si. Jahrgang.
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25. Brrlags-Fernfprecher N». 2953«
Freitag» den 16. Januar.
Für die Aufnahme später eingcrcichter Anzeigen zur
Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1903.
Horflen-flusgaba.
Ein interessanter Arbeiterhaushalt.
Die „Sächsische Arbeiter-Ztg." bringt in der Stummer vom 10. Januar den Abdruck der Jahresausgaben und -Einnahme eines „organisierten" Maurers während des verflossenen Jahres. Sie dürfte für eine breite Masse wohl als typisch gelten können und deshalb als ein anschauliches Bild aus dern Innern einer Arbeiterwirtschast eingehendster Beachtung wert sein. Vor allem muß das genaue Verbuchen der hunderterlei kleinen Posten einem jeden schon Achtung abzwingen. Die Familie besteht aus dem Ehepaar und einem schulpflichtigen Kind; sie wohnt, wie so viele Bauarbeiter, auf dem Lande, d. h. in einem der äußeren Vororte Dresdens, während der Mann in Dresden seinem Broterwerb nachgeht.
Was erzählen nun die folgenden Zahlenreihen?
JahrrS-Einnahmen.
1771 Stunden als Maurer, durchfchnittl. pro Stunde 43°/. Pf. . .
Sonstiger Verdienst . . . .
Gemaßregelt.- Unterstützg..
Lotterie . . . .
Einnahme der Frau
Dividende und Kapitalzins, v. Konsum- Ver. Löblau
Unterstützung f.sir geleistete Übung ...
Summa
M.
748,56
55,11
1,50
6,30
157,32
33,88
12,32
1011,89
Jahres-AuSgaben
durchschnittlich
wöchentlich
Brot u. Backware .
Fleisch- und Wurstwaren Butter
Kaffee, Kakao,
Tee.
Eier.
Milch.
Mehl.
Zucker.
Schmalz ..... Essig und Öle
S ennge .... riin.Gemüse, tzülsenfrücht. n. Kartoffeln Gewürze . . .
Bier.
Käse.
Tabak.
Seife.
Obst ».Beeren Taschengeld d. Manne s . .
Su mma
also in 52 Wochen für Nahrungsmittel (b. auf Seife)
9,90
514.80
jährlich
Miete.
Kleidung . . . Heizung . . . Beleuchtung . Schuhwareu.
Möbel.
Fahrgeld . . . Schulgeld. . . Schulsparkaffc Garne und Schnittwaren Ausflüge und „Vergnügen . Übung beim ^Militär. . . steuern . . . Invaliden- u.
Krankenkasse Handwerksz. . GewerkschastS- beiträge. . . Parteibeitrag. Versicherung. Lotterie Literatur. . . HauSstand- sachcn
Schulbücher . Trinkgeld. . .
Porto.
Sonstige Ausgaben . . . .
M.
141,00
73,80
40,30
9.25
27.50
13.00 17,60
7,80
7,80
23,23
20,27
11.00
20,34
17,91
4,11
20,00
4,20
10.50 14,25 15,85
8.54
2,89
4.25 3,66
13,38
Summa..
514,8(^1 Summa . . >533,43
M. 1048,23.
Die regelmäßige Lohneinnahme betrug bei dem gewöhnlichen Satz des Stundenlohnes nur 748 Mk. Da bei einer normalen Arbeitsdauer im Baugewerbe von etwa 210 Arbeitstagen und einer zweiwöchentlichen militärischen Diensüeistung die tägliche Arbeitszeit durchschnittlich etwa 9 Stunden betrug, kann man annehmen, daß der Mann wegen der schlechten Geschäftslage nicht zu leiden gehabt. Tie Gemaßregelten-Unterftützung von 1,60 Mk. deutet aber an, daß er zu den „unruhigen Köpfen" gehört. In der arbeitslosen Zeit hat er Gelegenheitsverdienst gesucht, der zu finden oft recht schwer ist. Als aufgeklärter Arbeiter ist er natürlich Genossenschafter und Mitglied eines „Konsums", und daher an Barzahlung und Ordnunghalten gewöhnt. Seine Frau hilft getreulich mft verdienen, um Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht zu halten.
Die Kärglichkeit der Ernährung tritt recht m Er- scheinung, wenn man bedenkt, daß man, um den täglichen Verzehr der einzelnen Person zu erhalten, jeden Posten mit 21 dividieren mutz. Allerdings scheint der Mann an Arbeftstagen sein Mittagbrot auswärts ein- zunehmen^da er sich wöchentlich 1,66 Mk. Taschengeld rechnet. Seine Frau lebt in der Woche offenbar absftnent und gönnt sich höchstens bei Ausflügen und Vergnügen etwas „Extraes". Die billige Dorfmiete allein erniög- licht den Leuten durchzukommen. Für Kleidung brauchen sie insgesamt 124,56 Mk. Neben der obligatorischen Versicherung wird noch in eine Zuschußkasse gezahlt, außerdem erhält die Gewerkschaft, für welche die Beiträge auch den Charakter der Versicherung tragen, noch 20 Mk., während die politische Organisafton mit jährlich 4,20 Mk. abgefunden wird. Das Kind zahlt wöchentlich 20 Pf. in die Schulsparkasse ein, die es nicht selbst verdient, sondern vom Vater zu diesem Zwecke erhält. Als bil- oungsdursftger moderner Proletarier ist derselbe ein eifriger Leser; es fällt auf, daß bei dem kleinen Budget für Literatur fast 16 Mk. ausgegeben werden, worunter wohl das Abonnement der Arbeiterzeitung mit 11 Mk. den Hauptposten bilden dürfte. Vielleicht hält er sie auch mit einem Kameraden zusammen. Der „Grundstein", das Organ der organisierten Maurer, wird mit für den Gewerkschaftsbeitrag geliefert. Der Fehlbetrag von 33,22 Mk. wird zwar durch die Spareinlage des Kindes auf 25,42 Mk. eigentlich^gemindert und mußte durch Angreifen eines alten Sparguthabens gedeckt werden. Alle Hochachtung vor dem Sparsinn und der Wirtschaftlichkeit dieses sozialdemokratischen Arbeiters. Sie sind für viele weit besser gestellte bürgerliche Leute recht beschämend! Als echter Sachse spielt der Mann (und zwar sicher im Einverständnis mit seiner Frau) gemeinsam mit Kollegen in der Staatslotterie, die ihn 1902 14,25 Mk. gekostet und nur 6,30 Mk. eingebracht hat. „Man muß dem Glück ein Türchen offen halten." Daraus, daß ein so wirtschaftlich geschulter Mann, der
mit Pfennigen haushält, eine solche Selbstbesteuerung nicht scheut, scheint der unerschütterliche Opftmismus der Arbeiter am klarsten hervorzugehen!
Wie gestaltet sich aber nun der Haushaltplan eines Mannes, der bei etwa gleichen Lohnverhältnissen und bei drei Kindern (gar kein seltener Fall) in der Großstadt wohnen mutz und daher für Miete 100 Mk. mehr anziv legen gezwungen ist?
Deutschland - England - Amerika.
Wenn man sieht, wie gewisse englische und anrerika- nische Blätter immer wieder die gehässigsten Verdäch- ftgungen der deutschen Poliftk wagen, wenn man beobachtet, wie wenig die entschiedenen Zurückweisungen! dieser Angriffe durch die Berliner Offiziösen nützen- so möchte man zu der Vermutung kommen, daß irgendwo innerhalb der Gesamtheit der deutschen auswärtigen Poliftk die Fehlerquelle liegt. Wir meinen dies nicht so, daß nun etwa an jenen Verdächftgungen doch etwas^ Wahres wäre, sondern vielmehr so, daß die zutreffende Form der Abfertigung noch immer nicht gefunden ist, Meinungsgegensätze und Reibungen mannigfacher Art bestehen trotz im ganzen befriedigender Verhältnisse auch zwischen Deutschland und Rußland, zivischen Deutschland und Frankreich; aber niemals haben diese Gegensätze und Reibungen so merkwürdige Erscheinungen herbei- geftihrt wie diejenigen, die sich in dem unaufhörlichen Gezeter der meisten Preßorgane jenseits des Kanals und jenseits des Ozeans darstellen. Es ist so weit ge- kommen, daß man bei jeder neu auftauchenden Frage, selbst wenn wir mit ihr garnichts zu tun haben, mit aller Sicherheit den Augenblick erwarten darf, wo entweder aus London oder qus New-Iork» die Behauptung aufflattert, die deutsche Politik habe wieder einmal Quertreibereien verübt. Und auch wenn deutscherseits überhaupt nichts geschieht, so wird das ebenfalls als verdächtiger Plan mit den denkbar verschlagensten Absichten ausgelegt. So war es und so ist es mit allen Vorgängen der auswärtigen Politik während der letzten Zeft. Dia Erneuerung der Meerengenfrage wird behauptet, nur um daran die Unterstellung zu knüpfen, daß die deutsch« Poliftk sich dem Proteste der Mächte gegen die Durchfahrt von vier russischen Torpedobooten nicht habe anschließen wollen. Es gibt gegenwärftg gar keine Meer- engenftage, folglich auch keinen Protest, folglich auch keine bezügliche Weigerung Deutschlands. Ähnlich, richtiger gesagt: schlimmer, steht es mit den Verdächtigungen der Rolle, die Herr v. Holleben als vermeintlich beauftragter Störer des englisch-amerikanischen Einvernehmens habe spielen sollen, aber nicht spielen können. Die in dieser Hinsicht erfolgte Zurückweisung wird aber die betreffenden Ausstreuungen ganz gewiß nicht zum Schweigen bringen. Dies namentlich ist ja das Be-
Feuilleton.
Zur Verdeutschung des Wortes Cakes.
Eine Kuchenplauderei, durch die jedermann seine tausend Mark einheimsen kann.
Von Bruno Gilbert.
Es soll also der Versuch gemacht werden, mit dem garstigen in fünffacher Hinsicht anfechtbaren Worte „Cakes" endlich einmal aufzuräumen. Haben Sie keine Bange, nicht mit dem treftlichen Gebäck, sondern nur mit dem albernen Namen, unter dem es einherschleicht, an dem wir doch auszusetzen haben: Zunächst, daß es ein Fremdwort ist, das dazu noch falsch gebraucht wird (denn das englische Wort Cake, Pl. Cakes, bedeutet nichts als Kuchen) und nochmals falsch gebraucht wird, indem wir die Mehrheits-Form für die Einheit verwenden, dann von dieser ursprünglichen Mehrheit auch wohl noch eine neue Mehrheit: Cakese oder Cakse bilden. Und schließlich wird dann bas unglückliche Wort auch wohl noch falsch ausgesprochen, indem manche statt „Keeks" wohl Käkes oder auch Kakes sagen.
Man braucht doch wahrlich nicht zu den sanattschen Berdeutschern zu gehören, sondern seine Muttersprache nur ein bißchen lieb zu haben, um so etwas als geradezu peinlich zu empfinden.
Zumal muß das aber wohl denjenigen wirklich wehe tun, die dies treffliche Vackwerk in Deutschland jetzt in so ausgezeichneter Weise Herstellen, daß die deutschen — hm — einstweilen noch! — „Cakes" überall in der Welt dem Vaterlande Ehre machen. Da ist nun die Bielefelder Cakesfabrik von Stratmann & Meyer — die auch durch die Fabrikation Or. Cratos Back» und Pudding-Pulver in weiten Kreisen bekannt ist — zu dem Entschluß gekommen, zur Verdeutschung des so unglücklich gewählten Wortes „Cakes" einen Preis von 1000 Mark aus- zusetzen. Und zwar wird dieser unter allen Umständen der von den Preisrichtern als am preiswürdigsten anerkannten Einsendung zuerteilt, selbst wenn bas preisgekrönte Wort sich nicht als geeignet erweisen sollte, in
dem Sprachgebrauch sich Aufnahme zu verschaffen oder auch nur von der Fabrik angenommen zu werden. Wtrd dasselbe Wort, dem schließlich der Preis zuerkannt wird, von mehreren Bewerbern eingesandt, so wird der auS- gesetzte Preis unter diese gleichmäßig verteilt.
Das Preisrichteramt haben übernommen die Herren: Professor vr. O. Brenner-Würzburg, Dr. Gustav Zieler, Schriftleiter, Berlin, Direktor vr. Ed. Lohmayer-Kassel, Professor vr. Alois Weiß-London, Wilh. F. Brand, Schriftsteller, London.
Nun, es wird ihnen an Arbeit nicht fehlen, aber es wird ihnen ja auch der Lohn nicht vorenthalten bleiben. — Wie wird aber über die Richter gerichtet werden! — zumal von Seiten derjenigen, die den Preis — nicht bekommen.
So werden die Richter ihre Arbeit haben und die Fabrik wird den Preis bezahlen. Da fehlt nur noch jemand, der bereit ist, die 1000 Mk. einzuheimsen — und den Ruhm. Nun, an der Bereitschaft wird es am Ende nicht mangeln. Auch steht die Bewerbung jedermann offen, ohne irgend welche Beschränkung. Und schließlich ist die Auffindung eines solchen Wortes doch nicht gerade die Sache des Gelehrten und Sprachforschers allein, sondern jedes praktischen, findigen Kopfes, und somit in ganz besonderem Matze doch auch der geschätzten Leser dieser Zeitung, und zwar sowohl individuell betrachtet, als auch in gewissem kollektivem Sinne. Wie manchem Kaffeekränzchen und anderen Vereinigungen — wo doch oftmals das schmackhafte Gebäck der „Cakese" selbst unter diesem abschreckenden Namen auch Gnad«! findet — fehlen gerade noch 1000 Mk. für die Vereinskaffe. Wie mancherlei Kurzweil wird dort mit mehr oder weniger geistvollen Wortraten und Wortbildungen getrieben, die der Vereinskaffe garnichts einbringen. Warum sollten sich da die findigen Köpflein nicht zusammentun und „d a s" Wort ausfindig machen. Wem es aber nicht gleich einfällt, der kann es ja für die nächste Kaffee- und Cakes- Sitzung mitbringen. Es hat Zeit bis zum Ende März. Und schließlich könnte vielleicht auch mancher tausend Mark gebrauchen — und etwas Ruhm — der gar keinem Kränzchen angehört.
Wie geht man dabei nun wohl zu Werke? Wie wir schon gelesen, besagt das englische Wort „Cakes" nur Kuchen. Es sind aber stets nur kleine Kuchen. Aber da haben wir's ja schon: „Küchlein!" — Doch, „schon mahnt mich was" — ein piepsendes kleines Etwas — „baß ich dabei nicht bleibe!" Aber wie wäre es mit der anderen Diminutiv-Form? „Mir hilft der Geist. Auf einmal seh' ich Rat und schreib getrost": Küchelchen. „Doch auch indem ich dieses niederschreibe", kommen mir Bedenken, ganz wie sie Fausten kamen: „Küchelchen" klingt doch nicht recht, als ob darauf gleich tausend Mark angezogen kämen. Indessen mit dem „Klingen" ist's eine eigne Sache. Tausend Mark klingen auch nicht, wenn sie nicht in Münze ausbezahlt werden und sind dennoch ebenso annehmbar. Es geht mit dem Klingen eines neuen Wortes wie mit dem Auftreten einer neuen Mode. Anfangs schrecken wir wohl vor beiden zurück. Hat sich aber erst das Auge an diese, das Ohr an jenes gewöhnt, so finden wir auch wohl Gefallen daran, freilich in beiden Fällen auch — nicht irmner.
Indessen wir brauchen uns ja durchaus nicht auf eine Übersetzung des Wortes Cakes zu beschränken. Wir haben ja die vollste Freiheit. Fassen wir die Sache einmal von einer anderen Seite an. Was ist ein besonderes Merkmal des Cakes? Er wird gebacken. Also ein „Back"! — Verzeihung, ich wollte nur auf den Stamur Hinweisen, aus dem sich manches bilden läßt. So fange man denn nur an zu bilden. Bildung ist doch heutzutage die Hauptsache. Aber werden nicht „Cakese" zweimal gebacken? Manche wenigstens. Daher heißen sie auf Eng- lich auch Biscuits. Doch „schon mahnt mich was." — überdies ist Biscuit doch ein Fremdwort. Dafür haben wir aber das deutsche Wort Zwieback — Zwieback, aber das haben wir eben auch schon! Es scheint alles schon da- gewesen, übrigens ist für eine gewisse Sorte von Cakesen die Bezeichnung „Zwieback" längst gebräuchlich. Das ist der Schiffszwieback. Ein Anrecht hat also unser Gebäck immerhin auch schon auf dieses Wort. Ich glaube nur nicht, daß dieser Hinweis uns 1000 Mk. — und besonderen Ruhm einbringen wird.
Indessen, die uns allen jetzt so am Herzen liegenden
