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«i. Jahrgang.

in zwei Ansgaben. - BezugS-PreiS: durch den Bering S« Pfg. monatlich, durch die Post 2 Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

AKonnenten.

Anzeigen-PreiS:

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Abend-Ausgabe.

DnKmmWlwbrrW «der das MchAAejetz.

Die Reichstagskommission zur Beratung des Kinder- schutzgesetzes, lveiäie am 21. Oktober v. I. ihre Beratun­gen begonnen hatte, hat dieselben jetzt beendet, imö der fertig gestellte Kommissionsbericht ist dem Reichstag zu­gegangen. Die Kommission ist, und wir begrüßen daZ mit Befriedigung, in vielen und zum Teil wesentlichen Punkten über die Schutzvorschristen der Regierungs­vorlage hinausgegangen, doch sind in der zweiten Lesung freilich einige dieser Bestimmungen, so das grundsätzliche Verbot der gewerblichen Beschäftigung fremder Kinder an Sonn» und Festtagen, wieder ausgehoben.

Als Kinder im Sinne des Gesetzentwurfes gelten Knaben und Mädchen unter 13 Jahren, so wie solche über 13 Jahre, welche noch zum Besuch der Volksschule ver- pflichtet sind. Über dieses Alter hinaus kommen also nach wie vor nur die Bestimmungen der Gewerbeordnung m Betracht. Ter Antrag, das Schutzalter auf das 14. Jahr auszudehnen, wurde von den Vertretern der Regierungen sehr entschieden bekämpft, weft die Schul- -flicht in Bayern, Württemberg und auch in Schleswig- Holstern sich nicht bis zum 14. Jahr erstreckt. In der Praxis wird sich freilich der Schutz der Kinder in der Regel auch aus das 14. Jahr erstrecken, da ja hierfür alle schul- pflichtigen Kinder in Frage kommen und abgesehen von Bayern, wo die Schulpflicht bereits mit dem 13. Jahre schließt, sich diese fast durchweg auf das 14. Jahr er- streckt.

Die Beschäftigung der Kinder in Fabriken ist bekannt- lrch schon durch die Gewerbeordnung verboten. Der Ge­setzentwurf verbietet nun jede Beschäftigung von Kindern bei Bauten, Ziegeleien, Gruben und überhaupt bei Be­trieben, wo die Einatmung von Staub auf den jugend­lichen Organisnius schädigend einwirkt. Die Kommission hat zu diesen grundsätzlich verbotenen Beschäftigungen noch mehrere hinzugefügt, so das Schornsteinfegergewerbe, der mit dem Speditionsgeschäft verbundene Fuhrwerks- betrieb, das Arbeiten in Kellereien und das Mischen und Mahlen von Farben. Dazu ist der Bundesrat noch er- mächtigt worden, weitere ungeeignete Beschäftigungen zu untersagen. Endlich ist auch die Verwendung von Kindern bei theatralischen Vorstellungen, soweft nicht ein höheres Interesse von Kunst und Wissenschaft nachweisbar ist, verboten worden.

Was die Gast- und Schankwirtschasten betrifft, so dürfen Kinder unter 12 Jahren, auch die eigenen Kinder, hier nicht beschäftigt werden, und Mädchen im Sinne dieses Gesetzes, also im schulpflichtigen Alter, dürfen nicht beim Bedienen der Gäste verwendet werden.

Während die Regierungsvorlage den Vormittags­unterricht durch die Bestimmung schützt, daß Kinder in der Zeit zwischen 8 Uhr abends und 8 Uhr morgens und vor dem Vormittagsunterricht nicht beschäftigt werden dürfen, will die Kommission auch dm Nachmittagsunterricht durch folgende neue Bestimmung schützen: „Um Mittag ist dm Kindern eine mindestens zweistündige Pause zu gewähren. Am Nachmittag darf die Beschäfttgung erst eine Stunde nach beendetem Unterricht beginnen." Ein erweiterter Schutz der Kinder wird auch durch folgende Fassung des 8 19 erstrebt: „Die zustündigm Polizeibehörden können im Wege der Verfügung eine nach den vorstehenden Be­stimmungen zulässige Beschäfttgung, sofern dabei er­hebliche Mtzstände zu Tage getreten sind, auf Antrag oder nach Anhörung der Schulaufsichtsbehörde für ein­zelne Kinder einschränken oder untersagen, sowie „wenn für das Kind eine Arbeitskarte erteilt ist. diese entziehen und die Erteilung einer nmen Arbeitskarte verweigern." Des weiteren ist die von der Regierungsvorlage auf fünf Jahre bemessene Übergangszeit, während welcher der Bundesrat ermächtigt sein soll, Ausnahmen zuzulassen, von der Kommission auf zwei Jahre herabgesetzt wordm. Und mdlich hat die Kommission, während die Regierungs- Vorlage für Zuwiderhandlungen gegm das Gesetz nur Geldsttafe bis zu 2000 Mark vorsah, beschlossm, daß im Falle gewohnhettsmäßiger Zuwiderhandlungen auf Ge- fängnissttafe bis zu 6 Monaten erkannt werden kann.

Sehr lebhaft ist in der Kommission darüber debattiert worden, ob die Frage der Kinderarbeit im Haushalt und insbesondere in der Landwirtschaft schon bei Gelegenheit dieses Gesetzes geregelt werden soll. Diese Forderung der Minderheit wurde jedoch abgelehnt, und dagegen folgende Resolution beschlossm: „Den Herren Reichs-

kanzler zu ersuchen, zum Zwecke von Erhebungm über dm Umfang und die Art der Lohnbeschäftigung von Kindern im Haushalte (Aufwartung, Kinderpflege und dergleichen). sowie in der Landwirischast und deren Neben- betrieben ihre Gründe, ihre Vorzüge und Gefahren, ins­besondere für Gesundheit und Sittlichkeit, sowie die Wege zweckmäßiger Bekämpfung dieser Gefahren mit dm Landesregierungen in Verbindung zu treten und die Er­gebnisse der vorgmommmen Erhebungen dmr Reichstag mitzuteilen." Zum Schluß sei noch erwähnt, daß das Gesetz nach dem Beschlüsse der Kommission erst am 1. Januar 1904 in Kraft treten soll.

De«tscher Reichstag.

Berlin, 17. Januar.

Tagesordnung: Beratung der Interpellation Rösicke- Dcsian: Welche Maßnahmen gedenkt der Reichskanzler zu treffen, um den im § 1 des neuen Zolltarifgesetzes ent­haltenen Begriff „Malzgerste" festzustellen? Schatz­

sekretär Freiherr v. T h i e l m a n n erklärt sich zur so­fortigen Beantwortung der Interpellation bereit. — Abg. R ü s i ck e - Dessau begründet die Interpellation und weist darauf hin, wie in der berühmten oder berüchtigten Sitzung vom 18. Dezember die Zolltarif-Anhänger sich nicht erst die Mühe genommen Hütten, jenen Begriff zu definieren, ebenso wenig habe dies der Reichskanzler getan. Dieser habe lediglich die Malzgerste als die wert­vollere der Futtergerste gegenübergestellt. Es müsse nun aber Klarheit über den Begriff herrschen. Sein offener Brief an den Reichskanzler sei ja vergeblich geblieben, und nun richte er dies- Frage selbst an den Reichskanzler und erwarte Antwort vor allem im Interesse der Brau, industrie. Regierung und Reichstag hätten sich mit dem Beschluß vom 13. Dezember nicht bloß vor Deutschland blamiert, sondern vor der ganzen Welt. Das Beste würbe c§ sein, den ganzen Zolltarif zu streichen, damit die Bahn für Handelsverträge wieder frei werde. Im übrigen habe der Reichskanzler jedenfalls sein Versprechen von früher, daß über 3 Mk. nicht hinausgegangen werden solle, nicht gehalten. Redner teilt noch mit, daß er Proben von Malzgerste und Futtcrgerste mitgebracht hikbc und dem Hause zur Verfügung stelle. (Heiterkeit.) Die Proben seien numeriert, und er werde dann, nachdem das Haus geprüft habe, die Liste, nach der die Preise nach ihrer Nummer als Futter- oder Malzgerstc erkenntlich seien, aushändigen. (Erneute Heiterkeit.) — Staatssekretär Thiel mann fragt den Interpellanten, woher er die Annahme schöpfe, daß Malzgerste und Futtergerste ver­schiedene Zollsätze erhalten sollen. (Stürmische Heiterkeit links.) Im Tarif stehe für Gerste 7 Mk. Im § 1 des Ge­setzes heiße es, daß der Satz fiir Malzgerste nicht unter

4 Mk. betragen soll. Daß die Futtergerste billiger tari­fiert werden solle, stehe aber weder im Gesetz noch im Tarif. (Erneute stürmische Heiterkeit.) Bis jetzt hätten mit keiner fremden Macht Handelsvertrags-Verhand­lungen begonnen. Es seien auch noch von keiner Seite Aufforderungen bestimmter Art auf Tarifherabsetzungen an die deutsche Regierung herangetrcten. Sollte dies geschehen, so werde es sich die deutsche Regierung noch sehr- überlegen, ob sie solchen Wünschen stattgibt. Auf die Frage des Interpellanten nach den vom Reichskanzler beabsichtigten Maßnahmen brauche er wohl nicht mehr einzugehen. Wenn aber einmal Maßnahmen nötig werden sollten, dann würden sich die verbündeten Negierungen dafür immer freie Hand behalten müssen, solche Maß­nahmen in Kraft zu setzen. Das Feld also, welches die Regierung vor sich hätte, um etwaige Mitzstände zu be­heben, sei ein großes. Er erkläre aber gleich jetzt, daß zur Zeit kein Anlaß vorlicge, eine solche Unterscheidung für nötig zu halten. (Heiterkeit links.) — Abg. Graf

5 t o I b e r g (kons.) ist von der Antwort des Schatz­sekretärs befriedigt. - Abg. Müller- Meiningen (freist Volksp.) meint, nach dieser Antwort des Schatzsekretärs müsse man fast an eine Dupicrung glauben. Wenn man

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(23. Fortsetzung.)

Sie machte sich Vorwürfe, es nicht schon getan zu Haben, und versprach, noch heute die Gelegenheit herbei- zusühren. Lieb lnar es ihr nicht, aber sie meinte, ihm die wiederholte Bitte nicht avschlagen zu dürfen. Es konnte ja in einer Form geschehen, die den Gedanken an Reklame für ihren Verlobten nicht aufiommen ließ.

„Möchtest Du nicht vorher in mein Atelier kommen und Dir das Bild ansehen?" fragte er zögernd.

Jenny konnte eine Bewegmig des Unbehagens nicht unterdrücken. Der Affront, welcher ihr nach ihrer Meinung an jenem nachmittag angetan worden, war ihr noch gegenwärtig.

„Am besten wäre es. Du kämest gleich jetzt mit mir: da bist Du sicher, mit mir allein zu bleiben", meinte er hasttg, ihre Gedanken erratend.

„Wie Du willst."

Das Brautpaar ging einsflbig nebeneinander her. jedes von dem Wnnsch beseelt, das andre behutsam zu behandeln, um nicht zu verletzen. Engler machte sich das nicht klar, hatte nur das Bestreben, sie in guter Stim­mung zu erhalten, weil er ihre Unterstützung erhoffte. Aber Jenny wußte, daß es anders als sonst zwischen ihnen, daß da etwas Fremdes war, ivas den rückhaltlos verrraulichen Gedankenaustausch verhinderte, und weil sie sich nicht ganz schuldlos fühlte, brachte sie den besten Willen mit und nahm sich vor, keine Fehler zu sehen, nur alles Gute lobend hervorzuheben. Schweigend sttegen sie die Treppen zum Melier empor. Engler stieß die Tür aus und ließ Jenny vor sich her eintteten.

Das erste, was ihr in die Augen fiel, waren ein paar winzige rote Hauspmttössclchen, die ganz harmlos umherstanden. Nicht weit davon lag ein vergessener Damenhandschuh. Und am Spiegel hinter dem Wand- schirm, der eine Art improvisiertes Entree bilden sollte, fleckten Bandschleifen und Lockenwickel. Es war dies ganz natürlich, da Englers Modelle hier ihre Lollette

zu machen pflegten. Nur daß er vor Beginn dieses letzten Bildes gerade allein mit männlichen Modellen zu tun gehabt hatte, sc daß Jenny den Spuren der Anwesenheit einer Frau zum erstenmal begegnete.

Das Blut schoß ihr wie gewöhnlich rasch ins Gesicht. Es war das einer ihrer Hauptreize, dieser schnelle, leb­hafte Farbenwechsel. Aber Engler, der sie sonst damit zu necken pflegte, sagte jetzt nichts, trotzdem er es be­merkte, stteß nur niit dem Fuß ungeduldig die umher- liegenden Dinge beiseite, als wolle er demonstrauo zeigen, daß ihm an der Besitzerin nichts gelegen sei, und zog seine Braut in die eigenlliche Arbeitsabtcüunq vor das fast vollendete Blld hin.

„Nun, was sagst Du? Famos, nicht wahr? Diese frühlingfrische Jugend und dieses sonnige Kindergesi«Ä, das so naiv staunend in die Welt blickt! Das muß doa; Deinen Beifall finden! Und wie findest Du ineine neue Manier?"

Sie hätte ihm erwidern können, daß es eben eine Manier sei, nichts Ursprüngliches, uird daß er mehr und mehr im Begriff stehe, sich in Fremdem zu verlieren. Aber ganz objektiv betrachtet, war es ein hübsches Bild­chen, ohne Genie und recht konventionell aufgefatzt, doch offenbar mit Liebe gemacht. Es sprach zum Auge und konnte eine mittelmäßige Geschmacksrichtung wohl be­friedigen.

Jenny empfand mit Staunen, fast beunruhigt, tote sich nichts mehr in ihr regte, was der Eifersucht ähnlick- war, nur freundschaftliche Tellnahme, daß er nicht im stände sei. Genialeres und Individuelleres zu leiste,i. Hatten die mannigfachen kleinen Kränkungen und Ver­nachlässigungen, welche sie von ihm während der letzten Wochen hatte hinnehmen müssen, ihn ihr in der Tai bis zu dem Grade entfremdet? Sie nahm sich zusammen, wollte ihren guten Willen zeigen und sagte fteundlich. „Das ist wirklich ein hübsches Bild, und Du hast die Ähnlichkeit vortrefflich herausgebracht. Ich bin ganz überzeugt, daß Du Glück damtt machen wirst."

Er hatte ordentlich gespannt auf ihre Anerkennung- gewartet und war jetzt glücklich.

„Nicht wahr? Du kannst es mit gutem Gewissm

empfehlen? Wenn ich nur erst einen Käufer dafür hätte! Dann macht es schon von selbst für mich Reklame. Ein rechter Glückszufall, daß ich dieses Mädchen fand! Eigentlich gebührt Dir der Dank, da Du mich wiederholt auf dasselbe hinwiesest."

„Fa, Du hättest kein hübscheres Modell finden können."

„Und Du wirst Deinen Einfluß zu meinen Gunsten geltend machen?"

v . "Du überschätzest ihn, doch will ich inein Bestes tun. Ich wünsche ja so von Herzen, daß Du Erfolg hast."

„Liebste, Beste!"

Er küßte sie, und Jenny beunruhigte sich abermals über das heimliche Widerstreben, das sich ihrer dabei bemächtigen wollte. Blitzschnell ging es ibr durch dc>- Kops, daß diese Zärtlichkeit nicht ihrer Person galt, sondern der von ihr erwarteten Hilfe. Am liebsten hatte sie sich ihm mit einer schroffen Bewegung entzogen, aber plötzlich - überkam sic die Angst vor dem völligen Auseinandergleiten. Sie stand den eigenen Empftn- düngen ganz ratlos gegenüber. Früher war es ihr doch nicht emgefallen, ihn, seinen Charakter, sein Benehmen so kühl zu krittsieren. Freilich war er damals, als sie sich kennen lernten, in ihren Augen ein ernst strebender tüchtiger Künsfler gewesen. Hatte denn das Pariser Leben, all das Fremde, Moderne, Verwirrende, das hier auf ihn einsttirmte, wirklich seine Fähigkeiten tropfen- weise aufgesogen und ihn zum ErfolgSjöger machen können, oder hatte sie sich zu jener Zeit nur von großeil, begeistert klingenden Worten täuschen lassen?

Jenny war in einer religiösen Häuslichkeit von einer frommen Mutter erzogen worden, und in diesem Augenblick sielen ihr die Worte ein: „Richtet ,sicht auf daß ihr nicht gerichtet werdet."

Besaß sie das Recht, ihm die Vorwürfe zu machen während sie sich doch auch geändert hatte? War es nicht vielmehr an ihr, ihn zu stützen und zu halten, nicht mit unliebenswürdiqen Wahrhetten, sondern durch Güte und Liebe? Sie machte es sich nicht klar, daß dies ern Nachflang ihrer Unterhaltung mit Ritter sei, setzte sick: nur innerlich gegen die Erwägung zur Wehr, daß ihrr