in Saf fr fünf, in Ma g a d o r vier. Am stärksten ist Deutschland natürlich, wie alle fremden Nationen, in Tanger vertreten. Tort wird die deutsche Kolonie, die etwa 100 Köpfe stark ist, gebildet von den Mitgliedern! der Gesandtschaft, dm Beamten der deutschen Post, einer Anzahl Offiziere und Ingenieure der marokkanischen Regierungsdampfer und den ansässigen deutschen Ge­schäftsleuten. Es bestehen hier acht selbständige deutsche Geschäfte und drei Zweigniederlassungen. Eine halbwegs

, IIP,11,1 01, i n i i. 11,1, i I HHPW..I I ——

dem Wege der Heilung und ein Glück für die Zukunft der Hasenwitib war es, daß die fehlende Zehe keinen Schönbeitsfchler bedeutete.

Sie tröstete sich mit ihrem Nachbar, dem Hasen Lang- fuß, der in drei Jahren zwölf Lebensgefährtinnen und ungezählte Söhne und Töchter durch das tödliche Blei cingcbützt, selbst aber durch den schlecht angebrachten Schuh eines Gewürzkrämers den linken Lössel, d. h. das Ohr, verloren hatte, wobei eine bedenkliche Schwerhörig­keit zurückgeblieben war.

Die beiden anderen Hasen waren jüngere Semester männlichen Geschlechts, denen die Schrecken der letzten Treibjagd, welche für sie die erste im Leben war, noch in den Gliedern lag.

Sie waren von seltenem Glück dadurch begünstigt gewesen, daß sie eine mehrere hundert Schritte lange Lücke zur Flucht ans dem Treiben benutzt hatten, die ge- wohnheitsmäßig ein als Rentier geborener Städter offen zu lassen pflegte, um durch dieses beliebte Mätzchen mehr zu Schutz zu kommen.

Gemütlich saßen unsere fünf Hasen zusammen und tauschten ihre Erinnerungen aus, wobei Herr Löffel» mann als Alterspräsident nicht verfehlte, Verschiedenes aus seinen eigenen Erfahrungen und Winke für die Zu­kunft zum Besten zu geben.

„Hütet euch!" — so begann er — „vor denjenigen Jägern, die ihre Tracht stets den Bodenverhältnistcn und Jahreszeiten anznpassen verstehen, denn das sind solche, die das Weidwcrk kennen und meistenteils auch gut schießen. Im Herbst, wo Feld und Flur noch grün sind, kleiden auch sie sich grün; dann, wenn der Acker die grau- bräunliche Färbung annimmt, grau in grau, und bet großem Schnee erscheinen sic weist kostümiert, wozu oft genug Extra-Sommcrhoscn aus der Militärzcit ver­wendet werden. Sehr ihr aber Jäger in schwarzen oder blauen Jackets, langen Paletots, Lodenmänteln, hohen Glanzledersticfeln, Hüten mit Hahnen- und Perlhuhn- federn» oder seht ihr solche, die wie Automobilkutscher in Gummi- oder Lcdcrzcug daherkommen, dann könnt ihr ruhig ans sie znscgcln, denn die treffen nur selten ein Stück Wild.

Auch solche, die, wenn der Kessel, d. h. der Trieb,