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WieMkner Tsgblstt.

si. Jahrgang.

Erscheint in zwei BuSgvde». — BczugS-Preis: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Bost S Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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|1o. 38. BerlagS-Fernsprecher N». 2953.

Freitag, den 23. Januar.

Redaktions-Fernsprecher N». 52.

1903 .

Ahend-Ausgabe-

KoMlistischr Plane in Frankreich.

Unser Pariser Korrespondent schreibt:

Der Kollektivismus ist ein wahrer Proteus, der nach und nach alle Gestalten annimmt und jeden Umstand, jedes Ereignis sich zu nutze zu machen sucht, _ um sich überall und besonders in die Gesetzgebung einzuschteichm. Bald setzt er seine Hoffnung auf die progressive Ein­kommensteuer, von der er glaubt, daß sie die Vermögen allmählich nivellieren wird, bald auf die Verstaatlichung der Eisenbahnen, welche die Menschen daran gewöhnen soll, daß der Staat der große Regulator der nationalen Tätigkeit fein soll. Der Gedanke der Verstaatlichung des Grund und Bodens ist vorderhand von den Sozialisten aufgegeben, weil er zuviel Widerspruch bei den Land­wirten fand, die darin mit Recht eine Art Konfiskation erblickten. Gegenwärtig haben die Sozialdemokraten einen neuen Feldzugsplan entworfen, der auf der trau­rigen Lage der französischen Staatsfinanzen aufgcbaut ist. Sie benutzen das ewige Defizit im Budget dazu, um den Wählern eine Idee plausibel zu machen, die ihnen goldene Berge verspricht, d. h. sie von den Steuern befreit, wenigstens in einem gewissen Grade, und gleich­zeitig den Vorteil besitzt, das Prinzip des persönlichen Eigentums recht nachdrücklich zu untergraben, ohne daß die große Menge dessen gewahr wird. „Wir werdend rufen die Sozialisten aus, „euch das schönst" Budget der Welt verschaffen, ohne daß es euch einen Sou Mehrkosten verursacht. Ter Staat wird fortan über eine Fülle von Einnahmen verfügen, so daß es im Handumdrehn möglich wird, alle sozialen Reformei, ins Werk zu setzen, die bisher am Mangel von Geld scheiterten." Hören wir nun, worin der Plan der Weltverbesserer besteht. Das Drittel ist sehr einfach, es genügt, daß der Staat sich einiger großen Jndustrieen bemächtigt und sich selber zum Industriellen macht, wie er es mit dem Tabak und den Streichhölzchen schon getan hat. Das System der allmählichen Verstaatlichung der Industrie wurde kürz- lich mit großer Ausführlichkeit und unleugbarer Sach- keimtnis in einer laugen Artikelserie in der „Peilte Röpublique" auseinaudergesetzt. Der Autor dieser Aus­sätze, Blum, läßt zunächst alle großen Jndustrieen Revue passieren, die ihm für das Staatsmonopol reif zu sein scheinen, und beschränkt sich auf vier: den Alkohol, den Zucker, das Versicherungswesen und die reichlich ihren Mann nährenden Ämter der Notare, Gerichtsvollzieher :c. Die letzteren beiden Punkte gehören allerdings nur un- eigentlich zur Industrie. Der Plan des Herrn Blum ist einstweilen nur ein schüchterner Vorstoß gegen die auf

den, Kapital beruhende Gesellschaft. Wenn er, wie nicht anders zu erwarten, Gliick danüt bei seinen Anhängern hat, wird er wohl den Kreis der zu monopolisierenden Erwerbszweige ins ungeheure ausdehnen und auf diese Weise den sozialistischen Kahn mit vollen Segeln in das opportunistische Fahrwasser treiben. Auf eine radikale Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse haben die Sozialdemokraten seit langer Zeit und in allen Ländern verzichtet, ihre jetzige Taktik ist die bei weitem klügere. Durch kleine Konzessionen, die ihnen die französische Regierung schon deshalb gewähren muß, um die not- wendige Freundschaft zu unterhalten, erreichen sie be­deutend inehr, als durch ihre anfänglichen Hirngespinste. Nicht uninteressant erscheint es, die Vorteile, die Blum für den Staat — und die Steuerzahler — aus rechnet, wenigstens kurz zu erwähnen. Aus dem Staatsverkauf des Alkohols zieht er 810 Millionen Fr., aus dem Zucker- monopül vorläufig 45 Millionen, obwohl er hofft, daß sich diese Summe wegen des gesteigerten Verbrauchs innerhalb eines Dezenniums verdoppelt haben würde. Die Verstaatlichung der „Offices minist6riels", d. h. der Ämter der Gerichtsvollzieher :c., soll 122 Millionen ergeben, das Versicherungsgeschäft 20 Millionen für die Lebens-, 30 Millionen für die Feuer- und 45 Millionen für die Versicherung gegen Seeschäden, Hagel, Unfälle :c. Tie Pläne des unternehmenden Blum haben viel Per- führerisches an sich für die Steuerzahler und liamentlich für den geplagten französischen Finanzminister. Mit derartige-, Einnahmen wäre es kein Kiinststuck, das französische Budget endlich einmal ins reine z,i bringen. Es fragt sich nur, was die interessierten inbnftricilen Kreise dazu sagen werden. Ter Traum des Redakteurs der „Petite Röpublique" ist zu schön, um wahr zu fein. Wir wollen uns keineswegs mit ihm über das Prinzip seiner Monopole streiten, das doch nichts weiter darstellt als eine verhüllte Expropriation des individuellen Eigm- tilms. Die in dieser Hinsicht gegen die Sozialisten ins Feld zu führenden Argumente würden bei ihnen schwer­lich Eindruck machen. Wir beschränken ui-s daher auf einige besondere Einwände. Wenn die Projekte des Sozialdemokraten zur Ausführung kommen, was in Frankreich nicht ganz zur Unwahrschemlichkeit gehört, darf man nicht außer acht lassen, daß der Staat stets ein viel verschwenderischerer Industrieller ist als der Privatmann. Tie Vorteile der Massenproduktion würden reichlich ausgewogen durch die Kosten der Verwaltung. Wo ein gewöhnlicher Kaufmann sich mit einem oder zwei Angestellten begnügt, bedarf der Staat deren mindestens ein halbes Dutzend. Hinter dem ersteren lauert stets der Bankerott, der letztere ist durch die Steuern hin­reichend gesichert, um sich ein unwirtschaflliches Geschäfts­gebaren leisten zu können. Blum scheint außerdem gänzlich zu vergessen, daß die Mehreinnahmen für den

Staatssäckel, tvenn seine Reformen verwirklicht würden, sich schon deswegen verflüchtigen, weil die Jndnstris Frankreichs, die außer der Landwirtschaft die beste Steuer- quelle darstellt, dann mit einem Male ruiniert sein würde. Tie Staatseinnahmen wärm vielleicht für einen Augenblick erhöbt, aber die Henne mit den goldenen Eiern dürfte auf immer getötet sein.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 22. Januar.

Tagesordnung: Fortsetzung der ersten Lesung dcS Etats. — Abg. Bebel (Soz.) erblickt in dem neuen Etat ein vollständiges Debacle unserer Finanzverwaltung, -veil diese die dauernden Ausgaben des Reiches nicht ohne eine Zuschuß-Anleihe in der enormen Höhe von 95 Millio- neu Mark decken zu können erkläre. Die Schuld daran trage die riesige gleichzeitige Steigerung der Militär» und Marinelastcn. Die Hauptverantwortung für die gegenwärtige Finanzlage des Reiches falle dem Centrum zu. Redner verbreitet sich weiter eingehend über Heeres» und Flottenfrage und beleuchtet alsdann die Zollpolitik. Bet dem Anwachsen der Industrie in der ganzen Kultur- wclt, mit dem keine entsprechende Zunahme der Absatz, quellen Hand in Hand gehe, sei aller Zollpolitik zum Trotz auf die Dauer eine .Katastrophe unvermeidlich. Weiter kritisiert Redner das Vorgehen unserer Flotte in Haiti und Venezuela. Der Vorgang in Haiti hat sehr böses Blut gemacht. Da hieß es: Gut gemacht, „Panther!" Ich meine, in dieser Weise braucht das große Deutschland einem kleinen, ohnmächtigen Staat gegenüber nicht auf- zutreten. Unserem Ansehen und unserer wirtschaftlichen Entwickelung kann das nicht förderlich sein. In Vene» zncla liegt die Sache ja etwas anders. Aber wer sich in einer kleinen südamerikanischen Republik naturalisiert, der weiß, daß sein Eigentum in steter Gefahr ist. Da sollte man Ansprüche, die aus solchen Zuständen entstehen, doch etwas sorgfältiger prüfen. Nach deutscher Schätzung kommt das Stück Vieh auf 160 Mk., nach venezolanischer nur ans 4 Mk.: die Mitte dürfte reichlich geschätzt sein. Die Blockade steht nach meiner Auffassung mit dem Völkerrecht im Widerspruch. Ein Offizier unserer Exekutionsflotte veröffentlicht einen Brief, in dem es heißt: Abends 6 Uhr hatten wir die Schiffe draußen. Da aber die beiden von uns erbeuteten Schiffe nur eine Last für uns waren, so wurde das gesamte Material, die sehr guten Geschütze, sowie die Munition, genommen, und um 8 Uhr ging der übrige Kladderadatsch unter dem Wut» gehen! des Pöbels an Land in die Luft. Es kommen Tele­gramme über die Aktion des „Panther" vor St. Carlo: das Auswärtige Amt scheint aber nichts davon zu wissen. Das beweist mir, daß das, was da vorgekommen ist, von unserer Regierung nicht gebilligt werden kann. E s

Me Eidechse.

Noman von A. v. Kliuckorvström.

(27. Fortsetzung.)

„Ich wäre Ihnen als Beichtvater wohl nicht ver­trauenswürdig genug?"

„Sie würden doch kein Interesse an meinen Kümmer­nissen nehmen."

„Doch! Ich glaube ein ganz zuverlässiger^Berater für jüngere Menschen z-r sein, denn ich habe selbst viel im Leben durchmachen niüsseu und manches verstehen ge-

„Jch weiß ja selbst nicht einmal, was mit mir ist. Es kommt so vieles zusanrmen, lvas mich beunruhigt."

„Versuchen Sie einmal sich auszusprechen. Oder soll ich fragen? — Vorausgesetzt, daß Sie nicht meinen, ich täte es aus zudringlicher Neugier."

„Nein gewiß nicht. Bei Jhnm setze ich immer -iu: die besten Motive voraus. Gleich als ich Sie das erste Mal sah, machten Sie mir den Eindruck der Zuver­lässigkeit und Aufrichtigkeit. Aber Sie sind mir doch verhältnismäßig fremd, und ich geniere mich, zu Ihnen wie zu einem Beichtvater zu sprechen."

„Wir sind Landsleute, und hier in der Fremde schließt man sich leichter aneinander als zu Hause, wo man die Seinigm hat. denen gegenüber, man sich von seinen Sorgen entlasten kann. Also, was hat es gegeben? Hat Ihr Verhältnis zu Ihrem Bräuttgam eine Trübung er­

fahren?"

Sie nickte.

„Es haben Zwistigkeiten zwischen Jhnm stattge-

fundm?"

„Wenn es nur das wäre! Aber wir haben uns -a gar nicht gezankt. Stach einfachein Streit versöhnt man sich wieder, und alles ist gut."

„Was ist denn sonst vorgesallm?"

„Ich mag es nicht sagen. Es ist mir so mtsetzl-ch daß Sie mich für wankelmütig und schlecht halten

könnten."

„Ein Beichtkind darf keinm Wert auf die Meinung seines Beichtvaters legen; und ich glaube attch nicht, daß

Sie wankelmütig sind. Eine vorübergehende Stimmung muß man nicht mit so schweren Stamm belegen. Viel leicht wollen Sie sagen, daß Ihre Gefühle für Engler nicht mehr gmau dieselbm sind, wie z--r Zeit Ihrer An­kunft hier."

„Ich verstehe mich selbst nicht mehr. Es ist alles so anders geworden!" stammelte sie und sah ihn mit hilfe­suchenden Augen an.

Ihm ivurde etwas heiß unter diesem Blick.

„Wmn ich denke, wie ich hcrkam, voller Frmde -md Hoffnung, voll Vertrauen zu meinem Bräutigam! Ich glaubte an sein ernstes Streben, an seinen Charakter, auch an die Gottesgiiadmschaft seines Künstlertums. Ich glaubte mr mich selbst, an meine Fähigkeiten, an die Liebe zu meinem Bemf und zu dem Man--, dm ich mir ge­wählt hatte; und jetzt ist es, als sei ein häßlicher Reif auf all das gefallen. Ich sehe in Engler nunmehr den Mäuschen mit allm Schwächen und Fehlern. Ich merke, wie er von mir fortgleitet in fremde Bahnen hinein, ohne daß meine Liebe stark genug wäre, ibii zu halten. Ja, oft ist es mir. als lieble ich ihn überhaupt nicht mehr. Und ich möchte es doch so gern. Ich will nicht wankel­mütig sein; aber mir ist jedes Zutrauen abhanden ge­kommen, zu seiner künstlerischen Bcgabuiig ebenso wie zu seiner Fähigkeit, mich glücklich zu machen oder selbst mit mir glücklich zu werden. Wir sehm einander jetzt nur noch seltm und flüchtig, und auch dann will kein ver- lraulicher Gedankenaustausch sich einstellen."

„Beantworten Sie mir eine Frage: Sie kannten

Engler genau, als Sie sich mit ihm verlobten?"

„Nein. Wir warm fast täglich während der vier Wochen zusammen, die er in meiner Heimat bei gemein­schaftlichen Frmndm verlebte. Ich war hingerissen von seiner Liebenswürdigkeit und der Begeistemng, mit der er von der Kunst sprach: aber ich hatte weder eine seiner Arbeiten gesehen, noch seinen Charakter kennen gelernt. Wir waren verliebt ineinander, wie es nur zwei Menschen sein können, die unverstanden inmittm einer philiströsen Einöde zu leben glauben und sich nun plötzlich in der Einbildung zusammmfinden, die einzigen ihrer Art zu sein. Engler stand im Begriff, hierher zu gehen. Er gab mir z-ierst den Gedanken ein, daß cs auch für mich

am förderlichstm sein werde, meine Studim in Paris ;u beenden, uneingeengt von heimischen Vorurteilm. Wie schwärmten beide davon, wie man hier Spielraum habe, seine Individualität zu entwickeln, sich selbst und seinem Beruf zu leben."

„Das war die erste große falsche Voraussetzung!" unterbrach sie Ritter. „Kein Ort der Welt ist so sehr ge­eignet, sich selbst verlieren zu lassm und in den breiten Strom der Allgemeinheit einzulmkm, wie Paris. Jeden ist hier auf der Jagd nach dem Erfolg, und man imrtz schon von Hause aus einen fcften Charakter mitbringen, um nicht mit hineingezogen zu werden. Jetzt möchte ich aber noch eine zweite Frage an Sie richtm: Sind nicht andere Personen zwischen Sie getreten, oder wie ist Ihnen sonst die Kmntnis gekommen, daß Engler nicht der ist, die Sie in ihm zu sehen glaubten?"

„Ich sah feine Arbeiten, und sie stimmtm mich herab. Ich fand sie konventionell, kleinlich, nicht mit seinen großen Worten in Einklang stehend. Er brauste auf, als :ch es ihm ofsm sagte, verlor das Vertrauen zu mir, fing an, auf meine Fragen ausweichend zu antworten. Das sing bis z-i direkten Unwahrheiten, und als ich ihn der­selben übcrführte, machte er n-ir Scenm. Ich merkte, daß er die Frmde an meiner Gesellschaft verlor und andere vorzog. Wir verstanden uns von Tag zu Tag mmiger. Ich sah, daß er launisch wurde, sobald ihm das Leiseste gegen dm Strich ging, und schwankend wie ein Kind, wo es sich um ernste Entscheidungen handelte."

„Und ehrlich heraus gesagt: Sie waren eifersüchtig."

„Zuerst ja, — dann später nicht mehr. Das ist es ja, was mich so beunruhigt, daß ich so gleichgültig bin. Es ist so leer und kalt in mir geworden. Ich sehe es ruhig mit an. wie er seine Tage mit einem Modell ver­bringt, das ihm, wie ich überzeugt bin, nicht persönlich nahe steht, sich aber trotzdem seiner vollständig bemächtigt hat, weil er es für seine Arbeiten nicht entbehren zu können meint. Und ich vermag es nicht, ihn einem Ein­fluß zu entziehen, der ihn unfehlbar ruinieren wird."

„Mein verehrtes Fräulein, ich danke Jhnm für Ihr Vertrauen, bitte Sie jedoch, wmn Sie mich wirklich ganz siar in Ihren Angelegmheitm sehm lassm wollen, mir , auch das letzte nicht vorzumthalten. Sehm Sie, ich bin