Vitsbildmer lagMaft.
5i. Jahrgang.
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Uo. 34. Berlags-Fernsprecher No. 2053. Mittwoch» 21. IllNUNr. Redaktions-Fernsprecher N,. 52. 1803.
Abend>Ausgabe.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 20. Januar.
Am Bundesrats tische: Neichslanzler Graf Bülorv, Kriegsminister Goßler, Staatssekretär Posadorvsky, Nieberding und Tirpitz. — Abg. v. Vollmar (Soz.) kritisiert abfällig die auswärtige Politik Deutschlands. Dieselbe säe überall nur Mißtrauen. Er bitte um nähere Aufklärung über das kriegerische Vorgehen in Venezuela. Erfreulicherweise habe sich das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich etwas gebessert. Wenn der Abgeordnete Schädler den Dreibund als bedingungslos hinstelle, so fehle ihm, Redner, öie Erklärung dafür, es sei denn, daß das Centrum sich damit die Grundlage für neue militärische Beivilligungen im voraus habe beschaffen wollen. Redner kommt nun auf die innere Politik zu sprechen. Das Finanzelend sei. nur die Folge unserer ganzen bisherigen unglücklichen Finanzwirtschaft. (Sehr richtig!) Die Mehrheit und das Centrum tragen an der Finanz-Misere die Schuld, und beide hätten deshalb jetzt nicht das Recht, ihrerseits das Land mit Klagen über die Folgen ihres eigenen Tuns zu behelligen. Protestieren müsse er gegen die Znschutzanleihe als verfassungswidrig. Das richtigste sei eineReichs-Einkvmmen- steuer. Was das Swinemünder Telegramm des Kaisers anlange, so sei formell jedenfalls die bayerische Landtagsmehrheit in vollem Rechte gewesen, als sie die betreffende Position ablehnte. Es sei das bayerische Landes-Angc- legenheit gewesen. Die Reichsversassung gebe dem Kaiser kein Recht, sich da einznmischen. Der Reichskanzler habe gestern freilich gemeint, der Kaiser habe sich auch gar nicht in bayerische Angelegenheiten ein- mischen wollen, aber tatsächlich sei das doch der Fall gewesen. Habe doch der Kaiser dem Prinz-Regenten sogar für jene Kunstzwccke einen „kleinen Beitrag" (Heiterkeit) angeboten. Uber die Ausdrucksweise des Telegramms wolle er nicht sprechen. Das sei Sache des Geschmacks, oder, wie gestern der Reichskanzler sagte, des Taktes. Die Veröffentlichung sei gegen den Willen des Prinz-Regenten geschehen, und außerdem sei tabei noch die Fälschung begangen worden, daß die Veröffentlichung aus München datiert wurde, statt aus Berlin. Am bayerischen Hofe sei man im höchsten Maße überrascht gewesen. Trotz allem Vorhergegangcnen babe man daselbst derlei noch nicht erwartet. Redner will nun zu der Krupp-Affäre sprechen, wird aber vom Präsidenten Grafen Balle st rem unterbrochen, der erklärt, nicht dulden zu wollen, daß der Fall Krupp bei Gelegenheit der Budget-Debatte verhandelt werde, da cs sich hier um eine Privat-Angelegenheit handle. — Abg. von Vollmar erwidert, daß er lediglich die Absicht habe, über zwei Momente zu sprechen, welche im „Reichs-Anzeiger" Erwähnung gefunden haben. — Präsident Graf
B a l l e st r e m bleibt bei seiner Entscheidung. (Stürmische Unruhe links.) — Abg. v. Vollmar betont nochmals, daß er sich für berechtigt halte, diese Angelegenheit zur Sprache zu bringen. Der Präsident habe selbst seiner Zeit als Grundsatz ausgesprochen, daß hier über Dinge, die im „Reichs-Anzeiger" gestanden hätten, verhandelt werden dürfe. Wenn selbst jetzt dieser Grundsatz nicht mehr eingchaltcn werde, dann konstatiere er, Redner, daß man in Deutschland keine Redefreiheit mehr habe. — Präsident Graf B a l l e st r c m meint, jener Grundsatz gelte nur für öffentliche Angelegenheiten. Der Abgeordnete v. Vollmar werde wohl zugeben, daß er, der Präsident, ihn bei seinen Ausführungen über das Swinemündcr Telegramm nicht unterbrochen habe. Die Angelegenheit Krupp werde er aber nicht zur Debatte zulassen. (Erneute große Unruhe. Rufe links: Wir sollen ruhig sein auch gegenüber bübischen Beleidigungen.) — Abg. v. Vollmar erklärt, er wolle ja nur darüber sprechen, daß seine Partei aus Anlaß der Kruppschen Affäre beschimpft worden sei. — Präsident Graf B a l l c st r e m: Es bleibt bei dem, was ich angeordnct habe. (Erneute stürmische Unruhe bei den Sozialdemokraten. Die Abgeordneten Ledebour und Ulrich rufen: Wir sind beschimpft, beschimpft!) Als der Präsident nochmals erklärt, es bleibe bei seiner Anord- lu:ng, wird von links stürmisch gerufen: Das heißt also: Sic volo, sic jubeo. Der Präsident mißbraucht das Recht, das ihm der Reichstag übertragen hat. — Abg. v. Vollmar weist darauf hin, daß der Abgeordnete Schädler gestern kurz den Fall Krupp berührt habe. Darnach müsse es doch auch sein Recht sein. — Präsident Graf Ballestr,em entgegnet, das sei ganz etwas anderes gewesen. (Erneute große Unruhe.) — Abg. von Vollmar: Unter den Umstünden lasse sich wohl nicht mehr offen im Deutschen Reichstage sprechen. Hier Hütten die Sozialdemokraten ja noch weniger Recht als in öffentlichen Versammlungen. (Lebhafter Beifall links.) Als Vollmar nochmals eine Bemerkung machen will, unterbricht ihn der Präsident und erklärt erregt, er bitte, mit diesen Erörterungen endlich aufzuhören, er müsse den Redner sonst zur Ordnung rufen. (Großer Lärm links.) — Abg. v. Vollmar betont, wenn ihm in dieser Weise hier der Maulkorb angelegt werde (Präsident Graf Ballcstrem, klingelnd: Das könne der Redner doch nicht sagen, aber über den Fall Krupp lasse er nicht sprechen. Was vor und nach dem Tode Krupps, dieses Ehrenmauncs, geschehen sei, scheide jedenfalls hier aus. Großer Lärm links.) — Abg. v. Vollmar erklärt nunmehr, er stelle als tatsächlich vor dem ganzen Lande fest, daß es ihm unmöglich gemacht werde, eine das ganze Land angehende Angelegenheit hier zu besprechen und Beschimpfungen znrückzuweisen, die gegen circa 3 Millionen von Wählern gerichtet worden seien. Redner übt sodann weiter Kritik an dem ganzen Verhalten des Reichskanzlers, namentlich darüber, daß derselbe nicht zum mindesten die Veröffentlichung von Kundgebungen der in Rede gewesenen Art zu verhindern wisse. Dringend notwendig sei die baldige Vorlegung
eines Minister-Verantwortlichkeits- und eines Kanzler- Verantwortlichkeitsgesetzes. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime Wahlrecht im Reiche sei und bleibe in Gefahr. Die sozialdemokratische Partei werde über dieses Recht eifersüchtig wachen und bei den bevorstehenden Wahlen Abrechnung halten. (Lebhafter Beifall links.) — Bayerischer Geheimrat v. Stengel widerspricht kurz einer beiläufigen Bemerkung des Vorredners, daß der bayerische Finanzminister v. Riedel sich unlängst im bayerischen Landtage zu Gunsten einer Reichs-Einkommensteuer geäußert habe. — Abg. Sattler (nat.- lib.) erklärt zunächst, seine Freunde würden unbedingt an dem bestehenden Reichstags-Wahlrecht festhalten. Der Verlauf der Dinge gestern und heute bestätige, daß in der Tat Centrum noch immer Trumpf sei. Das Centrum allein könne ungehindert Äußerungen des Kaisers besprechen. Das Ceutrum dürfe sich durchaus nicht wundern, daß der Kaiser, nachdem er den Münchenern die Schack-Galerie belassen, nun dergestalt seiner Entrüstung über die kunstfeindlichen Beschlüsse des Centrums Ausdruck gegeben habe. Das sei sein gutes Recht gewesen. (Gelächter bei dem Ceutrum.) Vom Reichskanzler wünsche er Aufschluß über den Stand der Venezuela- Angelegenheit und über das Verhältnis Deutschlands zu England und China. Geboten sei ferner eine endliche Entschließung der Regierungen über die Diätenfrage. Auf neue Steuern würden sich seine Freunde unter keinen Umständen einlassen. — Reichskanzler Graf B ü l o w weist einen Vorwurf anti-sozialer Tendenz zurück, welchen der Abgeordnete v. Vollmar gegen den Monarchen gerichtet habe. Dieser Vorwurf sei historisch und psychologisch unbegründet, zumal angesichts der kaiserlichen Botschaft Wilhelms II. vom Dezember 1891 und angesichts alles dessen, was seitdem an sozialen Taten in Deutschland geschehen sei. Auch im Auslände erkenne man die sozialen Bemühungen in Deutschland an. Der Reichskanzler beruft sich u. a. auf Äußerungen des früheren sozialistischen Ministers Millerand gegenüber dem deutschen Botschafter. Wenn Herr v. Vollmar von Bonapartismus und Absolutismus spreche, so müsse er, der Reichskanzler, erwidern, daß ihm kein Fall bekannt sei, wo in Deutschland die Bahn der Verfassung überschritten worden wäre. Als er heute das gehört habe, habe er sich gefragt, ob er sich im Deutschen Reichstage befände oder nicht, irgendwo in Marokko oder China. Die Rechte des Parlaments seien vom Kaiser niemals mißachtet worden. Das Recht zur Initiative werbe dem Kaiser von keinem Reichskanzler verkürzt werden. Das deutsche Volk wolle auch keinen anderen Kaiser, als einen solchen von Fleisch und Blut. Ein Reichskanzler, der ein Mann sei und nicht ein altes Weib, werde stets nur das verantworten, was er verantworten könne. Der Kaiser vertrage sehr gut Widerspruch und wolle gar keinen Reichskanzler haben, der nicht unter Umständen widersprechen könne. Der Reichskanzler teilt sodann mit, entsprechend dem Beschluß des Hauses liege dem Bundesrat bereits ein Antrag des Reichskanzlers vor, betreffend Sicherung des Wahlgeheimnisses durch Abgabe
Are Eidechse.
Roman von A. v. Klinckomström.
(25. Fortsetzung.)
„Das Mädelchen da hat Ihnen dazu gefesselt?"
„Ja. dies ist das Modell."
„Ich kann mir denken, daß es Sie zu diesem Gegeit stand gereizt hat. Besitzt es wirklich diese hübsche Gestalt?"
„Das will ich meiiren!" rief Fanchon mit naivem Stolz. „Was die anbetrifft, so schlägt mich darin so leicht keine."
„illun, das Gesichtchen ist auch nett!" lachte Lebrun. „Es ist dies eine sehr liebenswürdige kleine Arbeit, mein Herr. Darf ich fragen, ob Sie schon einen Käufer dafür haben?"
„Nein, Herr Professor. Sie siltd der erste, der es sieht."
„Und der Preis? Würde der wohl sehr hoch sein? Es wäre nicht mrmöglich, daß ich Ihnen einen Käufer schaffen könnte, vorausgesetzt, Sie stellen nicht unerschwingliche Bedingungen."
Engler stand im Begriff, eine unverhältnismäßig große Ziffer zu nennen, aber die Angst, Lebrun, der offenbar Lust zu einem Ankauf.hatte, könne dann darauf verzichten, ließ ihn zögernd 1500 Franken nennen.
„O, dann bedaure ich. Das ist denn doch wohl etwas zu viel für das Bildchen. Ich glaube kaum, daß jemand das zahlen wird, möchte Sie jedoch iricht entmutigen Versuchen Sie es auf eigene Hand mit dem Verkauf. Möglicherweise finden Sie Ihren Mann."
Dem Maler trat der Schweiß auf die Stirn.
„Wenn Sie meinen, daß meine Forderung zu hoch ist, würde ich bis auf 1200 heruntergehen. Aber niedriger darf ich meine Arbeit nicht bewerten."
Lebrun sann einen Augenblick nach. Er überlegte, daß sich das farbenfrische kleine Gemälde hübsch in seinen: Vorzimmer machen werde. Für den Salon schien e ? chm nicht wertvoll genug. Es mußte auch einen sehr guten Eindruck auf seine Schülerin hervorbringen, wenn
er der Käufer war. Er lächelte, als er ihrer gedachte, mtö stellte sich den dankbaren Ausdruck ihres lebhaften Gesichtes vor, der ihm stets ein so angenehmes Gefühl verursachte. Trotzdem hätte er sich ihretwillen nicht zu dieser Ausgabe verleiten lassen, wenn ihm das Kaufobjekt nicht gefallen hätte.
„So viel würde ich sechst daran riskieren!" bemerkte er. „Doch will ich Sie nicht überreden, es mir zu verkaufen. Falls Sie glauben, auf eigene Hand ein besseres Geschäft damit zu machen, trete ich natürlich zurück."
Engler rang mit sich. Er brauchte das Geld notwendig, aber es schien ihm hart, sich mit so wenig begnügen zu sollen. Fanchon machte indessen seiner Unschlüssigkeit ein Ende, indem sie von ihrem erhöhten Siy herabglitt und chm kameradschaftlich ermunternd auf dev Rücken klopfte.
„Nehmen Sie, was Ihnen geboten wird! Wir sind nicht in der Lage, eine Chance aus der Hand zu lassen."
Es siel ihm nicht auf, daß ihre Worte eine gewiss: Zusammengehörigkeit zwischen ihnen durchblicken ließen, wovon Notiz zu nehmen Lebrun nicht verfehlte. Wie gewöhnlich ließ Engler sich von einer bestimmt ausgc- sprochenen Willensmeinung leiten, und sagte unsicher: „Es würde mir eine besondere Ehre fein, Herr Prosessor mein Bild in Ihren Händen zu wissen. Ich möchte nur die Bedingung daran knüpfen, es vorher noch eine Woche ausstellen und Ihren Namen als den des Besitzers hinzu fügen zu dürfen."
„Bitte ganz nach Belieben. Machen Tie immerhin von meinem Ramm Gebrauch. Das Geld steht Ihnen sofort zur Verfügung."
Der Professor zog sein Taschenbuch, entnahm chm eine Anzahl Scheine, und Englers Mienen erheiterten sich beim Anblick des bar aufgezählten Geldes.
„Lassen Sie sich noch eins ans Herz legen, junger Mann", fuhr jener in väterlichem Ton fort. „Eingehenderes Studium der alten Meister! Ich liebe es cheilich mehr, moderne Bilder um mich zu haben, aber die Technik der Altm bleibt doch das A und O für alle Künstler. Sie haben allerdings im Louvre kopiert, aber das Verstäno-
nis für die geistreiche Art der Meister des Cinquencento scheint Ihnen noch zu fehlen."
. Engler biß sich auf die Lippen, erwiderte indessen mchts auf den kränkenden Vorwurf, und nachdem die nötigen Verabredungen wegen Ablieferung des Bildes getroffen inaren, entfernte sich Lebrrm, von dem Maler bis zur Treppe geleitet.
„Es scheint, die kleine Person hat Hausrechte bc> Ihnen", bemerkte er scherzend, schon halb im Hinabgehen. „Übrigens ein brauchbares Geschöpf, das Sie sich wann halten sollten."
. „Das Mädel ist unbezahlbar. Ich denke, ich kann nur Glück zu diesem Funde wünschen."
„In der Tat, das tonnen Sie."
Engler kehrte ins Atelier zurück und fand Fanchon bannt beschäftigt, die auf dem Tisch liegen gebliebenen Scheine wie Kartenblättcr fächerförmig in ihrer Hand zu ordnen.
„Eine hübsche Summe!" sagte sie und tanzte über- mutig damit herum. „Was man dafür alles kaufe,: kann!"
Er nahm ihr lachend das Geld fort und zählte sorgfältig nach, um festzustellen, ob sie nicht etwas davon hatt.- in chren Kleidenr verschwinden lassen.
„Fürs erste wird gar nichts gekauft. Vor allein Tmgen niuß ich Schulden bezahlen und bis zur nächsten Einnahme leben."
„Etwas könnten Sie mir immer davon geben, denn eigentlich habe ich doch dm größten Teil an Ihrem Er- folg. Ich wußte es, daß ich Ihnen Glück bringen würde dachte aber nicht, daß Sie so knickerig wären. Was habe ich nun davon, so geduldig und artig gewesen zu sein? Nicht wahr, ein bißchen bekomme ich ab?"
Unw sie bettelte und schmeichelte, bis er ihr in seiner frohen Aufwallung eine Hundertfrankennote in den Schoß warf.
Ja, sie hatte recht, das Glück war mit ihr bei ihm eingezogen, und er zweifelte nicht, daß dieser erste Erfolg eine ganze Kette von Triumphen nach sich ziehen müsse, falls er nur dieses Modell behalten konnte. Ihm schweb-
