Wiesbadener Tsgblatt.
Verlag: Langgasse 27.
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Abend-Ausgabe.
Kallrstrem redivivus.
P. Berlin, 29. Januar.
Der Reichstag wies heute alle Anzeichen eines aroßen Tages" auf, denn er war nicht nur — welch ungewohnter Anblick! — beschlußfähig, sondern er zeigte ioaar eine ganz außerordentliche „Fülle der Gesichte". Nicht weniger als 286 Abgeordnete, also drei Viertel des vollbesetzten Hauses, hatten sich zusammengefunden, um darüber'zu entscheiden, wer in Zukunft die Geschäfte des Hauses leiten solle, lind dicht gedrängt waren auch sämtliche Tribünen bis auf die leer gebliebene Hof- loae. Dagegen waren die Plätze des Bnndesrats leer; nur die Staatssekretäre Graf Posadowsky und vr.Nieber- ding wohnten dein Wahlakt bei. Einer ober, der eigentlich „der nächste dazu" war, fehlte im Reichstag; cs war Graf Ballestrem selbst.
Und doch bestand von vornherein kern Zweifel darüber, daß das sechstägige Reichstagsinterregnum, die präsi- denteiilose, „die schreckliche Zeit", mit der Wiederwahl des Grasen Ballestrem endigen würde: fraglich war es nur, mit welcher Mehrheit diese Wiederwahl erfolgen würde. Der Wahlakt geschah nicht nach dem System der lex Aichbichler, sondern die Namen der Abgeordneten wurden von den Schriftführern verlesen, und jeder Aufgerufene legte seinen Zettel auf den Tisch des Hauses nieder. Die ganze Wahlhandlung nahm % Stunden in Anspruch. Um 2ZL Uhr verkündete der Vizepräsident Graf Stolberg das Resultat, demzufolge 285 Zettel ab- gegeben worden waren, von ^ denen 89 unbeschrieben waren. Von den übrigen 196 fielen 195 auf den Grafen Ballestrem, während ein Stimmzettel bewies, daß cs unter den'Volksvertretern Freunde schlechter Witze gibt; auf Herrii Ahlwardt war eine „einstimmige" Anerkennung gefallen..
Vergleicht inan das Verhältnis der abgegebenen Stimmen mit der Gesamtzahl der Abgeordneten, so er- gibt sich, daß Graf Ballestrem nicht mit absoluter Mehr Beit gewählt ist. denn das Haus zählt bei voller Be- setzung 397 Mitglieder, sodaß also die absolute Mehrheit 199 Stimmen betragen würde. Selbstverständlich ist aber von den durch Abwesenheit glänzenden Volks- vertretenr ein namhafter Teil denen zuzurechnen, welche ihre Stimme für den Grafen Ballestrem abgegeben hätten Immerhin hat er aber, auch wenn man nur die abgegebenen ©türmten in Rechnung zieht, nur wenig 'über die Zweidrittel-Mehrheit erhalten. Die 89 Weißen Zettel welche eine Protestkundgebung gegen die Wiederwahl Ballestrem bedeuten, sind offenbar von den beiden freisinnigen Parteien und den Sozialdemokraten abge
geben worden, doch müssen, da diese Parteien nicht ganz so stark vertreten waren, auch noch einige Abgeordnete aus anderen Gruppen zu den Dissentierenden gehört
2% Uhr erschien der bis dahin vermißte Graf Ballestrem un Reichstag imd erklärte, daß er die Wahl mit seinem tiefgefühlten Dank annehme, da der Reichstag, indem er ihn mit einer sehr großen Majorität wieder zum Präsidenten wählte, ihm damit in der Mehrheit senr unverändertes Vertrauen dokumentiert habe. Mit dieser Erklärung knüpfte Graf Ballestreiii unmittelbar an zene an, mit der er am vorigen Freitag das Amt des Präsidenten niedergelegt hatte, denn er hatte damals seinen Rücktritt damit iiwtiviert, daß er die Überzeugung hege, „nicht mehr in dem Maße das Vertrauen zii besitzen, wie er es für nötig halte, iim die Geschäfte des Reichstages mit Erfolg zu führen. In der Tat war diese Überzeugung damals nicht unbegründet, denn die widere spruchsvolle Handhabung der Geschäfte einmal dem Abg. Schädler und dann wieder dom Abg. v. Vollmar gegenüber, hatte in der Tat bis tief in die Rethen der Reichs' tagsmehrheit hinein das Vertrauen zur Geschäfts' führung des Präsidenten erschüttert. Graf Ballestrem suchte dann allerdings seine mibegreifliche Entgleisung dadurch wieder gut zu machen, daß er dem Abg. Bevel das int weitesten Maße gestattete, was er dem Abg. v. Vollmar verweigert hatte. ^
Jedenfalls hat die Reichstagsmehrheit durch ihre heutige Abstimmung dem Grafen Ballestrem ein Vertrauensvotum erteilt, welches ihn iiiStand setzte, das Amt des Präsidenten wieder zu übernehmen. Es ist übrigens bekannt, daß die Persönlichkeit des Präsidenten an sich bis weit in die Reihen der Linkeii hinein stets sehr beliebt war, und daß diese Beliebtheit erst durch die Vorkommnisse der letzten Zeit erschüttert worden isi.
Was nun die Ursachen der heute beendeten Prüft dentenkrisis betrifft, so wird es allgemein und in alleti Parteien des Reichstags als ein unabweisbares Bedürfnis empfunden, daß ein fester Modus geschaffen werde, in wie weit Äußerungen lind Reden des Kaisers im Reichstag zur Erörterung zugelassen werden sollen. Graf Ballestrem hatte bekanntlich am 31. Januar 1899 den Satz formuliert, daß solche Äußerungen nur dann im Reichstag erörtert werden dürfen, wenn sie authentisch, d h. durch offizielle Kundgebungen oder durch deii .Reichsanzeiger" bekannt gegeben sind. Graf Ballestrem hat dann diesen Grundsatz selbst verlassen, indem er die Erörterung der Swinemünder Kaiserdepesche zuließ und den neuen noch weit weniger durchführbaren Gruiidsal; anfstellte, daß kaiserliche Kundgebungen nur dann, er- örtert werden dürften, wenn sie öffentliche Angelegen' Herten beträfen. Es erscheint als unumgänglich notwendig, hier einen allgemein gültigen Modris zu finden und festzusetzen. _
Der neue russische Zolltarif.
L. Berlin, 28. Januar.
Die hiesige Filiale des rvfsischeii Handelstelegraphenbureaus übergibt iins folgende wichtige Mitteilung: ^n der russischen Gesetzsammlung wird der neue, vom Zaren bestätigte Zolltarif veröffentlicht. Das amtliche Communiquä zum Zolltarif erklärt, daß Rußland denn Beispiel anderer Staaten gefolgt sei, die zum Ablauf des Termins der bestehenden Handelsverträge neue Tarife mit besonderer Berücksichtigung des Schutzes der nationalen Arbeit ausgearbeitet haben. Weiter wird bemerkt, daß bei der Festsetzung der Tarifsätze keineswegs die Ab- sicht Vorgelegen habe, durch ein künstliches Hinauf- schrauben, der Sätz^ Material zmn Äbhandeln gegen- über den zukünftigen Kontrahenten zu erhalten, da. em solches Verfahren direkt vor dem Beginn der Verhandlungen zweischneidig wäre. Falls die Vertragsverhandlungen scheitern sollten, müßte em übermäßig erhöhter Tarif wirklich eingeführt werden zum Nachteile des Landes, dessen Regierung chn ausgearbettet Haft Die Regierungsauffassung betorü, daß die Tanfver- änderungen sehr vorsichtig und genau im Einklänge mit deii Veränderungen in den wirtschaftlichen Verhältnissen und in der internationalen Konkurrenz vorgenommen worden seien. Viele Sätze sind unverändert geblieben, andererseits ist eine neue Warenklassifikation und eine größere Spezialisierung vorgenommen worden Der Zeitpunkt des Inkrafttretens des Tarifs ist Nicht bestimmt, sondern es ist dem Finanzminister anheimge- geben, die kaiserliche Ermächtigung für seine Einführung eituuöoIcTi. $iefe SJcftinnituuQ tutrb bccjrihibct burd) bc- stehende Vertragsverhältnisse mit dem Auslande, die zu einem Konventioiraltarif neben einem allgemeinen Tarif geführt hätten. Weiter wird ausgeführt, die Konven- tionalsätze seien ein korrespondierender Teil des neuen Tarifs und könnten, da bis jetzt voii keiner Sette rote Kündigung erfolgt sei, jedenfalls nicht vor Jahresfrist in Kraft treten. Der übrige Teil indessen konnte auch früher qiltig werden, was aber von den tatsächlichen Verhältnissen abhängeii würde. Das Communiguä bemerkt ferner, daß bei normalem Verlauf der Truge em Inkrafttreten des neuen Tarifs mit Ablauf der bestehen- deii Verträge oder mit Abschluß neuer Vertrage er- folgeii werde, letzterenfalls mit vertragsmäßigen Veränderungen. „Jedoch ist", so schließt das Commumquä, „die Eventualität nicht ausgeschlossen, daß der r^inanz- nnnister gezwungen wäre, den warif früher in Kraft zu setzen Als Grunde könirten in dieser Beziehung dienen die Verstärkung der Hülfsquclleir der Reichsrentel, die Notwendigkeit, den einen oder den anderen Produktionszweig stärker zu schützen, und endlich die Veränderung der Exportbedingungen für russische Waren nach anderen
Dir Eidechse.
Roman von A. v. Klinckowström.
(33. Fortsetzung.)
„Lassen Sie das!" sagte er unwillig. Fanchon kehrte sich indessen nicht daran, betrachtete eingehend ein ledernes Täschchen, das Jennys Photographie enthielt, und machte ihre Bemerkungen dazu.
„Schauderhaft zieben sich die Deutschen an!
„Hm!" gab er zerstreist zurück, ohne recht hmzuhoren, und schrieb weiter. „
Dann kam seine Börse an Pie Reihe. Sie zahlte das darin enthaltene Geld durch.
„Wie, mehr haben Sie nicht?"
„Wo soll ich es denn her haben?" _
„Ich denke, Sie gewannen gestern im Poker.
„Keine Idee! Ich verlor." _ . _
„Das darf nicht Vorkommen." — Sie runzelte bedent- die Stirn. — „Achtzig Franken! Davon kann man \a kaum eine Woche schlecht leben." .
„Ich bringe den Verlust schon wieder ein!
„Das wollte ich Ihnen auch geraten haben."
. Du siehst. Liebste, daß zwingende widrige Machte stärker waren als ich, und wirst verzeihen!" schloß Engler seinen Brief. „Wenn diese Zeilen in Deinen Händen sind, folge ich ihnen auf dem Fuß nach, um weine ^rebe und Nachsicht anzurufcn."
Er adressierte, versah den Umschlag nnt roter Postmarke. und da veranlaßte eine verdächtige stille ihn, sich nach Fanchon umzusehen. . .
Sie saß vor dem Fenster, hielt emen Bleistift m der Hand und kritzelte eifrig an irgend einem Gegenstand herum. .. _ r _ r
„Nun, was treiben Sie für Unfug? - Lngler schaute ihr über die Schulter und entriß ihr plötzlich mir einem Fluch den kleinen Gegenstand. — „Sind Sie verrückt? Das ist ja das Bild meiner Braut!"
„Ich wollte es nur etwas modernisieren."
Jennys Photographie hatte sich eine etwas merk
würdige Metamorphose gefallen lassen müssen. Das einfache Kleib war mit kokettem Aufputz unb tnre Schultern mit zackigen Drachenflügeln versehen worden. Airs dem reichen glatten Haar erhoben sich zwei kleure lecke Hörner.
Engler ivar wütend und jammerte um das verdorbene Bild. Seine Lippen flossro von nicht sehr gewählten Schimpfworten über.
„Was ist denn eigentlich Schlimmes geschehen?" sagte sie ruhig dagegen, ohne an seiner Grobheit Anstoß zu nehmen. „Es ist doch ganz nett geworden. Man hat mir immer gesagt, daß ich Talent hätte."
„Zum Henker mit Ihrem Talent!"
„Wie böse Sie sind! Und solch ein Bildchen ist doch so leicht wieder zu ersetzen. Wozu brauchen Sie überhaupt eine Photographie, da Ihre Dame doch hier ist und Sie sie jeden Tag sehen können, wenii Sie überhaupt wollen! Aber es kommt mir vor, als wäre Ihr Witnsch danach in letzter Zeit nicht allzu lebhaft gewesen."
„Ihnen fehlt eben jedes feinere Empfinden", grollte er und überging ihren Nachsatz.
„Möglich! Ich sage, was ich denke, und Sie machen sich gern selbst ein de für ein U. Übrigens meine ich, daß es jetzt Zeit wäre, wir machten uns auf; mich hungert."
„Blich nicht."
„Das findet sich schon." _
Er warf sich mürrisch auf einen Süihl, streckte die Beine lang aus und vergrub die Hände in den Taschen, ein Bild trotzigen Unmuts. Fanchon trällerte unbekümmert vor sich hin, setzte den Hut auf, strich ein paarmal an ihm vorbei, ohne beachtet zu werden, und blieb dann neben ihm stehen.
„Gedenken Sie den ganzen Abend in dieser anmutigen Stellung zu verharren?" fragte iie scherzend, klopfte ihn herzhaft aus dro Rücken und hob behutsam mit den Fingerspitzen seine Nase. — „Was für ein Gesicht!"
Engler wollte sie fortschieben/wurde aber schwach, wie er ihre lustig funkelnden Augen so ganz in der Nähe der seinen sah.
„Sie sind wirklich ein nichtswürdiger Kobold!"
„Das bin ich auch, und Sie haben hundertmal ge- ägt, daß Sie das amüsiere."
„Aber alles hat seine Grenzen."
„Ich habe die mehligen erreicht. Jetzt mochte ich auch die Ihrigen sehen. Das schlimmste Unwetter ist wohl schon über mich hinweggegangen." .
„Sie gehen mit mir um wie ein Kind mit seiner
Puppe."
„Die Puppe soll jetzt aufstchen und ausgehen.
„Es wird ihr wohl nichts anderes übrig bleiben," Sie faßte seine Hände, bog sich ganz steif zurück und tat, als zöge sie in empor, stülpte ihm dann, auf den Zehenspitzen stehend, den Hut auf den Kopf und tanzte nach der Tür. Er folgte' jetzt gutwillig.
„Da ist ein Briefkasten!" sagte sie draußen auf der
Straße. , .
Engler zögerte. Ihn faßte nun doch em großes Unbehagen bei dem Gedanken, das Billet, das st ungeheuerliche Lügen enthielt, an Jenny abzuschicken, aber Fanchon nahm ihm den Brief ohne Umstände aus der Hand und warf ihn schnell in den Kasten.
„Heute mache ich das Programm!" entschied sie und blieb vor einem der zahlreichen Cabarets stehen. „Also zunächst einmal hier hinein! Da geht es immer spaßhaft zu, und es ist billig. Der Boc für Sie und die Limonade für mich sind schon im Eintrittspreis mit bezahlt. Wir essen ganz einfach und sehen uns dst neuen Schattenbilder an. Cabanel ist auch zum Totlachen."
Sie drängten sich in den schmalen, bereits stark gefüllten Raum hinein, dessen Wände mit flott gezeichneten Porträts bekannter Künstler des Montmartre bedeckt waren, und arbeiteten sich nach dem hinteren, ebenfalls engen Gemach durch, in dem sich ein Verschlag mit Vorhang nach Art der Kasperltheater befand. Auf dem Podium davor schleuderte ein nicht mehr junger Mensch, die Hände in den Taschen, die Haare in die Stirn gekämmt, von dem Aussehen eines verbummelten Artisten, nachlässig, halb sprechend, aber mit unwiderstehlicher Komik den zündenden Reftain seines Couplets in das Beifall klatschende Auditorium. Es war dies der be-
