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erläge zum Wiesbllüener Tagdlatt.

Uo. 39. Morgen-Ausgabe.

Kamslaz, den 24. Januar.

51. Jahrgang. 1903.

Nicht« hat der Mensch in sich so sehr zu bezähmen, als P* seine Einbildungskraft, die beweglichste und zugleich die gefährlichste aller menschlichen Gemütsgaden.

Herder. ^

$irfW¥* 9 ¥¥**WWW¥¥v 9 ¥¥WW*W+W 9 *¥¥¥¥¥ 9 *? 9 * (4. Fortsetzung.)

Die KangerZ».

Roman von E. Dchöyen.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JonaS.

Einige Tag« später begab sich die Majorin und ihre Pflegetochter nach deni alten schmutzigen Theatergebäude und fragte nach dem Büreau des Direktors.

Zuerst wurden sie in einem halbfinsteren Korridor gewiesen, wo einige dienstbare Geister saßen, stets bereit, auf deit Ruf der Glocken von den inneren Zimmern her zu lauschen. Einer dieser THeaterdiener führte sie in das angrenzende Zimmer, wo eme ganze Schar von Leuten aus Audierrz wartete. Am Fenster standen zwei Schreib-

& lte, an welchen zwei junge Herrn Briefe kopierten und groben Folianten arbeiteten.

Me Frau Majorin und Elsa nahmen Platz auf einern Sofa und saßen fast zwei Stunden, bevor die Reihe an sie kam.

Schließlich wurden sie zu dem allmächtigen Mann bincingeführt, der da§ Schicksal so vieler Menschen in feiner Hand hielt. Es war ein kleineres Zimmer, dessen Wände mit Porträts älterer Mitglieder des Theaters behängt waren.

Vor dem Fenster stand ein Regal, auf dem Papier- rollen und Manuskripte lagen.

Der Gewaltige selbst saß an einem Schreibstsch, aber als er den Ramen auf der Visitenkarte gelesen hatte, er­hob er sich und grüßte.

„Frau Majorin sind vermutlich Witwe des Majors Carsten von Wikner, der ein guter Freund meines jüngsten Bruders war."

„Ja, ganz recht", antwortete sie.

„Wollen die Damen nicht näher treten und Platz nehmen? Und womtt kann ich Ihnen zu Diensten sein?"

Man setzte sich, und die Majorin begann ihren Plan zu entwickeln. Elsa verhielt sich schweigsam und blickte imausgesetzt den Direktor an, dessen Äußeres sofort ihr Mißfallen erweckte. Der Kopf war sparsam von grauen Haaren bedeckt und die Augen senkten sich fortwährend zu Boden. Das barllose Gesicht mit den schmalen blut­losen Lippen erinnerte zugleich an ein Schaf und einen Fuchs.

„Herr Oberst, ich kann Sie versichern, daß sie ein wirkliches Wunder ist", sagte die Majorin. „Sie ist ein dater- und mutterloses .Kind, das ich auf dem Land« ge- iben habe, wo mein Bruder HardeSbcmptnrcmn ist. ve Stimme hat geradezu eine ungewöhnliche Klcmg- 'be und einen außergewöhnlichen Umfang. Und dazu sie eine gründliche musikalische Bildung."

„Daran zweifle ich durchaus nicht", antwortete der

Oberst, „wenn ich nicht irre, so hatten Sie, Frau Majorin, auch einmal Lust, zum Theater zu gehen?"

„Ja, Herr Oberst, das war der Traum meiner Jugend", erwiderte sie mit einem leichten Seufzer, „allein die Verhältnisse waren mir nicht günstig. Jetzt hoffe ich indes die Freude zu haben, mein« Pflegetochter das erfüllen zu sehen, was nur versagt worden ist. , Sie Herr Oberst, werden uns sicher die Freundlichkeit er­weisen und sie mchören."

„Welche Sttmme hat daS Fraulein?"

„Dramattscher Sopran", antwortete Elsa.

„Ach, ihre Stimme ist so wunderbar schön", fuhr die Majorin fort, "man bekommt Tränen in die Augen, wenn sie singt."

Elsa trat ihrer Pflegemutter auf den Fuß, um sie zu bitten, mit ihrem Lobe inne zu halten, zudem es keinen besonders starken Eindruck auf den Theater-Direktor zu machen schien.

„Nun ja, Frau Majorin werden von mir hören!' — und er tat einige Fragen iubetreff der verschiedenen Geschwister ihres Mannes, welche er auch gekannt hatte. Dann drückte er die Hände der beiden Damen, verbeugte sich verbindlich und folgte ihnen bis zur Tür.

„Du wirst sehen, es geht schon", sagte die Mazorm zufrieden, als sie die finstere Treppe hinabstiegen.

„Du solltest mich nicht so gelobt haben", antwortete Elsa. „Es ist peinlich für mich, solche Lobgcsänge mit cm- zuören. Ich sehe, daß die Zuhörer den Mund dabei verziehen."

„Ach, liebes Kind, das ist durchaus notwendig", be­hauptete die Majorin. „Er hat ja nicht den geringsten Begriff von Musik und solche Menschen lassen sich stets von denen am meisten imponieren, die am meisten sprechen."

Vierzehn Tage später erschien ein Bote vom Theater mit der Nachricht, daß die Probe am folgenden Morgen stattfinden sollte. Der feinste Sonntagsstaat wurde her- vorgeholt und so sichren sie zu der schicksalsschwangeren Zusammenkunft.

Ein Sekretär zeigte ihnen den Weg durch das Foyer in einen großen Raum, in dessen Btttte ein Flügel stand und längs den nackten Wänden einzelne Stühle. Der Kapellmeister war bereits erschienen. Es war ein liebens­würdiger, etwa vierzigjähriger Herr mit braunen, strahlenden Augen und einer hohen, lichten Stirn. Er setzte sich ans Piano, schlug einige Akkords an und fragte, was sie studiert habe?

In demselben Augenblick ttat der Direktor ein imd die Probe begann.

Sie sang eine kleine Partie aus „Faust und Margarethe".

„Bravo!" sagte der Kapellmeister, „erstaunenswert brav!"

„Sehr schön!" sttmmte der Direktor em, der am Fenster stand und auf die Straße hinabblickte.

Der Kapellmeister nahm ein anderes Notenheft. Es war die große Arie aus „Norma".

„Vortrefflich!" sagte der Kapellmeister aufs Neue, als sie geendet, „es ist mir eine wahre Freude, Ihre Be- kamitschast zu machen. Ach, in unseren Tagen schreien die

meisten und von Gesang ist keine Rede: es giebt zwar viele Künstler, aber wenig Kunst. Aber Ihre Sttmme ist aus echtem Metall."

Elsa errötete vor Freude über diesen Lobspruch von einem Manne, ans dessen Urteil sie Wert legen mußte.

„Habe ich es Ihnen nicht gesagt, Herr Oberst? es ist etwas ganz ungewöhnliches I" sagte die Majorin, indem sie sich mit strahlender Miene erhob. „Und ber

Herr Kapellmeister zufrieden ist, haben Sie sicher nicht»

S en Herr Oberst, daß meine Pflegetochter sobald als ch debütiert?"

Der Angeredete, der noch immer am Fenster stand, drehte sich um: „Ich bin sehr zufrieden", sagte er, „die Damen werden Näheres von mir hören." —

Und er verbeugte sich, um anzudeuten, daß nun dre Zeit zum Gehen gekommen sei.

Die Majorin und Elsa fühlten, sich beide überzeugt, daß die Sache daraus abgemacht sei. .

Elsa hatte bereits Lampensieber imd ttaumte jede Nacht, daß sie auf der Bühne stand mib vor dem Publikum sang, welches jubelte und mit den Taschentüchern ihr zu­winkte. — Großartige Hervorrufe, sie war der Stern des abends und er Gegenstand des Gesprächs am Tage.

Doch verging eine Woche nach der andern, ohne daß die Theaterdirektton von sich hören ließ., Dre Frau Majorin besuchte den Direttor während ferner gewöhn­lichen Empfangszeit, aber er war, nie.anwesend. Sre schrieb an ihn, aber ohne Resultat. Sie hielt den Kapell­meister auf der Straße an und fragte, ob ber m«)* bald bestimmt werden könne. Er gab ihr ausweichende Worte zur Antwort und eilte weiter.

Aber Frau Lundberg war durchaus nicht überrascht. Die Primadonna, die vergötterte Mittelmäßigkeit, deren Talent allen anderen, außer dem tyrannischen Drrettor verborgen war, dürfe von keiner anderen in den Schatten gestellt werden, das meinte sie, sei die einzige Ursache.

„Me kann so etwas möglich sein!" rief die Majo rin vor Ärger miS; „eine Kunstanstalt, die vom Staat unter­halten wird: und da wirtschaftet der Oberst, olls ob er sein eigenes Privathaus zu veralten hatte- Werda s nie raüos war, fand sie bald einen Ausweg. Berschen mit den schmeichelhaftesten Empfehlungen von ver­schiedenen künstlerischen Größen, begab sich die Majorin

Dmt^war allgemeiner Empfangstag „und sie schielt daher ohne Schwierigkeit Zutritt zum Könige. ,

Oskar I., der sowohl ein warmer Kunstliebhaber ms eine liebenswürdige Persönlichkeit war. lauschte mit oe- soirderem Interesse den Worten der Mazorm. Mivmd er noch Kronprinz war, hatte sie, die Ehre gehcckr, mit ihm auf einem der Bälle des Offizierkstibs zu „tanzen imd ihr verstorbener Mann war später sein drensttueicker Ädsittant gewesen, was ihr den Mut verlich, chr Herz

ohne Vorbehalt vor ihm auszuschüüen. _,

Die Folge dieses Gesprächs war, daß »er direktor Befehl erhielt, augenblicklich FrSifleinM?^ debütieren zu lasten. Elsa batte als adoptiertes Kind de» Namen ihrer Pflegemutter erhalten.

lFortsetzung folgt.)

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