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s*. Jahrgang.
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U-.47. D-««er»t»g, den 89. Januar.«t 1903.
Wojrgen-flusBabe.
Kindersterblichkeit und Sostalresorm.
Nach dem Wort des Dichters ist zwar das Leben der Güter höchstes nicht, aber die Sicherung gegen Unfall, Krankheit und srühzeitigesEnde gilt doch als die wichtigste und schönste Aufgabe der heutigen Kultur. Jedes Sinket: der Sterblichkeitsziffer betrachtet man mit Recht als einen Fortschritt der Volkswohlfahrt und unsere ganze soziale -Gesetzgebung ist auf dieses Ziel gerichtet. Auch von der Verkürzung der Fabrikarbeit verheirateter, Frauen verspricht man sich nach dieser Richtung eine günstige -Wirkung. Bekanntlich hat der Reichskanzler in den Bundesstaaten über die Fabrikarbeit verheirateter Frauen vor einiger Zeit Erhebungen anstellen lassen und man will wissen, der Zweck dieser Untersuchungen sei eine Verkürzung der Arbeitszeit verh-eirateterFabrikarbeiteciimen. Jedenfalls besteht kein Zweifel darüber, daß mit der Fabrikarbeit der Frauen die große Kindersterblichkeit in den Jndustriebeziüen zusammenhängt. Eine Frau, die zwischen Fabrik- und Hausarbeit sich abhetzt, dabei noch kärglich genährt wird, kommt körperlich schnell herunter und ihr Zustand muß auch auf die Nachkommenschaft verhängnisvoll zurückwirken. Das ist längst bekannt und zahlreiche Fabrikinspektoren haben daher schon seit Jahren die Verkürzung der Arbeitszeit für Fabrikarbeiterinnen und -einen ausgedehnteren Wöchnerinnenschutz gefordert.
Die Sterblichkeitsstatistik unterstützt diese Forderungen sehr beredt. Die Fabrikarbeit der Frauen ist _ in Sachsen ganz besonders umfarrgreich und mit ihr erreicht auch die Kindersterblichkeit eine ungetvöhnliche Höhe. Während in Schweden u,rd Norwegen von 100 Kiirderlt im ersten Lebensjahr etwa 10 sterben, steigt die Ziffer in Sachsen auf 28,1. Der mit seiner ausgebreiteten Textilindustrie einen besonders hohen Prozeirtsatz Frauen beschäftigende Bezirk Chemnitz hat außer Moskau in Europa auch die größte Kindersterblichkeit. Wie eng diese Mt der Fabrikarbeit der Frauen zusammenhängt, wird durch die Tatsache erwiesen, daß überall auf dem Lande die Kindersterblichkeit geringer als in der Stadt ist, während für Sachsen das umgekehrte Verhältnis gilt. Diese auffallende Tatsache ist darauf zurückzuführen, daß die viele Frauen beschäftigende sächsische Textilindustrie zu einem schr großen Teil auf dem Lande heimisch ist. Sachsen hat zahlreiche große Jndustriedürfer, Fabrik reiht sich dort an Fabrik. Die Bevölkerung wohnt dicht, schlecht und teuer, die Ernährung ist nicht wohlfeiler wie in der Großstadt, deren reiche Zufuhr fehlt: auch viele verheiratete Frauen sind aus diesen Gründen zur Fabrik- ärbeit gezwungen. Und drängt nicht die Bedürftigkeit, so wird diese Arbeit oft aus alter Gewohnheit oder wegen
unverständiger Wirtschaftsführung auch m den Ehen mit Kindern beibehaltw. Stcttiirficfy läßt tit allen galtet die Abwartung der letzteren viel zu wünschen ubr:g. Schon von Geburt schwache Kinder werden höchst unpassend ernährt. Die Mutter hat keine Zeit, ihnen die Brust zu reichen, ist vielleicht auch körperlich nicht dazu fähig. So muß die Ernährung der unglücklichen Wesen eine künstliche sein. Wenn man da wenigstens gute Kuhmilch verwenden wollte, aber die ist oft nicht zu haben und noch häufiger kann, die Mutter oder Pflegerin dieselbe nicht bezahlen. So wird denn der zarte Säugling mit Mehlbrei, Zwieback und Kartoffeln gefüttert, eine Nahrung, die in den ersten Lebensmonaten fite ihn unverdaulich ist. Schwerlich sündigt der Unverstand irgend- wo mehr als hier; ich habe selbst gesehen, daß eine Mutter ihrem Säugling Rüben zu essen gab, die man auf dein Lande an Schweine und Kühe im Spätherbst verfüttert. Nach der Statistik eines Chemnitzer Jmpfarztes bekamen von 815 Impflingen 56,9% bereits in den ersten Lebensmonaten Zwieback und Semmel. Auch im übrigen ist die Kinderpflege fehlerhaft: besonders ist es um die Reinlichkeit schlecht bestellt. Eine in der Fabrik arbeitende Rtutter kanii auf Haushalt und Kinderpflege nicht viel Zeit verwenden: die Pflege des Säuglings ist daher in der Hauptsache oft Kindern überlassen, die selbst noch fürsorglichster Obhut bedürfen. Man kamt sich denken, wie diese Pflege beschaffen ist. Ihr ist es im wesentlichen mit zuzuschreiben, wenn die Kindersterblichkeit in Sachsen jene betrübende,k Ziffern zeigt.
Die sich mit der Kindersterblichkeit wissenschaftlich oder praktisch beschäftigenden Ärzte sprechen sich im allgemeinen über ihre Verminderung wenig hoffnungsvoll aus. Das gesamte Lebensniveau der ärnieren Klassen müßte ein viel höheres werden, um hier eine erhebliche Besserung zu erzielen. Die günstigere Gestaltung der wirtschaftlichen Zustände würde natürlich noch nicht ge- nügen, auch das Bildungsniveml muß gchoben, das Pflicht- und Derantwortlichkeitsgefühl ein strengeres werden. Das kann nur auf dem Wege der sozialen Reform, der Erziehung und Läuterung in Jahrzehnten geschehen uird es wird auch- geschehen. Die Bestrebungen zur Beschränkung der Frauenarbeit, zur besseren Wöchnerinnenfürsorge liegen auf diesem Wege.
Natürlich berührt sich- die Kindersterblichkeit schr eng mit unserer Handels- und Sozialpolitik. Jede Maßregel, die den ärmeren Klassen die Lebeiishaltung er- schwort, wird auch auf jene Sterblichkeit ungünstig zurückwirken. Diese wird stets in Zeiten billiger Lebensmittelpreise und günstiger Einkommensverhältnisse geringer sein als umgekehrt. Also eine soziale Politik, die auf Volksgesundheit und Dolksernährung ernstlich Rücksicht nimmt, ist die Vorbedingung geringeren Kindersterbens. Sehr notwendig ist es, daß willige ärztliche Hilfe überall unentgeltlich zu haben ist. Für diesen
Zweck können die Mittel nicht reichlich genug fließen, denn gerade hier ist eine sehr böse Stelle in unserem sozialen Leben. In den größeren Städten gibt es ja nach dieser Richtung einige Fürsorge, auf den, Lande und auch in den ländlichen Industriell ezirken jedoch nicht.
Von ganz b-esond-crer Wichtigkeit ist namentlich die leichte und wohlfeile Beschaffung einer einwandfreien Säuglingsnahrung.
In erster Linie kommt -es aber darauf an, die Mutter wieder zum Stillen ihrer Kleinen zu b-eivegcn. Muttermilch ist der edelste Lebenssaft. Den Frauen muß gesetz- lich Zeit zum Stilletr gewährleistet werden. Einzelne einsichtige Unternehmer in der Chemnitzer Gegend haben schon Fabrikkrippen geschaffen, in denen die Mütter einigemale tagsüber ihr Kind an die Brust legen können. Ja, es wäre zu überlegen, ob nicht Stillungsbeih-ülfen von Staat, Gemeinde (aber nicht als Armenunter- stützung) oder Vereinen eingerichtet werden könnten, in Anbetracht, daß die Ernährung der Mutter in der betreffenden Zeit eine reichlichere sein muß. Durch das Selbstsülleil wird auch die Geburtszahl in Heilsamster Weise etwas eingeschränkt: die Spätergeborenen werden dafür umso widerstandsfähiger. Weniger, aber lebens- fähigere Kinder sei die Losung der Bevölkerungs- Hygiene! _ c -
Die deutsche Bewegung Ln Sttdungurn.
Hin und wieder lassen sich Stimmen vernehmen, die die Behauptung aufstellen, es gebe keine deutsche Bewegung im Banate, dieselbe werde künstlich von gewissenlosen Agitatoren hervorgerufen und finde keinen Nährboden unter den patriotischen Schwaben. Mit Verlaub, die deutsche Bewegung ist da und kann nicht mehr hinweg- gelcugnet werden. Freilich ist dies keine „pangermanischc" oder „alldeutsche", aber sicherlich eine Bewegung, die die Erhaltung des Deutschtums in Ungarn mit allen ihr zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln zum Ziel hat, und die, weil sie keineswegs föderalistischer Natur ist, sich nicht gegen die Einheit des ungarischen Staates, sondern lediglich gegen jenes Chauvitlistentum kehrt, das nichts sehnlicher wünscht, als datz einmal in diesem Vaterlande alles magyarisch sein möge, das Vaterunser in der Kirche und der Gruß auf der Straße, das erste Gestammel des Säuglings in der Wiege und die künstlerisch vollendetste Leistung der Bühne.
Von magyarischem Gesichtspunkte aus betrachtet, ist dies auch ganz gut zu verstehen, da doch ein jedes Volk bestrebt ist, daö ihm Fremdartige in sich aufzuuehmen, nmzuwandeln und sich nach Möglichkeit zu assimilieren. Will man aber objektiv und gerecht sein, so darf man nicht, aus lauter Patrioüsmns, verlangen, daß dies fremdartige Element eines Volkes sich nicht wehre gegen den Einfluß, der es seiner Individualität zu entkleiden trach-
Feuilleton.
Kaiserin Gugemes Hochzeitstag.
Von Willy Widmann.
Vor fünfzig Jahren führte Napoleon III. Eugenie Marie de Guzman, Gräfin von Montijo . und Teba, als Gattin heim, wurde die schöne Spanierin im Alter von 27 Jahren Kaiserin der Franzosen, Unbeschreiblicher Jubel herrschte damals in Paris; begeistert dorr ihrer Schönheit und Anmut, jauchzte das Volk der jungen Kaiserin aus vollem Herzen zu. Welche Empfindungen mögen heute die gramgebeugte greise Exkaiserin be- schleichen, wenn sie jener Tage höchsten Glückes und Triumphes gedenkt! Mit wie viel Kummer und Schmerz hat sie den eitlen Glanz des Schicksals bezahlen müssen! Ihr ist kein menschlich- Leid, kein bitteres Weh erspart geblieben. Voir ihrem Haupte siel die Krone, die sie so stolz zu tragen wußte, Flüche und- Verwünschungen des Volkes folgten chr ins Exfl, der Gatte, dessen Ver- sehluirgen gegen die eheliche Treue schon frühzeitig ihr Glück trübten, sank schimpfbeladen nach langen Krankheitsqualen ins Grab, und ihr einziger Sohn, auf dessen Zukunft sie ihre letzten Hoffnungen setzte, fand in fernem Land ein klägliches Ende. Plag sie in törichter Verblendung und Eitelkeit auch- schwer gefehlt haben, so empfindÄ man doch heute DUtleid mit der schwergeprüften Frau. In der blassen gebrechlichen Greisin mit dem gebleichten Haar, dem lahmen Gang, der geknickten, stets in Trauerkleider gehüllten Figur — wer erkennt in ihr die stolze Kaiserin, die strahlende Modekönigin von einstmals wieder? Unstät irrt sie in der Welt umher, nirgends Ruhe, nirgends Vergessen findend.
Am 6. Mai 1826, genau 5 Fahre nach dem Tode Napoleons I., wurde Eugenie in Granada geboren. Schon als Kind kam sie mit ihrer Bkutter nach Frankreich, wo sie mehrere Jahre lang klösterliche Erziehung geiwß. Mit der Mutter ging sie hierauf nach England. dann wieder nach Frankreich zurück. Ihr Vater starb im März 1839. In Paris wußte die Gräfin Montijo und
Teba mit ihren beiden Töchtern Zutritt zu deii vor- ' nehmstcii Kreisen zu erhalten. 1851 erschien Eugenie bei den Festen des Prinz-Präsidenten Louis Napoleon in« Elysäe und erregte durch ihre blendende Schönheit allgemeine Aufmerksamkeit. Schon damals soll Napoleon in heißer Liebe zu der reizvollen Spanierin entbrannt sein. Bei den Jaadfesten, die nach dein Staatsstreich im November und Dezember 1852 in Fontainebleau Mid Compidgne stattfanden, soll Napoleon, der inzwischen vergeblich an den Fürstenhöfen Europas nach einer Braut Ausschau gehalten hatte, sich Eugenie mit ernsten Anträgen geträhert haben. Am 12. Januar 1853 wurde der erste große Hofball in den Tuilerien abgehalten. Der Kaiser tanzte nur zwei Quadrillen, die eine mit Lady Cowley, der Gattin des englischen Botschafters, die andere mit Eugenie. Erst bei dieser Gelegenheit begann man bei Hofe die Absicht Napoleons zu erraten. Zehn Tage später verkündete der Kaiser den gesetzgebenden Körperschaften seine bevorstehende Vermählung mit Eugenie durch eine feierliche Botschaft, deren interessanteste Stellen lauten (nach dem Regierungsblatt „Moniteur" vom 23. Januar 1853):
„Die Verbindung, die ich einzugehen beabsichtige, steht nicht im Einklänge mit den alten Überlieferungen der Politik; das aber ist gerade, was ihr zum Vorteil gereicht . . . Wenn man, angesichts des alten Europa, durch die Macht neuer Grundsätze auf die Höhen der alten Tynastieen gchoben ist, fo wird man sich diesen letzteren nicht dadurch ebenbürtiger machen, daß man sein iieues Wappenschild mit älteren alliiert oder sich um jeden Preis in die königlichen Familien einzudrängen sucht. Man wird die Anerkennung weit eher dadurch erreichen, daß man sich stets seiner Abkunft erinnert, seinen eigenen Charakter bewahrt und sich Europa gegenüber ohne Scheu als Emporkömmling bekennt — ein ruhmvoller Titel, wenii man ihn durch die freie Wahl eines großen Volkes erhalten hat. Diejenige, die ich erwählt habe, ist von hoher Geburt. Sie ist im Herzen und durch ihre Erziehung Französin, sowie auch dadurch, daß ihr Vater für die Sache des Kaiserreichs , sein Blut vergoß. Als Spanierin von Geburt hat sie
den Vorteil, daß sie in Frankreich keine Familie besitzt,
die man mit Ehren und Würden bedenken inuß. Reich begabt mit allen Tugenden, wird sie ein Schmuck _ des Thrones und in den Stunden der Gefahr seine mutigste Stütze sein. Als fromme Katholikin wird sie dieselben Gebete wie ich für Frankreichs Wohl zum Himmel senden. Ich biir vollkommen überzeugt, daß sie durch ihre Anmut und die Güte ihres Herzens auf dem gleichen Platze auch die gleichen Tugenden wie die Kaiserin Josefine entfalten wird! (Anhaltender, stürmischer Beifall, Zurufe: „Es lebe der Kaiser! Es lebe die Kaiserin!") Ohne Jemanden zu nahe zu treten, folge ich meiner Neigung, nachdem ich mit meiner Überzeugung und meinem Verstand zu Rate ging. Indem ich meine Unabhängigkeit, die Eigenschaften des Herzens und das häusliche Glück über die dynastischen Vorurteile und Berechnungen des Ehrgeizes stelle, werde ich darum nicht minder stark sein, denn ich werde frei sein . . . Das Vertrauen, das die Franzose,: in mich setzen, sich-ert mir ihre Sympathiecn für die Frau meiner Wahl, und Sie, nieine Herrei:, werden, nachdem Sie dieselbe kennen gelernt, die Überzeugung gewinnen, daß mich bei diesem Schritte abermals die Vorsehung geleitet hat!" (Lang anhaltender, stürmischer Beifall).
Die bürgerliche Trauung vollzog sich am Abend des 29. Januar 1853 ohne besonderen Prunk. Von ihrer Mutter, dem spanischen Gesandte,:, ihrem Hofstaat und dem Oberzeremonienmeister begleitet, fuhr Eugenie nach 8 Uhr in die Tuilerien, wo ein Vetter und eine Cousins Napoleons sie empfingen und zum Kaiser führten. Sie trug ein weißes, mit Spitzen garniertes Atlaskleid. Ihr Haar schmückte nur eine Blume. Nach der Ausfertigung des Ehevertrags begab man sich in den Konzertsaal, wo eine von Auber komponierte Festkantate aufgeführt wurde. Um 11 Uhr zog sich der Kaiser in seine Gemächer zurück, und Eugeiüe fuhr mit ihrer Mutter ins Palais Elysde, das ihr für die kurze Zeit der Verlobung zugewiesen war. Am nächsten Marge,: empfing Eugenie als „Corbeille de mariage" Geschenke ihres Bräutigams im Werte von 1 Million Francs. U:n Mittag fand unter großartiger Prnnkentfaltung in der Notre Dame-
