Wiesbadener
«*• Jahrgang»
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N». 27 . »erl.,-.Fernsprrcher No. 2S58. SttMSittg» dkN 17 . IaNNttV. RrdaktionS-Fernsprecher No. 52. 1803 .
IKo!! , gen«Ausgabe.
SosialarrstllKrnlen.
Die Gegenwart kennt einen bewußt geführten sozialen Kampf, em bewußtes organisiertes Ringen um die Beseitigung der schroffen Ktafsenunterfchiede in der Kultur- menschheit. Germsse Vorstellungen von Gleichheit, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit aus der Zeit der großen französischen Revolution dringen langsam, aber unaufhaltsam in immer breitere Volksschichten ein, bringen das Drückende der Lage der unteren Volksklassen diesen zum Bewußtsein und rvecken so die Fragen, deren Jude»
S 'ff wir mit dem so mißverständlichen und oft mißver- rdenen Ausdruck „Soziale Frage" b^eichnen. Die Versuche, diese Frage zu lösen, sei es durcb Universal- mittel, große tiefgreifende Umwälzungen, oder auch imr mittels vorsichtiger Reformen oder liebevoller Kleinarbeit, der sogenannten „Pflästerchen", sind Legion. Sie übersichtlich zusammenzustellen, rst fast tinmöglich geworden, seitdem wir hierüber eine vieltausendbändige Litteratur besitzen. Wohl aber lassen sich die als Ziele vorschwebenden sozialen Ideale einigermaßen leicht überschauen.
Die eine Gruppe hofft, daß, wenn einmal das Volk, d. h. derjenige numerisch ja größere Teil des Volkes, der heute vor allem der wirtschaftlichen Lage und der Bildung nach als die „untere" Schicht bezeichnet wird, sich in den Besitz der Staatsgewalt gesetzt haben wird — daß dann die soziale Frage gelöst sei oder doch zu läsen sein wird. Sie sind Sozialdemokraten im wahren, engeren und ursprünglichen Sinne des Wortes; sie glauben an ein Endziel des sozialen Prozesses, an die Möglichkeit der gänzlichen Beseitigung aller Klassenunterschiede, an eine Zukunft ftiedlicher Kulturgemeinschaft auf womöglich internationaler Grundlage mit veränderter Wirtschafts- und Staatsverfassungsform.
Ihnen gegenüber stehen zunächst diejenigen, die wohl teilweise aus egoistischen Beweggründen, jene Fortschrittler hassen rmd zu unterdrücken suchen: „die bürgerliche Welt, die Bourgeoisie" im üblen Smne des Wortes. Die große Masse der Menschen aber ist eine bunte Gesellschaft ihrer sozialpolitischen Überzeugung nach. Die einen kennen kaum das Wort „Sozialpolftrk", kümmern sich nicht um soziale Dinge, leben den hergebrachten Schlendrian, rverden und vergeben, ohne Spuren aus dem Wege der Zeit zu hinterlassen. Geistig leben sie in der Gegenwart und günstigenfalls etwas in der Ver- acmgenheit, hohe Ideale sind ihnen fremd; sie sind zu- frieden oder geben wenigstens vor, es zu sein, oder jammern auch über die verlorene „gute alte Zeft mft dem goldenen Boden". Die anderen beschäftigen sich zwar mit Sozialpolitik, aber nur in der Richtung, daß sie sich als Hemmschuh betätigen und der Gefahr einer Be-
friedigung der „immer unverschämter werdenden Arbeiter" zum Heile des Vaterlandes vorzubeugen suchen. Noch andere treiben unter dem Banner des Christentums Sozialpolitik, wieder andere betätigen sich, bewogen durch Mitleid oder auch wohl Eitelkeit oder weil es eben Mode ist, auf Wohltätigkeitsbazaren und -Bällen. Die ganze Skala aller rnenschlichen Leidenschaften lind Empfindungen hindurch und hinauf bis zu den edelsten Regungen des menschlichen Gemütes und zu den hehrsteil Grundsätzen einer praktisch sich betätigenden Ethik: das sind die Motive der Sozialpolitik jener Gruppe von Menschen, die man bald spöttisch„Bourgeoisie", bald selbstbewußt „Stützen der Gesellschaft" nennt.
Nicht neben, sondern über dieser Masse steht eine noch kleine Genreinde der „S o z i a l a r r st o k r a t e n", eine Gruppe von Menschen beiderlei Geschlechts, die sowohl imter Arbeitenr wie Ministern, imter „Sozial- demokraten" (im politischen Sinne) wie Konservativen, unter Gelehrten und Geistlichen, wie auch unter Fabrikanten zu finden sind und die durch kein äußerliches Band geeinigt werden. Die Wege, auf denen sie schreiten, und die Waffen, mtt denen sie für den Fortschritt kämpfen, sind oft grundverschieden. Der eine gründet und leitet Vereine zur Hebung der Volkswohlfahrt und -Sittlichkeil oder Volksgeselligkeit, der andere arbeitet fortschrittlich cm der Gesetzgebungsrnaschine oder spricht in Arbeiter- Versammlungen, um bildnngshungrigen jungenArbeitern den Genuß der geistigen Kulturgüter zu vermitteln re. Aber allen schwebt nur ein Ziel vor Aiigen und alle tteibt nur ein Beweggrund. Nicht Klassenbe- seitigung, sondern Klassenversitt- l i ch u n g streben sie unmittelbar an. Nicht das sogenannte Volk, sondern nur eine Aristokratie, d. h. die Besten eines jeden Kreises können und sollen die Gesell- schaft lenken und ihre Entwickelung bestimmend beeinflussen. Aber weder eine Besitz- und Geld-, noch eine Ge- burtsaristokratie, sondern die Geistes- und Charakter- aristokratte soll herrschen; alle Leistungsfähigen aus allen Schichten der Bevölkerung sind berufen zur Mitwirkung an dem gedeihlichen Fortschritt der Gesellschaft. Allen Menschen soll eine gleiche oder doch ähnliche Möglichkeit gegeben werden, sich zu bilden und zu entwickeln. Alle seien zum Wettlauf auf den gleichen Ausgangspunkt ge- stellt; chr versäsieden schneller Lauf wird verschiedene Klassen schaffen und diese Klassenverschiedenheit kann der ganzen menschlichen Natur nach nicht verschwinden, sie wird Kulturpioniere und die schönsten Blüten der Menschheit erzerigen, dem Talent und Genie Spielraum gewähren und sich als wahre Quelle wirklich großen Fortschritts der Menschheit erweisen. Wie Geschichte und tägliche Beobachtung lehren, ist es nicht die Arbeit der Massen und das langsam schleppende Masseirringen. sondern die geniale geheime Kraft einzelner Großer, die die Menschheitsentwickelung emporschnellt aus Stufen, die zu erklimmen zunächst nur den Besten der Zeitge-
nassen gelingt, und die die Menschheit mit Schätzen beschenkt, in deren Vollbesitz sich die Masse erst im Laus langer Entwickelung zu setzen befähigt ist.
Der Beweggrund, mit den verschiedensten Mitteln — seien es Änderungen der Wirtschaftsform oder Rechtsnormen, Schaffung von Institutionen zur Verbreitung von Bildung und Wohlstand :c. — aus dieses Ziel zuzu- ftcuern, ist kein gefühlsmäßiger. Gemütsregungeir, christliche und moralisclie Grundsätze mögen mitspielen, im letzten Grunde handelt es sich aber um ein soziales P f l i ch t b e w u ß t s e i n , das in der historischen und psychologischen Durchdringung der Triebfedern des Menschheitsgeschehens, also in der Erkenntnis der notwendig einzuschlagenden Entnnckelungsrictstung wurzelte
Der Sozialaristokratie kann und wird es nicht gelingen, breitere Volksschichten zu gewinnen oder von ihnen verstanden zu werden, vor allem nicht in der Gegenwart. Sie wird eine Schar von Offizieren ohne Heer bleiben. .. Ihre Anhänger sind nicht zu zählen, sondern zu wägen, und ihre Wirkung ist nicht zahlenmäßig nachweisbar und den meisten nicht sichtbar; aber sie wirkt, still und unaufhörlich — als Salz. Aber als Vorbedingung: Sonnenschein und Lust auf fruchtbarem Boden für die Entwickelung aller edlen Keime, die reichlich ausgestreut sind unter allen Schichten der heutige» Gesellschaft. H. B.
Ausland.
* Frankreich. Das „Echo de Paris" meldet: General Saussier gab seine Demission als Mitglied des Obersten Kriegsrates deshalb, well infolge der geplanten Einführung der zweijährigeri Dienstzeit zwischen ihm und dem Kriegsminister Meinungsverschiedenheften bestehen. Scrussier ist der Ansicht, daß die zweijährige Dienstzeit in Frankreich bei den Truppen selbst ecngesührt werden könne, daß aber bei den Truppen in Algier und Tunis die dreijährige Dienstzeit aufrecht erhalten werden müsse. Auch sei er ein Gegner des neu eingebrachten Gesetzent- Wurfes, der die Wiederaufnahme strafweise auf Halbsold gesetzter Offiziere gestatte, da er darin eine Lockerung der Disziplin erblicke. — Mehrere oppositionelle Blätter behaupten, der Gesetzentwurf habe den Zweck, die Reak- tivierung des aus der Dreyfusaffäre bekannten Obersten Picguart zu ermöglichen.
* Rußland. Aus Petersburg schreibt man uns: Don dem Elend, das in den russischen Großstädten herrscht, vermag man sich ans Grund einiger Ziffern über die hiesigen Asyle eine Vorstellung zu machen. Die städtischen Asyle können nicht mehr als 1000 Personen Nachtquartter bieten, dazu kommen noch etwa 3000 Plätze in Privatanstalten rc., sodaß ca. 4000 Obdachlose Unter- kunft finden. Die Zahl der Suchenden beträgt aber l0 000, sodaß 1000 im öffentlichen Asyl und die übrigen 9 0 0 0 auf den 3000 privaten Stellen unterzukommen
Ferrillelsn.
Aas indische Hungerlied.
Ein ergreifendes Gegenstück zu den Schilderungen von der Krönungspracht in Delhi, die jetzt durch die Zeitungen gehen, entwirft Pierre Loti im neuesten Heft der „Revue des deux mondes". Er schildert eine Fahrt durch das von Hungersnot heimgesuchte zentrale Vorderindien. Nur weniger Tagereisen bedarf es (mit der Eisenbahn natürlich, die jetzt das Land durchfurcht), um aus dem blühenden Küstenlande von Pondichery und Madras nordwestwärts in die Steppen von Hyderabad und Golkonda zu gelangen; noch eine Nachffahrt und man erwacht in dem endlosen Bereiche der Sumpfdickichte (Dschungeln) des Hochlandes von Dekhan.
„Aber die Dschungeln sind verlassen und tot", erzählt Loti, „die Wälder sind tot, alles ist tot."
Ter Frühjahrsregen, den sonst das arabische Meer herübcrsendet, ist seit einigen Jahren ausgeblieben oder er hat einen anderen Weg gewählt, indem er sich nutzloserweise über die Wüste von Beludschistan ergoß. Und die Ströme haben kein Wasser mehr, die Flüsse vertrocknen, die Bäume belauben sich nicht. Die Dschungeln hätten im Frühling von Leben wimmeln sollen. Doch die Gräser, die Sträucher ergrünen nicht mehr; der April Hai nicht die Kraft, ihre schleichenden Säfte zu erwecken. Mager und verstört irren Gazellen umher, die kein Kraut mehr finden und nicht wissen, wohin ste nach Wasser sich wenden sollen. Nur von Strecke zu Strecke steht mar au einem trockenen Baumstamme noch einen junge; Zweig, ein vereinsamtes Aftlein, das allen vorhandener Saft aufgesogen, um noch zwei bis drei zarte Blätter odc> wohl auch eine große rote Blume hervorzubringen, die ftrf inmitten der Ode melancholisch entfaltet hat.
Gleich beim ersten Dorfe, wo der Eisenbahnzug an hält und der Lärm der Räder sich beruhigt, erhebt sic! ein Geschrei, ein ganz sonderbares Geschrei, bas uns er
starren macht, noch bevor wir es recht verstehen: der
schreckliche Sang beginnt und wird dich nicht mehr ver- lasten; wir sind in das Land des Hungers gekommen. ES sind fast ausschließlich Kinderstimmen, die wir hören; ihr Schreien ähnelt beinahe dem Lärm eines Schulhofes während der Unterrichtspausen; aber cS ist damit etwas Verzerrtes, Entkräftetes, Kreischendes verbunden, waS dem Ohr wehtut. Um dies Lied kn seiner ganzen Heftig- keit zu hören, mutz man noch etwa 100 Meilen weiter nach dem Lande Radiput gehen, wo die Menschen in dieser Zeit zu Tausenden sterben, weil ihnen ein wenig Reis fehlt.
Kleine Kinder, arme kleine Skelette, sind es, die am Eingänge der Dörfer, an den Kreuzungen der Straßen das Lied singen oder vielmehr heulen. Die armen kleinen Wesen drängen sich an das Vahngitter und strecken ihre abgezehrten Arme und Hände nach uns aus. Unter ihrer braunen und falttgeu Haut zeichnet sich ihr gebrechlicher Knochenbau schreckeuerregend ab; es ist, alS ob sie keine Eingeweide hätten, so flach ist ihr Leib, Fliegen sitzen an ihren Augenlidern, an ihren Lippen, um hieraus den letz, ten Rest von Feuchtigkeit zu saugen. Sie haben keinen Atem, beinahe kein Leben mehr, und doch halten sie sich aufrecht und schreien noch! Essen möchten ste, essen, und sie meinen, diese Unbekannten, die in so großen Wagen vorüberfahren, müßten reich sein, würden Mitleid haben und ihnen etwas zuwerfen.
„Maharajh! Maharajh!" (Gnädiger Herr! Gnädiger Herr!) rufen alle die kleinen Stimmen zugleich, in gesungenen und zitternden Tönen. Es sind Kinder darunter, die kaum 5 Jahre alt sind, auch ste schreien: .Maharajh! Maharajh!" und reichen durch die Gitter hindurch ihre fleischlosen Händchen.
Meine Reisegefährten in diesem Zuge sind geringe Indier, dritter und vierter Klaste; sie schleudern hinaus, was ste haben, Überreste von Reisgebäck und Kupfer- münzen, und auf alles das stürzen sich die Ausgehunger- °cn wie wilde Tiere und stampfen aufeinander mit den tüßen. Können denn Geldstücke ihnen nützen? Also gibt cs noch Vorräte in den Kramläden des Dorfes? Ja, aber nur für diejenigen, die sie erkaufen können! Ebenso sind
vier Wagen voll Reis hinter uns angehängt und andere Wagen mit Reis fahren in gleicher Weise täglich vorüber; aber den Armen gibt man davon nichts, nicht eine Hand- voll, nicht einige Körner, die ihr Leben ein klein wenig verlängern könnten. Die Sendung ist für die Bewohner der Städte beftirmnt, die noch Geld haben und zahlen werden.
Weshalb verzögert sich denn unsere Weiterfahrt 1 Warum verweilen wir so lange in diesem grausigen Dorfe, wo di« Schar der Hungernden von Minute zu Minute sich mehrt und das Lied des Elends immer greller ertönt? Siehe, da kommen Frauen hastig herbei, Frauen- skelettc vielmehr, von der Anstrengung erschöpft, in der Hoffnung, die schweren Bündel, die sie auf dem Kopfs tragen, verkaufen zu können: Häute von ihren Kühen, die der Hunger getödtet hat und denen sie das Fell abgezogen. Der Preis einer noch lebenden Kuh ist hier auf Yi Rupie (etwa 40 Pf.) gesunken, weil man kein Futter für die Tiere hat und in diesem brahmanischen Lande um alles in der Welt sich nicht entschließen könnte, ihr Fleisch zu esten. Wer aber möchte ein Fell kaufen, das schon in Verwesung übcrgegangen ist und einen Schwarm Fliegen herbeilvckt?
Jetzt habe ich alles, was ich an Geldstücken bet mir hatte, hergegeben . . .. mein Gott, fahren ryir denn gar- nicht weiter? .... O, wie hier ein ganz kleiner, drei- bis vierjähriger Knabe in Verzweiflung gerät, weil ihm ein anderer, etwas größerer, soeben das Almosen ent- risten hat, welches er in seinen Händchen festgehalten!.
Endlich, endlich setzt sich der Zug in Bewegung und das Geschrei verhallt allmählich; schon sind wir wieder inmitten der schweigsamen Dschungeln. Wer in jedem Dorfe, wo der Zug stehen bleibt, wiederholt sich das trau, rige Schauspiel; überall sind die Hungernden da und lauern an den Gittern. Ihr schauerliches Lied, immer das nämliche, von ohrenzcrreitzenden Fistelstimmen in einem und demselben Tonfall gesungen, beginnt, wenn wir herannahen; dann schwillt eS an; zuletzt steigert es sich bis zur Verzweiflung, sobald wir von neuem in die sonnverbrannte Einöde davonziehen. (Franks. Ztg.)
