Einzelbild herunterladen
 

Nr. 187.

ID

er Roman. {1

Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts

D

Freitag, 13. Buguft.

1915.

1(29. Fortsetzung.)

(Nachdruck verboten.)

Geh, Felicitas. So lang bin ich -och nicht weg- gewesen, daß du tust, als wäre ich ein Fremder! Als wir damals auseinandergingen, meinte ich freilich nicht, daß es jo lange dauern würde, bis wir uns Wieder­sehen!"

Schweigen Sie!" stieß sie mit zuckenden Lippen hervor.Es gibt auf der Welt keinen Menschen, den ich so aus ganzer Seele hasse wie Sie!"

Olly, die eben eintrat, sah verwirrt, wie die Schwester ganz außer sich an ihr vorüberstürzte und Sollinger, tief gekränkt, sich entfernen wollte. Er fand noch die nötige Selbstbeherrschung, um einige Worte der Teilnahme zu stammeln und um Entschuldigung zu bitten, daß er gestört habe.

Erst auf der Straße gewann er sein Selbstbewußt­sein wieder. Er schüttelte den Kopf über die unkluge junge Frau, die in diesem Augenblick ihr Glück mit Füßen getreten hatte.

In der letzten Zeit hatte er zuweilen »daran gedacht, sich eine Häuslichkeit zu gründen. Wer weiß? Wenn sie verstanden hätte, sein einstiges Wohlgefallen an ihr wieder neu zu beleben, ob sie ihn nicht dahin gebracht hätte, sie zu heiraten!?

Nun war es freilich zu Ende zwischen ihnen! Mein Gott! Der Franzel Sollinger, der so viel geliebt wurde, hatte ja die Wahl unter den Weibern! *-

Am selben Tage noch hatte sich Felicitas in dem Kinderasyl gemeldet und gebeten, auch die ernste Tracht |)er Pflegerin tragen zu dürfen. Sie wollte sich durch ihren Anzug scheiden von der Welt der Fröhlichen, ihre Reue, ihr Schuldgefühl verlangten nach einem vollen Opfer.

So geschah's, daß im Oktober in dem ehemals io lebhaft bewegten Heim Olly ganz allein in großer Stille

J urückblieb. Dr. Robertus war zu einer Arzteversamm- ung nach Berlin gereist, Felicitas brachte ihr Leben im Kinderasyl zu. Bruno hatte den Vater begleitet, er wollte in der Neichshailptstadt an einem Spital als Assistent eintreten.

Es war ein trüber Tag. Ein herbstlicher Nordwind und die crste empfindliche Kälte weckten ein Grauen vor dem kommenden Winter. Ruhelos, mit heißen wünschen im Herzen schaute Olly auf die fallenden Blätter, die der Sturm jagte.

Sie hatte sich in ihrer Einsamkeit bemüht, ihre Ge­danken ganz in die Arbeit zu versenken, aber oft über- kam sie doch eine gefährliche Stimmung, in der sie ihren eigenen Roman weiterträumte, tolle Pläne entwarf und sich mit glühenden Farben eine Liebesszene ausmalte, nicht die Heldin ihres Romans, sondern in der sie Mit heißem Herzklopfen der Sehnsucht selbst küßte und hie Arme um einen Männernacken schlang und zärt­liche Worte in ein Ohr raunte.

Als an diesem Nachmittag Dr. Dörnberg seine Karte bereinschickte, wußte sie, daß nun ihr Schicksal sich ent* Wed! Nun mußte sie einmal in seinem Herzen lesen! x- Und wenn kein Funke mehr ihr entgegenschlug, dann

Zrau fl6as Tochter.

Roman von Emma Hanshofer-Merk.

wllte auch d,e>e zu spät erwachte Leidenschaft ein Ende finden, dann wcllte sie fertig werden mrt sich und end­lich Schluß machen mit der Vergangenheit.

Einen Blick warf sie in den Spiegel. Ein von Erregung durchglühtes Gesicht schaute ihr entgegen mit heißen Augen. Das schwarze Samtkleid, das den schlanken Hals freilich, stand ihr gut.

Wenn nicht eine andere ihn in festen Banden hielt, so wollte, so mußte sie sich ihn zurückgowinnen! Sie

wollte! 4 , ,

So heftig auch ihr Herz pochte, es gelang ihr doch, ihren gewohnten, kühlen Ton anzuschlagen, ihn Mit dem trotzigen Lächeln zu begrüßen, das so gut ihre stürmi­sche Freude über sein Kommen verbarg.

Grüß Gott, Herr Doktor! Sind Sie wieder nur im Flug hier? Mit der Uhr in der Hand, »damit Sie den nächsten Zug nicht versäumen? Wieder in der ge­wöhnlichen Hetzjagd?" . .

Stein, gnädiges Fräulein! Denken Sie, ich bni ,m Begriff, eine Vergnügungsreise anzutreten! Plötzlich habe ich doch gemerkt, -daß ich nervös wurde, daß ich mir zu viel zugemutet, und da habe ich mir als Arzt eine Fahrt an die Riviera verordnet!"

Wie angenehm! Aber es ist nett von Ihnen, daß Sie hier nicht durchgerast sind. Nun leisten Sie mir doch Gesellschaft beim Tee? Ich habe mich eben sehr nach einem Menschen gesehnt! Man verlernt allmäh­lich das Reden, wenn man wochenlang allein seine Mahlzeiten einnimmt I"

So wildkatzig leben Sie?" fragte er lachend.

Ja, nicht wahr? Sehr verändert gegen früher!, Aber ich wollte doch auch arbeiten!"

Er sah -sie wieder so forschend an, als wollte er vls in die tiefsten Winkel ihrer Seele dringen mit seinem scharfen Blick. . .

So vieles habe ich vorgesehen, gnädiges Fraulern, aber daß Sie einmal dem Ehrgeiz verfallen würden, das stand nicht in meiner Berechnung! Das ist der fremde Einschlag, das Unbemeßbare, mit dem uns die Natur und das Schicksal immer wieder überraschen, wenn wir noch so klug zu sein glauben! Also auch in den Krallen der modernen Gier nach Erfolg? Sie!'

Warum ich nicht? Warum sollten wir Mädchen nicht auch ringen um ein Ziel, das uns emporhebt über den Durchschnitt, warum sollten wir nicht in den be­scheidenen Stunden, in denen der große Erfolg, so weit, so unerreichbar scheint, uns wenigstens an dem freuen, was doch Sie alle anspornt und treibt: an der Befriedigung des Geldvevdienens? Das müssen Sie doch verstehen, der atemlos, leidenschaftlich, mit allen Kräften und allen Nerven nach dem Reichtum hin- arbeitet!" . ^ .

Wer hat mich das gelehrt, gnädiges Fraulern? Sie, nur Sie!" rief er lebhaft.Sie haben mir gezeigt, daß einarmer Schlucker" nicht nach der Krone deS

Lebens" g'reften hat! Sie haben es mir so lachen­beigebracht, daß man nichts begehren darf, wenn MgW