si. Jahrgang.
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Do. 2V. vrrlagr.FemsprechkrNo.2953. KoNNtNg» bkN 18. IaNNNr.
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
1903 .
Wlorgen^flusgabe.
Politische Uelrersicht.
Schlechte Zeiten I sio hört man überall klagen, wn lautesten aber von den Fmanzmtnistern und dem Staatssekretär des Reichsschatzamtes. Sowohl der R e i ch s h a u s h a l t s e t a t, der dem jetzt wieder zusammengetretenen Reichstag zugegangen ist, wie der preußische Staatshaushalts-Etat, der dem gleichzeitig eröffnet«: preutzischeu Landtag präsen- tiert worden fit, bieten beide ein recht unerfreuliches Bild. Trotz der durch die ungünstige Finanzlage be- dingten Sparsamkeit bei der Bemessung der Etatspositionen weisen die Finanzen des Reiches wie die des preußischen Staates ein kräftiges Loch auf, welches man mit dem teriuinu8 teclinicus „Fehlbetrag" bezeichnet, und allenthalben erklingt das Lied vom Defi—z i t.
Sowohl im Reichstag wie im preußische n Landtag wird die Erledigung des Etats das Haupt- stück der parlamentarischen Arb-eitsleistmrg sein. Die Session des Reichstags, welche die letzte der Legislatur- Periode ist, läuft im Juni ab, aber der Reichstag wird seine Pforten zweifellos schon früher schließen, denn das noch ausstehende Arbeitsmaterial ist nicht allzu schwer zu bewältigen. Im denkbar knappsten Rahmen sind auch tne Aufgaben gehalten, deren Lösung man von dein preußischen Landtag in dieser Session, welä-e ebenfalls die letzte der Legislaturperiode ist, erwartet. Gesetz- geberische Materien ersten Ranges stehen überhaupt nicht auf der Tagesordnung des Landtages, so daß dessen Session ebenfalls sehr frühzeitig schließen und ebenso wie die des Reichstags in einem verhältnismäßig ruhigen Fahrwasser verlaufen dürfte.
In ein ruhigeres Fahrwasser gerät auch allgemach der Ehekonflikt des sächsischen Kronprinzenpaares, welches sich anscheinend schiedlichfriedlich trennen wird. So viel bekannt geworden ist, willigt der sächsische Kronprinz, der ursprünglich nur auf Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft geklagt hat, in die Scheidung von seiner Gattin. Bestätigt es sich, daß diese Scheidung nur wegen böswilligen Berlassens anhängig gemacht werden solle, so würde damit das größte Hindernis, welches der Vereinigung der Krön- Prinzessin Luise mit Herrn Giro:: entgegenstand, aus dem Wege geräumt werden.
Der deutsche Kronprinz hat in dieser Woche eine Reise an den befreundeten russischen Hof angetreten, die teils einen privaten Familienbesuch, teils eine Repräsentationsvisite darstellt. Will man von einer politischen Bedeutung dieses Besuches reden, so kann inan diese höchstens darin suchen, daß er den sichtbaren
FeniUrton.
Iettschristenschau.
Die „N e u e d e u t s ch e R u n d s ch a u", Verlag von S. Fischer, Berlin, beginnt mit dem Januar-Heft ihren vierzehnten Jahrgang. Es ist ihre Gewohnheit, bedeutende Erscheinungen in unserer Gegenwartsliteratur durch Veröffentlichung der Werke und Besprechungen zu Worte kommen zu lassen. Natürlich weiß der Leser dieser Zeitschrift, daß auch hierbei ein klein wenig Tendenz ist. Die Höhenkunst, einige Durchausparteimänner würden sagen, die Neuromantik hat sie mit Beschlag belegt. Immerhin, wer die Kunst nicht als Spielzeug, sondern als das betrachtet, was sie ist, eine Seelenläuterung, der findet hier die weitgehendste Anregung. Sie charak- terisiert sich durch die Werke Nietzsches, Maeterlincks und b'Annuncios, die in den letzten Jahren in ihr einen Weg in die Öffentlichkeit fanden. Der neue Jahrgang ver- kündet unter anderem schon jetzt Briefe von Ibsen, Verdi, Brahms, Rnbinstein und E. T. A. Hoffmann. Das vor- liegende Heft veröffentlicht eine Romanzenfolge von Richard Dehmel, „Zwei Menschen", die zeigen, wie ein aufwärts Strebender aus seiner skytischen Sinnlichkeit" zu reiner Seelenklarheit enrporgcwachsen ist. Di« Gedichte mahnen uns nach Inhalt und Form bisweilen an die Sprache und Weisheit der Bibel. Der neue Bund findet hier einen neuen Propheten. Es folgt d'Annunctos satirische Novelle „Die Gräfin von Amalfi". Das Große aller Zeiten reicht sich dte Bruderhand. Mich erinnert die Art, wie hier die schmutzig feile Geilheit des Philistertums und seiner Hetären gezeichnet ist, an die Fabeln und Schwänke von Hans Sachs und wieder die Goethe- schen Sattren. Alfred Kerr gibt eine vortreffliche Würdigung „des armen Heinrich", die in den Satz aus- klingt: „Wer rührt solche Tiefen auf? Was bleibt, ist: ritt faustisches Minnestück. Hauptmann gab die lieblichste und erschütterndste Hochzcitsdichtung unserer Poesie". Auch die übrigen Beiträge stehen auf gleicher Höhe. Da ist ein Aufsatz von Oskar Bie, ein Roman von E. Graf Luvlerltna und Sprüche von Oskar Wilde.
Ausdruck der guten und freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Höfen und den beiden Regierungen bildet.
Solche guten Beziehungen zwischen den Großmächten bilden zur Zeit einen um so wesentlicheren Faktor der internationalen Politik, als diese vielfach einen recht unruhigen Charakter aufweist. Nicht nur ist der venezolanische Konflikt noch immer nicht gelöst, sondern auch die macedonische Frage ist nach wie vor in der Schwebe, und die Lage in Marokko hat sich in der letzten Woche noch verschlimmert.
Me Langsamkeit, mit der die Regelung der ve n e - zolanischen Angelegenheiten vor sich geht, ist nichts weniger als erfreulich, und das Schneckentempo der Verhandlung«: läßt noch gar kein Ende derselben absehen. Immerhin -hat es jetzt den Anschein, als ob die Befriedigung der von den Mächten erhobenen Forderungen ohne Zuhilfenahme des Haager Schiedsgerichtes erfolgen werde. Aber, von der Anerkennung jener Forderungen durch die venezolanische Regierung bis zur Befriedigung in bar ist noch ein weiter Weg. Vorläufig pumpt die venezolanische Regierung selbst!
Hoffentlich geht es den Mächten mit dem Präsidenten Castro nicht ebenso wie mit dem türkischen Sultan, der alles verspricht, aber für gewöhnlich nichts zu halten pflegt. Angeblich zeigt der Sultan den besten Willeir, die von den Mächten verlangten Reformen in Macedonien durchzuführen. Aber die Erfahrung hat uns gelehrt, daß diese Reformen nicht viel mehr als Blendwerk sind, dazu besfimmt, dem Sultan wieder einige Zeit Ruhe vor den Mächten zu verschaffen. Und viel anders wird es auch diesmal trotz der Ernennung des neuen, angeblich reformfreundlichen Großveziers nicht werden.
Für Reformen war der Sultan Abdul Hamid nie eingenommen, und er wird es jetzt um so weniger sein, nachdem er gesehen hat, wie schlechte Erfahrungen sein Sultanskollege in Marokko, Abdul Azis, mit seiner Reformpolitik gemacht hat. Me Situation ist für den Sultan nicht unbedenklich. Zwar hat die marokkanische Regierung den gesamten Dementierungsapparat, der ja recht gut funktioniert, in Tätigkeit gesetzt, um damit dem Prätendenten und seinen Anhängern zu Leibe zu rücken. Aber der militärische Apparat funktioniert um so schlechter, und mit dem Dementieren ist die Sache nun einmal nicht zu machen!
Deutsches Deich.
* Von katholischen Übertritten in sächsischen Hof- und Adelskrcisen erzählt die „Deutschevang. Korresp.": Bekanntlich ist die Königin-Witwe Karola selbst eine vom Protestantismus zum römischen Katholizismus
„Der K u n st w a r t". Herausgeber: Ferdinand
Avenarius. Verlag: Georg W. Callwey, München. Man braucht für ihn keine Lanze mehr zu brechen. Er hat sich seine Anerkennung selbst erworben und damit seine gegenwärtige Verbreitung. Das Januar-Heft leitet Ferdinand Gregori, der Wiener Hofschauspieler, mit „Gedanken über Regie und Praxis der Bühnenregie" ein, die er an eine Kritik des Hagemannschen Buches „Regie" knüpft. Er erzählt uns, daß von den Forderungen einer selbst gesunden Theorie noch recht wenig in die Praxis gedrungen ist. Weiter enthält das Heft Lyrik von Wilhelm Jensen und kennzeichnet dadurch, wie durch die Veröffentlichung eines Aktes aus Schönherrs „Sonnwendtag" im zweiten Dezember-Heft den Standpunkt des Kunstwart zu unserer Dichtung. Er will besonders der wirklich wertvollen Heimatkunst und damit der volkstümlichen oder solcher, die es doch vor allem werden sollte, zu ihrem Recht gegenüber der seichten Dutzendltteratur verhelfen. Er ergänzt also in gewissem Sinne die „Neue deutsche Rundschau".
„Die deutsche Zeitschrift" für Polifik und Volkswirtschaft, Literatur und Kunst, begründet und herausgegeben von Ernst Wachler, verlegt von H. Costenoble, Jena. Wie der Nanre sagt, tritt sie auf der ganzen Linie des modernen, öffentlichen Lebens für das Deuffchtum ein. Sie hat in neuerer Zeit sich zu einer stattlichen Monatsschrift ausgewachsen und berichtet vor allem über die kulturell wertvollen Bestrebungen unserer Zeit, nach dem Muster anderer Zeitschriften mit Dichtungen und ethischen, wie ästbetischen Abhandlungen eine bunte Reihe bildend. Zum Schluß tritt Friedrich Lienharb, der Elsässer Heimatdichter, wieder als Dramattker mit seinem „H e i n r i ch v o n O f t e r ö i n g e n" vor die Öffentlichkeit. Es ist jammerschade, so viel echte Poesie an einer falschen Stelle verwendet zu sehen. Lienhard ist Lyriker ganz und gar und nun will er alte Sagengeschichte, die ihr flügelleichtes Kleid um die deuffche Wartburg trägt, zu einer großen Dramentrilogie verdichten. Er will es dem deutschen Volke schenken und wenige nur hören ihm zu. Warum? Es geht ihm wie dem deutschen Michel: seine Begeisterung tötet. Die Romanttker haben uns derart viel geschenkt. Lienhard kennt die Zeit um 1200,
übergetretene Prinzessin Wasa. Bald nach chr (1853) tat denselben Schritt ihre Mutter, eine von ihrem Gemahl geschiedene, geborene Prinzessin von Baden. Aus pro- testaufischcn sächsischen Adelskreisen folgten ihnen (1869) mit dem Übertritt zum Katholizismus nach: Gras Karl v. Schönburg (.Glauchau - Penig - Wechselburg) und Ernst v. Schönburg (Thammenhain). Mit ersterem trat auch seine Gattin, eine geborene Gräfin v. Rechteren. Limpurg, über, wie dies schon vorher seine Schwester, eine Gräfin Quadt-Wykradt-Jsny, und die Fürsfin Wilhelm v. L ömensrein-Wertheim-Freud «Werg getan- Daß die Dienerschaft des Grafen und andere aus seiner Umgebung ihm Gefolgschaft zu leisten sich bÄvogen fühlten, bedarf kaum besonderer Erwähnung. Zum Katholizismus übergetreten sind ferner aus sächsischen Adelskreisen in jüngster Zeit: Fürst Friedrich v. Schön- burg-Waldenburg, ferner Herr v. Schöuberg (Rotschönberg), dann Freiherr v. Fuchs-Nordhoff, sowie General v. Leonhardi (10 Kinder, ein Sohn Jesuit, eine Tochter Nonne), ferner der Gesandte Seebach. Auch Gras Seebach, der Vater des Dresdener Theaterintendanten». war evangelisch. Seine Frau, die Tochter des berühmten russischen Ministers Grafen Nesselrode (griech.-kath.), trat später mit ihren Kindern zur römisch-katholischen Kirche über und bewog chren Mann, der über die Siebzig war, noch katholisch zu werden. Von protestantischen Edelleuten Sachsens, die ihre Kinder kacholisch erziehen lassen, finden sich unter anderen: Frhr. v. Welk,
v. Müller, v. Kospoth, v. Tümpling, v. Milfitz, von der Planitz, v. Metzsch, Graf Hohenthal, Hofmarschall v. Lütfichau, Moritz v. Nostiz (acht Kinder: fünf Söhne, drei Töchter). Auch von dem Reichstagsabgeordneten v. Frege (Leipzig) ist bekannt, daß er bei seiner Verheiratung mit einem Fräulein van Plato — der Schwester der ebenfalls übergetretenen Freifrau v. Welk — katholische Kindererziehung zugesagt hat, wie es heißt, weil seine Frau Hofdame der (ubergetretenen) Königin Karola war. Auch diese beiden letztgenannten Damen sind übrigens Kinder protestantischer Väter." Das ist in 1 Namen und Zahlen ein Material, das Aufsehen erregen muß. Bfit Recht zieht aus chm die „Deutsch-Evcmgell Korr." die Folgerung: „Solchen Tatsachen gegenüber behaupten wollen, die kacholische Konfession des sächsischen Fürstenhauses und die dasselbe umspielenden katho- lisierenden Einflüsse gäben dem protestanfischen Sachsen- Volk kein«: Anlaß zur Beunruhigung, ist unbegreiflich."
* Untcrsuchungsgefangene. Mit dem 1. April d. I,' tritt eine neue Menstordnung für die dem Ministerium des Innern unterstellten Strafanstalten und größeren' Gefängnisse in Kraft. Me darin getroffenen Anordnungen über Behandlung der Untersuchungsgefangenen beanspruchen wegen der in jüngster Zeit erhobenen Klag«: allgemeines Interesse. Me Dienstordnung sagt
die er schildert, besser als sie, aber ihm fehlt das andere
noch mehr, was jenen auch fehlte: die Begabung zum Drama, will sagen zur Schilderung der Charaktere in der Handlung. Auch hat seine Lyrik überall das Beschauliche eines schönen Versenkens in die Natur, das dem Dramatischen noch ferner steht als etwa bie Ballade. Man lese diese Verse als Lyrik und wird allenthalben tief erbaut sein. Eigentümlich, daß wenige Seiten zuvor Max Geisler „die große lyrische Form", das Monodram, das vor Jahren von Avenarius vergebens erfunden wurde, endgültig abtut. Könnte man nicht LienhardS Versuch ebenso ablehnend unter der Überschrift: „Di» große dramatische Form" behandeln? —
„Die deutsche Heimat", eine Wochett-Zoit- schrift, herausgegeben von Prof. Dr. Ed. Eyck, verlegt von Meyer u. Wunder, Berlin, bringt in einem der letzten Hefte ebenfalls eine Probe aus Lienhards gewiß groß angelegter Dichtung, dazu eine Besprechung deS ganzen Werkes. Ebenso verdienstlich ist die Bearbeitung eines schlesischen Adventspiels von Friedrich Vogt, in dem sich heidnische und christliche Gebräuche so seltsamltch paaren und ganz exofische Pflänzchen am Baum der Poesie treiben. Man sollte das allenthalben lesen. Einen stillen Lyriker entdeckt das neueste Heft: Julius Havemann auS Lübeck. „Die Heide" und „Abseits" zeugen allerdings von einer erstaunlichen Seelenrcife und Anschaulichkeit im Wortbild. Unsere Zeit erscheint einem da für die wirkliche Dichtung als eine bitterharte. Sie schleift mit dem Schlamm der Tagesgrötzen die echten Steine. Erst, wen» der Pöbel, der in diesem Schlamm wühlt, sich die Finger an ihnen zerreißt, wird er ihrer gewahr. Havemanns Form ist ebenfalls ausgereift, nach den wenigen Proben zu urteilen. Wird er weiter hervortreten oder die Still« seiner Zurückgezogenheit vorerst noch nicht verlassen?
„Das literarische Echo". Halbmonatsschrift für Literaturfreunde. Herausgeber: Dr. Joseph Eit- linset. Verlag F. Fontane & Co., Berlin. Das Echo ist vorzüglich eine referierende Zeitschrift, als solche aber schon heute für jeden unentbehrlich, der von den verschiedensten Strömungen in der heimatlichen und fremden Literatur, sowie über die wichtigsten unserer literarischen Zeitschriften- und Zeitungs-Aufsätze Kunde erhalten will.
