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Sl. Jahrgang.

a elnt in zwei Ausgaben. — BezngS-Prei» r den Verlag so Pf«, monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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l!o. 3 a). verlagS-Fernfprrcher No. 2953.

Mittwoch, den 21. Januar.

RedaktiouS-Fernfprrcher Ni. 52.

isoa.

jfclorgew-imsgabe.

Iüv Ireörucrv und Würz

auf das

„Wiesbadener Tagblatt"

>u abonnire», findet sich Gelegenheit

im Kerlag Kanggasse 27, he» den Ausgabestellen, de» Zweig-Expeditionen

der Nachbarorte,

und bei sämmtlichrn deutschen Reichspojtanstaltrn.

Die Deutschen in Marokko.

Falls die Wirren in Marokko einest für den Sultan ungünstigen Ausgang nehmen und der Kronprätendent Bu Hamara die Herrschaft über bas Sultanat über­nehmen sollte, erscheint es nicht unwahrscheinlich, bei dem stetigen, sich jetzt noch steigernden Fremdenhatz der ein­geborenen Mauren und Berber, datz Ausschreitungen gegen die Angehörigen europäischer Nationen Vorkommen könnten. Uber die im afrikanischen gleiche ansässigen Deutschen und den deutschen Handel kann die „Deutsche Warte" auf Grund eines Gesprächs eines Mitarbeiters mit einem Deutschen, der sich längere Zeit in Marokko aufhielt, eingehendere Mitteilungen machen. Die Unter­redung verlief etwa wie folgt:

„Nach Ausweis des neuesten Gothaischcn Kalenders nimmt Deutschlands Handelsverkehr mit Marokko die dritte Stelle ein. Großbritannien steht weitaus vornan, dann folgt Frankreich mil 427 OM Pfd. Sterl. Einfuhr nach dem Sultanate, während das Deutsche Reich nur 133 000 Pfd. Sterl. aufweist. Die Ausfuhr des afrikanischen Reiches »ach beiden Ländern stellt sich auf 237 00» bezw. 162 000 Pfd. Sterl. Trotzdem liest man vielfach, daß der deutsche Handel dem englischen an Bedeutung zunächst steht."

„Das ist meiner Erfahrung nach auch tatsächlich der Fall. Wir haben auf dem friedlichen Gebiete des Ver­kehrs und Handelsaustausches entschieden die Franzosen verdrängt. Wenn wir dort unten etwas zu suchen hätten, so müßten wir uns mit Großbritannien in die Beute teilen. Die Großmächte haben aber bekanntlich ihre politischen „Interessensphären", und an der Mittelmecr- küste blüht uns kein Landerwcrb. Sollte es zur Teilung zwischen England und Frankreich kommen — Spanien wird man nicht viel gönnen —, so fahren wir in Bezug auf unsere Handelsinteressen jedenfalls in der englischen Hälfte besser wie in der französischen. Das Beispiel Algiers lehrt, daß die Besitznahme einer Kolonie durch die Franzosen den ausländischen Handel töte."

„Wieviel Deutsche leben jetzt etwa in Marokko?"

„Gegen 200 werden es wohl sein. Ihre Zahl ver­mehrt sich beständig, während die Franzosen immer weniger werden. Das ist um so auffälliger, als die fran­

zösische Regierung große Anstrengungen macht, den Handel zu heben. So viel ich weiß, werden in jedem Fahre Handelsagenten nach dem Lande gesandt, die über den Verkehr Bericht zu erstatten haben. Das ist bisher von deutscher Seite nicht geschehen, obwohl es gerade jetzt dringend erwünscht wäre."

„Politisch soll ja Frankreich augenblicklich dort die Oberhand haben?"

„Das französische Heer in Algier steht zum Einmarsch bereit, in Fez ist eine Militürkommissivn tätig. Der Sultan liebt zwar England, fürchtet aber wegen der un­mittelbaren Nachbarschaft Frankreich, das schon Beweise seines Landhungers gegeben hat, mehr. Da kann es nun leicht geschehen, datz in Zukunft durch das Vorwärts­drängen des Franzosentums der deutsche Handel wieder zurückgedrückt wird. Aus diesen Gründen muh unser Handel tatkräftig von der Negierung unterstützt werden."

„Wo befindet sich der Hauptsitz des deutschen Handels?"

„Zweifellos in Tanger. Dort sind neun Haupt­geschäfte und mehrere Zweigniederlassungen. In Saffi haben wir fünf, in Magador vier, in Casablanca selbst­ständige Häuser. In Rabat sowie Larasch sind ebenfalls Handelsunternehmungen deutscher Untertanen gegründet worden. Von französischen Handelshäusern kenne ich nur mehrere in Tanger, Casablanca, Magador, Rabat und Larasch, während in Saffi z. B. keine Unternehmung französischer Kaufleutc besteht. Der Anzahl und Bedeu­tung nach sind sie alle jedenfalls den deutschen nicht eben­bürtig. Der englische Handel allerdings steht auch in Bezug auf Zahl der Niederlassungen an erster Stelle."

„Wie stellt sich der Schiffahrtöverkehr der im Verkehr rivali­sierenden Nationen?"

„Acht Häfen kommen in Betracht. Im Jahre 1900 verkehrten in diesen englische Schiffe mit annähernd 400 000, deutsche mit etwa 255 000 und französische mit 200 000 Registertonnen. In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis für Deutschland noch günstiger gestaltet, was Übrigens aus der Zunahme der Ausfuhr aus Marokko ersichtlich ist. In dem Zeitraum von 1S92 bis 1900 vermehrte Frankreich dieselbe von 7 Millionen auf 9 Millionen Francs, während die Deutschen es von 1 Million auf 7,5 Millionen gebracht haben. Wir haben somit alle Ursache, mit der Steigerung unseres Handels­verkehrs zufrieden zu sein. Der Regierung erwächst hieraus unzweifelhaft die Pflicht, zur Unterstützung und weiteren Hebung des Verkehrs das Möglichste beizu­tragen."

„Verkehren auch deutsche Schiffahrtslinien an der marokka­nischen Küste?"

„Soviel mir bekannt ist, besuchen zwei deutsche Dampfergesellschaften Marokko. Es sind dies die olden- burgisch-portugicsische Dampfschtffreederei und die Woer- mann-Linic. Seit vorigem Jahre sind sogar vierzehn­tägige Fahrten eingerichtet, was sehr im Interesse des deutschen Handels liegt. Französischerseits existiert nur eine kleine Dampferlinie, die den Verkehr vermittelt und jedenfalls keine Konkurrenz darstellt."

„Welches sind die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel?"

„In erster Linie Hülsenfrüchte, Häute, Felle, Eier und Olivenöl. Dann kommt Vieh, Mandeln, Mais, Wolle in Betracht. Auch Wollwareu und Pantoffeln wer. den exportiert. Geringer ist die Ausfuhr von Sämereien Gerste und Gummi."

„Das Innere Marokkos ist wohl bisher dem Handel und Ver­kehr fast gänzlich unerfchlvffen geblieben?"

„Allerdings. Es mutet dies um so merkwürdiger an, als das Land sozusagen vor den Toren Europas liegt. Man sieht an hellen Tagen die Häuser an der spanischen Küste schimmern. Das Innere Marokkos ist fast so un­erforscht, wie der dunkelste Teil des dunklen Erdteils. Was den Römern, die aus Mauretanien eine ergiebige Kornkammer für ihr großes Reich schufen, geglückt ist, ist bisher allen europäischen Nationen versagt geblieben. Die Zukunft, wird auch hier klärend wirken. Der Süd­westen, das Atlasvvrland, ist an den meisten Stellen her­vorragend fruchtbar. Mineralfchätze, besonders Kupfer, finden sich fn großen Mengen, die Bedingungen für die Entwickelung einer großartigen Viehzucht sind gegeben, kurz — alles deutet darauf hin, daß die Mächte, die in den Besitz des Landes gelangen würden, eine außer, ordentlich ergiebige Beute machen würden —"

„— Aber die Verkehrsmittel —"

„Die liegen eben noch ganz im argen. An der Peripherie der Kultnrwelt gelegen, hat Marokko bisher fast jedwede Kultur infolge der fanatisch dem Koran­glauben anhängenden Bevölkerung verachtet. Es gibt weder -Eisenbahnen, noch Telegraphen, weder Land­straßen noch Brücken dort. Die sogenannten Heerstraßen, die sich netzartig über das ganze Land ausbreiten, sind mir schmale, ausgetretene Pfade. Im Sommer durch­watet mau die Flüsse, im Winter und zur Regenzeit ge­stalten sich die Übergänge über die Wasserlüufe zu direkt gefährlichen Unternehmungen."

„Die Schiffahrt anf den Flüsien ist wohl auch erschwert?"

„Das ist ein Hauptfakfor, der sich dxr Erschließung des Innern widersetzt. Die Mündungen der Flüsse sind entweder versandet, oder durch Barren der Schiffahrt verschlossen. Daher kommt cs bei dem Fehlen von sonstigen Kommunikationen, daß die Landesprodukte so schwer oder gar nicht an die Küste gelangen. Aus allem ist leicht zu ersehen, daß die Erschließung Marokkos nur durch eurvpäifche Kultur mit ihren technischen Hülfs» mitteln vorgenommcn werden kann."

Deutsches Kelch.

Bismarcks Stellung zur Frage des Tarifschemas.

Sowohl die Höhe der autonomen Zollsätze, wie die Spezialisierung des Tarifschemas sind bei der Auf­stellung des neuen deutschen Generaltarifes ihrem prak­tischen Wert und Nutzen nach erheblich überschätzt wor­den. Den Anhängern des Fürsten Bismarck, welche bei jederGelegenheit die segensreiche Politik der Bismarck-

Feuilleton.

Von einem Klorchrnschicksal

plaudert der „Schwab. Merkur": Wer zur Winterszeit von Marbach a. N. aus die Murrtalbahn beführt, sieht wohl plötzlich zu seiner Überraschung, obwohl alles rings mit Schnee bedeckt ist, einen stattlichen Storch stehen und dem Fischfang obliegen. Es ist der Murrer Storch. Er bildet ein Unikum seines Geschlechts insofern, als er seit Jahren dort das Gastrccht genießt und, in völliger Frei­heit lebend, zum Haus- und Ortsgenossen geworden ist. Bor mm sechs Jahren war es, daß er, noch nicht ganz flügge, halb verhungert vom Nest auf das Kirchcndach fiel. Ob eine Famtlientragödie vorlag, ob schnöde Fahr­lässigkeit seitens der Eltern die Schuld an dem Unglück trug, ließ sich nicht ergründen. Der Schullehrer brachte ihn in einem kleinen Gänsestall unter. Bon Stund an fühlte sich unser Storch in den veränderten Verhältntsien heimisch, umso mehr, als sich die allgemeine Teilnahme seinem Schickfal zuwandte. Die Schulkinder brachten dem Schützling ihres Lehrers massenhaft Frösche und Mäuse und behandelten ihn überhaupt mit Rücksicht auf seinen hohen Schutzherrn als eine Art Respektsperson. Mit dem Fliegen allein wollte cs nicht so recht gehen, und als der erste Winter vor der Tür stand, zogen die herzlosen Eltern nach dem Süden, unbekümmert um den verlornen Sohn. Mochte er selbst sehen, wie er sein Dasein fristete und sich mit der nordischen Kälte abfand. Doch der Storch ertrug mannhaft Schnee und Eis, nur fand er gar wenig, seinen Hunger zu stillen, und die Not zwang ihn, betteln zu gehen. So unternahm er denn Gänge durchs Dorf, Entdeckungsreisen auf die Düngerhaufen vor den Häusern und bald wurde er ein gern gesehener Gast in den Straßen von Murr? selten wies ihn jemand unbeschenkt von seiner Tür. Hie und da wird ihm sogar eine Knack­wurst verabreicht, die er kunstgerecht verspeist, nicht ohne die einzelnen Stückchen vorher in einer Pfütze anzufeuch­ten. Auch von „Späzle" ist er ein großer Liebhaber: dock am besten befindet er sich, wenn er ausgekundschaftet hat, wo ein Schwein geschlachtet wird. Der Todesfchrei eines solchen wird ihm zur schönsten Musik: wenn er ihn hört,

eilt er beflügelten Schrittes nach der betreffenden Stätte, seinen Tribut zu empfangen. Im Sommer bettelt er nicht, sondern sorgt selbst für seinen Unterhalt, wie er auch vom Stall keinen Gebrauch macht, sondern in der warmen Jahreszeit sich mit einer Holzbeuge begnügt. Mit seinen Stammesgenossen, die sich jedes Jahr auf dem Kirchendach einstellen und mit denen er reichlich Gelegen­heit zum Umgang hätte, verkehrt er nicht, und diese schneiden ihn vollständig. Er ist ein Fremdling und Ab­trünniger geworden, er versteht die Storchensprache nicht mehr. Dafür ist er mit der Zeit vertraut geworden mit den Dorfbewohnern, und hat im Verkehr mit ihnen jede Scheu verloren. Oft treibt er sich mitten unter der lär­menden Schuljugend herum: aber zu nahe darf sie ihm nicht kommen: er umgibt sich stets mit einer Würde, einer Höhe, die allzu große Vertraulichkeit von ihm entfernt. So ist sein Lebensgang im allgemeinen recht befriedigend für ihn: er hat es wohl im Lauf der Zeiten verlernt, datz ihm einst ein anderes Lied an seiner Wiege geklappert worden und sehnt sich nicht zurück nach jenen höheren Gegenden, denen er entstammt!

Der „Murrer Storch" ist übrigens nicht der einzige, der auf die Fleischtöpfe Egyptens oder Afrikas verzichtet hat und den Winter im Lande Württemberg zubringt. In der Brauerei in Zutzdorf (O. A. Ravensburg) lebt ein Storch als unumschränkter Herr im Hühnerhof. Er wurde im vergangenen Jahre von seinem eigenen Rabenvater als unnützer Fresser meuchlings aus dem Nest gestoßen und langte jämmerlich zerschunden auf dem Boden an. Dort fand ihn ein Bauer in kläglicher Verfassung, nahm sich seiner an und fütterte ihn mit Hilfe der Schulkinder, bis der tierfreundliche Besitzer der Brauerei ihn schließ­lich dem Bauern abkaufte. Seither lebt er recht und schlecht nach Storchenart von den Abfällen der Küche in Freiheit, und nur nachts teilt er mit den Kühen den warmen Stall. Mit stoischer Ruhe spaziert er umher, ganz zahm gegen die Menschen, seine Wohltäter: aber wehe dem Hunde, der sich ihm zu nahen wagt! Ein wohl- gezielter und sicher die empfindliche Nase treffender Schnabelhicb entfernt mit Sicherheit jede Vertraulichkeit. So gedenkt er noch viele Jahre das Gastrecht in der Brauerei zu genießen!

Ans Kunst und Leben.

* Wissenschaft nnd Glaube. William Crookes, einer der hervorragendsten englischen Physiker, der stets ein großes Interesse an transccndentalen Fragen besessen hat, soll neuerdings viele Tatsachen gesammelt, geprüft und zu einander in Beziehung gesetzt haben, die Spiri­tismus, Hypnotismus, Telepathie, Wundcrheilung jLourdes) und solche „Unternehmungen" wie die Christ­liche Wissenschaft betreffen. Wenn ein bedeutender Ge­lehrter, wie Crookes, über einen solchen Gegenstand Untersuchungen anitellt, so werden sie wohl Beachtung verdienen. Uber ihr Ergebnis wird vorläufig mitgeteilt, daß es dasjenige, was im Volk allgemein als Tatsachen des Spiritualismus angesehen wird, zerstört, aber doch eine feste Beziehung zwischen Wissenschaft und Religion hervorhebt.

* Ein trauriges Erfinderschicksal. Aus Paris wiri berichtet: Ingenieur Goubet, der Erbauer des erste» Unterseebootes, das seinen Namen trägt, ist Donnerstag früh im Alter von etwa 60 Jahren in einem Privat- krankenhaus gestorben, wohin er zehn Tage vorher ge­bracht worden war. Trotz seiner großen Schwäche verlor er erst zwei Stunden vor dem Ende das Bewußtsein, und in dem kurzen Delirium vorher murmelte er Sätze und zeichnete mit dem Finger geometrische Figuren in die Luft. So war er bis zum Ende von dem Gedanken an die Unterseeboote, die die Hoffnung seines Lebens und in­direkt die Ursache seines Todes waren, besessen. Die Ge­schichte seines Lebens ist eine lange Erzählung von Hoff­nungen und bitteren Enttäuschungen. Im Jahre 1887 fing man an, von seiner Erfindung zu sprechen. Die Frage der Unterseeischen Schiffahrt war noch lange nicht gelöst. Goubet begab sich mit seinem Boot nach Cherbourg, tauchte damit unter, erschien wieder, tauchte wieder und ging zweimal unter dem Panzerschiff „Magenta" hin­durch. Das war ein Erfolg und machte ihn berühmt. Damals schrieb Pelletan, der jetzige Martneminister, Ar- tikel, in denen er die Regierung aufforderte, Goubets Patente anzukaufcn, und eine offizielle Kommission be- gann mit Versuchen. Vor etwa einem Jahre kehrte Goubet von Toulon zurück, wo er zwei Jahre lang mit