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5*. Jahrgang.

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Sonntag, den 25. Januar.

N-. 41.

LerlagS-Fernsprecher No. 2953.

RrdaktionS-Fernsprecher N». 52.

1903.

Borgen^usgabe.

ileiöjcs Hcttjt für alle - autz für iiie Frau?

Dieser schöne Zustand „der Gleichheit vor dem Gesetze" besteht leider rrur in der Phrase, allein _ diese beweist schon, daß das Gegenteil unmoralisch, unsittlich und rechtswidrig ist; andrerseits streben alle Zurück­gedrängten nach Gleichberechtigung mit den Bevorzugten und man sollte glauben, es wäre nichts einfacher, als sämtliche Übervorteilte zu vereinigen um dem Zustande der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen. Statt sich nun dieses höchst einfachen Mittels zur Abhülfe zu bedienen, sehen wir, wie die Menschheit sich in Klassen gruppiert, hon denen jede zwar die gleiche Stufe mit der höher stehenden als ihren berechtigten Platz erstrebt, gleich­zeitig aber der von unten nachdrängenden nächsten Gruppe diesen Aufschwung, als Anmaßung, mit allen. Mtteln zur vereiteln sucht. Wer diesem Treiben von höherer Warte aus mit offenen Augen zusieht, der kann sich eines mitleidigen Lächelns nicht erwehren, wenn er immer wieder das Stichwort von der „Civstisation" ertönen hört, von einer Gesellschaft, die es nicht einmal bis zur „Politur" gebracht hat, sondern kaum bis zur Maskerade.

Wenn nun wir Männer unter uns den erbittertsten Kampf um unsere höchsten Güter „Recht und Freiheit" führen, wenn wir die Schwachen immer wieder in ihre Ohnmacht zurückzustoßen versuchen, dann ist es eigentlich kein Wunder, daß wir ein gleiches System gegen die ganze andere Hälfte des Menschengeschlechtes anwenden, denn die Schwachen könnten den Starken gefährlich werden! Kann man sich denn überhaupt ein traurigeres Schauspiel denken als uns, die Söhne, die Gatten, die Väter und Briider im Kampfe gegen unsere Mütter, unsere Gattinnen, Töchter und Schwestern, denen wir die gesetzliche Gleichberechtigung verwehren.

Es gibt heute bereits eine beträchtliche Anzahl von Männern, welche die Frauen im Kampfe um ihre Rechte Unterstützen, allein der weitaus größte Teil von diesen Dütkämpfern macht vor dem politischen Stimmrechte i„Halt". Man will den Frauen wohl eine bessere, zeit- gemäßere Bildung geben, ihnen gestatten für ihren Unterhalt zu sorgen und dergl. Kleinigkeiten mehr, gllein das sollen eben nur Gnadengeschenke sein, die wir ihnen zu jeder Zeit wieder entziehen können, wenn uns dies wünschenswert erscheint. Das Recht, sich selbst zu bertreten, glaubt man ihnen versagen zu müssen aus den allerverschiedensten, kindlich kindischsten Gründen.

Wir Männer, so sagt man, haben die Pflicht, das Vaterland mit den Waffen in der Hand zu verteidigen sind daraus ersteht uns das Recht, auch ganz allein in öffentlichen Angelegenheiten zu entscheiden — die innere

Alleinherrschaft (in der Familie) ist uns ja schon von Kirche und Staat garantiert.

Man kann ohne Bedenken zugeben, daß der Krieg für einen friedlickien Bürger eine sehr, sehr nnangenehine Abwechselung ist, denn oft wird er g e z w u n g e n, die Waffen zu ergreifen, ohne zp ahnen, um was es sich handelt und oft mit der Überzeugung un Herzen, daß unsere Sache keine gerechte sei und daß es ein Verbrechen, Gesundheit und Leben so vieler Menschen für eine Be­leidigung oder für einige Millionen Mark zu opfern. Sodann kommt die Unannehmlichkeit, den häuslichen Herd verlassen zu müssen, Anstrengungen und Ent- behrungen auf langen Märschen zu ertragen, und endlich die sehr nahe liegende Möglichkeit, entweder als Krüppel oder gar nicht mehr heimzukehren. Schon der Umstand, daß wir — als einzelne — nur gezwungen zu den Waffen greifen und in vielen Fällen Blut und Leben für recht unheilige Zwecke wagen, genügt, um dieser Leistung jeden Anspruch auf Vorrecht und Verdienst zu versagen. Bedenkt man aber dabei, daß e§ England möglich war. Hunderttausende von Freiwilligen aller Nationen (auch leider Deutsche) für einen Tagelohn von einigen Schillingen nach Südafrika zu werfen, so müssen wir als ehrliche Männer eingestehen, daß wir unsere Opfer recht niedrig taxieren.

Um gerecht zu sein, müssen wir uns auch den Anteil näher betrachten, dm das Weib am Kriege hat. Wenn der Mann sein Weib, seine Mutter, seine Braut, Schwester und Tochter verläßt, müssen diese dafür nicht auch den Gatten, Sohn, Bräutigam, Bruder und Vater hergeben, schweben diese nicht von: Tage der Trennung an in ununterbrochener Angst und Sorge um uns, während wir sie in der Heimat für geborgen halten? Haben nicht unzählige Familien mit den bittersten Nahrungssorgen zu kämpfen — trotz staatlicher Zuschüsse — nachdem der Ernährer ins Feld gezogen ist, und versagt sich das Weib nicht noch einen Teil des wenigen, um es dem Krieger zu senden? Und wenn der Mann auf dein „Felde der Ehre" sein Leben allzufrüh lassen muß, dann ist er aller Mühe und Not überhoben, während die ^-einigen viel­leicht ihr ganzes Leben an seinem Verluste zu tragen haben. Oder bilden wir uns denn tnirfltd) ein, daß die Witwenrente, Siegeseinzug, Kriegerdenkmäler und dergl. den Frauen Ersatz für ihren Verlust bieten? Aber ich will nicht ungerecht sein, sondern gern konstatieren, daß es auch dankbare Frauen und Mädchen gibt, die gerne auf dem Altäre des Vaterlandes opfern! — Und wenn endlich der Mann als Krüppel heimkehrt, werden da die Seinigen nicht ebenso schwer von seinem Unglücke be­troffen. als er selbst? Nun kommen endlich Verfolgungen und Vergewaltigungen, denen das Weib von dem Tage ausgesetzt ist, an dem der Feind ins Land rückt! Wahr­haftig, es gehört eine große Dosis von Blindheit und niedrigem Egoismus

dazu, umdie Opfer des Weibes in Kriegs­fällen geringer zu schätzen als die der Männer. Andere machen, und kürzlich erst geschah das in diesem Blatte aus bekannter Feder, den Einwand geltend, als wären die Frauen dm Aufregungen des politischen Lebens infolge ihrer leichteren Erregbarkeit nicht gewachsen, büßtm ihre Weiblichkeit ein und müßten notgedrungen für ihre häuslichen und Mutterpflichten verloren sein. Wärm diese Einwände ernst gemeint, so zeugten sie von einer fast rührendm Fürsorge für das weibliche Geschlecht; allein wenn man bedenkt, wie wenig wir sonst bemüht sind, ernstere und fast tägliche Aufregungen von dm Frauen fern zu halten, die viel­mehr geeignet sind, ihr inneres Gleichgewicht zu stören, als die Sorge um ihr 'eigenes und das allgemeine Wohl, w muß man die Aufrichtigkeit dieser Argummte zum mindesten sehr stark bezweifeln.

Zunächst begeht man einm schweren bewußten oder unbewußten Fehler dadurch, daß man die Sache so dar­zustellen sucht, als ob nach Erlangung des politischen Stimmrechtes die gesamte Fraumwelt oder wmigstens die Mehrzahl nichts Eiligeres zu tun hätte, als ihre Häuslichkeit an den Nagel zu hängen, um sich fortan ausschließlich der Politik zu widmen. Diese Generalisie- rung scheint darauf berechnet, uns das unabhängige Weib in möglichst schreckhafter Gestalt zu zeigm. Aber was berechtigt uns denn zu dieser kindischen Schwarz­malerei? Das Beispiel der stimmberechtigten Männer gewiß nicht, denn die Wahlstatistik zeigt uns leider nur allzudeutlich, wie schwer es hält, an den seltenen Wahl­tagen auch nur 60—70% der Stimmberechtigten an den Urnen zu vereinigm. Und die Kammern zeigen uns andererseits, wie wenig ernsthafte, wahre Volks­vertreter aus den Millionen dazu Berechtigter hervor­gehen. Man hat auch noch niemals die Klage ver­nommen, daß selbst der Berufspolitiker als Familien­vater, ja nicht einmal als Arzt, Landwirt, Fabrikant re. untauglich lverde, warum sollte das bei der Frau den» anders sein?

Wenn man berücksichtigt, daß wir gegenwärtig in Deutschland etwa 900 000 Frauen mehr haben als Männer, daß ferner von den 29 Millionen Frauen mindestens 2 Millionen unverheiratet bleiben, weil ebenso viele Männer keinen eigenen Herd gründen wollen oder können, so ergibt sich eine Gesamtzahl von 3 Mill. Frauen., welche — vielleicht trotz sehnlichsten Wunsches — keine häuslichen Pflichten haben. Diese Reserve-Armee würde allein schon genügen, um die paar hundert Berufs­politiker für Kammern und Agitation zu stellen, ohne daß uns Männern vom häuslichen Glücke dadurch etwas verloren zu gehen brauchte. Allein, auch abgesehen von diesem Umstande, wüßte ich wirklich nicht, was dagegen einzuwenden wäre, — auch von unserm männlichen Standpunkt aus — wenn eine erfahrene Hausfrau,

Feuilleton.

Berliner Mmmungslnlder.

Von Paul Lindcnbcrg.

-.Das moralische Gewissen der Welt." — Fremdes Lob klingt. — Moralische Empfindungen. — Ein Abend beim Reichskanzler. — Die parlamentarischen Abende sriiher und jetzt. — Behagliche Stimmung. — Kunst und Theater.

Ach, so'n hübsches, volles Lob klingt doch gar zu nett! Es ist ja nichts leichter, wie im großen Matzstabe zu joben, und nichts schwerer als ein sorgsam begründeter Tadel, aber seltsam, in diesem Falle hält's jeder und djede mit der leichten Seite. Etwas Eigentümliches ist's stm die Suggestion, nicht um jene, die nach Handauflegcn, Streichen, Augenblinzeln, Uhrenticken und Angucken glänzender Gegenstände erzielt wird, indem man danach dem willenlosen Menschenkinöe dies und jenes einredct, sondern um die durch gesprochene und gedruckte Worte erfolgte Suggestion. Hand aufs Herz, wem von uns ist es nicht schon ergangen, daß er mit dem einen oder ande­ren verkehrte und den Betreffenden als charmanten Men­schen betrachtete, bis irgend ein Neidhammel durch eine erfundene Bemerkung das freundliche Bild schnell zer­störte und aus Rosa im Umsehen Schwarz machte,- bei Angehörigen des schöneren Geschlechtes braucht es oft garnicht erst der Rede, da genügt schon ein Blinkern oder ein Hüsteln, ein „Hm, hm" oder Achselzucken, und aus der Tugendprinzessin ist binnen wenigen Sekunden das Gegenteil geworden. Ja, ja, durch die Brille der Nächsten­liebe sieht man plötzlich sehr scharf! Und denselben über­raschenden Erfolg erzielt das gedruckte Wort. Fand hier neulich ein Festmahl zu Ehren Maurice Maeterlincks statt, an welchem, wie üblich bei derartigen literarischen Ver­anstaltungen, eine Menge Bankiers und Börsianer, eine Anzahl Konfektionäre, ein Dutzend Theaterdirektoren und Schauspieler, sowie ein paar Schriftsteller teilnahmen; auf den gewohnten Weihrauch, der diesmal Deutsch ver­zapft und deshalb von Maeterlinck nicht verstanden ward, antioortete der Dichter mit einem französischen Hymnus, in welchem er Deutschland im allgemeinen und Berlin

im speziellen als das „m o r a l i s ch e G e w i s s e n der Welt" bezeichnete.

Herrsch, wie kamen sich am nächsten Morgen, an wel­chem die Blätter den Trinkspruch veröffentlicht hatten, Berlin und die Berliner vor! Man denke, das moralische Gewissen der Welt, und jeder von den zwei Millionen hier und in der Umgebung fühlte sich angenehm gekitzelt und empfand ein wonniges Hochgefühl. Der Kommer­zienrat und Bankdirektor, von dessen Familienidyll eine dieser Tage in der Schweiz erschienene Broschüre die lieb­lichsten Sachen erzählt, schritt dreifach geschwollen durch den Tiergarten, a conto des moralischen Gewissens, die schlanke Schauspielerin mit dem niedlichen Grübchen im Kinn, deren Diamanten an die Geschichten von tausend und einer Nacht erinnern, schlenderte hocherhobenen Hauptes die Linden hinunter — puh, wie war ihr mora­lisches Gewissen gestärkt —, und der Kassierer in der Behrenstraße griff an diesem Vormittag zweimal in die kleine Portokasse, denn der vielcitierte Bitz des Gewissens war sofort unterdrückt worden durch das Lesen jener Rede: „was", sagte der Gentleman, „wenn ich auch ein Stück vom moralischen Gewissen der Welt bin, so wird wohl das bischen Mausen garnicht in Betracht kommen", und er senkte die Hand ein drittes Mal ins Volle.

Na, diese Liste von Beispielen könnten wir noch ge­hörig erweitern, denn gerad' die letzten Tage sorgten da­für, daß man infolge von Duellen, Verbrechen, Sittltch- keitsvergehen, Unterschlagungen und sonstigen anmutigen Attributen der Weltstadt eine« allerliebsten Einblick be­kam in dies am reizvollen Spreegestade frisch etablierte moralische Gewissen der Welt! Und wie steht's in diesem

Punkte mit dem Reichstage-, ja doch, ich merke

schon den strafenden Blick des Chefredakteurs, der mich aber völlig kalt läßt, denn ich wollte ja nur betonen, daß eine große Zahl von Reichstagsabgeordnetcn, auch der linken Parteien, außerordentlich gewissenhaft der Ein­ladung des Reichskanzlers, den Mittwoch­abend bei ihm zu verbringen, entsprachen, und sich die Herren garnicht beeilten, diese Sitzung zu Ende zu bringen, wennschon sie bestrebt waren, den Etat schnell zu erledigen durch häufige Streichungen an den Buffet­schätzer

Sollte einmal eine zusammenhängende Geschichte des Reichskanzlerpalais und der denkwürdigen Ereignisse in demselben geschrieben werden, so müßte eine Schilderung der parlamentarischen Abende einen breiten Platz einehmen. Unter Bismarck geschichtliche Ereignisse, wo weltbewegende Fragen erörtert und die bedeutsamsten politischen Begebenheiten beschlossen und eingeleitet wur­den, unter dem Interregnum Caprivi nichts, unter Hohenlohe ceremonielle Versammlungen vieler schwarz­gekleideter Menschen, die sich.und andere nach der ersten halben Stunde fragten: „Wo gehen wir denn nun hin?" und unter Bülow frohsinnige und interessante Feste, die eine derart behagliche Stimmung erzeugen, daß man sich angelegentlich erkundigt, ob bald eine Wiederholung statt- sindet. Aus den parlamentarischen Abenden sind Gesell­schaftsabende geworden, welche sowohl im Sinne des Gothaschen Almanachs wie in geistiger Beziehung die vornehmsten Kreise Berlins versammeln. Es sind ja auch genügend Reichstags- und Landtagsabgeordncte da, aber sie bilden kaum, wie es früher der Fall gewesen, die Mehrheit und verschwinden in der Fülle der anderen Gäste, die alles verkörpern, was Berlin an Intelligenz besitzt. Weit, im besten Sinne des Wortes, ist der Nahmen der Einladungen gezogen. Neben den Ministern, neben den hohen Beamten und Offizieren trifft man die her­vorragendsten Gelehrten und Forscher, die Direktoren unserer Museen, die ersten Industriellen und Kaufleutc, die klangvollen Zierden der Kunst und Literatur, Jour­nalisten, auch Nichtberliner, zumal solche, deren Unter­stützung im kommenden Wahlkampfe man erhofft, Arzte von Weltruf und Reisende, welche die fernsten Länder durchquert, ausländische und deutsche Journalisten, diese viel zahlreicher, wie auf irgend einem Presse-Kongreß. Und das alles wirrt und schwirrt durcheinander, nichts Steifes und Gemessenes ist zu bemerken, man fühlt sich so recht con amore vergnüglich und gibt sich von seiner besten Seite, alte Bckauutschaftcu werden aufgefrischt, neue geknüpft, manch anregendes Wort wird gewechselt, und daß es nicht in den zwei Stockwerken an zahllosen, traulichen Winkeln fehlt und die Verpflegung ersten Ranges ist, erhöht die allgemeine Zufriedenheit und Wohligkeit.