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49. BerlagS-Fernsprecher No. 2953. Fveilttg, bftt 30. IlllllllN'o Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.
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Unser Pariser Korrespondent schreibt unterm 28. Januar: Seit einigen Tagen tönt die französische
Deputiertenkammer bei Gelegenheit der Bndgetberatung von großen Reden wieder, die ein lautes Echo im Lande und darüber hinaus finde,:. Auf die Reden des friiheren Kammerpräsidenten Deschanel, des früheren Ministerpräsidenten Ribot, des Sozialistenführers Jauräs, die alle gewaltiges Aufsehen machten, folgte vorgestern die des Ministerpräsidenten Combes, welche überall in Frankreich und bei sämtlichen Parteien ein außerordentliches Erstaunen hervorrres. Der Kabinettsches beschränkte sich, als er die Aufrechterhaltung des Kwllusbudgels verteidigte, dessen Abschaffung die Sozialdemokraten zum soundsovielten Mate beantragt hatten, nicht wie seine Vorgänger im Amte darauf. Gründe der Staatsraison, der Toleranz, der Gerechtigkeit anzuführen und vor allem auf das bestehende Konkordat hrnzuweisen, sondern er tat eine,: großen und völlig unerwarteten Schritt weiter und predigte zum Entsetzen vieler Bestandteile des Blocks geradezu den Nutzen des religiösen Glaubens. Der viel- beschrieene Exekutor des Vereinsgesetzes, der Verfolger der geistlichen Ordensgesellschaften, erklärte wörtlich: „Die ganz überwiegende Mehrzahl der Franzosen, fast die gesamte Nation kann sich nicht mit den einfachen moralischen Ideen begnügen, die man jetzt oberflächlich in den Elementarschulen lehrt. Die religiösen Gedanken sind notwendige Gedanken. Die religiöse Idee ist die mächtigste moralische Stärke der Menschheit. Die bloße Moral schützt nicht genügend gegen die Gefahren des Lebens." Ob dieser Worte ungeheure Aufregung im Parlamente und im Lande. „Das sind Worte", rief der Sozialist Sembat dem Ministerpräsidenten zu, „welche ein Mölme oder ein Ribot nicht verleugnen würde. Ein
Mißverständnis trennt uns von der Regierung. Wir hatten geglaubt, daß der Krieg gegen die Kongregationen nur das Vorspiel war, denn für uns sind Klerikalismus und Religion gleichbedeutende Begriffe. Mit seiner Rede von vorgestern hat Combes seine Stellung zu dm Parteien verändert, ohne daß ein Zwang hierfür vorlag, denn frühere Ministerpräsidenten drückten sich, obwohl meistenteils freidenkerisch gesinnt, an der heiklm Frage des Kultusbudgets unter Anrufung der Staatsraison und des Konkordats, wie schon erwähnt, elegant und behutsam vorbei, ohne jemals auf dm Nutzen oder Schaden des Christentums einzugehm. Schon der Wahlaufruf, dm Combes bei dm lebten Smatswahlm als Kandidat er- lassm hatte, gab wegen der äußerst gemäßigten Sprache, die in vollem Widerspruch mit seinm Handlungen stand, viel zu dmkm. Damals erklärte man die plötzliche Lllilde als ein geschicktes Wahlmanöver. Sollte man sich über die eigentliche Gesinnung des leitenden Staatsmannes, die doch durch seine bisherige Haltung, seine Worte und Akte genügend zum Ausdruck kam, gänzlich getäuscht und in ihm einen erbittertm Atheisten vermutet haben, währmd ec ein Gläubiger ist, der aber seine christliche Eigenschaft bisher aus unbekannten Gründm unter dm Scheffel gestellt hat? Cruelle 6nigme, ein grausames Rätsel, das besonders der liberalen progressistischm Partei Kopfzerbrechen macht, die nun plötzlich entdeckt, daß sie mit Combes, den sie von Anfang an bekämpfte, in der religiösen Frage eins ist — wmn derselbe seine vorgestrige Rede etwas eher hätte halten wollen. Das gegenwärtige Kabinett scheint eine boute ä surprises, eine Vexierschachtel, geworden zu sein. Hat doch kurz vor Combes Kriegsminister Andrö' in einer Kammerrede, in welcher er einm äußerst patriotischm, fast nationalistischen Ton anschlug, Frmnd und Feind in nicht geringes Erstaunen versetzt!
Die Anführung einiger Zeitungsstimmen genügt zur Kmnzeichnung des Sturms, dm Combes mit den aus seinem Munde merkwürdig klingenden Worten entfesselt hat. Der „Temps" beglückwünscht ihn dazu, daß er dm moralischen Zustand Frankreichs begriffen habe, das etwas anderes verlange als trockene Philosophie. Aber in früherer Zeit scheine er mehr die Idem Sembats als seine eigenen in die Tat umgesetzt zu haben. Das zweitwichtigste Blatt von Paris, die „Döbats", schreiben, daß er doch künftig seine Handlungen mit seinm Worten in Einklang bringen und nicht in dem Werke der Verfolgung und Brutalität fortfahren möge. Die „Lanterne" ist wütend gegm Combes und benachrichtigt ihn, daß er künftig gegen das instinktive Mißtrauen der Linkm zu kämpfen habe. In der „Aurore" gesteht der bekannte de Pressmsä, daß er nicht den Mut habe, die erstaunliche, unglaubliche Redeleistung, einen ausgewärnrtm
Kohl von Eklektizismus ä la Victor Cousin und Sprrr- tnalismus ll la Ludwig Philipp zu kommentieren. Der „Radical" ruft aus: „Welcher wahnsinnige Wind bläst in das Ministerium, welcher vermaledeite Gmius zwingt Combes, dm Block zur Auflösung zu bringen, der chn bisher so getreulich unterstützte?" Nachträglich erinnert sich übrigens das genannte Blatt, das zu dm eifrigsten Anhängern Combes gehörte, daß ihn: sein Ministerium niemals eine übermäßige Leidenschaft eingeflößt habe. Er habe vielleicht in einer unerklärlichen Geistesabwesenheit geglaubt, nur das Kultusbudget zu verteidigm, in Wahrheit aber die Verweltlichung des Unterrichts, mit der fein Name bis zu dieser Stunde verknüpft gewesen sei, bekämpft. Die Stimmen der Presse, welche seither immer mit dem Ministerpräsidenten Hand in Hand ging, zeigen alle dieselbe Tonart. Nur die „Petite Rdpubligue", das Blatt von Jean Jaurds, macht schüchtern Versuche, die „Philosophie" Combes m Schutz zu nehmen. Als Fazit aus der Zeitungspolennk geht hervor: Diejenigen, die seine Rede mit Wohlgefallen vernommen haben, verabscheuen jetzt um so mehr seine frühere Handlungen und diejenigen, welche letztere billigtm, wünschen seine Rede zu allm Teufeln.
M de« RkAmssergedWii der UttWemss- niiMteii für 1901.
Die dem Reichstag zugegangene Nachweisung umfaßt 81 Versicherungsanstalten und 9 zngelassene Kasseneinrichtungen. Diese 40 Versicherungsträger besitzm insgesamt 289 Vorstandsmitglieder, 52 Hülfsarbeiter der Vorstände, 616 Ausschußmitglieder, 348 Kontrollbeamte, 124 Schiedsgerichte, 5030 besondere Markenverkaufsstellen und 7197. mit der Einziehung der Beiträge beauftragte Stellen.
An reichsgesetzlichen Entschädigungen wurden zu Lasten der 40 Versicherungsträger, also ohne den Anteil des Reiches, im Rechnungsjahre 1901 64 031 459 Mk. ge- zahlt, und zwar an Renten 57 106 843 Mk., an Vcitrags- erstattungm 6 924 616 Mk. Es wurden 189 619 Invalidenrenten, 7632 Krankenrenten und 14 849 Altersrenten, zusammen 152 901 Renten neu bewilligt. Ferner wurden insgesamt 190 905 Beitragserstattungen festge- setzt, und zwar 158 237 bei Heiratsfällen, 355 bei Unfällen und 82 313 bei Todesfällen.
Die reine Zahl der verwendeten Wochenbetträge bei den 31 Versicherungsanstalten stellt sich auf rund 541 600 999, wofür 123 492 239 Mk. vereinnahmt wurden. Bei den Kassencinrichtungen betrug die Einnahme aus Beiträgen 11821265 Mk.
Für das Heilverfahren wurden insgesamt 7 139 642 Mark aufgemendet. Im einzelnen flössen den Versicherungsanstalten und Kasseneinrichtungen an Zuschüssen zu
Feuilleton.
Der Geist Gottes über den Wassern.
(Ein Beitrag zur „Bibel aus Babel".)
Von Arthur Stcntzel, Hamburg.
Die Weiterbildung der Religion ist ein Haupterfordernis für die kulturelle Entwicklung eines Volks, das solange gleichsam in Lethargie verharrt, bis ihm ein neuer Reformator oder Messias entsteht (Buddha, Con- sucius, Zarathustra, Moses, Jesus, Mohammed, Luther) und es einen Riesenschritt vorwärts bringt. Die biologische Mutationstheorie von Hugo de Vries läßt sich auch auf die Entwicklungsgeschichte der Religion sehr wohl anwenden.
Mit der Erkenntnis, daß die Bibel nicht als ein göttliches, sondern als ein menschliches Werk anzusehen ist, sind wir schon ein Stück weiter gekommen. Gehen wir noch einen Schritt und fragen: wer war der Gott des Pentateuch, wer war Jehovah, wer war Elohim? Dem auf der Darstellung des Evangelisten Johannes fußenden Dogma gilt der Gott der Schöpfung als ein persönliches Wesen, das durchaus menschliche Gestalt und Eigenschaften (Auge, Hand, Mund, Zorn, Liebe u. s. w.) besitzt. Infolgedessen haben ihm die jüdisch-alexanörinischen Religionsphilosophen das Wajomer, „und (Gott) sprach" in den Mund gelegt, wie die Perser ihren Ahnramazda (Ormuzd) durch das Schöpfungswort Ehonöhö veritzhS (Honover), alles, was da ist, schaffen lassen, und schon die alten Stoiker den Logüs, das „Wort", als immomente Weltvcrnunft verehrten. Wenn wir nun auch den menschlichen Gott der Bibel auf die gleiche Stufe stellen, wie beispielsweise die ebenfalls vermenschlichten Naturgestalten Osiris der Ägypter, Vishnu der Inder, Wotan der Germanen, so dürfen wir ihn deshalb doch nicht etwa als ein Fabelwesen ansehen, sondern haben uns ihn wie jene als eine personifizierte Naturgewalt, als ein von dem späteren verfeinerten Gottesbegriff noch merklich verschiedenes Wesen vorzustellen.
Zum erstenmal tritt uns die Gottcsbezeichnung im ersten Verse des 1. Kapitels der Bibel entgegen, und zwar
unter dem Namen Elohim, einem alten Plural (Dual) von Eloah, im zweiten Vers hingegen erhält dieser Name noch das Epitheton Ruach, „Geist". Man hat deshalb den Schöpfnngsbericht des ersten Kapitels Mose die „Elohim-Urkunde" genannt, weil darin Gott stets Elohim heißt, während man den (zweiten) Schöpfungsbericht 1. Mose, Kap. 2, Vers 4—6, die „Jahweh-Urkunde" nennt, weil in ihr Gott Jehovah-Elohim, d. i. der „Seiende ewige Elohim", heißt. Die Elohim- und Jahweh-Uber- lieferung im Pentateuch sind von den Bibelbearbeitern der letzten vorchristlichen Jahrhunderte zu einem Ganzen verschmolzen worden, und nur dem Kenner gelingt eine scharfe Trennung beider. Eduard Reuß hat in seinem nachgelassenen Lebenswerk „Das Alte Testament" diese Sonderung schon in der Schriftart klar hervorgehoben; danach umfaßt die Elohim-Urkunde ebenso wie die Jahweh-Urkunde die verschiedensten Teile des ersten Kapitels, sowohl im Neuschöpfungs-, wie im Sintflutbericht. Schon dieser Umstand wäre hinreichend, den Gedanken an eine göttliche Abfassung der Heiligen Schrift aufzugeben, denn ein allwissender, vollkommener Gott würde kein so fehlerhaftes Werk hervorbrtngen.
Der Verfasser der „Uroffenbarung" nannte also Gott Elohim und bezeichnete damit ein Wesen; er bediente sich nicht des Wortes Eloah, muß daher wohl seine Gründe hierzu gehabt haben. Dasselbe Verfahren wird bei Erwähnung des Paraüies-„Engels" angewandt, denn auch dies eine Wesen heißt Kerubim, bedeutet mithin gleich Elohim eine dualistische Gestalt mit dem Begriff „Flamme des sich verwandelnden Schwertes", ü. h. einer feurigen Himmelserscheinung. Vergegenwärtigen wir uns nun, daß die Schöpfungsgeschichte der Bibel lediglich eine Neuschöpfung der durch die vorangegangene Sintflut verwüsteten Länder bedeutet und erst unter der spät- alttestamentlichen Bibclredaktion an die Spitze des Pentateuch gesetzt wurde, dann verstehen wir den Sinn des zweiten Verses sehr wohl: „Und das Land war wüste und leer, und es war finster auf der Oberfläche der Flut, und der Geist Elohim schwebte auf der Oberfläche der Wasser". Wir haben es demnach hier mit der Erwähnung einer zur Zeit der Sintflut und Neuschöpfung sichtbar gewesenen Himmclscrscheinung zu tun, die von den geängsteten, überlebenden Menschen als ihre Ursache und Beendigung,
als strafende und rettende Gottheit angesehen wurde, der Noah aus Dankbarkeit ein Opfer brachte. Das Wort Elohim, von der Stammform cl, ist mit sehr vielen Worten verwandt, die fast durchweg den Begriff „hell" ausdrücken und in zahlreiche Sprachen übergegangen sind. Es verbietet sich jedoch hier auf diese interessant« Etymologie näher einzugehen, es sei nur der Hinweis aus das verwandte chaldäische ilu gestattet. Die bah-il, bab- ilu, die „Pforte Els" id. i. Elohims), das hebräische Babel, bauten die alten Sumerer zur Erinnerung an die Sintflut oder vielmehr an den Stern dieser Überschwemmung, denn ilu heißt sowohl „Gott" als „Stern". In der sumero-akkadischen Sprache finden sich die Begriffe Stern und Gott durchweg verschmolzen, so in den Worten mul, kakabu, an und dingir (griechisch dios), und schon die alten Sumerer berichten von dem Doppelwesen am Schöpfungshimmcl, wenn sie es mit mulmul bezeichnen, und den Gott Marduk mit dem mulmulu der Tiamat, d. i. dem Schöpfungswesen, den Bauch aufschlitzen lassen, ein Bild, das außerdem nochmals wiederkehrt in Gott Uragal, der während der großen Flut das Schiff des Gischdubar (Jzöubar oder Gilgamesch) vorwärts riß; Nirigal-Uragal ist nämlich der Gott des massenhaften Todes, des Totenrctches, der Zerstörung und des Krieges, sein Ideogramm ist Dingir-Ugar, „Stern (oder Gott) mit dem Schwerte", ähnlich den biblischen Kerubim.
Die Vorstellung des über dem Urwasser (der Sintflut) schwebenden lichten Schöpfungsgottes begegnet uns in den Keilschrift-Dokumenten in mehrfachen Erzählungen, und schon der Anfang der Tafel I des babylonischen Schöpfungsberichtes, der ebenso gut Sintflutbericht genannt werden kann, tut seiner Erwähnung mit den Worten: „Als droben der Himmel noch nicht benannt war, drunten die Erde noch nicht geheißen, da mischten der Ozean, der allererste, der sie erzeugte, und mummu Tiamat, die sie alle gebar, ihre Wasser zusammen", und nach Tafel IV erregte Marduk in „fürchterlichem Glanz" „einen Orkan, einen bösen Wind, einen Sturm, ein Wetter, die vier Winde, die sieben Winde, einen Wirbelwind, einen Wind ohne Gleichen". Auch die ägyptischen Kosmvsgonien, die in so zahlreichen Papyris und Tempel-Inschriften aus ferner Zeit zu uns reden, bedienen sich einer Ausdrucksweise, die nur zu deutlich erkennen
