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Beilage zum Wiesbadener Tagklait.

Wo. 33. Morgen Ausgabe.

Mittwoch, den 21. Januar.

51. Jahrgang. 1903.

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Wo stets die Sonne brennend scheint. Dort wird onch reiche« Land znr Wüste, Kein Mensch wird trapen stete« Glück, Der'« nicht durch Herzvcrsandung büßte.

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(1. Fortsetzung.)

Leixner.

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Die Sängerin.

Roman von E. Schöye«.

Dem Norwegischen nacherzählt von Emil JouaS.

„Aber man kann sie doch unmöglich mit ihren schmutzigen Füßen in die Staatszimmer gehen lassen", sagte ein anderes.

„Ich habe keine Lust, solchem Pack nachzuscheuern!"

Man hieß Elsa ihre Holzschuhe ausziehen und aus den Strümpfen, die große Löcher hatten und nur halb die erfrorenen Füße bedeckten, hineingehen. Im Eßzimmer, einem großen Raum mit geschnitzten Eicheninöbeln und eingerahmten Kupferstichen an den Wänden, mußte sie dann warten. Auf dem gedeckten Tisch standen noch die Überreste einer soeben beendigten Mahlzeit.

Nicht lange währte es, da trat die blonde Dame ein, gefolgt von ihrem Bruder, dem Hardeshauptmanne, einem grauhaarigen Herrn mit braunen, glänzenden Augen, seiner langen, mageren Frau und einer ganzen Schar von Kindern aller Jahrgänge.

. > A'P .f e ¥' '* 5ct kwben wir den kleinen Singvogel", sagte die Majorin, als sie Elsa erblickte.

Dem Dienstmädchen wurde befohlen, den Blinden herbeizuholen. Als dieser hörte, daß er sich angesichts der Herrschaften selbst befand, beeilte er sich, eine lange Rede herzusagen, die er sich vorher zurecht gelegt batte und worin er der gnädigen Frau für alle die Himmels- gaben dankte. Man forderte ihn auf zu spielen, und er setzte sofort dieGeiae unter dasKinn und begann mit einer heiteren Volksweise.

Elsa sang dazu.

Die Frau Majorin war außer sich vor Entzücken über diese wunderbare Stimme.

^tem tot?" fragte die Faru Majorin.

...„Der Vater trank sich tot und die Miller ist fort- wahrend bettlägerig. Wir erhalten uns das Leben mit der Geige , berichtete der Alte, indem er das Instrument hoch in die Hohe hob.

. »Da haben Sie wohl.nichts dagegen, das Mädchen mrr zu überlassen. Ich bin Witwe und habe keine Kinder."

„>?a, ich weiß nicht, ich ... ." murnielte der Blinde in großer Verlegenheit.

„Slber, teure Amalie", wandte der HardeSbauptmann ein, du müßtest dich doch wohl erst bedmken: es ist in der Tat eine ernste Sache, sich eines fremden Kindes an- zimehmen!" und die ganze Familie begann lächelnd zu flüstern. Was m aller Welt hatte die Tante mit der schmutzigen Göhre zu tun?

„Ich habe einmal etwas Ähnliches geträumt", aut- wartete die Majorin, „und in diesem Augenblick steht es vollkomen klar vor mir, was ich zu tun habe

„Hast du Lust, zu mir zu kommen?" fragte sie Elsa. „Du sollst niemals mehr hungern und zu frieren braucheir. Dil sollst warme, hllbscheKleider bekommen, wie das kleine Mädchen dort", und sie zeigte auf die jüngste Tochter des Hauses.

Elsa starrte sie zunächst mit einer Mieire an, die ver­riet, daß sie nicht begriff, wovon die Rede sei. Aber als sie nach mehrfachen Erklärringen erriet, schrie sie vor Schrecken laut auf und klammerte sich fest an den Groß­vater an.

„Da kann es die Herrschaft sehen", sagte der Blinde stolz: „da der liebe Gott mir diesen Trost in meinem Alter geschenkt hat, ist es auch wohl seine Meinung, daß ich sie behalten soll."

Nun vermochte nichts mehr Elsa zu bewegen, auch nur ein Wort noch zu sprechen, und sie beeilten sich beide aus dem Hause zu kommen.

Von dem Tage an hatten der blinde Paul und seine Enkelin eine stille Angst vor der Wohnung des Hardes­hauptmanns. übrigens hatte der Greis, vollauf während der Weihnachtszeit zu tim, die seine fette Jahreszeit war, denn man tanzte sowohl nachts als tags bei den wohl­habenden Bauern und der Blinde hatte bei allen eine feste Anstellung als Spielmamr. Das war sein Lebens­unterhalt während fast dreißig Jahreir Der frühere Schneider hatte sein Gesicht in einem heftigen Scharlach- fieber verloren und war infolge dessen gezwungen, von der Musik zu leben. Während er in einer Ecke saß und seine Geige strich, während die munteren Paare sich im Takt nach der Tanzmelodie drehten, war Elsa stets an seiner Seite. Er sah alles durch ihre Augen und geführt von ihrer Hand wanderte er sicher heimwärts.

Als der Frühling kam, waren die Bauern von der Arbeit auf dem Felde und im Walde in Anspruch ge­nommen und Paul hatte daher selten Gelegenheit seine Kunstauszuüben, Aber glücklicherweise wurde die Gegend als ein ungewöhnlich heilsamer Aufenthalt für Brust- kranke bekannt und empfohlen und viele der Einwohner der Hauptstadt zogen während der Sommermonate dort hinaus.

Der Spielmann und seine Tochter wanderteir von Hof zu Hof und musizierten vor den Fremden. An einer Stelle bekamen sie Essen, an einer anderen Geld und so bettelten, spielten und sangen sie sich die Woche hindurch

Eitles Morgens blieben sie vor einer neugebauten Villa stehen, wo eine Familie aus Stockholm soeben ein- gezogen war. Auf dem Altan mit Aussicht über den Garten saß eine jüngere Dame, zurückgelehnt in einen niedrigen Stuhl. Sie trug ein violettes Spitzenkleid mit halbkurzen Ärmeln, unter welchen ein minder marmor- weißer Arm hervorschimmerte. Sie war blaß und hatte dunkles Haar .... eine vornehme Treibhauspflanze hier hinmif gesandt, tim neue Lebenskraft in den frischen Tannenwäldern zu finden. . Ihre braunen Augen mit dem ruhigen, sanften Ausdruck folgten ununterbrochen einem kleinen Knaben, der mit Zinnsoldaten unten mif der Treppe spielte. Er hatte schwarzes Haar und dinikle Augen wie die Mutter und trug eine weiße gestickte Bluse mit blauem Seemannskragen.

Als die wanderttden Musikanten in den Garten ein­traten, sprang der Knabe aus, um zu lmischen. Als sie geerrdet, klatschte er in die Hände und rief seiner Mutter

etwas in fremder Sprackie zu. Sie zog ihre Börse ans der Tasche und gab ihin eiitige Geldstücke. Da lief er herab und legte sie in Elsas Hand.

„Du singst hübsch", sagte er auf Schwedisch mit einem fremden Anklang. „Du inußt oft wiederkommen. Mama singt auch."

Der Blinde erinnerte sich eines anderen Liedes aus seineni reichen Musikvorrat und Elsa stimmte wieder mit unverdrossenem Mute ein. Der kleine, hübsche Knab« eilte ins Haus und rief mit lauter Stimme:

„Gambi! Gambi!"

Ein halb erwachsener Neger zeigte sich in der Tür des Speisezimmers.

„Was wünschen Mylord?" fragte er auf Englisch.

„Du sollst nur einige Kuchen bringen, aber sofort!" befahl der junge Herr. Gambi beeilte sich und kam irach einem Augenblick mit einigen feinen Bisquits zurück.

„Ist das für den Vogel?" fragte der Schwarze.

„Ja, für eine schwedische Nachtigall," antwortete der Knabe mit ernster Miene, indem er den Teller ergriff.

„Hier! das- sollst du haben, weil du so hübsch singst," sagte er zu Elsa und reichte ihr die Kuchen, einen nach dem andern, die sie dann in ihre Tasche steckte. „Von nun an mußt du jeden Tag kommen und singen. Ich heiße Lionel, wie heißt du?"

„Elsa," antwortete sie. „Danke, danke!" Und sie knixte mehrfach vor dem Knaben und seiner Mutter, die von der Veranda aus ihr zulächelte.

Das nächste mal, als Elsa und ihr Großvater vor derselben Vjlla standen, war der Himmel von finsteren, jagenden Walken überzogen. Welke Blätter, Zweige und Staub jagten in raschen Wirbeln über den breiten Land­weg dahin. Der Sturm heulte in dem Walde.

Die Bewohner der Villa hatten sich hinter den ge­schlossenen Türen und Fenstern verschanzt, aber als die alte Violine ihre wehmütigen Töne hören ließ, kam Lionel sofort heraus.

„Guten Tug", sagte er. „Kommt mit herein."

Elsa folgte halb widerstrebend seiner Einladung, während sie dem Blinden nach sich zog. Sie traten in einen Raum, dessen Fußboden mst weichen Teppichen be­legt war. So etwas hatte Elsa noch nie gesehen. Und dann blitzte es an allen Seiten von Metallen und Spiegelglas. Elsa wurde geradezu geblendet, sie sperrte Augen und Mund auf.

„Sieh', hier ist die Nachtigall!" sagte der kleine Lord auf Englisch zu seiner Mutter, die an einem Schreibtisch in dem angrenzenden Zimmer saß.

„Aber, Lionel!" antwortete die Mutter in derselben Sprache, „führe sie nicht hier herein. Siehst du denn nicht, wie schmutzig sie sind? Sie müssen sich draußen halten, du konntest ja im Fenster sitzen und zuhären."

Der Sohn drehte sich um und starrte mit einem forschenden Blick seine beiden Gäste an. Dann näherte er sich Elsa und sagte mit tiefem Ernst: „Du mußt daraus achten, daß dein Gesicht und denre Finger rein _ sind, sonst gibt Lionel dir nichts mehr. Komm, Gambi soll dich waschen."

Aber als der Neger sein schwarzes Gesicht nckt dem großen roten Mund und den glänzenden Zähnen zeigte, schrie Elsa laut auf. Sie bildete sich sicherlich ein, das sei ein Berggeist. (Fortsetzung rolqt.)

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