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Wiesbadener Tsglilatt.

S1. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. S» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

10 , 00 © Abonnenten.

Slnzeigen-Prcisr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

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A Ul^eigeN ^nnayme nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, ,edoch nach Möglichkeit Sorge getragen. ___ -

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Redaktions-Fernsprechcr No. 52.

1803.

Mbend-Üusggabe.

Amerika gegen Europa.

Aus London wird berichtet: Bei der gegen­

wärtigen politischen Lage haben zwei fast gleichzeitig er- schienene englische Bücher, die sich sehr gut ergänzen und in denen sich auch der Kampf der neuen gegen die alte Welt widerspiegelt, ein besonderes Interesse. Das eine, „Economic and Industrial Progreß of the Century" von H. de B. Gibbins, faßt die beherrschenden Faktoren in dem merkwürdigsten Jahrhundert, das Industrialismus und Erfindung je gekannt haben, kurz zusammen; das andere, „American Industrial Problems" von W. R. Lawson, ist eine spezialisierte Betrachtung der Vereinigten Staaten, dem Wunderland des Kommerzialismus. Aus den Daten dieser Bücher seien einige schlagende Beispiele für die Ent­wicklung des letzten Jahrhunderts mitgeteilt. Vor siebzig Fahren erhielt in England der Kesselschmied nur Soldatensold, 13 Pence täglich, und vierzig Jahre waren nötig, um diesen Lohn auf 2 Sh. 7 Pence pro Tag zu bringe::. Ähnlich war die Besoldung für den Steinmetz. Der Stand dieser beiden Klassen war typisch für die industrielle Gesamtheit. Natürlich ist der Wert des Lohnes durch die Kauffähigkeit des Geldes bestimmt. In England gibt jemand, der 31 Sh. wöchentlich verdient, 14 Sh. für Nahrung aus; in Frankreich, wo der Durch­schnitt wöcheirtlich 21 Mk. beträgt, sind 12 Mk. für Nahrung zu rechnen. Die Zunahme der Löhne war die natürliche Folge des wachsenden Wohlstandes des Landes. Gibbons zeigt die ungeheuren Schritte, die Amerika, Deutschland, Frankreich und andere mit England rivali­sierende Völker vorwärts gemacht haben; aber er erinnert daran, daß Enaland den Weg zurFabrikation gezeigt hat. Besonders begünstigt waren nach seiner Meinung die Amerikaner. Sie konnten sogleich die besten englischen und europäischen Erfindungen sehen, Jahre mühseliger Versuche übergehen und sich ohne weiteres die reifen Er­fahrungen europäischer Mechaniker und Ingenieure an­eignen. Vor hundert Jahren förderte England jährlich 10 000 000 Tons Kohle, jetzt in demselben Zeitraum fast 200 000 000 Tons und dazu 8 500 000 Tons Eisen, je 110 000 Tons .Kupfer und Blei und 15 000 Tons Zinn. Die Kohlengewinnung allein beschäftigt 800 000 bis 900 000 Menschen, und der Heizungsvorrat dauert, nach dem jetzigen Konsum berechnet, noch weitere 500 Jahre. Das Textilgewerbe hat sich während der Regierung der Königin Viktoria fast vervierfacht. Der Verbrauch an Fasern in britischen Spinnereien ist von 854 000 000 Pfund im Jahre 1840 auf über 30 000 000 000 Pfund im Jahre 1896 gestiegen, d. i. etwa 77 Pfund auf den Kopf öer Bevölkerung. England verbraucht jetzt % der

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(30. Fortsetzung.)

Doch jetzt blieb sein Scherz ohne Wirkung. Diese Zumutung war zu stark.

„Ich will nicht unverrichteter Sache heimkehren!' rief sie heftig. „Das wäre eine zu große Demütigung."

„Dann tun Sie, was Sie nicht lassen können. Ich will Ihnen meinen Rat nicht aufdrängen."

„Jetzt sind Sie böse."

„Ach, wacrrm nicht gar!"

„Ja, ich sehe es; aber ich kann nicht! Nein, ich kann nicht! Wie sie über mich spötteln würden alle die, welche mich ein emanzipiertes Frauenzimmer nannten, weil ich einen Beruf ergreifen wollte!"

„Und das ist so schwer zu ertragen?"

„Für Sie vielleicht nichts Sie steh«: gewiß über diesen Dingen; mir jedoch wäre es -entsetzlich."

„Ein einigermaßen groß angelegter Charakter sollte wohl über solche Kleinlichkeiten hinwegkommen, und da- für fyolte ich ©ic/*

„Ich mache keinen Anspruch darauf. Außerdem liebe ich mein Studium. Was sollte ich auch wohl zu Hause anfangen?"

„Wer hindert Sie, sich dort nach Herzenslust wissen­schaftlich zu beschäftigen, bis Sie einmal in das eigne Haus übersiedeln?"

„Das wird vielleicht nie der Fall sein. Nein, ich wiederhole, meine liebsten Hoffnungen will ich nicht aus- geben."

„Ist es nicht ein ebenso schwerer Entschluß, eine Ver­lobung zu lösen? Darüber würde eine gewisse Kategorie übelwollender Menschen sicher auch spötteln. , Sie haben meinen Rat hören wollen, verehrtes Fräulein, und ich gab denselben nach bestem Wissen. Ist es Ihnen aber wirklich so unüberwindlich, Ihre Carriere aufzugeben, so wollen wir zuverlässige tüchtige Privatlehrer suchen, welche Sie so weit bringen, daß Sie bei Beginn des Wintersemesters wieder in die Universitätskurse ein­

in der ganzer: Welt erzeugten Gespinstfasern. Damit

fDerbett jäfjtltd)' über 4 000 000 Meilen SüunitroHpeuQ fabriziert, mehr als in allen übrigen europäischen Ländern zusammen. Tic Wolltextilfabrikation m Eng­land hat einen jährlichen Wert von 1 240 000 000 Mk. und bezahlt ihren Arbeitern täglich 1 000 000 Mk. Aber auch Deutschland und Frankreich steigen, und England importiert ihre Tuche. Deutschlands Gesamtmanufattur (14 000 000 000 Mk. jährlich) kommt der Englands sehr nahe Die deutsche Stellung verdient, wie Gibbins schreibt, sorgfältige Betrachtung, denn es bedrängt Eng- land überall. Sein Erfolg ist nach Gibbins drei Haupt­tatsachen zuzuschreiben: dem durch die natwnale Einigung gegebenen Anstoß, der großen Anpassungsfähigkeit der deutschen Fabrikanten. und der fystematiichen Erziehung zu Handel und Technik. Bis jetzt behält England 20 brs 25 pCt. des Gesamthandels der Welt, es folgt Deutsch­land mit fast 11 PCt., Frankreich mit etwa 9 pCt., die Vereinigten Staaten mit etwas mehr als 9 pCt. Wenn die Ausbeute der Koloniem hinzukommt, zeigt das britische Kaiserreich einen Rekord von etwa sitz des ganzm Welthandels. Wenn nun aber Amerika jetzt immer stärker als gefährlicher Konkurrent gegen das alte Europa hervortritt, so findet Lawson die Fähigkeiten, die zu Amerikas ungeheurem Fortschritt geführt haben, in der „Freimaurerei" des amerikanischen Handels. Es zieht alle die verschiedenen Handelszweige zusammen und inacht sie einander dienlich. Alles, sogar die Kirchen, werden nach geschäftlichen Grundsätzen geleitet. Daneben geht ein beispielloser Grad der Konzentration von Ge­schicklichkeit und- Käpital. Jede Industrie wird mehr oder wmiger vom Millionär und seinen Genossen be­herrscht. Dieser Mllionärgeist drängt sich in die Banken, Eisenbahnen, Schiffahrtsgesellschaften, Eismwerke und selbst Detailgeschäfte. Sogar die Farmer sind davon er­griffen und- Planen jetzt 200 000 000 Dt.-Syndikate zur Finanzierung ihrer Ernten. Die Amerikaner haben die guten und schlechten Eigenschaften der tättgsten lebende:: Rassen absorbiert. Eine solche- Mischung von Nationali- täte::, wie sie sie darstellen, ist beispiellos. Gründlichkeit, Kühnheit, Beharrlichkeit sind die hervorragenden Charak­ter-Eigenschaften der amerikanischen Arbeiter, und nicht wenige sind genial. In Amerika hat man sich noch nicht vergegenwärtigt, daß zi: weitgehende, mutige Finanz­wirtschaft Tollkühnheit ist. „Es ist erstaunlich, daß Menschen mit solchem Genie für den Handel, wie viele Amerikaner ihn haben, blind gegen den höchsten Prüfstein finanzieller Solidität, unbefleckten Kredit, zu sein scheinen. Wenn die Amerikaner davoi: sprechen, daß New-Ijork das Geldcentrum der Welt wird, ahnen sie wenig, wie französische und deutsche Bankiers eine solche Möglichkeit betrachten. Sie bewahren ihre Spargelder in London, weil sie wissen, daß London der sicherste und bequemste Platz dafür ist. Wenr: sie davon hörten, daß

springen können. Ich werde sofort die nötigen Erkund:- gungm einziehen und- stelle nur die Bedingung, daß alle Beziehungen zu Lebrurr ein für allemal aufhören. Sie wundern sich vielleicht über meinen kategorischen Ton, doch vergessen Sie nicht, daß Sie mich zu Ihrem Beicht­vater ernannt haben."

„Sie verachte:: mich gewiß?" brachte Jenny zaghafte hervor.

„Nicht die Spur. Ich- weiß selbst, wie schwer es ist, auf Lieblingswünsche zu verzichten. — Übrigens, mein liebes Fräulein, hier trmnen sich für den Augenblick unsre Wege. Ich lege Ihnen nur noch ans Herz: welche Richtung Sie auch einschlagen, um sich- aus Ihren Schwierigkeiten herauszuwickeln, versuchen Sie nicht, sich durch kleine Seitenpfade durchzuschmilggeln. — Auf Wiedersehen!"

Ritter lüftete höflich den Hut, ohne ihr, wie sie er­wartet hatte, die Hand- zu geben, und verabschiedete sich eilig. An der Biegung der Straße wandte er sich noch einmal und sah, wie sie mit gesenktem Kopf in sehr nieder­geschlagener Haltung davonging.

„Dummer Kerl!" brummte er ganz laut vor sich hin. „Was hast du hinter dem Mädel herzuseh-en?"

Elftes Kapitel.

Jenny setzte sich sofort an den Schreibtisch, um an Engler zu schreiben. Es wurde ihr schwer. Der richtige Ton wollte sich nicht finden lassen. Die ganze Unter­redung mit Ritter klang noch in ihrem Innern nach. Erst als sie die Einleitungsformel getroffen und sich in eine warme Stimmung hineingedacht hatte, flössen ihr die Worte herzlich und beredt aus der Feder.

Sie bat Engler um der Liebe willen, die er einst für sie gehabt, ihrenZeilen ein offenesHerz entgegenzubringen, schilderte die Zweifel, die von ihr Besitz ergriffen hatten, und ihre beiderseitige Lage.

„Wir wollen rms doch nicht verlieren, mein lieber guter Max", hieß es dann weiter; „und doch scheint es mir, als wären wir beide aui dem besten Wege dazu. Laß uns versuchen, wieder Vertrauen zu einander zu haben und in offeiwr Aussprache alles zu beseitigen, was sich zwischen uns erhoben hat. Es macht nach unendlich

Londoner Bankiers sich in Morgan-Kombinationen wer-

fen, ivürden sie ihre Kontos in Lombardstreet bald schließe::." Lawson entwirft ein beunruhigendes Mid von dem kommenden unvermeidlichen Kampf zwischen 40 und 60 reichen Leuten auf einer Seite, die jeden Zweig des Handels erwürgen und sich zrir industriellen Diktatrrr aufgespielt haben, und- achtzig Millionen ent­rüsteter, Lohn verdienender Amerikaner auf der anderen Seite. Die wahrscheinliche Folge von Amerikas Einfall in Europa wird nach Lawson dasAufwach-e-n der europäischen Länder zu beispiellosen Anstrengungen und zur Ent-- Wicklung einer Generation geschickter Arbeiter und Organisatoren sein, die sogar die kundigsten amerika­nischen Industriekapitäne in den Schatten stellen werden.

Preußischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 26. Januar.

Im Abgeordnetenhause wurde heute die zweite Lesung des Etats fortgesetzt, rind zwar bei dem Kapitel Einnahmen des Forstetats. — Bei der im ganzen unwesentlichen Debatte plädiert Abg. Kaute (Centr.) für eine Verbesse­rung der Avancemeutsverhältnisse der höheren Forstbe­amten, die am schlechtesten dastehen von allen höheren Beamten. Die Wartezeit der Assessoren über 6 Jahre müsse auf das Dienstalter angerechnet und die Civil-' forstassessoren den Feldjägern gleichgestellt werden. — Minister v. Podbielski erklärt, daß die Forstver- waltung bestrebt sei, dem Wunsche des Vorredners Rech­nung zu tragen. So schweben Verhandlungen über die Unwiderruflichkeit der Beschäftigung der Assessoren. — Abg. Krause (freikons.) unterstützt die Anregung des Abg. Kaute. Die Wartezeit der Civilforstassessoren über; 6 Jahre hinaus müsse unbedingt augerechnet werden. —; Abg. v. Köliche n (kons.) bemängelt die Ausbildung der: Forstlehrlinge. — Auf Anregung des Abg. Schmitz; (Centr.) erklärte der O b c r l a n d f o rstm ei st er cs: als nicht in der Bestimmung der Verwaltung liegend,! den Forstassessoren die Übernahme von Kommunalforst­stellen zu erschweren. — Abg. Meyer (nat.-lib.) wünscht Anrechnung der Dienstaufw-andsentschädigung für die Förster bei der Pensionierung. — Der Oberland­forst meist er lehnt das unter Hinweis auf die be­stehenden Gesetze als unmöglich ab. — Abg. Hofmann (nat.-lib.) wünscht die Erhöhung der Dienstaufwands­entschädigung, was der Minister ablehnt. — I)r. Lotichius (nat.-lib.) ersucht die Regieruug, auch für die Zukuilft dieselbe Summe wie diesmal für den Ankauf von Forsten in den Etat etnzustellerr, wenn auch die finanzielle Lage des Staates gegenwärtig keine günstige sei. Es empfehle sich eine möglichst gleichmäßige Ver­teilung der Summe sowohl auf die östlichen, wie auf die westlichen Landesteile. Namentlich im Westen habe man

traurig, daß das alte gute Einvernehmen verloren ging, Vielleicht habe ich gefehlt und versäumt, dir das Ver­ständnis entgegenzubringen, das du berechtigt warft, von mir zu erwarten. Verzeih es mir und gib mir ein Zeichen Deiner Liebe, indem du mich unverzüglich nach Empfang dieses Briefes aufsuchst. Ich bereue aufrichtig, nicht schon längst eine Verständigung mit dir gesucht zu haben, und bin bereit, dir jedes Zugeständnis zu machen, das sich mit Selbstachtung verträgt. Aber wenn ich inich schuldig bekenne, so prüfe auch du dich ob nicht 'gleich-' falls ein wenig Vernachlässigung auf deiner Seite vor- liegt. Du hast während der letzten Zeit fast ausschließ, lich einem Einfluß Gehör gegeben, der, wie ich fürchte, unheilvoll für dich war. Es ist nicht Eifersucht, wenn ich dich bitte, dich davon freizumachen, sondern das warme Interesse, das ich an Dir und dem Fortbestand unserer' Beziehungen habe. Gern sehe ich ein, daß Tu ein gutes Modell zu Deinen Arbeite:: brauchst; nirnmt dasselbe dich jedoch auch in: gewöhnlichen Leben derart in An­spruch-, daß du darüber meine Existenz vergißt :ind dich mehr und mehr von mir entfernst, so gebietet mir der- Stolz, dich vor die Wahl zu stellen entweder sie oder ich! Doch ich will in diesem Augenblick nicht den Stolz heraus­kehren, der in Anbetracht meiner eigenen Fehlgriffe übel angebracht wäre. Nur bitten möchte ich dich so recht von Herzen, jedes bittere Wort, das je über meine Lippen gekommen, vergeben und vergessen sein zu lassen; dann ist, zwischen uns alles wieder gut, und wir können getrost auf eine glücklich Zukunft warten. Ich- bleibe bis gegen acht Uhr abends still zu Hause. Komm! Es erwartet: dich mit offenen Armen Deine Jenny'."

Sie schickte den Brief durch den kleinen Sohn ihrer Wirtin direkt in Engters Atelier rind machte sich dann an die weit schwierigere Aufgabe, den: Professor zu schreiben.

Zweimal mußte sie den angefangenen Bogen zer> reißen. Bald klangen ihr die Worte zu unfreundlich, bald wieder zu verblümt, nicht klar genug. Sie mochte ihn nicht verletzen, aber auch nicht in Zweifel darüber lassen, daß es ihr fester Entschluß sei, durch ihre Be- - Ziehungen einen endgültigen Schluß zu machen.