1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Wo. 4L Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 23. Januar.
31. Jahrgang. 1803.
:
?*
Schönheit der Form
Ist nie fremd der Natur: L
In jeder wahren Kunst L
Findest Du ihre Spur. Ernst Hacckcl. »
***************¥* ************ ***^
(5. Fortsetzung.)
Me Sängerin.
Roman von E. Schöyen.
Dem Norwegischen nacherzählt von Emil Jonas.
IV.
Elsa erhielt also die Aufforderung, sich zur Probe ein- zufinden. Als sie kam, gingen einige Choristen auf der halb finsteren Bühne hin und her. Kein Kapellmeister oder Direktor war sichtbar, schließlich kam ein junger Herr, der dre Chöre einzuüben Pflegte. Er setzte sich ans Piano, das vor dem Soufleurkasten stand und rief in die Coulissen hinein: „Faust! Mephistopheles!" Die beiden Herren zeigteir sich und begannen ihre Duette mit halber Ssimme zu summen. Dann kam die Reihe an Elsa.
Aber da keine der anderen der Künstler ihre Rollen imsführten, mußte auch sie ruhig und unbeweglich stehen bleiben, obgleich ihre Lehrerin ihr anempfohlen hatte, schon von der ersten Probe an alles zu spielen, um Sicherheit für dieVorstellung selbst zu gewinnen. Mephistopheles mußte vor der großen Kirchen-Scene sich entfernen, da kr am Abend Marcel in den „Hugenotten" sang.
^Elsa hatte stets sich das Theater als ein Paradies gedacht, wo alles Schönheit und Poesie atme. Doch, inte war es hier häßlich und unheimlich!
Im letzten Augenblick trat der Sccnen-Jnstrukteur ein und zeigte ihr, von welcher Seite sie kommen und gehen sollte; das war auch alles.
Am nächsten Vormittag waren die Chöre anwesend, aber auch diesmal machte keiner der Solisten sich die Mühe zu spielen. Faust war ja oft schon gegeben worden. Es war Elsa, die unter dem ganzen Personal neu Kar. Sie hatte erwartet, eine Menge Proben zu haben, erfuhr nun aber zu ihrem Schrecken, daß „Faust" bereits !n zwei Tagen gegeben werden solle. Ohne Orchesterprobe! ohne Zusammenspielen! Unmöglich! —
Aber der Herr Direktor war niemals zu sprechen und der Herr Kapellmeister wich ihr sichtlich aus.
„Es ist schamlos!" sagte die Majorin im höchsten rirade aufgebracht. „Nachdem man Dir erst verweigert tat, aufzutreten, tut man jetzt alles, damit es ein Fiasko perde."
Elsa schlief nicht während der zwei letzten Nächte aus anter Unruhe und sie wünschte innig, daß sie von allem M, zurückziehen könnte. Aber dann dachte sie an all die Rühe und all die Sorgen, die chre Pflegemutter für sie ichabt hatte, um sie bis hierher zu führen und die Dank- barkeit spornte ihren Mut.
Der Abend der Vorstellung kam. Margarethas Kostüm war nicht eingenäht worden, obgleich die Garderobiere mehrfach dämm angegangen worden war. Es hing wie rin Sack um den Körper, mit Falten auf dem Rücken und unter den Armen. Alles war verschossen und verblaßt. Aber das ganze Personal hatte gehört, es sei gegen den Willen des Direktors, daß Elsa auftrat, und aus Eifer, dem höchsten Verwalter der Oper recht angenehm zu er- scheinen, zeigte man sich so wenig wie möglich zuvorkommend gegen die Debütantin.
Elsa fühlte einen krampfhaften Schmerz in der Brust und ihre Handgelenke waren brennend heiß; als der Regisseur an ihre Tür klopfte und sie ersuchte, hinab- zugehen, zstterte sie wie Espenlaub am ganzen Körper.
Ein völlig ausverkauftes Haus starrt ihr entgegen. Me wenigen Strophen im ersten Akt gingen gut, aber bald darauf hat sie aufs Neue aufzutreten.
Es ist die Jubel-Arie. Elsa, die nie zuvor mit Orchester gesungen hatte, fällt nicht zur rechten Zeit ein, sie wird verwirrt, kommt aus dem Text, aber findet sich wieder zurecht. Als sie den Blick erhebt, sieht sie im ersten Range ein scharfes Profil unter einem Turm von braunen Locken und römischen Perlen, es ist die Primadonna an der Seite des Obersten. Fräulein Bergmann lacht und spricht während der ganzen Vorstellung: wahr- scheinlich fühlt sie sich unbeschreiblich amüsiert über Elsas Unsicherheit.
Einige der Freunde der Majorin versuchen zu applaudieren, werden jedoch sofort durch Zischen zurückgewiesen und der Vorhang senkt sich unter vollständigem Schweigen.
Während der folgeirden Akte steht die Loge der Primadonna leer. Sie hat es wahrscheinlich nicht mehr aus- hnlten können, die Oper bis zum Schluß mit anzuhören. Elsa fühlt eure große Erleichterung nach ihrer Ent- fernung urrd singt besser.
An mehreren Stelleir kommt die Stimme zu ihrem vollen Recht und der Vortrag verrät warmes musikalisches Gefühl. Aber das Publikum ist nun einmal mißgelaunt und keine Hand rührt sich, um die arme Margaretha zu ermuntern.
Die Majorin kochte vor Wut. Sie wankte zwischen den Coulissen umher und goß ihr Herz nach reckits und links aus. Die Sänger, die Choristen, die Tänzerinnen, der Maschinenmeister, alle mußten erfahren, daß man ihre Pflegetochter auftreten ließ, ohne ein einziges Mal mit dem Orchester probiert zu haben. In anderen Ländern repetiere man oft während mehrerer Monate; das sei ein böser Streich des Direktors. Wenn das Sr. Majestät dem König zu Ohren käme, dann würde der Herr Oberst schon eine tüchtige Nase, vielleicht seinen Abschied bekommen.
Elsa fühlte sich tätlich verletzt; sie vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten, und als die Garderobiere sie von ihrem Kostüm und von der Perrücke befreit hatte, ließ sie sich nicht soviel Zeit, um die Schminke von ihrem Gesicht zu entfernen, sondern warf nur ihre Kleider in größter Eile um sich und eilte aus dem Theater. Sie hatte das Gefühl, als entrinne sie einem Flammenmeer.
Und mich diesem Abend hatte sie sich während mehrerer Jahre gesehnt! Dies war der Anfang zu den herrlichen Feststunden, in welchen sie sich auf rosenroten Wolken hoch über die Erde erhoben gedacht hatte!
Sie wollte der Majorin ihre Verzweiflung nicht zeigen, aber während der halben Nacht lag sie im Bett und weinte.
Am nächsten Morgen kochten in ihr Zorn und Der- achsimg empor. Mes gab ihr Kraft. Es war etwas in der Natur dieses jungen Mädchens, das sie stärkte, sie von dem Mißgeschick nicht niedergedrückt werden ließ.
Während der folgenden Tage hielt sie sich zu Hause, denn sie fürchtete, Hohn in den Blicken aller Vorübergehenden zu lesen.
Die Majorin dagegen war in unablässiger Bewegung. Sie eilte von dem einen Haus in das andere, zu Verwandten und Bekannten. Die ganze Stadt mußte das
gewissenlose Betragen des Mrcktors erfahren, der allein die Ursache des Mißlingens jenes Abends war.
Elsa mußte fort und das sei notwendig, sonst würde das zarte Wesen erfrieren und verkümmern, bevor es zu voller Blüte sich entwickelt hätte. Und um diesen Plan ins Werk setzen zu können, nmßte die Majoriu sich bequemen, mehrere der reichen Herren der Hauptstadt aufzusuchen und um ein Darlehen zu bitteir. Nach kurzer Zeit hatte sie auch so viel zusammengebracht, als sie für das erste Jahr bedurfte, und groß war Elsas Freude bei dem Gedanken, daß sie bald ihre Fittiche erheben und davon fliegen solle. Dort draußen in der großen weiten Welt gäbe es Licht, dort würde man sie verstehen,. dort gälte nur die Gottesgabe, das Talent... und dort stünden ihr alle Wege offen.
„Du sollst erst auf allen großen Theatern, in allen möglichen Ländern singen und ganz Europa soll zu Deinen Füßen liegen", sagte die Majorin. „Und wenn Du dann hierher zurückkehrst, wird man Dir huldigen. Hier irr unseren svießbürgerlichen Verhältnissen wagt niemand eine eigene Meinung zu haben. Übrigens ist es gar nicht der Mühe wert, mehr daran zu denken. w>as Genie gehört der Welt an; das Genie hat kein Vaterland." .
„Aber doch sind es die Leute hier, welche uns das Geld zur Reise gegeben haben!" wandte Elsa em, um das erregte Gemüt ihrer Pflegemutter zu beruhigen.
„Das Geld!" wiederholte die Majorin. „Das ist doch nicht zuviel! Wallfahrten nicht Tausende von Menschen jedes Jahr nach dem Süden, um sich an der Wärme und dem Sonnenschein zu erfreuen? Me Kunst ist der Sonnenschein des Lebens, und, um die Freu«; daran zu erlangen, können die Alltagsmenschen wahrlich auch bezahlen. Sie werfen alltäglich Geld für erne Masse Sachen zum Fenster heraus, die weit weniger Wert haben."
V.
Auf der Reise von Köln nach Paris saßen die beiden Dameii in demselben Coupd mit einem jungen blonden Herrn. Er war sehr mager, hatte eine grade Nase, ttes- liegende blaugraiie Augen, blühende Wangen und einm kurz abgeschnittenen Schnurrbart. Der Mund war groß, die Lippen schmal, der Rock sah ziernlich berschosien aus und auf dem Kopfe saß ein großer, brettkrampiger
^^Er^'sah mitunter Elsa mit einem schnellen, scheuen Blicke an. Dann nahm er ein Skizzenbuch hervor und begann zu arbeiten. Man konnte nicht recht sehen, ob er schrieb oder zeichnete. Als er damit aufhorte, zündete er sich eine Cigarrette an uiid dampfte so stark, daß der Wagen bald voll von Rauch war. , , m .
'„Elsa, laß uns das Fenster öffnen", sagte die Maiorm auf Schwedisch. „Es ist doch im höchsten Grade ungezogen, daß man raucht, wenn man sich m Gesellschaft von Damen befindet."
Elsa öffnete das Fenster. „Nein, es ist ganz un- möglich! Das zieht viel zu stark. Ich kann meine Stimme verlieren, wenn ich in solchem Zuge sitze!" sagte sie ärgerlich, und schloß das Fenster wieder. „Ern solch unge- zogener Mensch, es ist wohl ein derstscher Student ' Der blonde Herr lächelte und ließ seine Cigarette auS- ttefyett.
„Wenn es die Damen geniert", sagte er, ebenfalls auf Schwedisch, „werde ich gewiß nicht rauchen._ Nach allem, was ich höre, scheinen wir Laiidslcute zu sein."
(Fortsetzung folgt.)
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