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S1. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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^46» Berlags-Fcrnsprccher No. 2853.

Mittwoch, den 28. Januar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1803.

Abend-Ausgabe.

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„Wiesbadener Tagblatt"

zu abonnieren, findet sich Gelegenheit

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Der Panama-Kanal.

Aus Washington ist gemeldet worden, daß der Vertrag zwischen den Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika und der Republik Kolumbien, der die Bedingungen des Panama-Kanalbaues regelt, unter­zeichnet worden ist. Zwar hat der Vertrag noch beider­seits die parlamentarische Genehmigung zu finden, aber daran, daß diese erfolgen wird, ist nicht zu zweifeln. Der amerikanische Senat, frem das Abkommen zur Zeit zur Genehmigung vorliegt, dürfte sich nahezu einstimmig für dasselbe erklären, denn dieses Abkommen entspricht fast durchweg der Spooner-Bill, welche im Juni vorigen Jahres von beiden Häusern des Kongresses angenommen wurde. Was aber die parlamentarische Genehmigung des Vertrags seitens Kolumbiens betrifft, so ist dieselbe nur eine reine Formsache. Die Republik Kolumbien hatte überhaupt von vornherein keine sonderliche Neigung, auf den Kanalplan einzugehen, der sie in so enge und deshalb nicht ganz ungefährliche Beziehungen zu der Union bringt. Aber Kolumbien ist nur so weit gefragt worden, als es die internationale Schicklichkeit unbe­dingt mit sich brachte, im übrigen aber hieß es: Der Bien' muß!

Was den Inhalt des Panama-Vertrages betrifft, so besteht der Vorteil für Kolumbien darin, daß es eine ein­malige Abfindung von 10 Millionen Dollars und eine jährliche Subvention von 250 000 Dollars von der Union erhält, und Geld ist in Kolumbien ein ebeiiso begehrter, wie rarer Artikel. Für diese Abfindung tritt Kolumbien einen 6 englische Meilen Breiten Landstreifen auf der Landenge von Panama ab und giebt seine Zusttmmung, daß hier ein Kanal angelegt wird, über den die Union das Schutzrecht ausübt. Es heißt in diesem Vertrage aus­drücklich, daß das Gebiet ain Kanal neutral sein soll und daß die Vereinigten Staaten von Amerika seine Neu­tralität, sowie die, freilich rein nominelle, Oberhoheit

Kolumbiens garantieren, ebenso wie auch Panama und

Colon zu Freihäfen für diejenigen Kauffahrteischiffe er­klärt werden, welche den Kanal durchfahren. Aber diese vertragsmäßig garantierte Neutralität und die recht fragwürdige kolumbische Oberhoheit ändern nichts an der Tatsache, daß die Vereinigten Staaten von Amerika tat­sächlich den Kanal beherrschen werden, und daß diese Be­herrschung im Falle eines etwaigen Krieges für die Union eine ganz hervorragende Bedeutung haben wird, da der Kanal eine leichte Vereinigung des Atlantischen und des Pazifischen Geschwaders der nordamerikanischen Kriegsflotte ermöglichen wird.

Welchen Wert die amerikanische Regierung auf die militärische Seite des Panama-Kanals legt, geht schon daraus hervor, daß in dem Vertrage mit der Union eine Bestimmung enthalten ist, derzufolge die Union berech­tigt ist, das abgetretene Gebiet mit ihren eigenen Truppen zu schützen, falls Kolumbien dazu nicht in der Lage wäre. Diese Bestimmung ist auch geeignet, einiges Mißtrauen gegen die Absichten der Amerikaner zu erregen, und des­halb ist auf Verlangen Kolumbiens in den Vertrag die ausdrückliche Versicherung ausgenommen worden, daß die Vereinigten Staaten nicht beabsichtigen, der Ober­hoheit Kolumbiens Eintrag zu tun, oder ihr Gebiet auf Kosten Kolumbiens oder anderer Staaten von Süd- und Centralamerika zu vergrößern.

Ein weit stärkeres Gegengewicht gegen etwaige Er- oberungsgelüste der Union als dieser Paragraph des Vertrages bildet freilich der Umstand, daß die Nord- ameritarier mit der Eifersucht aller süd- und mittel- amerikanischer Staateil zu rechnen haben, welche wohl wissen, daß ein Eingriff der Nordamerikaner in die lln- abhängigkeit eines süd- oder mittelamerikanischeu Staates eine Gefahr für alle diese Staaten bedeuten würde, die, wie Valentin zu Gretchen, den Vereinigten Staaten von Amerika zurufen könnten: „Du fingst mit einem heimlich an, bald kommen ihrer mehre dran."

Nicht uiinder bedeutsam ist für die Amerikaner und noch weit bedeutsamer ist für die Weltwirtschaft die wirt­schaftliche Bedeutung des geplanten Kanals, der den Atlantischen mit dem Großen Ozean verbinden soll. Diese Bedeutung, von der die Nordamerkkaner selbst­verständlich in erster Linie, daneben aber auch alle anderen Nationen profitieren werden, läßt sich an: einfachsten niid am deutlichsten dadurch kennzeichnen, daß der Paiiama- Kanal die Route Liverpool-Sau Francisco um 9527 Kilometer abkürzen wird. In diesen ungeheuren Weg­abkürzungen für die Schiffahrt und den Handel liegt die Hauptbedeutung des neuen Weges, der durch die Durch­stechung der 73 Kilometer breiten Panama-Enge ge­schaffen werden soll.

Was die Kosten des Riesenunternehmens betrifft, so werden sie anf 130 Millionen Dollars geschätzt, wozu noch 40 Millionen für den Ankauf der Rechte der Panama-

Gesellschaft und 10 Millionen Abfindung an Kolumbien

kommen. Wir wünschten freilich jedem unserer Leser die Differenz zwischen diesem Voranschlag und den wirklichen Kosten, welche heute auch noch nicht annähernd zu taxieren sind, da die Schwierigkeiten und Hindernisse, auf die man bei dem Kanalbau stoßen wird, noch nicht abzusehen sind. Tie Fertigstellung des Kanals soll im Jahre 1917 erfolgen, aber man wird, wie etlidje Milliön­chen, so auch noch etliche Jährchen zulegen können.

Averg-Kmungkn.

Bon Siadtrat H. v. Fraukenberg.

Eine wunderbare Erscheinung ist hier und da durch die neue deutsche Haudrverksgeseygebuug ins Leben ge­rufen: ein paar Gewerbetreibende, denen es an der nötigen Rührigkeit nicht fehlt, haben oft mit einem sehr bescheidenen Häuflein Getreuer sich entschlossen, zur Wahrung der gemeinsamen gewerblichen Interessen eine Innung zu bilden, obwohl die Gesamtzahl der Betei­ligten hinter einem vollen Dutzend um einige Köpfe zu­rückbleibt. Geht dann die Behörde auf die Genehmigung ein, so ist die „Zwerg-Innung" fertig, und zahlreiche Bogen beschriebenen wie bedruckten Papiers geben ihr das 0)eleite ins Leben, bis allgemeine Körperschwächc oder auch ein rauher Windstoß persönlicher Mitzhellig- keiten dem seltsamen Gebilde ein Ende macht. Was ist die Ursache für das Auftanchcn solcher winzigen Körper­schaften? Häufig wohl der Ehrgeiz einzelner, die als Obermeister oder doch wenigstens als Borstandsmitglied der neuen Innung gern eine Rolle spielen, vielleicht so­gar mit Hülfe dieser Vorstufe ihre Wahl in die Hand­werkskammer, in gesetzgebende Versammlungen re. be­treiben möchten, vielfach indcß auch ein sehr ehrliches, treugemeintes und selbstloses Streben, mit dem eine überschwängliche Vorstellung von dem Nutzen des Zu­sammenschlusses, zu derartigen gewerblichen Bereinen Hand in Hand geht. Das Allheilmittel gegen mancherlei Schäden unserer wirtschastlichen Entwickelung, gegen das Ilberwiegen der fabrikmäßigen, kapitalkräftigen Betriebe, gegen Borgsystem, unlauterer Wettbewerb, Auswüchse der Konsumvereine und dergleichen, glaubt mancher Handwerker in der Zwerg-Innung, und sei sic auch noch so klein, gefunden zu haben. Die Enttäuschung folgt dann auf dem Fuße, und der Vorwurf, der sich gegen die Gründer der nicht lebensfähigen Schöpfung richten sollte, wird wohl gar gegen die Behörden und gegen Dritte erhoben, weil sie nicht genügendes Wohlwollen für den Schwächling gezeigt haben. Einigkeit macht stark; aber nicht jede Einigung Gewerbetreibender muß sofort sich in eine Innung umgestalten — lieber gar keine Innung, als eine allzu kleine, kümmerliche! Es gibt Mittel und Wege genug, nun den guten Kern, der in der Absicht der Gründer steckt, aus der Hülle heraus zu schälen und in anderer Weise nutzbar zu machen, Gerverbevereine und gemeinnützige Veranstaltungen der verschiedensten Art

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckoivström.

(31. Fortsetzung.)

„Das ist für ein junges Mädchen Ihres Alters ein merkwürdig naiver Standpunkt, den ich nicht umhin kann anzuzweifeln. Liebes Kind, gerade heraus gesagt: Ihr Studium interessierte mich gar nicht, weil ich die Überzeugung habe, daß eine Dame in meinem Fach nie­mals etwas leisten wird."

„Wenn Sie das doch lieber von vornherein offen ausgesprochen hätten! Aber Ihre Worte klangen damals ganz anders."

„Ich brauchte einen Vorwand, um mit Ihnen zu- sammeuzukommeu, und als ich sah, daß Sie noch einige Zeit die Zürückhaltende zu spielen gedachten und die Farce dieses Unterrichts fortgesetzt zu sehen wünschten, ging ich immer wieder aus Ihre Wünsche ein. Sie werden zugestehen, daß wir sehr angenehme Stunden miteinander verlebten, und meiPe Unterhaltung schien Ihnen nicht zuwider zu sein."

Jenny warf das Papierwtzsser fort und stampfte mit dem Fuß.

„Wie konnten Sie meinem Verhalten eine solche Deutung geben! Einzig und allein der Respekt vor dem großen Gelehrten hielt mich ab, Ihnen Vorstellungen über die Zeitvergeudung zu machen."

„Das ist Unsinn, mein Kind. Sie haben sehr gut gewußt, daß ich Sie liebe und der Unterricht nur ein leerer Vorwand war. Lassen Sie uns jetzt die alberne Blaste beiseite werfen und zu gegenseitiger Klarheit kommen. Überlassen Sie die Gelehrsamkeit mir, und widmen Sie sich in Zukunft ausschließlich dem Studium der Liebe. Sie wissen jetzt, daß ich Sie anbete, und damit fällt die letzte Schranke zwischen uns Das Leben soll von nun an für uns beide ein wundervolles Feen­märchen werden. Ich bin reich und trage einen be­rühmten Namen. Sie sollen meine Erfolge mitgenießen, wie es von jeher die Freundinnen der Männer, die im

Vordergrund der Weltbühne standen, getan haben. Meine Welt wird Sie nnf Händen tragen, und es soll Ihnen nie an dem Luxus fehlen, der zu Ihnen gehört wie der kostbare Rahmen zu einem schönen Bilde. Wenn Sie wollen, stelle ich noch heute Ihre Zukunft sicher, um Ihnen das Gefühl zu nehmen, abhängig von mir zu sein."

Er trat schnell auf sie zu und umfaßte sie.

Jenny hörte ihm zuerst wie betäubt zu. _ Ihr schwindelte. Seine Worte stiegen ihr zu Kopf wie ein Rausch, so daß sie den Sinn derselben nicht gleich voll­ständig faßte. Nur das begriff sie, daß der große Ge­lehrte, zu dem sie aufgesehen hatte wie zu einem Gott, sie liebe, und es verwirrte sie dermaßen, daß sie nicht mehr wußte, wie sie sich zu benehmen habe. Dann kam ihr allmählich das Verständnis der Situation, und blitz­schnell ging es ihr durch den Kopf: „Guter Gott, bin ich das, Jenny Hoverdink, die sich so etwas sagen läßt? Bin ich in dieser verdammten Stadt schon so weit hcr- untergekommen, daß ich dies anhöre und ihm liicht ins Gesicht schlage?"

Und dabei stand sie fortdauernd im Bann der heiß erregteii, flüsternden Stimme, konnte um ihr Leben nicht das befreiende energische Wort finden, das mit eiiiem Schlage Klarheit geschaffen hätte. Die beklem­mende Schwüle des Septemberabends lähmte ihre Energie. Sie war so müde von allem, was während der letzten Zeit an ihren Nerven gezerrt hatte, so abge­spannt und unglücklich. Ein Kind hätte fie, in diesem Augenblick beeinflussen können.

Mit einmal kam ihr wie aus weiter Ferne eine Vision. Es war ihr, als sähe sie ein gutes, kluges Ge­sicht, das weder mit der Heimat noch mit Engler in Verbindung stand und doch erlösend auf sie wirkte, denn in demselben Moment empfand sie die Worte, die sie mit anhören mußte, wie eine ungeheuerliche Beleidigung.

Mit kräftigem Abscheu stieß sie die Arme, die sich um ihren Nacken legten, zurück:

„Hören Sie auf! Sie beschimpfen mich!"

„Jenny, ich beschwöre Sie, jetzt keine Zimperlichkeiten

mehr!" flüsterte er, in seiner Erregung nicht begreifend,

daß der Erfolg, den er in der Hand zu halten schien, ihm entglitt. „Wir haben nns immer zu einander hin- gezogen gefühlt —"

„Aber ich liebe Sie nicht."

„Trotzdem kamen sie zu mir, so oft ich es wollte. Sie mußten wissen, daß ich daraus meine Schlüsse ziehen würde."

„Ich kan: voll ehrliche:: Eifers und voll Vertrauen zu Ihren Versprechungen."

„Sie hätten sich selbst sagen können, daß mm: in zwei Abendstunden nicht das tägliche Universitätspensum bewältigen kann."

„Nein, ich glaubte Ihnen blindlings, und Sie haben mich belogen! Dafür verabscheue ich Sie."

Lebruiis Gesicht veränderte sich. Seine Hellen Augen hatten jetzt einen maliziösen Ausdruck.

„Es überrascht mich, daß in Ihren Empfindungen für mich ein solcher ümschwniig eingetreün ist. Als wir unsre Zusammenkünfte begannen, waren Sie mir offen­bar günstiger gesinnt. Hätte ich diese Wwidlung voraus- seheii können ,so würde ich nicht meine Zeit nutzlos ge­opfert haben. Ich hätte Ihnen dann von vornherein gesagt, daß es besser sei, Sie legten Ihren kindlichen Traum von Berufsstudium zu den Toten. Nach meiner allerinnersten Überzeugung besitzen Sie für ein Fach wie das meinige nicht die nötigen Fähigkeiten. Diesmal bin ich wirklich aufrichtig, wenn ich Ihnen versichere, daß Sie es niemals weit darin bringen werden. Ich bezweifle überhaupt, daß Sie das erste Examen bestehen. Hat man Ihnen jemals Aussicht dazu gemacht, so geschah das wohl nur Ihrem hübschen Gesicht zuliebe."

Ter Schlag hat getroffen. Ein Ausdruck hilflosen Schreckens ging über ihr Gesicht.

„In der Liebe ist alles erlaubt."

„Das war grundschlecht."

„Ich posiere nicht auf Vortrefflichkeit' und wie ge- sagt, ich war in Sie verliebt. Eine junge Dame, die in Paris für sich allein privatisiert, mutz es sich gefallen lassen, daß man sie für vogelfrci ansieht."