VikMmkr Tsglilaü.
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|lo. 40* Berlags-Ferusprecher N«. 2953.
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Abend-Ausgabe.
Die lliüiiötntntmftsliuns im PeirtistBB-
P. Berlin, 23. Januar.
Die Etatsdebatte im Reichstag hat eichen merk- würdigen und unerwarteten Ausgang geirommön, denn sie endete mit einer Präsidentschaftskrisis, mit dem Rücktritt des G r a f e n Ballestrc nr. Tiefer Rücktritt war eigentlich schon gestern erwartet worden, aber die Donncrstagsitzung war zu Ende gegangen, ohne daß sich eine der angekündigten sensationellen Überraschungen erfüllt hätte. Doch genau genommen hatte die Sitzung freilich eine Sensation gebracht, nämlich die, daß der Abg. Bebel die „ungehaltene" Rede des Herrn v. Bollmar, die sicherlich noch schärfer ausgefallen ist, als cs bei Herrn v. Bollmar der Fall gewesen wäre, halten konnte, ohne daß der Präsident Graf Ballestrem, der wahrend dieser ganzen-Rede das Präsidium führte, Einspruch dagegen erhob. Das war immerhin auch eine Sensation, denn Graf Ballcstrem dementierte damit selbst das, was er in der Dienstagsitzung über den Modus der Erörterung von kaiserlichen Kundgebungen verkündet hatte.
Was den Grafen Ballestrem zu seiner Meinungs- ä n d e r u n g , die sicherlich berechtigter war als besagte Meinung, bewogen hat, ob die fast nahezu, einstimmige Opposition der öffentlichen Meinung oder der Einspruch der beiden Vizepräsidenten, oder endlich Einflüsse voir anderer Seite, steht dahin, Unverkennbar hatte aber Graf Ballestrem dadurch, daß er sich mit sich selbst in Widerspruch setzte und einen von ihm proklamierten' Grundsatz, wenn auch stillschweigend, wieder anf- heben mußte, seine Position als Reichstagspräsident nach seinem eigenem Empfinden so erschüttert, daß er entweder diesen Posten niederlegen oder — ein. Vertrauensvotum der Mehrheit des Reichstag herbeiführen mutzte.
Tiefe Konsequenz hat Graf Ballestrem heute gezogen, indem er dem Reichstag seinen Rücktritt vom Präsidium mitteilte. Tie zu Beginn der heutigen Sitzung verlesene Ankündigung des Grafen Ballestrein erregt begreiflicherweise eine starke Überraschung, da sie, nachdem der Rücktritt gestern nicht erfolgt war, heute völlig unerwartet kam. Tie Motivierung des Grafen Ballestrem, daß er vonr Präsidium zurücktrete infolge der Kritik, welche die konservative „Krcuzztg." an seinem Verhalten gegenüber dem Abg. v. Bollmar geübt habe, ist recht sonderbar und braucht wohl nicht ganz wörtlich genommen zu werden. Tie Kritik der „Krcuzztg.", die oirch feilte abend wieder betont, daß sie ein von der konservativen Partei durchaus unabhängiges Blatt (? !) sei, ist verhättnisinäßig sehr milde ge-
Sninstag» den 24. Januar.
wesen, und die konservative „Korrespondenz", wie überhaupt die Organe aller Parteien, auch der Freikonser- vativen und der Nationalliberalen, die ja auch den Grafen Ballestrein gewählt hatten, haben eine weit schärfere Kritik geübt. Ja sogar hervorragende Centnims- btätter, wie die „Köln. Bolksztg.", haben das Verhalten des Grafen Ballestrem rückhaltslos getadelt.
Man kann es daher keineswegs wörtlich nehmen, wenn Graf Ballestrem seine Amtsniederlegung mit der Kritik der „Kreuzztg." motiviert, denn mindestens müßte die Kritik aus den Reihen des Centrums heraus weit maßgebender für seinen Entschluß gewesen sein. Entweder schiebt also Graf Ballestrein diesen Grund nur vor anderen, vielleicht stärkeren Beweggründen, die ihm den Rücktritt erwünscht scheinen lassm, vor, oder aber er beabsichtigt überhaupt iricht, auf seinem Rücktritt zu be-, harren, sondern meint, daß ec nur eines Vertrauens- * Votums bedürfe, um auf seinein Posten als Reichstagspräsident weiter bleiben zu können.
Tie Entscheidung über die Präsidentschaftskrisis wird erst am nächsten Donnerstag fallen, dcnii der Reichstag hat sich heute abend um 6 Uhr bis zum Donnerstag vertagt, um alsdann die Neuwahl des Präsidenten vor» zuuehmeu. Wenir Graf Ballestrein selbst ans seinem Rücktritt besteht, so kann feilte Wiederwahl als sicher betrachtet werden, Lchon aus den heilte im Reichstag abgegebenen Erklärungen der Abgg. b. Normanii und Dr. Sattler geht hervor, daß die konservative und die nationalliberale Partei für die Wiederwahl des Grasen Ballestrein stimmen werden. Das Gleiche wird mich seitens der Reichspartei geschehen, lind ebenso ist es selbstverständlich, daß auch das Eeutrum für die Wieder- ivahl seines eigenen Parteimitgliedes eintretey wird. Eine starke Mehrheit wäre also dem Grafen Ballestrein für die Wiederwahl sicher, wenn er nicht, nnrs immerhin iricht unwahrscheinlich ist, selbst auf seinem definitiven Rücktritt bestehen sollte. Amtsmüdigkeit ist denr Grafen Ballestrem, der seit dein 7. Dczeinber 1898 Präsident des Reichstags ist und da er am 5. September 1834 geboren ist, also bereits int 69. Fahre steht, ohitehin schon des öfteren nachgesagt worden, und die jüngsteit Ereignisse könnten diese Amtsmüdigkeit wesentlich verstärkt haben. Falls Gras Ballestrein die Wiederwahl endgültig ab- lchnen sollte, dürfte wohl das Ceittrumsinttglied Freiherr v. Hertling für deir Präsidentenposten iir Betracht konimen.
Berlin, 23. Januar. Tic A m t s n i e d e r l e g n n g des Grafen Balle st rem wird erst von einigen wenigen Abendblättern besprochen. Im allgemeincii ist man der Ansicht, daß der vorgebrachte Grund wenig plausibel sei, meint aber zumeist, daß Graf Ballestrem wieder gewählt werden dürfte. Tie „K r c u z z e i t u u g" ist sehr verwiindert, daß Graf Ballcstrem gerade ihrer Artikel zum Ausgaugspunkte seiner Demission genommc.
Nedaktiius-Fernsprechcr No. 52. 1903.
habe, da selbst Centrumsblätter schärfere Artikel gebracht hätten. Die „Kreuzzeitung" will von ihren Äußerungen nichts zurückilehmen, erklärt aber, daß in der Wiederwahl Ballestrems die beste Losung der Präsidenten-Krisis zu erblicken wäre. Auch die ,,N a t i o n a l - Z e i t u n g" ist über die Berufung auf die „Krenzzeitung" erstaunt, da Blätter aller Parteien das Verhalten des Präsidenten gcmitzbilligt hätten. Anscheinend lege Graf Ballestrem dem ober keine Bedeutulig bei. Tie „Bossische Z e i t u n g" vermutet, daß sich Vorgänge hinter den Conlissen abgespielt habe». Ter Schritt Ballestrems könne sich gegen eine ganz andere Stelle richten. Sollte Graf Ballestrem wicdergewählt werden, so sei dos eine Posse und es würde ihm doch nicht gelingen, das frühere Vertrauen vollständig wieder zu gewinnen. Die „G e r m a n i a" hofft auf eine Wiederwahl Ballestrcms, da der Reichstag einen besseren Präsidenten nicht finden könne. Daß er das Vertrauen der Sozialdemokraten nicht mehr besitze, könne er um so leichter verschmerzen, als er in seiner Eigenschaft im Reichstage mit derjenigen Partei nicht in Frieden leben könne, welche an Stelle der Präsidialgewalt die Diktatur der Obstruktion setzen zu können glaubte.
Berlin, 23. Januar. In parlamentarischen Kreisen herrscht die Ansicht vor, daß die Mehrheit des Reichstages sich für eine Wiederwahl des Grafen Ballestrem aussprcchen wird.
Berlin, 24. Januar. Der bisherige Präsident des Reichstages, Graf Ballcstrem, empfing in der Präsidialwohnung im Laufe des gestrigen Tages die Besuche mehrerer Parlamentarier, u. a. den Vorsitzenden der konservativen Fraktion, v. Normann, und denjenigen der Centrumspartei, Grafen Hompesch, die ihn zur Annahme einer Wiederwahl zum ersten Präsidenten zu bewegen suchten. Jedoch konnte sich Graf Ballestrem zu bindenden Zusagen nicht entschließen. Abgeordneter v. Normann hatte ihn des unverminderten Vertrauens der konservativen Partei ausdrücklich versichert. — Von der Absicht des Reichstags-Präsidenten, sein Amt nieüerzulcgeii, haben die beiden Vizepräsidenten erst durch das Schreiben Ballestrems Kenntnis erhalten. Auch der Reichskanzler erfuhr davon erst eine halbe Stunde vor Beginn der gestrigen Sitzung.
Pölitische Uebersicht.
Im Reich s tag und im p r e u ß i s ch e u A bgeordnete nh a u s c ist matt wieder tüchtig an der Arbeit, und da in dieser Woche in beiden Häusern die erste Lesung des Etats stattgefundcn hat, so hat es hier wie dort nicht an lebhaften Debatten gefehlt, die inr Reichstag stellenweise sogar eilten recht stürmischen Charakter tngenommen haben. Die Etatsdebatte ist voir alters her für das Parlament die Stelle, an der die klagen und Wünsche allgemeineren Inhalts abgeladen oerdeit. Int preußischen Abgeordnelenhause ist dieser
Die Eidechse.
Roman von A. v. Klinckorvström.
(28. Fortsetzung.)
Sie gingen nicht den gewöhnlichen Weg durch die Rue Richelieu hinattf. Ritter machte einen Bogeit und führte seine Begleiterin durch Gassen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, in denen er jedoch bckonnt zu sein schien, denn da und dort wurde er voit Handwerkern und kleinen Gewerbetreibenden, die hier Hans bei Haus ihre Hantierung betrieben, gegrüßt.
Für diese Leute war die Mittagspause schon vor- übcr, und die gesamte Arbeit vollzog sich bei offenen Fenstern und Türett. Oft konnte man durch die breiten niedrigen Öffnungen, welche beides vereinigten, die Werkstätten vollständig iiberseheit.
Ritter blieb einen Augenblick stehen und nickte einer robusten Wäscheriit zu, die ihr glühendes Bügeleisen in der Luft schwenkte und mit dent ttossen Fittger den zischenden Stahl prüfte.
„Wie ist cs, bekomme ich meine Wäsche bald?" fragte er in seinem Sächsisch-Französisch, das er ganz ungeniert der Übung halber bei jeder Gelegenheit sprach. „Ich werde mir nächstens den Rock bis an öett Hals zuknöpfen müssen."
„O Monsieur!" rief die lebhafte Frau, über das ganze erhitzte Gesicht lacheitd, „Sie müssen mich noch einen Tag entschuldigen. Wir haben gar zu viel ztt tun. Ich gebe mir die größte Mühe, meine Kunden zufrieden zu. stellen, aber man hat dach nur zwei Arme."
„Warum nehmen Sie tticht fremde Hilfe? Tanit könnten Sie es sich doch leichter machen und die Arbeit in der halben Zeit bewältigen."
„Wenn ich es mir setzt schon leicht machen wollte, was soll ich tun, wenn ich alt werde? Nein, halbe Arbeit, halber Verdienst! lind ich bin auf den Verdienst angewiesen, um später bau meinen kleinen Renten lebeir zu können. Meine unverheirateten Töchter waschen, und
ich bügle; so haben wir es uns eingeteilt. Tic Mühe und Plage erhält jung und frisch."
„Ta haben Sie allerdings recht. Sic sehen aus wie eilte Dreißigjährige."
„Monsieur ist zu liebenswürdig. Ich habe meine Fünfzig auf dem Rücken."
„Na, na! Nur nicht renommieren! Sie erhalten sicher noch heutigentags Heiratsanträge."
Tie Frair lachte.
„Monsieur keimt die Mäitner, und weiß, wie sie hittter dem Arbeitsverdienst einer armen Witwe her sind."
„Das ist gerade kein Kontpliment für uns."
„Natürlich gilt das nicht für die Herren, aber unter uns ist es das Gewöhnliche. Ich weiß schoit, welchen Wert ich darauf zu legett habe, wenn man mir schöne Worte tnacht, und halte meine paar Laus fest. Lieber wäre es mir ja auch, ich töitnte einen Mann für mich sorgen lasset!, meine Großkinder wiegen und nur meinen Haushalt in Ordnung haltet!. Monsieur kamt seine Frau einmal so stellen,, daß sie sich nicht, zu plagen braucht. Aber die grobe Arbeit will auch getan werden, und ich bin an sie gewöhnt. — Vielleicht darf ich Monsieur schon gratulieren?" fügte die Redselige, die dazwischen fleißig das Bügeleisen gehattdhabt hatte, mit einem listigen Blick aus Jenny hinzu.
„Nein! — Unsinn!" stieß er kurz heraus und setzte seinen Weg eilig fort.
Jenny schwieg. Es war ihr nicht ganz klar, weshalb er in ihrer Gesellschaft dieses Gespräch mit seiner Wäscherin geführt hatte.
Ein wenig später blieb er bar einer Schreinerwerkstätte stehen, in der Meister und Gesellen schweißtriefend, ahne aufzublicken, hobelten und hämmerten. Sie nahmen keine Notiz von den Vorübergehenden, schienen nur Sinn für ihre Arbeit zu haben.
„Es ist unglaublich, was hier in Paris geschuftet wird!" bemerkte Ritter. „Vom frühen Morgen bis zum späten Abend plagen sie sich. Ta ist kaum einer, der sich die Lache leicht tnacht oder die Arbeitszeit abkürzt. Ich habe solchen Fleiß in keiner andern Stadt gefunden.
Tie Romanschriftsteller schttdern immer nur das leichtfertige Paris, die Stadt des Vergnügens und der Aus- fchweifnngcn, und nur wenige haben es unternommen, von der Sumine ungeheuren Fleißes und tüchtigen Schaffens zu schreiben, die dach, sollte ich meinen, ein schwerwiegendes Bestandteil des hiesigen Lebens ausmacht. Aber das sehen sie nicht. Auf den Boulevards flanieren und Vergnügungslokale aufsuchcn, das kann jeder; vielleicht auch in die Ateliers hineingucken oder ein wenig mit der Gelehrtenwelt Bekanntschaft machen. Doch niemand fällt es ein, sich die ungeheuren industriellen Etablissements anzusehen, den Kleinbetrieb des Handwerks, die Werkstätten der einzelnen Arbeitenden, und die Hunderttausende, die von früh bis spät ihre ganze Kraft einsetzen, einer Wertschätzung zu unterziehen."
„Ja wie sind Sie nur dazu gekommen?"
„Ich bin von klein auf daran gewöhnt, meine Um» gebung genau zu beobachten. Sie glauben nicht, wie viel interessanter und reicher das Leben dadurch tvird. Mir ist es mtbegreiflich, daß so viele mit Scheuklappen durch die Welt gehen."
„Wie ich zum Beispiel. Sagen Sie es nur."
„Ja, wie Sie bis jetzt. Mich interssiert dies alles, und wenn ich einmal denke, ich möchte mir's etwas leicht machen und es nicht ganz so genau mit den erhaltenen Austrägctt nehmen, so mache ich einen Spaziergang durch die Stadtviertel der Arbeitenden, und dann vcr- gehen tuir jene Gelüste."
Jenny sah ihn lächelnd von der Seite au.
„Jetzt weiß ich auch, weshalb Sie niich herbeigcführt haben."
„Nu sehen Sie mal an, wie klug Sie sind! Jetzt frage ich Sie aufs Gewissen: Wollen Sie noch weiter mit mir gehen, oder langweilen Sie sich?"
„Nein. Ich gehe gern noch mit Ihnen."
„Ich wollte Sie nämlich noch um Erlaubnis bitten, einen jungen Schriftsteller aufsuchen zu dürfen, der tnit seiner Frau hier ganz in der Nähe wohnt. Der Manu gibt ein Buch heraus, zu dem ich eilt paar Illustrationen
