Beilage ;um Wiesbadener Tagblatt.
Wo. 81. Morgen -Ausgabe.
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Gewohnheiten annchmcn und einen Widcrivrncd ertragen
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(10. Fortsetzung.)
Die Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.
Es war eine Danie von ungefähr vierzig Jahren, zart und von Mittelgröße, mit feinen aristokratischen Zugen. Das Haar unter dem roten Sammethut war glänzend schwarz und von der Stirn leicht zurückgekämmt. Der Teint zeigte die für vornehme Engländerinnen gewöhnliche durchsichtige Weiße, welche durch das weinrote Sammetkleid, das mit grauem Pelz besetzt war, noch wehr hervorgehoben wurde.
„Ja, das ist sie bestimmt", antwortete Elsa; „und der junge Herr dort ist gewiß Lionel."
In demselben Augenblicke kamen die genannten Personen dicht an sie heran und die Majorin grüßte: „Ich weiß nicht, ob Lady Curchill mich wieder erkennen? Ich bm die Majorin von Wikner aus Stockholm."
Die Lady starrte sie einen Augenblick cm, als ob sie sn ihrem Gedächtnis suche. „Ja gewiß! Es ist mir außerordentlich angenehm. Sie wiederzusehen. Sie sind also in Paris?"
„Ja, ich bin mit meiner Pflegetochter hier, die indes groß gewordeir ist. Mylady werden sie kaum wieder erkennen."
„Ist das Miß Elsa?" fragte Lady Churchill. „Nun, meine Frage scheint überflüssig zu sein, denn es kommt mir in der Tat vor, als sehe ich dasselbe Gesicht."
„Ist das wirklich Miß Elsa?" rief der junge Mann, indem er ihr die Hand reichte und vor ihr mit entblößtem Kopse stehen blieb. „Ich würde Sie nicht wieder erkannt haben. Ich habe stets an Sie als an ein kleines Mädchen gedacht, lind Sie besitzen wohl noch immer Ihre schöne Stimme?"
__ „Ja, ich hoffe es", antwortete Elsir mit einem frei- wütigen Lächeln, indenr sie seinen Handdruck erwiderte.
„Gerade der Stimme wegen sind wir nach Paris gekommen", berichtete die Majorin. „Ein solches Talent darf man immöglich in der Heimat begraben; jetzt studiert sie bei der vornehmsten Gesangslehrerin hier m Paris, behauptet, daß ihre Stimme wunderbar sei und die ganze Welt noch ihr zu Füßen liegen werde. Eine solche Stirmne hat man nie früher in Paris gehört."
„Aber, liebe Maina, sprich doch nicht sc", unterbrach sie Elsa.
„ES freut mich, da» zu hören", sagte Mylady. „Und welches Endziel haben Sie sich vorgesteckt?"
„Zum Theater zu gehen", antwortete die Majorin. „das ist der einzige Ort, um das Talent zur Geltung zu bringen."
„Zum Theater!" versetzte die Engländerin; „aber meine beste Mrs. Wikner, haben Sie es auch wohl be-
bawt in welche Gesellschaft Miß Elsa dort gerät? DaS
soll ia Äivas ganz EntsMiches sein. Eine Leichtfertigkeit nnd ein LchKnn, die kein Wort zu beschreiben nn
tandMst^ ^71 d werde ich schon von allem fernhalten wissen"', sagte die Majorin bernihigend. „Ich werde sie keinen einzigen Tag verlassen; außerdem haben die Sterne" nichts mit den niederen Künstlern zu tim.
" Sg _?" antwortete die Lady ein wenig zaudernd,
als ob sie nicht ganz der Meinung sei. „Aber wir haben keinen geeigneten Platz..gewählt Wollen wir nicht weiter gehen? Ach, welche prächtige Bilder!" — und ste begann über die französische Malerkunst zu sprechen. --
Lady Churchill und die Majorin gingen voran, Elsa und Lionel folgten. Bergström hatte sich zuruckgezogen, als er sie englisch sprechen hörte, das er nicht verstand.
Elsa winkte ihn zu sich. . ^ .. ,
.Erlauben Sie mrr, Ihnen meinen Bräutigam vor- zustellen: Herr Bergström! Lord Churchill!" _ „Ihr Verlobter!?" rief der Lord erstaunt „Sind Sie bereits so weit gekommen?" — und er fufir fort, in seiner Muttersprache zu reden, sodaß Elsa statt Bergström antworten mußte. _ . . , ™ ..
Lord Lionel war eine getreue Kopie seiner Mutter. Er war hoch und schlank gewachsen, hatte tiefschwarzes Haar, ein ovales Gesicht, braune, treue äugen, gerade Nase und einen breiten, kräftig gebogenen Mund, der von der leichten Andeutung eines künftigen Schnurrbartes beschattet war. . . .
Wir befinden uns m Paris, um eine Schwester meines Vaters zu begrüßen. Wir bleibeir nur eine Woche hier, dann soll ich meine Mutter nach Cannes begleiten, wo sie den Winter zuzubringen gedenkt; aber ich werde sofort wieder nach Oxford zur Universität
zurückkehren." „„ ' „ .. ,
Also Mylady ist fortwährend kränklich? fragte Elsa"; „und Excellenz Ihr Herr Vater, wo hält er sich
""^Er ist vor ungefähr zwei Jahren gestorben", er klärte Lord Lionel, „und dieser Todesfall hat die Ge sundheit meiner Mutter sehr angegriffen . . . Gestatten Sie mir. Sie in Ihrem Heim zu begrüßen?" fragte er etwas später, „Sie würden mir ein großes Vergnügen
bereiten." ,, „ ,
„Uns nicht weniger", versicherte Elsa.
„Ich danke Ihnen! Dann komme ich morgen. Wo
nahm ein kleines, weißes Elfenbein-Notizbuch hervor und schrieb die Adresse aus.
Lord Lionel trug während der ganzen Zeit den Hut in der Hand und blickte Elsa statt der Bilder an. Er fragte nach mehreren gemeinsamen Jugendbekannten in Stockholm — er hatte niemand vergessen.
Vor dem Louvre trennten sich die beiden alteren Damen.
„Also morgen abend", sagte er.
„Ja, es wird unS schr cmgenchm sein, Sie zu sehen ,
fic.
Viel Glück zu Ihren Studien!" wünschte die Lady, indem sie Elsa die Hand reichte, ohne sie jedoch aufzu fordern, sie in ihrem Hotel zu besuchen.
,Nun, es war doch gut, daß wir sie endlich los
wurden!" sagte Bergström. „Der Engländer sah Dich a an, als ob er Dich lebendig auffressen wollte._ War« es nicht ein so imreifer Bursche geweseii, würde ich ihm eine Ohrfeige gegeben habeir!" , ,
„Aber, Arvid!" rief Elsa, die sich eigentlich dadurch geschmeichelt fühlte, bei ihm eine Spur von Eifersucht zri entdecken, denn er war im allgemeineii so ruhig, daß es an Gleichgiltigkeit streifte. . „ .
Am folgenden Abend fand sich der jungt Sorb bet ihnen ein. Die Majorin, die über die Ehre seines Bv- ückM entzückt war, hatte den Toetlsch überreich verMen. Elsa empfing ihn mit ungezwungener Freundlichkelt; nachdem sie am Tisch Platz genommen hatten, wurden bald alte Erinnerungen aus der Kindheit aufgesrlscht. Er erzählte, daß der Neger Gambi noch fwmer m ihrem Dienst sei rmd oftmals noch von der „Nachtigall spreche,,
deren Gesang er nicht vergessen könne. ._
Tann erzählte er von seinem Leben an der Uickverst- tat, von den Shakespeare-Vorstellungen der Studenten und von ihrem Wettrudern auf der Themse m jodem Jahre. Me Damen müßten nach London kommen, motz um dieses Fest zu sehen, das von Tausenden von Menschen
besucht werde. ,, „ r ,
„Ja, es ist mich unsere Absicht, die ganze Welt zu durchreisen", antwortete Elsa, „und da komme ich natürlich auch nach London."
„Wenn Sie dort -
Oxford dahinreisen, um Ihnen Ihre zubringen", versicherte er. Er ersu
aucg nuuj «uuuuii. ....
„Wenn Sie dort auftreteii, wird die ganze Universitär
Huldigungen dar-
muiuytu , U u,.u,vu. v„. — Elsa, einige
schwedische Lieder zu singen, und wurde sehr enttäuscht.
als sie erklärte, daß es ihr'verboten sei, anderes außer ihren bestimmten Übungen zu singen. ^ .
Aber je mehr die Zeit verstrich, ze unruhiger wurde Elsa. Sie lauschte oftmals, ob int Entreeglocke nicht ertöne; aber nein, sie hörte nichts.
„Weshalb mag Arvid nicht kommen? sagte sie halb-
laut zu der Majorin. ._ ... .
„O. ihn scheu wir oft genug", antwortete diese auf
Schwedisch in gleichgiltigem Tone. ^
„Mein Bräutigam Pflegt Ms den Abend hwr zw zubringen!" sagte Elsa M.Lord Lwnel „Ich UKA er nicht krank geworden ist; ich bin wirklich ängstlich. „Welchen Beruf hat er?" fragte der Lord „Er ist Maler", antwortete Elsa; „er hat großes
Talent." „ . „ . nej. y’
„Nimmt er Besuch in semmi Atelier an 4 .
Ja, wir können ihn gern dort aufsuchen, ich werde ihn'Lgm fragen, zu welcher Zeit ihm unser Besuch
am ftS Lord blickte fragmd auf Elsa und sem Blick drückte mehr aus, als er s^st ahnte. AMe« durfte mit keinem Wort seine Bewunderung für etwas anderes als ihren Gesang aussprechen, den er me ve»
gesseMptte^—„ ist!"
er sich entfernt hatte. „Es ist ein wahres ^rgnÜW, eineii solchen Menschen in iernem Haus zu sehen. A» vollendeter Kavalier kommt er imd mmmt daS Frauen-
herz begreifen, warum Arvid nicht ge
kommen ist", sagte Elsa halblaut für sich.
(Fortsetzung folgt.)
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