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Verlag: Langgasse 27.

si. Jahrgang.

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"Po. 32. Berlags-Frrnsprecher N». 2953.

Dienstag, den 20. Iannar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.

Abend-Ausgabe.

Südafrikanisches.

Unser Londoner n-Korrcspondent schreibt uns unterm 17. Januar:

Wie der Korrespondent des „Manchester Guardian" seinem Blatte aus Kapstadt soeben telegraphierte, werden die Reden Mr. Chamberlains, beziehungsweise deren tele­graphische sluszüge vor ihrem Abgänge aus Südafrika einer Art Zensur unterworfen. Infolgedessen drahtet man nur seine günstigsten Bemerkungen über die Gold­minenpolitik nach England, und alles das, was er an dem Vorgehen der Minenbesitzer auszusetzen hat, wird sorgfältig weggelassen. Wie es scheint, machte . der Kolonialminister den Randlords, die ein würdiges Selten­stück zu den englischen Landlords 31t bilden scheinen, unter anderem große Vorwürfe darüber, daß sie die Löhne der eingeborenen Grubenarbeiter unmittelbar nach Beendi­gung des Krieges so bedeutend herabsetzten. Zu einer Zeit vermochten die Schwarzen in den Minen monatlich 63 Shilling zu verdienen, unmittelbar vor dem Kriege war der Lohn bereits auf 41 Shilling zurückgegangen, und schließlich reduzierte man ihn gar auf 30 Shilling. Sir Harry Johnston erwähnte kürzlich in einenr seiner, in der „Times" über Südafrika erschienenen Artikel, daß es beabsichtigt wäre, die Löhne auf 520 Shilling im Jahre, also wieder auf 41 Shilling im Monat heraufzu­setzen, doch würden sie sich alsdann noch immer um ein Drittel niedriger als vor acht Jahren stellen. Mr. Cham­berlain scheint deii Minenbesitzern klar gemacht zu haben, daß wenn sie unter Arbeiternot litten, die Lohnherab­setzung das verkehrteste Mittel wäre, derselben abzuhelfen. Es ist das nicht mehr und weniger, als was sich jeder Be- obachter der Vorgänge in Südafrika von Anfang an sagte, lind es erscheint unverständlich, warum alle tele­graphischen Berichte über die Äußerungen des Kolonial­ministers jenen Punkt sorgfältig vermieden Man darf wohl behaupten, daß die Lohnknauserei die Hauptschuld an dem Arbeitermangel trägt. Der Verdacht, daß man denselben mit besonderen Hintergedanken absichtlich her­beiführte, erscheint trotz der Einfältigkeit des angewende­ten Msttels durchaus begründet. Aber nicht nur infolge der Zensur, sondern auch weil die Verhandlungen mit den Minenbesitzern zum größten Teil unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfanden, verlautet vorläufig noch äußerst wenig über all das, was im hohen Rate beschlossen war- den ist. Unter anderem läßt man uns nur wissen, daß die sttandlords ihre Zustimmung zu zwei Transvaal­anleihen von je dreißig Millionen Pfund Sterling gaben.

deren eine ihren Beitrag zu den Kriegskosten bilden wird, während die andere für den Erwerb der Transvaal- Bahnen, für öffentliche Arbeiten und ^dergleichen dienen soll. Das Bemerkenswerteste an der Sache ist nur, daß die diesbezüglichen Beschlüsse gefaßt wurden, ohne daß man die Bevölkerung in den neuen Kolonieen und im Atutterlande in irgend einer Weise konsultierte. Das englische Unterhaus, dem die gegenwärtige Regierung neuerdings bemüht ist/ die wertvollsten seiner altherge­brachten Befugnisse zu rauben, dürfte sich nach der Rück­kehr Mr. Chamberlains aus Südafrika bereits vollende­ten Tatsachen gegenüber sehen, und zu denselben wohl oder übel seine Zustimmung zu geben haben. Die Oppositionspartei ist machtlos, und die der Regierung sagt zu allem, was das Mnisterium tut, aus Kommando Ja und Amen. In einem Teile der kontinentalen Presse ge­fällt man sich neuerdings darin, dem famosen Kolonial- minister bewundernde Loblieder zu singen, vielleicht um sich in den englischen Blättern als Muster gesunder, nach englischer Meinung auf dem Kontinente feit dem Buren­kriege selten anzutreffender Vernunft zitiert zu sehen. Der ernste und aufrichtige Beobachter aber wird in Mr. Chamberlain, infolge seines Auftretens in Südafrika, mehr denn je nichts als einen Charlatan sehen. Der kleine und der große Einsall in den Transvaal, die unter­drückten Telegramme und jetzt die geheimen Konferenzen mit den Minenmagnaten vermöchten den Titel zu einem interessanten Romane, voll von schamlosen Jntriguen, zu bilden, dessen Held Chamberlain wäre. Geradezu wunderbar ist es, wie selbst die einfältigsten Auslassungen dieses Mannes fast von der gesamten englischen Presse mit Applaus begrüßt werden. Es geschah das erst neu­lich wieder, wo er den Buren Vorwürfe machte, daß sie der Welt für die lumpigen 100 000 Lstr. gedankt hätten, welche diese für sie sammelten, während sie England für die Millionen, welche dieses ihnen darbot, selbst die An­erkennung verweigern. Tie „Times" bemerkte dazu, dre Buren schienen zu glauben, daß sie Großbritannien ihr Land geschenkt, und dafür nun Besonderes erwarten dürs­ten. Mr. Chamberlain stellte sich in dem vorliegenden Falle auf den Standpunkt eines Mannes, der einen anderen niederschlägt, ihn ausraubt und dann über­schwänglichen Dank von ihm erwartet, weil er ihm von den: gestohlenen Geld ein paar Pfennig als Almosen zurückerstattet. Soviel steht also fest, die Randlords allein bestimmen die Steuerpolitik in Transvaal, sowie die Höhe und die Verwendungsart der aufzunehmenden Anleihe. Die ganze Geschichte wird mit einer geradezu cynischen Unverfrorenheit betrieben, und Mr. Chamber­lain spielt die Rolle des ergebensten Dieners jener dunkelen Ehrenmänner, die den großen und den kleinen Einfall in den Transvaal auf dem Gewisser: haben.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 19. Januar.

Am Bunöesratstisch Schatzsckretär Freiherr v. Thiel, mann, Kriegsminister v. Gotzler, Staatssekretär Graf Posadvwsky. — Tagesordnung: erste Lesung des Etats. — Schatzsekretär Thielmann gedenkt zunächst der Zu­schuß-Anleihe von 95 Millionen, welche zur Herstellung des Gleichgewichts im neuen Etat erforderlich sei. Not­wendig sei eine Reichsfinanz-Reform, aber noch sei die Zeit, eine solche zu beschließen, nicht da. Man müsse erst abwarten, was der neue Zolltarif au Mehreinnahmen bringen werde. Bis dahin werde wohl niemand geneigt sein, neue Steuern zu beschließen. Die Mehrbedürfnisse der Ausgaben-Verwaltungen, einschließlich eines starken Mehrbedarfes an Zinsen für die Reichsschulden und ein­schließlich der Kosten der Blockade von Venezuela, schätze er auf 8% Millionen Mark. Die letzteren Kosten seien in ihrer Höhe jetzt noch nicht zu übersehen, seien aber bis jetzt noch nicht groß genug, um ihrethalben einen Nach­trags-Etat geboten erscheinen zu lassen. Insgesamt be­trage also voraussichtlich der Fehlbetrag rund 251/2 Mill. Mark und zuzüglich der Ausfälle bei der Reichsüank 30 Millionen. Die ltberweisungssteuern würden voraus­sichtlich insgesamt 231/ Millionen mehr gegen den Etat pro 1901 bringen. Der Schatzsekretär geht jetzt auf den neuen Etat pro 1903 ein, dessen Ziffern ja bekannt seien: 95 Millionen durch Zuschuß-Anleihe zu deckender Fehl­betrag, ferner 5651/ Millionen Matrikularbeitrüge, da­gegen nur 542 Millionen Überweisungen, also 23% Millionen Überschuß der Matrikularbeiträge. Das sei das Äußerste, was die Einzclstaaten zu leisten vermöch­ten. Der Schatzsckretär verbreitete sich dann detailliert über die Einzel-Ressorts im Etat. — Abg. S ch ä d l e r (Centr.) meint, es seien die Einnahmen in dem neuen Etat vielleicht etwas zu niedrig veranschlagt. Tatsache sei allerdings, daß in dem Vorjahre sich Ausfälle bei den Einnahmen ergeben Hütten. Bemängeln müsse er die vielen Etats-Überschreitungen, namentlich bei der Post- und Telegraphen-Berwaltung, in Bezug auf Telegramm- Ausgaben. Überschreitungen lügen aber auch vor bei der Marine-Verwaltung und bei der Militär-Verwaltung, bei der letzteren namentlich durch die Manöver. Mehr Sparsamkeit sei zu empfehlen. iReichskanzler Graf Bülow betritt den Saal.) Die Zuschuß-Anleihe werde diesmal schwerlich ganz beseitigt werden können. Umso inehr sage er: die Puurpwirtschaft müsse endlich einmal aufhören. Redner verlangt weiter vom Reichskanzler Auskunft über Venezuela, beklagt die neuen Soldaten- Mißhandlungen und kommt dann zu sprechen auf das Swincmünder Kaiser-Telegramm an den Prinzregenten von Bayern wegen Ablehnung gewisser künstlerischer Forderungen durch das Centrum im bayerischen Land-

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(24. Fortsetzung.)

Nicht viel besser ging es in der Frühe im Labora­torium. Zwar zeigte er ihr hier vieles, was ihr neu war, unterwies sie auch in manchen praktischen Hand­griffen und Experimenten, doch machte es immer den Eindruck, als sei es ihm mehr um heitere Tändelei mit einem hübschen Mädchen zu tun als um wissenschaftliche Förderung. Hie und da kam ein Kollege, dann wurde Jenny vergessen oder flüchtig zur Beobachtung irgend eines Apparats angestellt.

Sie nahin sich täglich vor, einmal ernst mit ihm Rücksprache zu nehmen, ihm vorzustellen, daß sie aus diese Weise mit rhrem Studium zurückbleibe. Aber immer fehlte ihr der Rück. Sie hoffte ja auch von Tag zu Tag, daß er von selbst in eine straffere Bahn ein­lenken werde, und wagte nichts zu sagen, woraus er Möglicherweise einen Vorwurf heraushören konnte.

Heute nun raffte Jenny ihre ganze Energie zu­sammen und meinte, sich dabei verlegen ^mit ihren Büchern zu schaffen machend: „Verzeihen sie, Herr Professor, wenn ich mir eine Bemerkung erlaube. Jch denke immer, Sie müßten mich etwas strenger anfassen. Sie sind zu liebenswürdig und nachsichtig und unter­schätzen vielleicht meine Fassungsgabe. Oder ist Ihnen Ihr gütiger Vorschlag leid geworden? Wenn dies der Fall sein sollte, so bitte ich, mir das offen zu sagen. Noch wäre es Zeit für mich, die unterbrochenen Univer­sitätskurse wieder auszunehmen."

„Ich merke schon, meine kleine Kollegin ist unzu­frieden mit mir!" entgegnete er lächelnd. „Mr sollen schnelchr Vorgehen. Ja, mein Kind, alles will seine Zeit haben. Sie können nicht darauf rechnen, Ihr Examen von heute auf morgen zu machen."

„Das gewiß nicht, Herr Professor, aber ich bin in­zwischen von den Studiengefährsinnen überhast worden, wie ick aus deren Heften ersah. Es ist ja so unendlich freundlich von Ihnen, sich meiner anzunehmen, doch .möchte ich nicht Zurückbleiben; falls also Ihre Zeit es nicht erlaubt, sich eingchender mit mir zu beschäftigen —"

Mit Herzklopfen hielt sie inne, erwartend, er weroc ihr jetzt den Stuhl vor die Tür setzen; doch er lächelte noch immer, und ihre Augen senkten sich vor den seiner:.

„Sie wünschen, ich solle mich eingchender mit Ihnen beschäftigen? Aber das sttmmt ja ganz mit meinen Wünschen überein. Natürlich, wir werden die Sache jcht viel zielbewußter in Angriff nehmen. Ich fürchtete bisher nur. Sie gar zu sehr mit Arbeit zu überbürderr und Ihnen die Zeit zu nehmen, die Sie jedenfalls täg­lich Ihrem Verlobten widmen."

Er sah sie von der Seite an, aber Jenny war froh, daß er selbst das Stichwort brachte, das ihr Gelegenheit gab, Englers Angelegenheiten zu berühren.

„Wrr sehen einander jetzt ohnehin wenig. Mein Ver­lobter ist sehr beschäftigt, hat soeben mit großen: Fleiß ein Bild fertig gemalt, das er für sein bestes hält. Ich maße mir natürlich kein Urteil an, ob es gelungen ist oder nicht, doch wäre der arnre Junge sehr glücklich, wenn ihm ein Kenner das seinige darüber sagen wollte. Es würde ihm eine solche Aufmunterung sein, und er bedarf ihrer, da er doch auf seine Kunst angewiesen ist. Mr haben so wenig Konnexionen hier, die ich bitten könnte, das Atelier zu besuchen. Für ihn selbst wäre es selbst­verständlich peinlich, irgend jemand dazu aufzu­fordern —"

Jenny stockte, tief errötend und meinend, schon zu viel gesagt zu haben. Doch der Professorchatte bei den ersten Worten begriffen, wo sie hinaus wollte.

„Ich erinnere mich, daß ich vor einiger Zeit ver­sprach, mich mit dem jungen Herrn in Verbindung zu setzen. Liegt Jhnm wirklich etwas daran, so will ich gleich morgen hingehen. Aber ich möchte, Sie wären sich darüber klar, daß es nur Ihnen zu Gefallen ge­schieht."

Jenny hätte in die Erde sinken mögen. Die Lage, in welche sie dadurch geriet, war ihr im höchsten Grade zuwider.

„Wenn ich nur wüßte, wie ich Ihnen danken soll!" stammelte sie.

„Nun, ich werde schon Gelegenheit nehmen, auch ein­mal eine kleine Dankesforderung an Sie zu stellen!" warf er leicht hin. „Da Sie Wert darauf zu legen scheinm, daß ich diesen Atelierbesuch mache —"

Schon schwebte es ihr auf den Lippen: „Wer nein, das tue ich gar nicht!" Doch der Gedanke an Englers heißes Verlangen nach Anerkennung hieß sie statt dessen zögernd sagen: „Er wünscht es so sehr."

„Also die Initiative ging von ihm aus?"

Sie geriet in immer größere Verwirrung, besaß nicht das mindeste Geschick für Schleichwege. Was mutzte er nur von dieser Zudringlichkeit denken!

„Sagen Sie nichts weiter! Von welcher Seite auch die Anregung ausging, eine Bitte von Jhnm kommt für mich einem Befehl gleich, dem pünktlich Folge geleistet wird. Welcher Art ist denn das Bild? Ich meine, was stellt es dar?"

„Den Frühling."

„Eine Allegorie?"

„Wie man's nimmt. Es hat ihm ein reizendes junges. Ding dazu gesessen, der personifizierte Lenz."

„Und Sie waren nicht eifersüchtig?"

„O, warum denn?"

„Diese Antwort eröffnet eine Perspektive, deren Deutung ich vorläufig unterlasse. Es ist also abge­macht, ich sehe mir das Atelier an, morgen oder über-, morgen, wie meine Zeit es erlaubt. Sie solleir mit mir zufrieden sein, in jeder Beziehung."

Er betonte die letzten Worte und ging gleich danach zum Unterricht über, welcher Jennys Wünschen diesmal vollständig entsprach, ja so große Anforderungen an ihre Leistungsfähigkeit stellte, daß sie sich ordentlich anstrengen mußte. Es machte ihm offenbar Vergnügens sie einmal scharf anzufassen und dabei seinen glänzenden Verstand zu entfalten, um ihr Gelegenheit zu geben, ihn als Lehrer und Dozenten zu bewundern.

Sie war hingerissen von seiner Rednergabe ebenso wie von seiner geistreichen Art, die Tinge klar und fest hinzustellen. Von dieser Seite hatte er sich ihr noch nie gezeigt, und sie meinte beglückt, nun sei der wahre erste Anfang gemacht, und es müsse dabei bleiben.

Lebrun fand übrigens heute kein Wort des Lobes, obgleich sie glaubte, es verdient zu haben, denn sie hatte sich tapfer gehalten. Er war bis zuletzt der strenge Lehrer, sagte nur heiter, als sie ihm mit begeistertere Aufblick dankte: „Ich sehe, daß ich meinem Ruf clls ge-