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st. Jahrgang.

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^0. 42 * BerlagS-Fcrnsprecher N«. 2953.

Montag» den 26. Januar.

RedaktionS-FernsPrecher No. 52.

1903.

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Jur PrttMmlKrisrs.

ü. Berlin, 25. Januu..

Mit übertriebener Wichtigkeit werden die Einzel­heiten der Ballestrem-Frage nach der persönlichen Seite hin in mehreren Blättern behandelt. Die Wichtigtuerei, mit der erzählt wird, welche Besuche Graf Ballestrem empfing, welche Eröffnungen ihnr gemacht wurden und welche Bemühungen man im Centruin und auf der Rech­ten aufwendet, um ihn zur Annahme der Wiederwahl zu bewegen, dies alles mag die nächsten Freunde des Präsi­denten interessieren, daneben auch die Leute, für die das politische Leben nur in der Form des Klatsches genießbar wird, aber sonst ist dies wirklich ganz belanglos, und es tritt an Bedeutung jedenfalls hinter die noch immer un­gelöste Frage zurück, was den Grafen Ballestrem be­wogen hatte, jede Erörterung der Kaiserreden zum Krupp-Fall unbedingt zu verhüten. Solange nur der „Vorwärts" in ziemlich undurchsichtigen Andeutungen von einer von außerhalb des Reichstags gekommenen Anregung gesprochen hatte, konnte man immerhin glauben, daß mit diesen Bemerkungen nur aus den Busch geschlagen werden solle, daß die Sozialdemokratie nichts wisse, aber gern erfahren möchte. Jetzt bekommt die Sache ein anderes Gesicht dadurch, daß die „Kölnische Volkszeitung" ziemlich unverblümt wiederholt, was der „Vorwärts" gesagt hatte. Man erfährt darum aller­dings noch nicht, was nun eigentlich geschehen ist, wer jene verhängnisvolle Anregung gegeben hat, welchen In­halt sie hatte, in welcher Weise Graf Ballestrem (nach den Mitteilungen des „Vorwärts") mißverstanden haben soll. Man sieht nur, daß sich eine Episode abgespielt hat, deren aufregende Äußerlichkeiten schlechterdings gleich­gültig sind gegenüber ihrem sachlichen Gehakt. Man kann auch sagen: Es ist vielleicht garnicht so erheblich, obgleich es natürlich von größtem Interesse wäre, den Urheber der augedeuteten Anregung zu kennen, da die

entscheidende Tatsache 'eben die ist, daß cs solche von außerhalb des Reichstags gekommene Anregung über­haupt gegeben hat. Vielmehr, um die erforderliche Vor­sicht zu bewahren, es handelt sich einstweilen nur um mangelhaft substantiierte Behauptungen in der Presse und nicht um eine bewiesene Tatsache, aber die Sache ist von solcher Bedeutung, das; schon diese Andeutungen einiger Blätter, darunter, wie gesagt, der „Kölnischen Volkszeitung", ausreichen sollten, um diejenigen, die es angeht, zu einer klaren und unumwundenen Darstellung des wirklichen Hergangs zu bewegen. Wenn die „Kölnische Volkszeitung" es zu acceptieren scheint, daß dem Präsidenten mildernde Umstände außerordentlicher Art zuzubilligen seien, so muß ein Einfluß obgcwaltet haben, dem auch eine selbstbewußte Natur aus die Dauer nicht widerstchen konnte.

❖

hd. Berlin, 24. Januar. Der Reichskanzler Graf Bülow stattete dem Grafen Ballestrem, nachdem er ge­hört hatte, daß dieser sein Amt als Reichstagspräsident niedergelegt habe, einen Besuch ab. Wie das „B. T." zu berichten weiß, werden für den Fall, daß Graf Vallestrem die Wiederwahl ablehnt, jetzt als Centrums- Kandidaten für den Präsidentenstuhl die Abgeordneten Gröber und Roeren genannt. Freiherr v. Hcrtling komme nicht in Frage, weil seine sonstige Tätigkeit ihn zu sehr in Anspruch nehme.

hä. Berlin, 24. Januar. Auch heute erklärte die „Germania", es könne darüber kein Zweifel mehr sein, daß Graf Ballestrcm mit großer Mehrheit zum Reichs­tagspräsidenten wieder gewählt werden wird. Damit werde die Präsidialkrisis im Reichstage eine ebenso selbst­verständliche als glückliche Lösung finden.

Berlin, 25. Januar. Von gut unterrichteter parla­mentarischer Seite wird dem „B. L.-A." gemeldet: Bei der Prästdial-Krtsts handelt es sich eigentlich um nichts weiter, als um Mißverständnisse. Weder der Kaiser noch der Reichskanzler hatte mit dem Grafen Ballestrem über den Fall Krupp gesprochen. Auch von keiner anderen Seite oder privaten Personen war irgend ein Einfluß auf ihn geübt worden, die Besprechung dieses Falles im Reichstage zu verhindern, was sich übrigens Graf Ballestrem auch verbeten haben würde. Auch ist die An­nahme des führenden Organs der Konservativen unzu­treffend, daß ihn die Besorgnis, das monarchische Gefühl der großen Mehrheit des Reichstages könnte verletzt werden, zu dem Verbot veranlaßt hätte. Graf Ballestrcm würde gewiß dem Abgeordneten von Vollmar die Kritik der kaiserlichen Reden gestattet haben, wenn dieser es so geschickt angcfangen hätte wie der Abgeordnete Bebel. Daß Graf Ballestrem dann die Kritik der kaiserlichen Reden untersagte, als Herr v. Vollmar den Fall ganz auszuscheiden versprochen hatte, ist nur so zu erklären, daß Graf Vallestrem eine Auseinandcrhaltung beider Gegenstände in der weiteren Debatte für alle Parteien, auch für die Rechte, für ganz undurchführbar hielt. Er

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckorvström

(29. Fortsetzung.)

„Das ist wirklich eine Überraschung!" rief er. _ „Ich wollte heute zu Ihnen gehen, um Ihnen die Mühe zu sparen, mich auszusuchen —" Er stockte und sah aus Jenny.

„Fräulein Hoverdink, der ich vorhin begegnete, und die so liebenswürdig war, mich zu begleiten", stellte Ritter vor. — „Herr Leonardi. — Vielleicht geben Sie der Dame einen Stuhl, während wir unsere Angelegen­heiten besprechen. Wir stören Sie nicht lange."

„Von einer Störung kann überhaupt keine Rede sein. Ich bin Ihnen ja so unendlich dankbar. Keiner Ihrer Kollegen würde das für mich getan haben was Sie tun."

„Schon gut!" unterbrach ihn der andere und sah hunioristisch lächelnd zu, wie Leonardi mit seinen hageren Gliedeni fahrig umherschlenkerte, um Jenny zu einem Sitz zu verhelfen, was nicht ganz leicht schien, da sämt­liche Stühle des sehr einfachen Gemachs mit Büchern und Manuskripten beladen waren. — „Ich bin mir nicht recht klar darüber, ob der Entwurf der letzten Illustration Ihren Wünschen entspricht." — Ritter zog die umfang­reiche Brieftasche und entnahm derselben ein Blättchen. — „Wir wollen doch Ehre mit unserer gemeinsamen Arbeit einlegen."

„O, ich verspreche mir großen Erfolg davon, und wenn sie einschlägt, danke ich es nur Ihrer Güte. Die Illustrationen von so geschickter und bekannter Hand müssen ja ziehen, und es ist mir nur so unendlich peinlich, sie als Geschenk von Ihnen anzunehmen."

„Beruhigen Sie sich, mein Lieber. Wenn Sie einmal berühmt geworden sind und Hunderttausende verdienen, können Sie mir ja ein nachträgliches Honorar zahlen. Sehen Sie sich lieber das Blatt da an."

Die Köpfe der beiden Männer beugten sich über die kleine Skizze. Sie verhandelten halblaut miteinander. Ritter beschrieb mit charakteristischen Taumenbewegungen

energisch in großen Umrissen die Gruppierung, und Jenny betrachtete ihn dabei.

Die breite, untersetzte Gestalt schien ihr verschönt und geadelt von einem Schatz feinen Empfindens und unend­licher Herzensgüte, welcher dem Gesicht ausgeprägt war. Wie sanft und behutsam er mit diesem nervösen Mann umging, ihn inimer wieder ruhig zur sachlichen Ver­handlung zurückführend, sobald jener sich in leidenschaft­lichen Danksagungen ergehen wollte. Obgleich von der Arbeit um den eigenen Lebensunterhalt vollauf in An­spruch genommen, hatte er_ doch noch Zeit gehabt, dem Beistandbedürftigen freundlich Hülfe zu leihen.

„Madame empfing uns", bemerkte Ritter,^ nach Er­ledigung seiner Frage wieder zu dem Hut greifend, „ver­schwand jedoch so schnell, das; ich nicht Zeit fand, ihr meinen Respekt zu Füßen zu legen. Es geht ihr gut?"

„Vortrefflich. Sie glauben nicht, wie glücklich wir miteinander sind. Meine Familie redete mir eindringlich von der Heirat ab, weil Jeanne arm ist, aber ich bin froh, daß ich meinem eigenen Kopf folgte."

„Alle Wetter noch mal, ja!" übersetzte Ritter frei aus dem Sächsischen ins Französische. „Etwas Hübscheres als Madame läßt sich schwer finden. Nur ein bißchen Vermögen hätte sie schon haben dürfest."

„Ich bin stolz darauf, daß sie es nicht hat!" rief der Schriftsteller mit blitzenden Augen. „Alles, was meine Frau braucht, kann ich ihr verschaffen. Sie ent­behrt nichts. Ich arbeite mit doppeltem Eifer, seit ich ver­heiratet bin. Sie wissen noch nicht, daß ich das Glück gehabt habe, Mitarbeiter an einem unserer gelcsensten Blätter zu werden?"

„Ich gratuliere."

„Das nimmt mich freilich sehr in Anspruch, doch wenn ich meine Lage mit der meines Bruders vergleiche, der in ein Geschäft hineingeheiratet hat, scheint es mir, als hätte ich das bessere Los gezogen. Meine Schwägerin hat ja Geld, ist aber den ganzen Tag im Laden tätig, um ihr eingebrachtes Vermögen noch zu vergrößern, und ist dann abends müde und abgearbeitet. Nun frage ich Sie, welche Erholung kann ein Mann bei einer Frau

glaubte offenbar, daß immer wieder ans den Fall Krupp zurückgcgriffen werden würde, von der einen Seite, um die Empörung des Kaisers als unbegründet und von der anderen Seite, um sie als begründet zu beweisen. Ob die „unterrichtete Seite" des „B. L.-A." wirtlich gut unterrichtet ist, dürfte doch noch sehr zweisclhaft sein. — Ob Graf Ballestrcm das Amt des Präsidenten wieder übernehmen wird, dürfte von der Entwickelung der Dinge bis zum nächsten Donnerstag abhängcn.

Urrrchischer Landtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 24. Januar

Im Abgcordneteuhause wurde heute in erster und zweiter Lesung die Gesetzesnovelle, betreffend Gewährung von Wohnungsgeld-Zuschüssen an unmittelbare Staats­beamte, angenommen. Es folgte die zweite Lesung des Domünen-Etats. Die Einnahmen wurden nach längerer Debatte bewilligt. — Beim Titel: Ertrag von Wein­gütern 287 507 Mk., wobei 22 000 Mk. mehr eingestellt sind durch Annahme eines höheren Berkaufsergcbnisses aus den Erzeugnissen, stellt Dr. Glattfcltcr (Eentr.) zur Beruhigung der weinbautreibenöen Kreise an der Mosel und «t der Saar fest, daß nach den vorjährigen Erklärungen und auch den diesmaligen Erklärungen iir der Kommission nicht die Absicht besteht, den staatlichen Weinbcrgbesitz noch weiter auszudehnen. Der Redner spricht seine Genugtuung über den Erlaß des Ministers aus, der die Krankenanstalten ans den Wein für ihre Ver­wendungszwecke aufmerksam macht. — Der Titel wird ohne weitere Äußerung genehmigt. — Zum Titel: Er­trag von Mineralbrunnen und Badeanstalten macht v. Pappen heim (deutschkons.) folgende Mitteilungen aus den Verhandlungen der Budgetkommiffion. Die Verwaltung unserer Mincralbrunnen und Badeanstalten hat uns seit einer Reihe von Jahren sehr bedeutende Drittel gekostet. Besonders im Extra-Ordinarinm finden sich schon seit einigen Jahren sehr erhebliche Beträge zur Ausführung von Neubauten, bezw. zur zeitgemäßen In­standsetzung der vorhandenen Gebäude. Die Staats- regiernng hatte vor einer Reihe von Jahren die Absicht, möglichst die Selbstvcrwaltnng dieser Anstalten einzu­schränken und sic einer großen, kapitalkräftigen Gesell­schaft zu verpachten. Da sich diese Verhandlungen zer­schlugen und auch die Rücksicht auf die Zweckbestimmung der Anstalten es erwünscht erscheinen ließ, sie in eigener Hand zu behalten, beschloß der Staat, von einer weiteren Verpachtung abzusehcn und zunächst alle diese Anstalten den neuzeitlichen Anforderungen entsprechend auszu- rttsten. Auch in diesem Jahre finden Sie zu diesem Zwecke wieder bedeutende Anforderungen. Die Einnah­men stehen, wenn man nur die großen Werte in Rücksicht zieht, in keinem Verhältnis zu den Ausgaben; sie be­tragen 2 417 001 Mk. für das bevorstehende Etatsjahr,

finden, die abgespannt und selbst der Erholung be-

dürftig ist?"

„Gar keine. Da haben Sie sehr recht. Man sollte eigentlich überhaupt nicht heiraten, wenn man die Frau nicht zur Krone seines Lebens machen kann, zur Sorgen­bannerin und Freudenbringerin."

„Das ist die meine in vollstem Maß!" siel der Schrift­steller eifrig ein.

„Da sind Sie gut dran. Doch ich fürchte, Fräulein Hoverdink verliert die Geduld. Adieu, lieber Freund. In spätestens einer Woche erhalten Sie das Bild."

„Wie soll ich Ihnen nur danken!"

„Dadurch, daß Sie endlich davon schweigen. Mir kommt der Dank jetzt bald zum Halse 'raus!" — Dies war nun wieder eine etwas freie Übersetzung, über welche er selbst lachte.

Als sie die Treppen hinabgingen, hatte Ritter einen roten Kopf.

„Glauben Sie mir, bitte, daß ich Sie nicht hierher- führte, um mich vor Ihnen in dem Licht eines Wohltäters zu zeigen", sagte er. „Der Mann hat mir seine Erkennt- lichkeit schon so oft ausgesprochen, daß ich meinte, er müsse sich endlich damit erschöpft haben."

„Ich würde das auch nicht von Ihnen gedacht haben, weiß aber jetzt, daß Sie der beste und großmütigste der Männer sind."

„Das ist wieder so recht Fraucnart, alles zu über­treiben. Ist denn das etwas Besonderes, einem arnien Teufel ein paar müßige Stunden zu opfern? Wir Maler arbeiten so oft umsonst, daß es auf fünf bis sechs Illustrationen mehr ohne Honorar schon nicht ankommt."

„Übrigens ist es mir auch nicht entgangen, weshalb Sie mich in diese Häuslichkeit einführten. t Das ist alles ganz schön, lieber Herr Riter, was Sie mich da mit an­hören ließen, aber ich mußte inich darauf gefaßt machen, in meiner Ehe, wenn ich mich überhauvt verheiraten wollte, ein stark miterwerbender Teil zu werden."

„Hand aufs Herz: was das wirklich Ihr einziger Beweggrund, ein Stadium zu ergreifen, das, wenn es zum Beruf führen soll, Ihre ganze Kraft und Zeit in An-