Uo. 29. Morgen Ausgabe.
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(Schluß.)
Ich.
Roman von Iba Voy-E-.
„Nein", sagte sie tapfer, ,/so war es nicht. Als ich noch m Eitelkeit und Selbstsucht besangen war, deuchte es mich so erringenswert, einen reichen und vornehmen wmnn zu bekommen. Mehr als einmal teilte ich Körbe ans, weil die Betreffenden mir das eine oder das andere ® at r cn - Sie zuerst vereinigten alles; Sie warm reich, adelig und obenein ein stattlicher und liebenswürdiger Mann. Als ich bemerkte, daß ich Ihnen gefiel, kam ich ^>hnm sehr entgegen; ich träumte Lag und Nacht davon. Ihre Gattin zu werden. Agnes teilte mir den bevorstehenden Ruin mit. Mein Wille festigte sich, und doch
doch, Herr Baron, sowie eine Stunde kam, wo das ent- scheidende Wort von Ihren Lippm zu erwarten war, doch bebte ich zurück vor der Lüge. So wemg ich die Kraft hatte. Sie zu lassen, so wmig hatte ich sie, das Geschick zu besiegeln."
Hellwang sah sie fassungslos an.
„Aber die Liebe, die ich in Ihren Augm sah?" stammelte er.
„War Koketterie", sagte sie leise, das Haupt neigend, „und diese Stunde ist meine Strafe."
Hellwang stand aus und trat ans Fmster, Olga blieb unbeweglich sitzen. So vergingm lange Minuten.
„Olga", sprach er endlich mit zittemder Stimme, indem er vor ihr stand, „Olga, Ihre Beichte kommt aus einem wahrhaften Herzen. Ter ungeheuere Schmerz, den ich empfand, ist ausgelöscht durch die erhöhte Be- Wunderung für Sie. Bisher habe ich Sie als holdes Spielzeug künftiger Tage erträumt, als eine Art uw irdischer Fee, oie mich auf Reinhof umgaukeln sollte — herite habe ich gelernt. Sie zu achten! Ein Weib, das ini Stande ist, ein solches Bekenntnis abzulegen, wird niemals einen Mann mehr enttäuschen. Und so, Olga, gebe ich mir die Ehre, Sie um diese liebe Hand zu bitten und zu hoffm, daß Sie eines Tages lernm werdm, dieser rauhe Landjunker hier vor Ihnen sei der Liebe seines Weibchens nicht unwert."
Olga nahm seine Hand mit ihren beiden Händchen, legte die Stirn darauf und weinte herzbrechend.
„O, verzeihen Sie mir — verzeihen Sie mir", bat sie leidenschaftlich. „Ich habe jedes Anrecht auf Glück verscherzt, ich habe nur cm mich gedacht und mit Herzen gespielt."
„Beruhigen Sie sich, teures Kind", bat Hellwang ängstlich; „wie auck immer Ihre Entscheidung falle, Ihnen je zu zürnen, wäre ich nicht im stände."
Olga weinte fort.
„Nein, ich kann nicht, es geht nicht."
Hellwang wurde doch blaß.
„Warum nicht? Glauben Sie, daß Sie mich nie lieben lernen werden?"
Olga schüttelte den Kopf.
„Ich — ich ließe! Und ich ward geliebt — ich wußte •J wohl! Aber ich habe durch mein freventliches Spie! mit Ihnen ihn und das Glück — alles — alles ver- loren l klagte sie.
Hellwang schwieg. Ja, das tat doch weh, sehr weh! Wer wenn doch das liebe, armeKind nicht so weinen wollte
Sonntag, den 18. Januar.
31. Jahrgang. 1903.
— chre Tränen zu sehen war ihm zu schrecklich. Schließ- uch — er war ein starker, gesunder, sorgenloser Mann
er fraß es schon hinunter. Aber die Kleine — die foHte zu all dem Hunger und Kummer nicht noch Liebes- gram haben. Drei Treppen hoch und dazu noch eine unglückliche Liebe — zu viel, zu viel!
„Olga", flehte Hellwang, „weinen Sie nicht auch noch um mich. Ich will zusehen — gewiß, ich tröste mich
nicht wahr — wir bleiben gute Freunde? Sagen Sie, wer der andere ist. Er soll Sie gleich heiraten, und wenn er kein Geld dazu hat, muß er es von mir nehmen. Bitte, weinen sie nicht, ich kann es nicht ertragen."
Olga schüttelte wieder den Kopf.
„Nein, es ist ganz hoffnungslos."
_ Er hielt es nicht aus.. Er konnte kein Tier sterben, keinen Baum fällen und kein Weib weinen sehen.
„Adieu, Olga! Aber ich konune mal wieder. Ich muß von Zeit zu Zeit Ihr Köpfchen sehen. aber seien sie nicht bang, ich bin ganz heiter, ganz lustig. Um imch dürfen Sie nicht weinen, wir bleiben gute Freunde!" __ Dabei brach beinahe seine Stimme, und er zog sein Taschentuckp um sich abgewandt zu schneuzen. Er streichelte Olga dann noch väterlich das Haar und ging davon, um Albert in dessen Privatwohnung auszusuchen.
Albert brauchte ihn nicht erst zu fragen, was er erreicht habe. Der erste Blick in das ein wenig fahler als sonst gefärbte Antlitz des Freundes belehrte ihn.
„Ja", sagte Hellwang, „da bin ich und laste die Ohren hängen. Es ist nichts; der Friedrich und die Pferde brauchen nicht nachzukommen, es fährt keine Braut ipazieren. Sie will nicht, die Kleine, partout nicht! Aber Charakter hat sie — Donnerwetter — Rasse!"
Albert erglühte tief.
„Und weshalb nicht?"
Wort für Wort, mit den umständlichsten eingefloch- tenen Beschreibungen der Albert ja längst bekannten neuen Wohnung, der eingehendsten Schilderung alles dessen, was der Baron auf dem Weg her und hin empfunden, erzählte er sein Gespräch mit Olga. Zum Schluß schlug er kräftig mit der Faust auf die Tischplatte, daß es krachte, und sagte:
„Ich reife nickt weg, bis ich dm mysteriösm Andem habe und ihm sagen kann: „Sie, mein Herr, beiraten sofort die Kleine oder schießen sich mit mir!" Denn Du begreifst, daß ich keine Ruhe haben könnte, wmn ich mir immer dächte, die Kleine sitzt so da und weint. Diese verfluchten Tränen! Sie soll blos Me sein, dann bin ich ja auch zufrieden."
Tief gerührt legte Albert dein treuen, selbstlosen Mann beide Hände auf die Schultern, sah ihn an und sprach: „Ich bin der Andre!"
Hellwang machte mit offenem Mund erst ein bißchen dummes Gesicht, dann umarmte er dm Frmnd heftig.
„Und Du hast mich ruhig um sie werben lassen?!" rief er.
„Sie mußte ihrm Weg allein finden; ich habe gmug dabei gelitten!" sagte Albert.
Hellwang rannte in der Sftrbe hin und ber, das hals ihm immer zu schneller Fassung.
„Eins", sagte er endlich, tief bewegt, „versprich mir: Du weißt, ich habe ihr schon ein Perlmcollier gekauft Nicht wahr, ich darf es ihr schmken — zur Hochzeit?"
„Wenn es eine Hochzeit giebt, wenn sie mich nimmt
— ich war ihr immer zu streng", meinte Albert, nute, Tränen lächelnd.
„Und bei dem ersten Jungen stehe ich Gevatter. Und Du sollst nie eifersüchtig sein — sieh, kommen muß ick mmer. Ich muß den klemm Mozartzopf in dem weißm Nackm manchmal sehen. Ich gewöhne mir's dann all- mählich an, daß sie nicht mein wird." Hellwang wischte
sich die Augm aus und lachte dann herzlich und rief: „Hurra — die Kleine braucht nicht mehr zu weinm!"
Die Vorstellung, daß Olga immer so dasitze und weine, war übrigms eine grundfalsche von Hellwang. Freilich, sie brauchte lange, ehe sie sich sammelte, und als Hansi heimkam, sagte er:
„Tante Olli, Du hast rote Augen!"
Aber dann rief die Arbeit. Seit Wochm schon hackt« Olga erproben könnm. was für eine erhabene Trösterin die Arbeit doch ist. Sie zündete die Lampe an, saß mit Hansi und Klementine friedlich am Tisch und säumte weiße Gardinen, während Kleinentine das Kind aus Buchstabmwürseln Worte bildm lehrte, lind dann kam die Zeit für das Abendbrot. Die Theemaschine brodelte, und Gustav fand, heimkehrend, einm sauber gedeckten Tisch,
Er fragte nur flüchtig, ob der Baron lange gebliebm sei, und als Olga kurz: „Nein!" erwiderte, ließ er das Thema fallen.
Am andern Morgen hatte Olga vollends . ihren Mut wieder gefunden. Sie ordnete mit Klementine die Zimmer, dann beriet ihrer beider Unerfahrmheit sich über das Mittagessen, das bisweilm noch die Klippe im neuen Fahrwasser wurde. Während sie dann Klemmtine die Küche überließ, machte sie sich im Zimmer an das großartige Unternehmen, selbst die Gardinen aufzustecken.
Sie erkletterte die Trittleiter, Hansi stand daneben auf einem Stuhl und hielt Vorhänge. Ach — dreimal erwies es sich, als sie beide, um einm Gesamteindruck ihrer Leistung zu bekommen, herabstiegm und bis _ zur entgegengesetzten Wand zurücktratm. ^ daß die Gardinen schief und bmtelig hingm. Unermüdlich wurden die Kasten immer wieder abgenommm.
Olga war bei der letzten Gardine beschäftigt und hatte mit roten Wangen und stolzer Freude die andern schon in graziösen Faltenwurf gebracht, als die Tür aufging, was sie im Uebereifer gar nicht beachtete..
Albert stand und sah die lichten Vorhänge, hinter denen die Frühlingsblumen blühten, er sah das ganze anheimelnde Gemach, voll Sauberkeit, Sonnenschein und Frieden und sie in ihrem simplm schwarzen Kleid mittm darin. Das war Olga, seine Olga, die er schon lange geliebt, als sie dm Weg zu ihm nicht finden konnte. Sein Herz wurde weit, er öffnete die Arme und sagte das Wort, von dem sie iinmer geträumt hatte:
„Liebe, gute, kleine Olga!"
Sie fuhr herum, sie sab ihn an — fassungslos —■ selig — ungläubig. Das Wort, das heiß ersehnte Wort! Noch einmal:
„Liebe, gute, kleine Olga!"
Mit einem Jubellaut unnennbaren Glücks fiel sie chm um den Hals und weinte und lachte,
„Hast Du mir verziebm?" rief sie.
„Du hast das als Dein Test erwählt, was ent- sündigt", sagte Albert bewegt, „die Arbeit! Und Du, hast Du mir meine Strenge vergebm?"
„O, Albert, ohne Dich wäre ich zuletzt auf AgneS* verlorenen Wegen geinandelt. Ich dachte auch schon nur an mein Ich. Nun hat mein Leben wen Inhalt: Dich, Dich!"
„Onkel Albert", rief hier Hansi, der der ganzen Sache staunend zugesehm, „Du küßt Tante Olga — das schickt sich nicht; ich werd's Papa'n sagm."
„Doch", jubelte Olga, das .And emporhebmd, „doch, es schickt sich, denn er wird mein Mann!"
*
Und so kam auf rauhen Umwegen das Glück inS Haus gegangm und blieb darin, dmn der eine wohnte nicht mehr da, mit dem sich das Glück nicht verträgt: der Götze des Jchdimstes.
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