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Beilage mm Wiesllaüener Tagdlalt.

Uo. 45. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch, den 28. Januar.

51. Jahrgang. 1903.

£ arme ZukunftI Durch da» Ueberniaß von Hoffnungen, k»

« & e . bl f F f! 1 ?'" "ur sie setzen, verliert sic sait ihren ganzen L ^ Reiz, sobald sie zur Gegenwart wird. K

* Maxim Gorki. -»

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(7. Fortsetzung.)

Die Sängerin.

Roman von E. Schöyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.

Elsa wurde ersucht, einige Minuten zu warten. Sie mußte etwas über ihr früheres Leben erzählen, und Madame Gemam gab ihnen verschiedene Praktische Rat- schlage betreffs der Lebensweise in dieser frernden Stadt und schloß auf folgende Weise:

„Legen Sie genau Gewicht darauf, daß Sie eine magere und kräftige Nahrung bekommen. Es ist die erste Bedingung für die Schöicheit und Stärke der Stimme, alles Einzelne beruht auf der Konsütution eines jeden Sängers. Aber vor allem Pflegen Sie Ihren Körper! Kein Vogel rechnet genauer nüt der Nahrungs- frage als die Nachtigall. Sie kann in jeder Beziehung eine Lehrmeisterin für den Sänger sein. Die Deutschen sagen, daß man mit der Seele singt, aber nach meiner Meinung muß man mit dein Körper und vor allem mit dem Gehirn singen. Dies mag Ihnen vielleicht ein bischen eigentümlich erscheinen, da das Instrument ja rm Halse sitzt. Aber ich meine, daß das Gehirn den Kehlkopf beherrschen muß. — Das Leben des Sängers", schloß sie, „ist bloß eine Kette von täglichen Aufopfe­rung«:, sowohl in materieller als in geistiger Beziehung.

Aber damit erkauft man sich später die Triumphe.--

Adieu, meine Damen! Wir treffen uns also morgen um zehn Uhr!" und damit begleitete sie sie an die Tür, ohne daß sie ihre Bemerkungen mit anderen Worten als Ja! und Nein! beantworten konnten.

„Sie hat ein großartiges Rednertalent", rief die Majorin aus, als sie das Haus verlassen hatten; ich kam buchstäblich nicht dazu, ein einziges Wort zu sprechen, und ich begriff auch höchstens die Hälfte von Allem, was sie sagte."

„Ich verstand jedes Wort", antwortete Elsa zu- frieden, „mir gefiel sowohl ihr Aussehen als ihre klugen Ratschläge. Ich fühle es, daß ich bei ihr die rechte Stütze finden werde."

Nunmehr begann eine ernste Arbeitszeit und die Studien wurden nach ganz anderen Regeln als früher geleitet. Es hieß wirklich wieder mit dem Anfang zu beginnen, wie die französische Lehrerin gesagt hatte.

Während der erster. Zeit durste sie nichts Anderes als die Töne des Mittelregisters üben, denn Madame Gemain behauptete, daß auf diese Weise die höchsten und niedrigsten Töne voller und reicher würden. Wenn man dagegen sofort die Stimme zu den äußersten Grenzen hinaufzuschrauben suche, würde das Mittelregister schwer und farblos.

Jeden Morgen ging sie zu Madame Genrain, um einige Skalen zu singerr und damit war ihr persönlicher

Anteil am Unterricht vorbei. Später hatte sie Lektionen bei einem italienischen Balletmeister, der seine Schule in einem alten Theater an einem der äußersten Boule­vards der Stadt hatte. Hier wurden ganze Schauspiele nur mimisch aufgeführt. Es war ein vollständiges Pantomimerrstudium.

Der Lehrer war ein hagerer blonder Herr mit spitzen Gesichtszügen und balletmäßige:: Gebärd«:.

„Es gibt keine Stimmung oder Gemütsbewegung, die nicht durch eine bestimmte Attitüde oder Geste aus- gedrückt werden könnte!" sagte er. Und man sei nun Sänger, Schauspieler oder Pantomimiker, so müssen diese körperlichen Ausdrücke für die inneren Gefühle dieselben bleiben."

Die Schüler bekamen neue Aufgaben, an jedem Tage — Erwartung, Reue, Jubel, Hoffnung, Verzweiflung, Tod.

Des Nachmittags war Theaterschule an derselben Stelle, bestehend aus einer französischen und einer italienischen Klasse; dort sammelten sich die Schüler beiden Geschlechts und der verschiedensten Nationen. Der Lehrer, einer der Sterne am Thäätre frangais, war ein alter dicker Herr mit gutmütigem Aussehen, das übrigens sehr schreckeinjagend werden konnte, wenn er die Schüler anschrie. Gewöhnlich saß er in der Prosceniumsloge, dicht neben der Bühne und machte von dort aus seine Bemerkungen mit tiefer Baßstimme. Sein kräftigstes Mittel bestand darin, die Fehler der Schüler lächerlich zrr machen und zu übertreiben. Unter den Schülern befanden sich mehrere, welche sich nicht für das dramatische Fach, sondern für die Oper ausbildeten; aus Rücksicht auf diese ging man zweimal in der Woche Operntexte durch, statt Schauspiele.

Dieses Rollensüidium in der fremden Sprache be­reitete Anfangs Elsa die größten Schwierigkeiten, aber 'sie griff die Sache mit größter Energie an und der Eifer wuchs nüt den Kenntnissen.

„Wo mag Herr Bergström geblieben sein?" fragte Elsa eines Abends; „es ist doch sonderbar, daß er sich gar nicht sehen läßt. Er versprach ja, uns zu besuchen."

Einige Augenblicke später schellte es an der Entreetür und sie ging hinaus, um zu öffnen.

„O, wie merkwürdig!" rief sie. „Wir sprachen gerade von Ihnen."

Bergström drückte lächelnd ihre Hand.

„Ich fürchtete, zudringlich zu erscheine-.:", antwortete er. Er nahm seinen Überrock ab und folgte ihr in das Wohnzimmer, wo die Majorin ihn willkommen hieß.

„Die Damen haben wohl auch Manches während der ersten Zeit zu tun gehabt?"

„Ja, aber jetzt sind wir glücklicherweise in Ordnung und alles geht jetzt seinen geregelten Gang", antwortete die Majorin.

Der Maler nahm auf einem niedrigen Stuhl der Wirtin gegenüber Platz, während Elsa den Spiritus- kochcr anzündete, um Wasser zu kochen und Thee zu be­reiten.

„Ich bin in der ganzen Stadt umhergelaufen, um ein billiges Atelier zu erlangen. Schließlich hatte ich fast die Hoffnung aufgegeben. Alle, die man gebrauchen konnte, waren zu teuer, ich nmßte ja jeden Sou be­

rechnen. Aber schließlich hörte ich von einem Russen sprechen, der so freundlich gewesen war, zu sterben, unh> dessen Atelier für den halben Preis vernüetet werden sollte." , ,

Er erzählte nun, wo er seine Mahlzeiten einnahm, von Landsleuten, die er getroffen rc. Die Majorin da­gegen berichtete von Elsas Studien und von dm frmrdm Lehrern in ihrer heftigen Art und Weise und mit ihrem aufbrausmden Gemüt.

Ter Maler blieb dann während mehrere:' Stunden.

„Ach, wie ist cs doch hier bei Jhnm traulich", sagte er. „Das ist doch etwas ganz anderes, als meine finstere Kambüse hinter dem Atelier. Ich habe nur einige MöbÄ und dann zieht es dort vom Boden und vom Dach; :ch glaube, mein russischer Kollege hat sie nur als Rumpel­kammer bmutzt."

„Es tut uns leid, dies zu hören", rief Elsa.

„Sie müssm uns recht oft besuchen, wenn Sie nuhts Besseres Vorhaben", sagte die Majorin, der bererts der lebhafte Umgang, woran sie in Stockholm gewöhnt war« zu fehlm begann. , , r -

„Ich danke, gnädige Frau; das tue :ch mehr als gern", antwortete er. „Hier ist es in der Tat ausgezcrch- net angenehm zu weilm", und er sah sich in dem klemm viereckigen Zimmer um, dessen Möbel nach der Mode jener Zeit sehr klein und hellbezogen waren. Ein niedriges Sofa in geblümten Plüsch mit den zugehörigen Sesseln, auf der einen Seite das Piano und der Notmständer und gegenüber ein kleiner Schreibtisch von Rosenholz, e:n- gelegt mit Perlmutter, eine Menge künstlicher Blumen -— die frischen schaden der Stimme —, aber diese purpur­roten Rosm und brandgelben Tulpm, so nwisterhaft nach­gebildet, daß ein ungeübtes Auge unmöglich in ihnen Menschenwerk hätte vermuten können. Über dem ^,:sch hing eine rot und grüne orientalische Lampe, die ernen milden farbenreichen Schein iiber das Zimmer ver­breitete. „ „.. „ , . .

„Ich sehe, daß Künstlerinnen auch hauslrch sern können", sagte er, indem sein Auge auf Elsa ruhte, d:e wiederum den Theetisch abdeckte. „Das hätte ich me ge­glaubt."

„O nein, in der Regel habe ich weder Zeit mach Lust dazu", antwortete diese aufrichtig.

„Wir habm ein Dimstmädchen, das des morgms kommt und während des ganzen Tages bleibt. Elsa hat anderes zu tun, als in die Küche zu gehen."

„Nun, das kann ich wohl begreifen", sagte er; „das Fräulein ist ein Gmie, wie ich gehört habe. S:e be­kommen sickierlich einst ein Schloß und Millionm und ver- heiratm sich mit einem Prinzen.

„Nun, das will ich hoffen", antwortete die Majorm, die nunmehr auf ihr Lieblingsthema kam: Elsas groges Talent, und wie ihre herrliche Stimme Aufmerksamkeit schon von ihrer Kindheit an erweckt habe.

„Nein, liebe Mutter", unterbrach Elsa sie, „das kann doch Herrn Bergström nicht interessieren."

„Ja, gewiß, versicherte er; jetzt kommt es mir fast vor, als ob ich das Fräulein bereits von klern an gekannt hätte, und als ob wir unser ganzes Leben hindurch gute Freunde gewesen wären."

(Fortsetzung folgt.)

Um^den zu Anfang und am Schluffe jedes Monats sich stark drängenden Verkehr bei der Nassauifchen Sparkasse behufs Anlage und Rücknahme von Spareinlagen thun­lickst zu vertheilen, wird unsere hiesige Harrptkasse — Abrheilung für Anlage und Rück- nähme von Spareinlagen — bis auf Weiteres in jedem Monat vom 1. bis einschl. 5. und vom 25. bis Monatsschluß — die Sonn- und Feiertage ausgenommen — auch Nachmittags von 3 bis 5 Uhr für den vorbezeichneten Geschäftsverkehr geöffnet sein. F 288

Wiesbaden, den 22. September 1902.

Directio» der Nassanischen Landesbank.

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