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Wiesbadener Tsgblstt.

«I. Jahrgang.

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IjtO. 35. Berlagö-Fernsprecher R». 3953.

Domrerstttg» den 22. Januar.

RedaktionS-Fernsprechrr N». 52.

1803.

EBorgew-flusgabe.

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Die deutsche Aornhausdewegung.

Tie genossenschaftliche Gctreideverwertung ist erst wenige Jahre alt, allein sie hat in der kurzen Zeit eine so beispiellos erfolgreiche Entwicklung genommen vorab für den kleinern nltd Mittlern Landwirt, daß inan noch großes für die Aulunfl von ihr erwarten darf.

Gerade der Bauersmann isr in Bezug aus dm Ge­treideverkauf in einer üblern Lage als der Großgrund- besitzer. Er kann nur kleine Mengen anbieten, hak selten pnsreichmde Vorrichtungen zur Reinigung, dabei ist er nur mangelhaft über die Bewegung des Marktes unter­richtet, und selbst wenn er es wäre, so Hilst es ihn meist nichts. Denn er ist an den Kleinverkehr gebunden, er kann nicht wie der Großgrundbesitzer sein Erzeugnis in die Ferne senden; in der "Rahe aber bestimmen die Händler fren Preis, denen gegenüber der. Bauersmann sich oft in einer zwiefachen Zwangslage befindet. Entweder. Nämlich ist er im Herbst getdbedürstig und darum ge­zwungen, zu verkaufen, wie es auch gehen inag, oder aber er isr dem Händler finanziell verpflichtet und darum in seiner Hand. So erkennen wir schon hieraus, daß nur dort die Kornhausbewegung erfolgreich einsetzen kann, wo die Darlehnskassen-Vereine schon festen Fuß gefaßt haben. Denn die finanzielle Freiheit der Dorfgenossen dem Händlertum gegmüber ist die allererste Grundbe­dingung. So sieht auch die deutsche Kornhausbewegung

g tf den Schultern Raiffeisens, des Vaters des ländlichen mossenschaftswesens. Aber auch in dein Sinne ist dies der Fall, daß erst dort, wo eine gewisse, genossenschaftliche Schulung und Erziehung vorausgegangen ist, der gc> ineinsame Körnerverkauf gedeihlich eingeführt werden kann.

Bekanntlich hat der preußische Landtag durch die Gesetze vom 3. Juni 1896 und vom 8. Juni 1897 fünf Millionen Mark zur Errichtung von landwirtschaftlichen Getreidelagerhäuseni bewilligt. Dies ist nun nicht so zu verstehen, daß die KornhauSgenossenschaften ans

Staatskrücken durchs Leben wandeln wolltm, nein, auch sie sind Vertreterinnen der Selbsthilfe. Allein bei einer so großm und in den ersten Einrichtungen so kostspieligen Sache hatte der Staat die Pflicht, hilfreiche Hand zu leisten, hatten die Beteiligten das Recht, die dargebotene Hand anzunehmen. Tie bisherige Entwicklung der Kornhäuser aber zeigt dmtlich, daß sie bald frei und unabhängig, keiner fremden Hilfe mehr bedürftig da- stehen werden.

In Preußen belief sich Anfang 1901 die Zahl der Kornhüuser auf 37, und zwar war Pommern mit 12, Hessen-Nassau mit 7, Sachsen mit 6, Westfalen und Hannover mit je 3, Ostprmßm mit 2, Westpreußm, Brandenburg, Posen, Schlesien, die Rheinprovinz und Hohenzollern mit se einein Kornhause besetzt. Schon daraus ist ersichtlich, daß der mittlere und westliche Teil Deutschlands (abgesehen von Pominern), also die Gegmd, in der der Klein- und Mittelbesitz vorherrscht, sich am meisten den genossenschaftlichen Getreidevertaus zu eigen gemacht hat. Dies wird auch durch folgende Zahlen bestätigt: Die durchschnittliche Menge des eingelieferten Getreides betrug 1900 bei den im Bezirke der Raiffeisen- Filiale Kassel bestehenden fünf Kornhäusern 54 Zentner, bei dem in Nassau gelegenen Kornhause Kamberg für Weizen 34, für Roggen 30, für Hafer 55, für Gerste 54 Zentner. Mithin sind kleinbäuerliche Besitzer in der Lage gewesen, durch ihr Kornhaus direkt mit dem Groß­konsumenten in Verbindung zu treten.

Welche Erfolge haben nun die bestehenden Korn- häuser erzielt? Wenn man von einzelnen Fällen absieht, wo die Ergebnisse nicht gerade sehr günstige zu nennen sind, nms sich durch die Neuheit des Unternehmens und eine vielleicht nicht richtige Anlage desselben erklären läßt, so können sie im großen und ganzen dennoch als erfreuliche bezeichnet werden, wobei es allerdings selbst­verständlich ist, daß eine so kurze Entwicklungsperiode uns noch nickt mit Riesenzahlen aufwarten kann. — So berichtet Ökonomierat Rexerodt, der Vcrbandsdirektor der kurhessischen Raiffeisen-Filiale, daß die durch die hessischen Kornhäuser verwertete Getreidemenge 1900 6,7 vom Hundert der überhaupt im ganzen Regierungs­bezirk Kassel zum Verkauf kommenden Menge betragen habe. Wie wenig, wird mancher sagen; allein wenn er hört, daß 1899 die genossenschaftlich verwertete Menge erft 3,5 vom Hundert des ganzen Verkaufs betrug, wird er anders über die Sache urteilen. Denn diese Steige­rung von fast 100 vom Hundert beweist, daß die genossen­schaftliche Gctreideverwertung sich eines ivachsenden Ver­trauens bei den Produzenten wie bei den Konsumenten erfreut. Dabei wollen wir jedoch nicht unerwähnt lassen, daß bei einzelnen Kernhäusern und Getreidearten die Steigerung des genossenschaftlichen Absatzes von einem zum andern Jahre 1000, ja in einem Falle 2000 vom Hundert betragen hat. Das beweist schlagend, daß der

deutsche Landwirt die Vorteile des Kornhauses erkennt. Sticht als ob diese Vorteile ln hohen Dividenden und Reingeivinnen bestünden, das ist auf diesein Gebiete gar nicht die Hauptsache, — die besseren Preise sind's, die für die Produzenten erzielt werden. Jedes Kornhaus, darin stimmen alle Berichte überein, ist ein Preisregler für die ganze Gegend. Am schärfsten geht dies vielleicht aus den Mitteilungen hervor, die Okonomierat Rexerodt in dem Jahresbericht 1900 der Neuwicder Raiffeisen- Organisation gegeben hat. In bildlicher Darstellung ist dort die Preisbewegung der hessischen Kornhäuser in einen Vergleich zu derjenigen der Frankfurter Börse ge­stellt und der Nachweis erbracht, daß es der hessisckien Kornhausverwaltung gelungen ist, die Einkaufspreise so zu gestalten, daß sie den in Frankfurt a. M. notierten Börsenpreisen bei Weizen und Hafer bernahe gleich kamen, sie bei Roggen sogar weit übertrafen. Mit Recht sagt Rexerodt, daß sich selbst der kleinste Landwirt im entferntesten Gebirgsdorf durch das Kornhaus bezüglich der Preise vor die Tore Frankfurts gesetzt sieht. Das Kornhaus verschafft eben durch seine riesigen und dabei denkbar besten Lagervorrichtungen, durch seine vollkom­menen Reinigungs- und Trockenvorrichtungen dem kleinen Manne die Vorteile des Großverkaufs einer durchaus gleichmäßig guten Ware. Dabei lombardiert es deni Genossen die angelieferte Menge, so daß dieser sofort nach der Ernte seinen finanziellen Verpflichtungen Nach­kommen kann, ohne doch zu dem in dieser Zeit gewöhnlich niedrigen Preise losschlagen zu müssen, wie dies früher bei ihm die Regel war. — Weiter ist das Kornhaus im stände, durch seine Reinigungsvorrichtungen ein tadel­loses Saatgut herzustellen, wie es ja überhaupt erziehe­risch wirkt auf den Anbau vollwertiger Getreidesorten und damit, wie wir das bei jeder Verkaufsgenossenschaft sehen, den intensiven Wirtschaftsbetrieb mächtig fördert. Und indem fast jedes Kornhaus auch ein Lagerhaus land­wirtschaftlicher Betriebsartikel (Futterartikel, Dünge­mittel, Maschinen. Geräte) ist, dient es auch dem ge­nossenschaftlichen Verlauf. Es muß ja leider gesagt werden, daß es sowohl auf dem Gebiete des gemein­schaftlichen Großverkaufs, wie auf dem des gemeinsamen Großeinkaufs noch viel zu lernen gibt für den deutschen Landmann, der jahrhundertelang ein Einspänner ge­wesen ist. Die kurzsichtigen oder selbstsüchtigen „Out- siders" hindern zur Zeit noch den vollen Erfolg. — Ein Netz von Kornhänsern über das ganze Vaterland, — erst mit dem völligen Siege des genossenschaftlichen Geistes in den Köpfen und Herzen der Landleute wird dieses Ideal zur Verwirklichung kommen. Und ob damit das letzte und höchste Ziel erreicht ist?

Die einen hoffen auf einen Zusammenschluß der Kornhausgenossenschaften aller Kulturländer und inter­nationalen Regelung der Getreidepreise durch die Pro­duzenten, und noch andere reden davon, daß neben jedes

Feuilleton.

flortfdjritte der tjinunelsfeintiie Im Me 1902.

Bei jeder Wissenschaft läßt sich zweierlei Art von Forschungstätigkeit unterscheiden. Die eine stellt ge­wissermaßen die Berufspsltchtcn des Gelehrten auf dem betreffenden Gebiet dar und uurfatzt die Summe von Ar­beiten, die laufend erledigt werden müssen; die andere Art der Forschung ist das selbständige schöpferische Vor­gehen mit neuen Zielen. Nicht immer ist die letztere Art die wertvollere, wenn sie auch mehr Aussicht auf Ruhm bietet. In der Astronomie sind diese beiden Gruppen in der Forschung auch wohl zu trennen. Wenn ein neuer Planet oder ein Komet entdeckt ist, so mutz seine Bahn berechnet werden; wird ein Himmelskörper nach längerem Werschwundensein wiedergefunden, so müssen die früheren Bestimmungen revidiert und verbessert, vor allem etwa­ige Veränderungen studiert werden; ist ein Stern als Doppelstern erkannt, so muß die Stellung der beiden Ele­mente zu einander und die Art des Lichtwechsels ermittelt werden . . ., und so gibt es eine große Reihe von not­wendigen Arbeiten, mit denen viele Astronomen vollauf zu tun haben. Mancher Vertreter der Himmelskunde gibt sich fast ausschließlich solchen Beobachtungen und Rech­nungen hin und führt ein stilles Gelehrten leben, das in den Fachkreisen wohl die verdiente Anerkennung findet, dessen Wert aber nach außen hin wenig bekannt wird. Mit Rücksicht darauf ist es immer ein heikles Unterneh­men, von dem Fortschritt der Astronomie in einem be­schränkten Zeittaum sprechen zu wollen, zumal wenn die Zahl der eigentlichen Naturereignisse auf astrono­mischem Gebiet in dem fraglichen Zeitraum geringfügig gewesen ist. So war es im Jahre 1602. Da gab es keinen neuen Stern, wie erst im vorausgegangenen Jahre, da gab es keine vollständige Sonnenfinsternis zu beobachten, auch die Entdeckung neuer Planeten und Kometen hielt sich in den üblichen Grenzen der Quantität und Qualität. Auch die Kapitel der Himmelskunde, die sonst noch immer für einige Überraschungen zu sorgen pflegen, wie die Erscheinungen auf der Sonne und

andererseits die Meteore, haben nichts besonders Auf­regendes gebracht. An interessanten Veröffentlichungen hat es trotzdem gewiß nicht gefehlt, auch ist das vergangene Jahr in der Summe astronomischer Arbeiten durchaus nicht zurückgeblieben, aber es ist schwieriger als sonst, mit Rücksicht auf diesen Zeitraum eine Zusammenfassung zu geben, da sich der Stoff nicht an große Ereignisse an- gliedert.

Um mit dem Planetensystem und innerhalb dieses mit der Sonne zu beginnen, müssen wir zunächst der For­schungen von Professor Julius aus Amsterdam gedenken, die geeignet sind, von den Vorgängen auf unserem Muttergcstirn neue Anschauungen herbeizufüyren. Die Untersuchungen gründen sich aus eine Beobachtung wäh­rend der letzten vollständigen Sonnenfinsternis mittels des Spektroskops. Professor Julius hatte dabei eine ge­setzmäßige Zerstreuung des von der sog. Chromosphäre ausgehenden Lichtes wahrgenommen und daraus fürs erste Schlüsse auf das Wesen der Protubcranzen und dann weitere auf den Zustand des gesamten Sonnen­körpers gezogen. Bisher hatte man die Vorstellung, daß die Sonnenatmosphäre aus mehreren einigermaßen ge­sonderten Schichten von verschiedener stofflicher Zu­sammensetzung gebildet wäre. Diese Theorie gibt Julius vollkommen auf und hält vielmehr den ganzen Gaskörper der Sonne für ein ungeheueres Gemisch sämt­licher Grundstoffe, das sich in unaufhörlicher, gewaltiger Bewegung befindet. Die nach dem Inneren zu befind- lichen Gase erhitzen sich, steigen infolgedessen auf, müssen aber, wenn sie sich dann wieder abkühlen, von neuem sinken. So entsteht eine dauernde Wirbelbewegung, die außerdem durch die Umdrehung der Sonne um ihre Achse beeinflußt wird. Professor Julius hält die ganze Cyromo- sphäre mit ihren Protuberanzen für nichts anderes, als ein System solcher Wirbel, die sich an einzelnen Stellen über den Sonnenrand erheben und dann als mächttge Eruptionen erscheinen. Namentlich für die Auffassung der Protuberanzen ist diese neue Ansicht von großer Wich­tigkeit. Von der Sonnenfinsternis des Jahres 1901 und gleichzeitigen Beobachtung der unverfinstcrten Sonne ist auf einen Zusammenhang zwischen der durch die Flecken

und Fackeln ausgedrückten Sonnentätigkeit mit der Form der Sonnencorona gefolgert worden. Letztere wies ge­legentlich der Verfinsterung eine eigentümliche Strahlen­wolke auf, die vermutlich von einer besonders stark täti- gen Region des Sonnenkörpers erzeugt wurde. Beach­tenswert sind außerdem die Untersuchungen auf dem Mont Blanc durch Nordmann, der an sich nur elektrische Wellen in den von der Sonne ansgesandten Strahlen er­mitteln wollte; die Versuche haben ein negatives Ergeb­nis gehabt. Von den großen Planeten ist wenig Besonde- res zu erwähnen. Die Oberflächen des Mars und des Jupiter wurden mit Bezug auf die Verteilung und Ver­änderung der daraus sichtbaren Flecken und anderer Zeichnungen weiterhin eifrig studiert, während die Wahrnehmung von Helligkeitsunterschieöen auf anderen Planeten, namentlich auf der Venus, jetzt immer mehr als eine optische Täuschung betrachtet wird; auch der leb- Hafteste Verfechter des Vorhandenseins von Flecken auf der Venus, Percival Lowell, hat jetzt seinen Standpunkt aufgegeben. Derselbe Astronom hat auch noch eine an­dere seiner früheren Angaben zurückgezogen, bezw. auf einfachem Wege erklärt, nämlich die seinerzeit mit großem Aplomb verkündete Beobachtung eines plötzlichen Auf­leuchtens auf dem Mars, das als ein Lichtsignal der Marsbewohner an die Erdbewohner hingestellt wurde. Lowell hält es jetzt selbst für wahrscheinlich, daß die Er­scheinung von Wolken in der Marsatmosphäre herrührte, die von der untergehenden Sonne beleuchtet wurden. Die Anschauungen über den Zustand des Mondes sind insofern mehr ins Wanken gekommen, als Professor Pickering von der Harvard-Sternwarte, ein sehr geachteter Der- freier seines Fachs, daran festhält, Veränderungen auf der Mondoberflüche in solcher Häufigkeit und Beschaffen­heit wahrgenommen zu haben, daß die Lehre von der Un- Veränderlichkeit und gänzlichen Untätigkeit deS Mond­körpers aufgegeben werden müsse. Die Zahl der kleinen Planeten ist um den üblichen Durchschntttsbetrag ver­mehrt worden, der sich namentlich aus der Himmels- Photographie ergibt; sie beträgt jetzt etwa 480. Man wird vielleicht allmählich davon abgehen müssen, diesen kleinen Himmelskörpern, wenn sie nicht besondere Eigenschaften