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Viesbsdkner Tsgblck.

51. Jahrgang.

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N« NN. »-„»„.z,^»,,«„R,.s9sz. Donnerstag, den 23. Januar. Ri.akti,»s-Feruspr,ch,r SIS. 52. 1803.

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Parlamentarische Urdefreiheit und MnisterverantmorMchKeli.

1'. Berlin, 21. Januar.

Obwohl . bei der heutigen Fortsetzung der Etats- debatte im Reichstag von Seiten der Abgeord­neten der gestrige Zwischenfall, der sich zwischen dem Abg. v. Vo Umax und dem Reichstag-Präsi­denten Grafen Balle st rem abgespielt hatte, kaum ge­streift wurde, lvährend mau freilich die heutige Rede des Reichskanzlers Grafen Bülolv als ein indirektes Eingehen attf den gestrigen Zwischenfall auffasscn mußte, stand doch dasHaus noch sichtlich unter demEindruck der gestrigen Vorkommnisse. Dieser Eindruck ist unverkennbar ein etwas deprimierender, und diese Depression erstreckt sich bis weit in die Reihen der Rechten und auch in die des Centrums hinein. Es giebt wenige, die es nicht auf­richtig bedauert hätten, daß die Sozialdemokratie den gegen das Andenken eines Toten gerichteten Feldzug nun auch in das Parlament hinüberspielen wollte. Aber auf einem ganz anderen Blatte sieht die Art, wie der Reichs- tagspräsident Gras Ballestrem die Attacke der Sozial­demokraten verhindert hat. Diese Art ist — diese Ansicht wird in den weitesten politischen Kreiseir geteilt — eine recht bedenkliche, und noch weit bedenklicher sind die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, daß seitens des Reichstagspräsidenten aus eigener Macht die Grenzen der parlamentarischen Redefreiheit gezogen und zwar ein­geengt ioerden.

Wir sagten schon, daß diese Bedenken bis in die Parteien der Rechten hinein geteilt werden. Nicht nur in den nationalliberalen Kreisen und auch tu der national- liberalen Presse wird an dem gestrigen Verhalten des Reichstagspräsidenten entschiedet! Kritik geübt, sondern auch Blätter wie die freikonservativen „B. N. N." und das hiesige Organ des Bundes der Landwirte machen ernste Bedenken gegen die gestrige Handhabung der Ge­

schäfte fetten» des Grafen Ballestrem rnid das dadurch ge­schaffene Präjudiz geltend, Nach irgend einer Stimme, welche das Vorgehen des Reichstagspräsidenten ver­teidigt, sucht inan vergeblich. Diejenigen Blätter, welche, wie das hiesige Organ des Centrums, die „nächsten dazu" wären, die Taktik des Grafen Ballestrem zu erklären und zu rechtfertigen, helfen sich dadurch, daß sie sich über­haupt jedes Eingehens auf die Angelegenheit enthalten.

Der Widerspruch zwischen dem Verhalten gegenüber dem Abg. Schädler und gegenüber dem Abg. v. Vollmac liegt zu offen, als daß inan darüber Hinweggleiten könnte. Der Reichstagspräsident Graf Ballestrem hat ' am 21. Januar 1899 seine Stellung zur Erörterung k a i s e r l ich e r Reden und Äußerungen dahin formuliert, daß sie nur dann im Reichstag erörtert wer­den dürften, wenn sie auchentisch, d.' h. durch offizielle Kundgebungen oder durch den „Reichsanzeiger" bekannt geworden sind. Dieser Fall traf zwar nicht auf die Swinemünder Depesche des Kaisers, über die der Abg. Schädler gesprochen hatte, wohl aber auf die Essener und Breslauer Kundgebungen des Kaisers zu, über die der Abg. v. Vollmar sprechest wollte und woran ihn Graf Ballestrem verhinderte. Der Reichstagspräsident hat jetzt seine vor vier Jahren aufgestellte Formel über die Erörterung der Kaiserveden durch einen Nachtrag dahin abgeändert, daß sie im Reichstag nur erwähnt werden dürfen, wenn sie öffentliche Angelegenheiten, und nicht wenn sie private Angelegenheiten beträfen.

Diese seine Unterscheidung, welche zweifellos noch schwieriger sein dürste als die noch nicht gefundene zwischen Braugerste und Futtergerste, ist in der Praxis unhaltbar und sie trifft auch im vorliegenden Falle gar- nicht zu, denn wer wollte insbesondere die Breslauer Kundgebung des Kaisers, in der er die Arbeiter uus- forderte, die schlichten Männer aus der Werkstatt in die Volksvertretung zu senden, nicht als eine Kundgebung über öffentliche Angelegenheiten ansehen? Graf Ballestrein hat bei seinem Vorgehen zweifellos eine gute Absicht verfolgt, aber in der Wahl der Mittel hat er sich vergriffen. Jedenfalls erscheint es als dringend wünschenswert, daß man sich im Reichstag darüber einigt, inwieweit die Reden des Kaisers in die Debatte zu ziehen sind, denn cs ist dringend nötig, das hier ein allgeniein gültiger Modus geschaffen wird.

Wie zuverlässig verlautet, ist man auch am Regie­rungstische durchaus überrascht darüber gewesen, daß der Reichstagspräsident den Abg. v. Vollmar an seinem Ein­gehen aus die kaiserlichen Kundgebungen verhinderte, und der Reichskanzler Graf Bülow soll bereit gewesen sein, diese Angriffe sofort zu beantworten, was zweifel­los eine iveit wirksamere Abwehr gewesen sein würde. Die heutige bemerkenswerte Rede des Grafen Bülow, in der er unumwunden das offene Wort aus­sprach, daß die ausgeprägte Individualität des Herrschers zuweilen seine Aufgaben erschwere, in der er aber zu­

gleich zu einer gerechten Würdigung des edlen Strebens und der Intentionen des Katsers ermahnte, ist nnberkennbar als die Antwort des Reichskanzlers auf die gestrigen Vorkommnisse aufzufassen. Wenn er es als das innerste Wesen der Monarchie bezeichnete, daß die Misiister die Verantwortlichkeit für die Reden und Hand­lungen des Monarchen übernehmen, und daß er bitte, alle Angriffe gegen seine eigene Person zu richten, so gab er damit zugleich unzweideutig zu verstehen, daß er weder diese Verantwortlichkeit, noch diese Angriffe scheue!

Die Erklärung der sozialdemokratischen Fraktion, die wir schon kurz mitteilten, lautet: In der heutigen Sitzung des deutschen Reichstages ist durch den ersten Präsidenten, Herrn Grafen v. Ballestrem, ein die durch die Verfassung garantierte Redefreiheit der Abgeordneten vernichtender Gewaltakt verübt worden, gegen den wir im Namen und Auftrag der sozialdemokratischen Fraktion- hiermit öffentlich Protest erheben, nachdem der Redner, Parteigenosse v. Vollmar, vergeblich versucht hat, in der Sitzung sein Recht zu wahren. Vollmar beabsichtigte im Laufe seiner Etatsrede die verletzenden Äußerungen zur Sprache zu bringen, die der Kaiser in seinen bekannten Reden in Essen und Breslau im Dezember v. I. gegen die deutsche Sozialdemokratie geschleudert hat. Das zu tun hatte Vollmar nach den bisherigen, durch den Präsi­denten, Herrn Grafen v. Ballestrem, selbst im Reichstage eingebürgerten Regeln volles Recht. Der Präsident, Herr Graf v. Ballestrem, hat in den Sitzungen des Reichs- tages vom 21. Januar 1899, ferner vom 21. Juni 1899 und endlich vom 12. Dezember 1899 ausdrücklich erklärt, daß er eine Besprechung kaiserlicher Reden in angemessener Weise, sobald sie authentisch, z. B. durch den „Reichs-An­zeiger", bekannt geworden seien, zulassen werde. Obwohl nun die Reden in Effcn und in Breslau im „Reichs-An­zeiger" veröffentlicht worden sind, und obwohl Vollmar auf Einwendung des Präsidenten, Herrn Grafen v. Balle­strem, ausdrücklich erklärt hatte, er werde den Fall Krupp, mit dem jene Reden in Verbindung stehen, mit keinem Worte erwähnen, sondern sich ausschließlich auf die Kritik der gegen die sozialdemokratische Partei gerichteten Be­schuldigungen des Kaisers beschränken, so ließ der Präsi­dent diese Kritik nicht zu. Dieser Willkürakt des Präsi­denten, Herrn Grafen v. Ballestrent, ist umso unerhörter, als er es in der Ordnung fand, daß sowohl in der gestri­gen als in der heutigen Sitzung des Reichstages das Swinemünder Telegramm des Kaisers an den Prinz- rcgenten von Bayern, das im „Reichs-Anzeiger" nicht veröffentlicht worden ist, in der gründlichsten Weise er­örtert wurde, insbesondere auch durch den Centrums- Abgeordneten I)f. Schädler. Da die Geschäftsordnung des Reichstages keinen Weg bietet, diesen nur bei Kennt­nis der Geheimgeschichte des Falles Krupp verständlichen Gewaltakt des Präsidenten, Herrn Grafen v. Ballestrem, im Reichstage selbst zur Erörterung zu bringen, so wen­den wir uns an die Öffentlichkeit. Wir überlasten dem

Die Eidechse.

Roman von A. v. Kliuckawström.

(26. Fortsetzung.)

Unter diesen Umständen war es dem kleinen Modell ein leichtes, ihn zu allerlei Extravaganzen zu verleiten, zu Ausflügen in die Vororte und abendlichen Streifereien, die in irgend erneut eleganten Restauram endigten. Er machte sich feilt Gewissen daraus, da er hinterher die Nacht beim Poker verbrachte und vorläufig noch dauernd im Gewinn blieb. Das Spielfieber ,von dem er sich so lange freigehalten hatte, packte ihn jetzt, und der prickelnde Reiz desselben regte ihm die Nerven an.

Jenny sah in diesen Tagen sehr ivenig von ihm und vernwchte während ihres kirrzerr Zusammenseins nicht mir seiner triumphierenden Erregung, die immer etwas von einem Rausch hatte, zu symptahisieren.

„Ich glaube, du trinkst", sagte sie einmal ängsllich. „Das solltest du doch nicht tun."

Er lachte.

„Ich muß mich hier und da ein bißchen ausmöbeln."

„Das wird deiner Gesundheit schaden. Dm bist ohne­hin nicht der Kräftigste, und ich höre dich oft husten."

„Nun ja, ich habe einen Katarrh."

„Jetzt mitten im Sommer?"

„Da erkältet man sich gerade ain leichtesten. Tu mir nur die Liebe und werde nicht zimperlich mit mir."

Sie ließ^ es gehen, wie es eben ging, war aber in gedrückter Stimmung.

Es schien fast, als glaubte der Professor mit dem,An­kauf dieses Bildes alles getan zu, haben, was von ihm erwartet werden könne. Er unterließ es nicht, zu be­tonen, daß ihm nur daran gelegen gewesen, ihren Wunsch hu erfüllen, und konnte einige abfällige Bemerkungen über Englers künstlerische Fähigkeiten nicht unterdrücken, dabei einsließen lassend, daß Jenny, wenn ihr wirklich noch etwas an ihrem Verlobten gelegen sei, gut tue, ein wachsames Auge auf ihn zu haben. Sie mußte es mu.

anhören, wie er die kleine Schmauserei im Atelier schilderte, die er überrascht hatte, und die bestimmende Art des hübschen Modells.

Sie litt unter denr Bewußtsein, daß ihr weiblicher Stolz härter durch diese Mitteilungen getroffen würbe als ihr Herz. Es beunruhigte sie entsetzlich, zu fühlen, wie Engler von dem Jdealmenschen. den sie einst in ihm zu sehen gemeint hatte, zum gewöhnlichen Durchschnitt herabgesunken war. Ja, war denn das überhaupt noch Liebe zu nennen, was sich in ihr für ihn regte?

Zugleich erweckte ihr die wachsende Liebenswürdigkeit Lebruns Unbehagen, und der Unterricht bei ihm, der einige Abende hindurch einen so guten Fortgang ge­nommen hatte, war nach und nach wieder im alten Schlendrian untergegangen. Der Professor legte offen­bar größeren Wert darauf, zu plaudern und den Ange­nehmen zu spielen, als Lehrmeister zu sein. Dabei merkte sie immer deutlicher sein Bestreben heraus, durch kleine herabsetzende Äuerungen Engler innerlich von ihr loszu­lösen.

Jeirny ivnßte nicht, was sie tun sollte. Wenn das so fortging, lief sie Gefahr, mit allem, was sie erstrebte, Schiffbruch zu leiden und sich selbst zu verlieren. S>e wagte kaum noch mit den Studiengenossinnen zusammen zu kommen, nur nicht eingestehen zu müssen, daß.sie zurückblieb, und daß ihre Freude über btc Abkürzung der Arbeitszeit zum mindesten verfrüht gewesen sei. Von Herzen gern hätte sie die Universitätskurse wieder aufge- nommen, wenn sie sich nicht geschämt hätte und das Ver- säumte so rasch wieder nachzuholen gewesen wäre. Es fehlte ihr auch der Mut. mit höflichem Dank einen ent­schiedenen Strich durch die Spielerei zu machen, als welche Lebrun ihr Studium offenbar behandelte. Auch stieg ihr die feine Huldigung, die er ihr als Weib bei jeder Gelegenheit entgegenbrachte, ein wenig zu Kopf, so daß sie nicht die rechten Worte zur richtigen Zeit fand. So­lange sie bei ihm war, die Bücher fast nur noch zum Schein vor sich ausgebreftet, fesselte er sie durch seine glänzende Unterhaltnngsgabe. Ging sie die Treppe hinab, so kam ihr das Mißbehagen i"*^ die Unzufriedenheit.

Der Wunsch, mit einer verständigen und klugeit Frau Rücksprache zu nehmen, stieg in. ihr auf; aber sie hatte cs versäumt, Beziehungen anzuknüpfen, und kannte nur Frau von Hellinger. Trotzdem diese sich nicht gerade dazu eignete, einem jungen Mädchen Ratgeberin zu sein, entschloß sich Jenny doch, zu ihr zu gehen. Das Herz lag ihr auf der Zunge, sie hätte sich gern rückhaltlos über alle Kümmernisse ausgesprochen, aber der Wirrwarr, der augenblicklich tut Hellingerschen Hause herrschte, machte ihr dies unmöglich.

Der Konsul war krank geworden, und leine Frau be­klagte sich bitter über die neue ihr dadurch aufgebürdete Last und Sorge, als habe er es ihr zum Vossen getany sie hatte rotgeweinte Augett, und als Jenny sie trösten wollte und die Hoffnung aussprach, der Kranke werde sich bald wieder erholen, wies sie den Trost ab und deutete an, daß ihr Herzenskummer ganz andere Ursachen habe, diese nur ein erschwerender Umstand mehr sei. Dann entschuldigte sie sich flüchftg und eilte in das Zimmer ihres Gatten zurück, uni ihm pünktlich die Medizin zu geben. Sie tat dies in Wahrheit mit großer Gewissenhaftigkeit aber doch wie jemand, der eine lästtge Pflicht erfüllt, in einer Weise, welche dem Leidenden die drückende Über­zeugung gebet! mußte, daß er große Unbequemlichkeiten verursache.

Noch niedergeschlagener als vorher gina Jenny da- von. Der Konsul dauerte sie, stand ihr jedoch nicht nahe genug, um ihr nachhaltige Teilnahme einzuslößen. Sie empfand nur schmerzlich, daß sie niemand hatte, der ihr Sympathie eittgegenbrachte.

Ziellos durch die Straßen wandernd, geriet sie, die großen Boulevards rasch passierend, in die untere Stadt, durchschritt einen der Höfe des Louvre und stand mit einmal vor der Sorbonne, ohne recht zu wissen, was sie hergeführt. Ihr tat das Herz weh, als sie die Treppe ansah, die sie während der ersten Wochen ihres Hierseins so fröhlich emporgegangen war. Ein Trupp luftiger Studenten kam die Stufen herab. Einigen der jungen Leute war sie von Ansehen bekannt, und sie betrachtäen sie im Vornbergehen mit lächelnden, erstaunten Blicken.