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Beilage »rat Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 47. Morgen Ansgairr.

Die christliche Religion gebt vom gemeinen Mann an«. ^ Tie ist dar Lichl. da» in der Dunkelveit zu «Umzen anfänkit. Z 2j Sie ist der Keim alles DemokratismuS, die höchste Talsache 2 der Popularität. Novalis. »

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(8. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. Schöyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

Bergström ^ging spät heim und kam von mm cm oft wieder. Des Sonntags gingen sie zusammen in eine' der größeren Restaurationen und nachmittags streiften sie oftnrals stundenlang aus, den Boulevards einher und blieben vor den erleutfjteieit Läden stehen, um das strahlende Meer von Brillanten und Kostbarkeiten, welche dort ailsgestellt waren, um das Verlangen der Vorüber­gehenden zu reizen, zu bewunden:.

Die Boulevards mit ihren tausendfachen Gasflammen und ihrem betäubenden Gewimmel, wo Myriaden von Wagen einander mit kunstfertiger Behendigkeit kreuzen, um die denn rnonde der Seinestadt zu den Festen und Zer- streuungen aller Art zu führen, die Paris zum Mittel­punkt der Welt machen, während ein wimmelnder Strom von Menschen auf beide:: Trottoiren sich bewegte. Alle möglichen Sprachen und alle Altersklassen. Elegante Müßiggänger und nervöse Geschäftsleute ■— steife Eng­länderinnen — gepuderte Pariserinnen.

„Welch ein buntbewegtes Leben! Wie ist doch hier alles leicht, licht und herrlich!"

Aber Elsas Stinrme klang bald ein wenig belegt und Madame Germain behauptete, es sei ein kompletter Wahnsinn von einer Sängerin, ohne zwingende Not­wendigkeit sich der kalten Nachtluft auszusetzen. Eine einzige Erkältung könnte sie für ihr ganzes Leben ver­derben.

Elsa vermißte indes diese Ausflüge und es fehlte nicht viel, daß sie die Vorschriften ihrer Lehrerin ein wenig tyrannisch zu finden begann.

*

„Bergström ist im Grunde durchaus kein feiner Mann", sagte die Majorin . „Ich kann nicht vergessest, daß er anfangs dir den Arm bot, wenn wir uns im Freien befände:: nnd nach einsam daneben hergehen ließ. Eine Person mit guter Erziehung ist stets am aufmerksam­sten gegen die älteren Damen."

„Als ich es ihm sagte, geschah es ja nicht wieder", antwortete Elsa, die stets Bergströms kleine Mängel zu Entschuldigen suchte. „Er ist ja ein Genie und wie oft hört man nicht davon sprechen, daß gerade diese Art Menschen die ungeschicktesten Kavaliere seien."

„Mich dünkt, er stwickt viel zu viel vom Gelds", fuhr die Majorin fort. „Ich sehe ihn nie vor Entzücken weder Über seine eigene Kunst noch über die anderer warm wer- !den. Er hat nur ein Interesse: zu kaufen und zu ver­kaufen, und dann ist er wahnsinnig erbittert aus alle anderen Maler, die mehr Glück haben als er. Alle sind Stümper außer ihm."

Donnerstag, den 28. Iannar.

„Nun ja, das ist nun einmal die Gewohnheit aller Künstler", sagte Elsa. „Mich dünkt, es ist so rührend, dasi er uns alle seine Kämpfe und Mißgeschicke anvertraut und sich seiner Armut nicht schämt."

Arbid Bergström war der Sohn eines Pferdehändlers in Delekarlien. Wem: er an seine Kindheit zurückdachte, sah er stets unheimliche Sperren vor sich. Eine verweinte und vielgequälte Frau, die vom Morgen bis spät in die Nacht hinein arbeitete, um das Haus in Ordnung zu halten imd zwölf wilde Kinder, von welchen Arvid da» jüngste war, zu erziehen.

Wenn der Vater heim kam, war er oft stark betrunken und die Peitsche tanzte auf dem Rücken der Kinder; die Mutter bat für sie, aber weder Worte noch Tränen halfen. Ein rotes, aufgedunsenes Gesicht mit schlaffen Augen, j eine schwere Bärengestalt, rohe Worte — das war der Vater.

Er war unaufhörlich ans Reisen, um Pferde einzu­kaufen und zu verkaufen ,und daß es nicht immer ehrlich mit dem Handel zuging, das erfuhren die Kinder nur zu bald. Ein oder der andere vorsichtige Vorwurf von seiten der Muter und flüsternde Gespräche zwischen dm Freunden des Hauses, die sich zuweilen dort einfanden, um Karten zu spielen und Brännüvein zu trinken, ver­rieten die „Geheimnisse" des Geschäfts vor den lauschen­den Kinderohren.

Als die Eltern gestorbm waren, wurden die Söhne nach aller: Richtungen zerstreut und der Buchdrucker, der sich des jüngsten angenommen, entdeckte bald dessen An­lagen zum Zeichnen. Der Knabe ivurde nach Stockholm geschickt ,um die Akademie zu besuchen, mußte aber gleich, zeitig dafür sorgen, sein Brot zu verdimen, da die öko- nomischm Verhältnisse des Buchdmckers nicht die bestm waren.

Arvid Bergström zeichnete Illustrationen für Zeitun- gm, verfertigte Holzschnitte und andere dergleichen Ar­beiten. Die dürfttgm Lebmsverhältnisse, unter denen er aufgewachsen war und unter welchen er sich vorwärts arbeiten mußte, verliehen seinem Charakter schon früh eine gewisse Härte. Er war ebensowenig gefühlvoll gegm sich selbst, wie gegm andere. Das Hauptziel für seine künstlerische Wirksamkeit war dasselbe, wie siir alle seine Nebenbeschäftigungen: Geld zu verdimm, damit er sich emährm könnte und seine einzige große Hoffnung zu erfüllm, einst ein unabhängiger Mann zu werdm.

Wenn er von Bildern sprach, war es ganz richtig, wie die Majorin bemerkt hatte, der Handelswert, der ihn be­sonders interessierte.

Bei Elsa hatte Bergström ein Gefühl erweckt, das zunächst wohl als Mitleid bezeichnet werdm konnte. Sie freute sich, wmn sie sein starkes Schellen an dm Entree­tür vernahm und er begann ihr ;u' fehlen wenn er sich währmd einer längerm Zeit nicht eingefunden hatte, er erklärte ihr zu wiederholtm Malm, daß sie entzückmd schön sei, und daß sie sich unglaublich malerisch mit ihrem blonden Haar, ihren tiefblauen Augm in der dunklm Einfassung und ihren reinen Zügm ausnehrne; er habe Lust sie zu malm, aber sie habe ja nie Zeit, chm zu sitzm.

Elsa studierte nicht mehr mit demselbm Gleichgewicht des Gemüts wie früher. Es war ein störmdes Element in chr Leben gekommm; sie wurde fast ängstlich vor sich

81. Jahrgang. 1903.

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selbst und in ihr Benehmm schlich nach und nach ein scheues Wesen ein, das fast an Unzufriedenheit grenzte.

„Sind Sie, mein Fräulein, allein zu Hause?" fragte! Bergström.

„Ja, Mama ging soeben aus, um eine Landsmänmn zu begrüßen."

„Da müßte ich eigentlich gehen", sagte er zögernd.

„Sie können gerne bleiben, wenn es Ihnen in meiner Gesellschaft nicht allzu langweilig ist."

„Darauf antworte ich nicht", sagte er, indem er si» mit einen: eigentümlichen Lächeln betrachtete.

Sie wünschte ihn weit von sich. Wenn doch die Mama bald komn:m würde! Es war geradezu peinlich, mit ihm hier allein zu sitzen. „Ich werde Ihnen etwas zeigen, was wir gekauft haben, um es nach Stockholm zu schicken', sagte Elsa, indem sie ihm verschiedene Lurusgegenständ« zeigte. ^

Er betrachtete diese:n:d drehte sie in der Hand um. „Sehr hübsch! Die Franzosen sind doch vollkommenS Künstler in ihrer Industrie!" — — .

„Sind Sie heute den ganzen Tag fleißig gewesen? Sie singen ja italienisch. Wozu soll das eigentlich

nützen?" .... . „

„Nun, wenn man französisch singt, :st man :m allge­meinen darauf beschränkt, nur in Frankreich aufzu» tretm. Singt man deutsch, hat ma:: nur Deutschland, aber die italienische Sprache öffrwt die Buhnen aller Länder fiir der: Sänger. Überall kann man Gastrollen in italienischer Sprache geben, und außerdem ftndet man eine italienische Oper in fast jeder europäischen Haupt- stadt. Will man als Sängerin eine Carrrere :n der Welt machen, so muß man durchaus diese Sprache w:e se:ne

Muttersprache kennen." ^ , ...

„Ich verstehe", sagte Bergström, „und dam:t verdrent

man Millionen und schließt als Gräfin."

„An das letztere habe ich wirklich me gedachb Es ist mir gleichgültig, was der Mann :st, m:t dem:ch m:ch verheirate, wenn ich ihn nur liebe."

So! . . . So! . . ." murmelte der Maler, urdem seine Augen einen seltsamen Glanz bekamen. „Wenn ich es nun wagte. Sie aufs Wort zu nehmen.

Sie erhob sich und ging ans Prano. S:e wünschte, sie könnte aus dem Zimmer eilen und d:e Tur h:nbm s:ch zuschließen. Sie begann, einige Notenheste zu ordnen Er erhob sich und folgte ihr. „Ich habe so oft daran gedacht, an Sie eine Frage zu nch.en; aber :ch habe nie früher Gelegenheft dazu gehabt - - Er mster- brach sich. Sie schlug in emem Notenheft d:e Blatter hrn

^Plötzlich legte er seine große, etwas sehnige Hand m:s die ihre und hielt sie fest., „Sagen Sw mn-, M, ob Sw ein fteundliches Gefühl für m:ch nähren ; ob S:e glmrben . Nun, Sie verstehen mich doch wohl ...

©ein Arm legte sich um die Taille und sem Gesicht bog sich über das ihre hinab. Sie fühlte seinen warmen

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den ganzen Tag. Ich vermag Ihretwegen nrcht mehr zu

Er zog sie an sich und bebend gab sie ihm ihr „Ja. (Fortsetzung folgt.)

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