S1. Jahrgang.
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Uo. 48.
Verlags-Fernsprecher No. 2853.
Donnerstag» den 29. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903.
Abend-Ausgabe.
Me MW stimme öder die deuWn TrilDen in China.
Wiederholt habeir schoir die abfälligen Urteile englischer Berichterstatter über unsere deutschen Trupp«: berechtigtes und unliebsames Aufsehen erregt, und oft war das Übeiwollen derjenigen, die sich in der britischen Presse als Augenzeugen und sachverständige Kritiker aufspielten, geradeztt nnverkcmnbar.
Es kann daher kaum wundernchmen, wenn ein Teil des deutschen Heeres, erbittert über diese fortgesetzte Gehässigkeit von seiten der angelsächsischen Vettern, im stillen den lebhaften Wunsch hegt, das; die politische Konstellation einmal die Möglichkeit bieten möchte, miteinander die Waffen zu messen. Vielleicht würde man >dann jenseits des Kanals zu der Einsicht gelangen, daß has deutsche Heer doch noch nicht ganz (wie dort oft -fälschlich behauptet wird) auf seinen kriegerischen Lorbeeren eingeschlafen ist, sonder:: vielmehr, weit davon entfernt, im „Paradedrill" zu erstarren, unausgesetzt be- rnüht gewesen ist, seine seit 1870 gewonnene Stellung nn der Spitze der militärischen Welt mit Energie und Erfolg aufrecht zu erhalten.
Auch in einer kürzlich in der sehr angesehenen Monatsschrift „Journal of ttzc United Service Jnstitufton of Jndia" aus der Feder des Majors H. V. Eox (21. Madras Pioneers) erschienenen Abhandlung: „Die
fremden Truppenkontingente in Ehiim", kommen wir Deutschen wieder in: allgemeinen recht schlecht weg, und das Bestreben ist unverkennbar, den Wert der deutschen Truppen gegen die amerikanischen und japanischen,, die gleich daraus geschildert werden, hcrabzusctzen. Neugierig darf man wohl darauf sein, !vie sich, falls die Abhandlung fortgesetzt wird, wohl das Bild gestalten wird, wenn der Verfasser die anderen europäischen Kontingente (Russen, Franzosen, Italiener. Österreicher) zum Vergleich heranzieht, da er uns schon gegen die Amerikaner und Japaner in den Schatten stellt.
Daß der Verfasser ein Stabsoffizier des indischen Heeres ist, muß seinen Worten in den Augen der englischen Nation, die weiß, daß die Offiziere des Jndia Staff Corps zu der Elite des britischen Heeres gehören, natürlich eine erhöhte Bedeutung verleihen — für uns kommt dadurch jedoch nur die absichtliche Herabsetzung besonders scharf zum Ausdruck, wenn man nicht an- nehmen will, daß der Verfasser durch seine Darstellung nur den Zweck verfolgt, der eingeborenen indischen Bevölkerung gegenüber dem britischen Heere ein besonderes Rtzlief zu verleihen.
Jeder britische Offizier, so schickt Major Cor seiner Betrachtung voraus, war wohl bei seinerKommandierung
nach China in erster Linie von dem Gedanken erfüllt, hierdurch die Gelegenheit zu haben, „aus erster Hand ein«; Teil jener großen Maschinerie zu studieren, dre man das deutsche .Heer nennt und deren Organisation, Methoden und Taten die Grundlage unserer militäri- schen Ausbildung lange Jahre hindurch gebildet haben." Und da die 20 000 Pta::::, die Deutschland ungefähr nach Nord-China entsandt habe, aus 120 000 Fre:w:ll:gcn ausgewählt worden seien, so „hätte man allen Grund gehabt zu erwarten, darin die Elite des Heeres zu erblicken."
Zu dei: einzelnen Waffengattungen übergehend,
tadelt der Verfasser bei der Kavallerie den Körperbau der Mannschaften: „sie sind zu untersetzt und zu fleischig im Schenkel, um gut reiten zu können." Die australischen Pferde, auf denen das ostasiatische Reiterregiment beritten gemacht war, seien zu früh nach der Ausschiffung sofort in volle Arbeit genommen worden und daher niemals in gute Form gekommen: auch sei ihre Ration zu gering bemessen gewesen. Die Uniform und Ausrüstung der Truppe hat gleichfalls nicht seine Billigung gefunden: die Dienstkleidung sei im Schnitt schlecht und für den Dienst im Felde ganz ungeeignet gewesen: die viel zu hohen Stiefel hätten die Leute im Gehen behindert; das Sattelmodell war nach seiner Meinung für den anstrengenden Dienst zu schwach, das Leder von nicht guter Beschaffenheit, die Lanze sehr uichandlich und die Gesamtbelastung des Pferdes viel zu schwer. Er schließ: mit dem liebenswürdigen Resumä: „Die Deutschen sind keine guten Reiter, ihre Reitmethode muß das Pferd sehr ermüden und ihre Stallpflege ist dürftig."
Von der Artillerie wird u. a. gesagt: Die Pferde,
kleiner als die britischen, befanden sich st: keiner guten Form, die Munitionsergänzung war taktisch falsch, da alle Munitionswagen sich hinter der im Gefecht stehenden Batterie zusammendrängten: der Galopp der
Artillerie :st langsam, sogar ans der Ebene, und das Fahren ermangelte ebenso der Accuratesse wie der Schnetdigkeit. ...
Da die Infanterie sich nur aus Freiwilligen zu- sammensetzte, so kannten sich Offiziere und Mannschaften nicht, und dies — so meint der Verfasser — erkläre vielleicht „viele eigenarftge Vorkommnisse" (accounted for many occurrences). Das seiner Wym-chlung vornehmlich zu Grunde liegende Bataillon war aus drei bayerischen und einer württembcrgischen Kompagnie zusammengesetzt.
Das Menschenmaterial und der Anzug der Infanterie fanden in: allgemeinen den Beifall des Verfassers, keineswegs dagegen die Stiefel, bei denen er sich wundert, daß sich die Soldaten in ihnen nicht wund liefen. Die von den Kompagnieen erbauten Wirtschaftsräume waren vortrefflich, aber die für die Mannschaften hergestellten Baracken zeugten von einer bedauerlichen Unwissenheit für die Anforderungen in einem östlichen Klima, und
diesem Umstande ist zweifellos ein großer Teil der
ernsten Krankheiten zuzuschreiben, die die Truppen befielen.
Über den Tornister wird geurteilt, er sei ungeschickt in der Form, zöge die Schultern hinab und sei für den Dienst in den Tropen „unmöglich". Die . Zeltbahnen wären zu „kompliziert", um praktisch zu sein.
Das Bataillon besaß viele körperlich gut entwickelte Leute, weint der Verfasser, von wohl ebenso guter oder möglicherweise besserer physischer Beschaffenheit, wie die Masse der englischen Linien-Jnfanterie, aber in Anbetracht des Umstandes, daß es sich hier um eine Auswahl von 1 aus 6 handelte, habe sich doch eine überraschend große Masse minderwertigen Materials („Unkraut" — weeds) darunter befunden, das weit unter dem Durchschnitt gestanden hätte.
Nachdem er wenigstens die Unteroffiziere als „a fine and intelligent body of men" bezeichnet hatte, fährt er wörtlich fort:
„Großer Wert wird auf die Genauigkeit im Erer- zieren und bei beit Gewehrgriffe::, sowie auf solche Dinge wie den „parader schritt" und andere Äußerlichkeiten gelegt. Sehr viel für die wirkliche Ausbildung des Mannes verfügbare Zeit wird auf derartige Tinge verwandt und — wie eines Tages klar werden wird! — ver- schwendet.
„Die Offiziere haben sehr angestrengten Dienst, be- sonders die Kompagnieoffiziere. Ter deutsche Offizier zeigt frühzeitig eine A:llage zum Starkwerden, was selbst der schwere Dienst nicht verhindert: wahrscheinlich verdankt er dies der Gewohnheit des Biertrinkens, zwar von einer leicht«: Sorte, aber in großen Mengen."
„Vor 30 Jahren war die deutsche Infanterie in einen ernsten Krieg verwickelt. Hat ihre feldmäßige Ausbildung gleichen Schritt mit der veränderten Kriegs- führung seit dem ruhmreichen Feldzug von 1870^71 gehalten? Die brittsche Armee ist rauh aus ihrem Schlummer erweckt worden — bei der deutschen wird es sicherlich einmal ebenso sei::!"
Zum Beweise für die in den letzten Kassandra- Worten enthaltene Verurteilung der taktischen Ausbildung unseres Heeres schildert der Verfasser, der „mehreren tattischen Übungen beigewohnt" zu _ haben versichert, eine Gefechtsübung von drei Kompagnieen in der nächsten Nähe von Tientsin. Hierbei hatten zwei Kompagnieen über eine Ebene von etwa 780 Meter einen Angriff gegen die dritte, in Verteidigungsstellung be- findliche zu unternehmen. Der Angriff verlief, nach seiner Schilderung, dem Exerzierreglemeull entsprechend. Bei der Durchführung des Angriffs wäre sehr auf genaue Richtung gehalten worden, der Verteidiger hätte von jeder Offensive Slbstand genommen :c „Tie Offiziere schienen durchaus zufrieden mit dein beiderseitigen taktischen Verhalten; diese fröhliche Selbstzufriedenheit ist in der heutigen deutschen Armee sehr bemerkenswert! Ein
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckomström.
(32. Fortsetzung.)
Sre fand die Dame schon in Hut und Handschuhen. Ter junge Berchtold drückte sich mit verlegenem ^Gesicht in den Ecken herum. Die Hausfrau trug deutlich Spure:: vergossener Tränen im Gesicht und w-ar sehr blaß.
„Es freut mich, daß es dem Herrn Konsul besser geht und Sie ohtie Sorge aussahren können!" bemerkte Jenny.
„Ach, wo denken Sie hin! Es geht ihm keineswegs besser. Aber ich bedurfte einer kleinen Auffrischung, die mir wohl zu gönnen ist."
„Soll ich dann nicht lieber hier bleiben?" schlug das Mädchen vor. „Wenn es Ihrem Herrn G-em-ahl recht wäre —"
„Danke, nein. Es würde ihn genieren. Es ist mir lieber. Sie begleiten mich. Ich habe schon meinen Leuten eingeschärft, nach- ihm zu sehe::."
Je>:ny konnte sich die geröteten Augen der anderen schwer mit der Lieblosigkeit zusammenreimen, die einen Kranken der Sorge der Dienstboten überließ, und folgte in einiger Betroffenheit den beiden rasch Vorangehenden zum Wagen hinab, der sie dem Conservatoire zuführen sollte.
Die Fahrt war' eine entschieden unbehagliche. Jenny hätte am liebsten ihren Gedanken nachgehangen, versuchte jedoch aus Höflichkeit ein Gespräch in Gang zu bringen, 'ohne damit bei ihren Gefährten Anklang zu finden. Dieselben wechselten nur hie und da halbe Worte, verblümte Andeutungen, welche Jenny nicht verstand, aus^denen ihr nur hervorging, daß zwischen ihnen eine starke Spannung bestehe. Vorwurfsvolle Blicke flogen hin und her und -zuweilen ungeduldige Seufzer. Ter unbeteiligte:: Zuhörerin schien es, als spiele sich hier in ihrer Gegenwart der letzte Akt eines kleinen Dramas ab.
Endlich mochte die Dame fühlen, daß sie ihrer jüngeren
Begleiterin ein Wort der Erklärung schuldig sei. Sie sagt mit einem schwachen Versuch zun: Lächeln: „Unser junger Freund hier steht an einem Wmdepunkt seines Lebens. Er verläßt uns morgen, um seine Verlobung zu feiern. Ich werde mich fortan ohne meinen großen Sohn behelfen müssen. Kaum daß ich noch heute zum letztenmal seine Begleitung erbitten konnte!"
Es hatte etwas Rühreirdes, zu sehen, wie diese immerhin ältere Frau ihren Kummer hinter der durchsichtigen Maske des Scherzes zu verbergen strebte. Jetzt wußte Jenny, weshalb man sie mitgenommen habe. Jedenfalls hatte Berchtold den Vorschlag gemacht, _ um unwillkommenen Auseinandersetzungen durch die Gegenwart einer dritten Person enthoben zu sein.
Teilnehmend betrachtete sie das schmerzlich bewegte Gesicht der Frau. Diese litt offenbar wie sie selbst, und die Übereinstimmung ihrer Empfindungen sicherte der Älteren das Mitgefühl der Jüngeren. Ganz obenhin beglückwünschte sie Berchtold und sah dann schweigend aus die Straße hinaus.
Sie führe:: jetzt an dem Hause vorüber, in welchem Engler wohnte. Jenny beugte sich vor und schaute zum Atelier empor. Das breite Fenster stand ans. Es kam ihr vor, als brenne Licht dort oben, doch war sie ihrer Sache nicht sicher. Das Atelier lag zu hoch.
Trotzdem hatten ihre scharfen Augen recht gesehen. Engler befand sich in der Tat zu Hause.
Er ging unruhig in dem engen Raum hin und her und rauchte eine Cigarette nach der anderen. Fanchon hockte auf dem Podium und kratzte sich nachdenklich am Fuß. Das war eine Lieblingsbewegung von ihr, wenn sie über etwas nachsann. ~
„Wenn ich nur wüßte, weshalb Sie so schlechter Laune sind!" bemerkte sie nach einer Weste in schnippischem Ton. „Ganz nervös kann man von dem Hin- und Herlausen werden!"
„Sie sind schuld daran, wenn ich verstimmt bin."
„Natürlich wieder ich."
„Ja, Sie haben mich zurückgchaltcn, als ich zu
meiner Braut gehen wollte, bis es endlich zu spät geworden ist. Was muß sie jetzt nur von mir denken! Ihr Brief war so nett und lieb. Ich wäre gern sofort zu ihr gelaufen! Ta setzten Sie es sich in den Kopf, mir den ganzen Nachmittag über bis zur Dämmerung Modell zu stehen, aus reiner Kaprice, denn ich sah es Ihnen ja an, daß es Ihnen schwer wurde."
„Und ich glaubte Ihnen gerade einen Gefallen damit zu tun, weil ich morgen nicht komme."
„Weshalb nicht?"
„Weil ich nicht mag. Ich habe etwas anderes vor."
„Wahrscheinlich wollen Sie herumstreichen, sich wohl gar nach einem anderen Atelier umtun? Vielleicht sind Ihre alte:: Freunde inzwischen zurückgekehrt und machen Ihnen glänzende Anerbietungen?"
Er blieb vor ihr stehen und sah sie lauernd, mit zusammengezogenen Brauen an.
„Vielleicht."
Fanchon legte die Hände ineinander und begegnete unschuldig lächelnd seinem Blick.
„Frauenzimmer!" begann er drohend. „Wenn Sie mir jetzt einen Streich spiele:: und davongehen, wo ich Lie am nötigsten brauche —"
Sie brach in ihr helles Kinderlache:: aus.
„Ich soll mich wohl vor Ihnen fürchten? Machen Sie nur nicht solch ein böses Gesicht! Das imponiert mir gar nicht. Es scheint mir übrigens, daß der Moment nie eintritt, in dem Sie mich nicht notwendig brauchen."
„Sie haben mir Glück gebracht. Ich kann Sie nicht loslassen. Das Glück würde sonst wieder mit Ihnen davongehen."
„Sie sind ein. närrischer Mensch! Bald erheben Sie mich in den Himmel, und gerade, wenn ich mich bemühe, Sie zufrieden zu stellen und Ihnen m:t Engelsgeduld einen halben Tag hindurch sitze, weil ich weiß, daß Ihn«: daran liegt, das neue Bild so bald als möglich ausstellen zu können, schelten Sie mich."
„Wären Sie heute früh pünktlich gekommen, wie es verabredet war, hätten wir die Sitzungen in den Vor-
