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51 . Jahrgang.

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llo. 26» Berlagt°Fer»sprccher Ro. 2953.

Freilag, den 16. Januar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abendausgabe.

Die..Kleine orientalische Frage".

„Es ist ja bis wahrscheinlichste Krisis, die eintreten kanii. die orientalische." So hat der Altreichskanzler Fürst Bismarck vor 15 Jahren, im Februar 1888, im Reichstage erklärt. Das Wort bat noch heute seine Gültigkeit. Wir haben die chinesischen Wirren glücklich Überstanden, ohne daß sich eine große ostasiatische Frage entwickelte. Wir werden aller Voraussicht nach auch die Wirren^ in Marokko überwinden, ohne daß die marokka­nische Frage sich bei dieser Gelegenheit in großem Stile entwickelt. Äbem wenn alle diese Fragen vorüber­gehender Natur sind. welche ebeitso schnell verschwinden, wie sie auftauchen, so bleibt das Bündel von Fragen, welches wir mit dem Gesamtbegriff „orientalische Frage" bezeichnen, der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht.

Die orientalische Frage zeichnet sich vor allen anderen internationalen Fragen recht unvorteilhaft dadurch aus. daß sie niemals ganz von der Tagesordnung ver- schwirrdet. Bald tritt sie als türkische Frage, bald als bulgarische, bald als serbische, bald als griechische, bald als kretische, bald als albanesische. bald als macedonische Frage auf, aber sie tritt eben immer auf. Das Stichwort wird von den Akteuren auf der Balkanbühne nie ver­säumt; wenn die Albanesen von der Bühne abtreten, dann kann man sicher sein, daß im gleicherr Augenblick die Macedonier ihre Rolle wahrnehmen und ihrerseits Welt- theater spielen.

Zur Zeit sind die Macedonier dran. Die in a c e - d o n i s ch e F r a g e . welche man als die „kleine orienta- lische Frage" zu bezeichncii pflegt, ist deshalb die kompli­zierteste dieser Fragen, weil sie eine Art Ragout der Orientfragen darstellt. Tie türkische Provinz Mace- donien weist von asten Balkangebieten das bunteste Völkergemisch aus. Von der etwa 2 Y ? Millionen starken Bevölkerung des Landes sind nahezu die Hälfte Bulgaren, an zweiter Stelle kommen die Türken liebst den Pomaken, während der Rest aus Serben, Albanesen, Rumänen und Griechei! besteht. Ta alle diese Nationalitäten sich feind- lich gegenüberstchcn und jede'sich für die bevorrechtigle, für den eigentlichen Herrn des Landes hält, so ergibt sich das niacedonische Tohuwabohu gaiiz von selbst.

Die Notwendigkeit, in Macedonien. wo die Reibereien. Aufstände und Metzeleien von jeher an der Tagesordnung waren, irgend eine Regelung der unhaltbaren Verhält­nisse herbeizusühren, ist von den Mächten schon seit langer Zeit erkannt worden. Schon der Berliner Vertrag vonr Jahre 1878 fetzte im Artikel 23 eine Anzahl allge­meiner Reformbeschlüsse für Macedonien fest, Aber wenn wir auch in diesem Jahr das fünfundzwanzigjährige

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(21. Fortsetzung.)

„Wie schrecklich ist das!"

„Ach. bewahre, das hört sich schlimmer an. als es war. Eines vormittags schmierte ich auf zufällig vorhandene Holzbrettchen zwei kleine Bstderskizzen. Tie innere Wut führte mir sehr kräftig die Hand. Ich glaube, es war das Flotteste, was ich bis dahin gemacht hatte. Seit vierundzwanzig Stunden hungerte ich, daß mir der Magen weh tat. Mit den nassen Machwerken rannte ich zu einem Kunsthändler und bot sie ihm zum Kauf an. Der Manii überflog metiie Erscheinung mit einem Blick und bot mir. da ich wohl einen recht reduzierten Eindruck machte, für beide fünf Mark. Nein, so hungrig ich war. diese Ausnutzung mehier Lage ging mir denn doch über den Spaß. Stolz drehte ich ihm den Rücken und trabte halb ohnniächtig zu eineni anderen. Stellen Sie sich meine Wonne vor, als dieser mir nicht allein zwanzig Mark zahlte, sondern noch vier weiters Bildchen des- selbeii Genres in Auftrag gab. Wie ein reißendes Tier stürzte ich mich im nächsten Wirtshaus über die Speisen her. Ich kam mir mit meinem Schatz wie ein Krösus vor. Na. was soll ich Ihnen noch sagen, — von da an war ich oben auf. Ein kleiner Auftrag folgte dein anderen. Zu Weihnachteil konnte ich das erste Mal seil zwei Jahren wieder die Ferien zrr Hause zubringen. mit meinem Gelbe klappen:, was ich ausgiebig tat, und in einem neuen An­zug protzen."

„Was für entsetzliche Zeiten müssen das gewesen sein!"

„Nicht die Spur. Jetzt in der Erinnerung kommt es mir sogar spaßhaft vor. Ich inerke übrigens daß ich recht weitschweifig von mir erzählt habe. — entschuldigen Sie."

„Das hat mich alles ganz ungeheuer interessiert. Bitte, sprechen Sie nur weiter."

„Nein. Genug von mir. Jetzt erzählen Sie mal von sich. Was macht Engler?"

Jubiläum des Berliner Vertrages begehen können, so haben wir doch wenigstens in Bezug auf den Artikel 23 zu einer solchen Feier gar keinen Anlaß, denn die mace- donischen Reformen sind auf dem Papier stehen ge­blieben. auf dem sie vor 25 Jahren standen.

Wenn es nach dein Willen der Mächte, vor allein Österreich-Ungarns und Rußlands, geht, dann soll das Jubiläumsjahr dort nicht ganz sang- und klanglos ver­streichen^ Wie bekannt geworden ist, haben die beiden Mächte sich über ihre Haltung gegenüber der macedom- schen Frage geeinigt, aber es wäre sehr verfehlt, an diese mehr formelle, als materielle Einigung weitgehende Hoffnungen zu knüpfen. Die Meldung, daß die beider. Mächte sich über ein bestimmtes Resormprogramm für Macedonien, das der Pforte aufzuerlegen sei. geeinigt hätten, wird ausdrücklich dementiert, und damit wird die Tragweite der österreichisch-russischen Einigung erheblich reduziert.

Die ganze Aktion kommt also in der Hauptsache darauf hinaus, daß die Mächte an die Türkei die Forde­rung gerichtet haben, endlich mit den. ja lange fälligen Reformen in Macedonier: den Anfang zu machen, daß der Sultan sich bereit erklärt hat, diese Forderung zu erfüllen, und daß er endlich wirklich einen bescheidenen Anfang damit gemacht hat. Wir haben uns vorhirr ans ein Wort des Fürsten Bismarck berufen und möchten jetzt an einen zweiten Ausspruch des Altreichskanzlers er- innern, der wie folgt laritet: „Man hält in Europa den Sultan für krank, aber ich halte ihn für einen Diplo­maten. der den anderen am Goldenen Horn meist über ist." In der Tat. der Sultan ist ein Diplomat. Er hat diesmal die Reformen nicht nur versprochen, sondern einen bescheidenen Anfang damit gemacht, iveil die Mächte einen ernsten Willen dokumentierten; aber er wird mit seinen Reformen nicht weitergeherr, als der auf ihn aus- geübte Druck der Mächte geht. Und dabei wird eben herzlich wenig herauskonrmcn.

Wir wünschen in Bezug auf die Durchführung der von der Pforte angekündigten macedonischen Reformen das Beste, aber unsere Hoffnungen sind gering. So gering, daß man unseres Erachtens alle Ursache hat. der Zeit, wo die wärmende Sonunersonne auf den Bergen des Balkans die letzten Spuren des ungastlichen Winters der- tilgt und wo in Macedonier: alljährlich das große allge- meine Hälseabschneiden beginnt, auch diesmal mit ernster Sorge entgegenznsehen!

Deutscher Derchstag.

Berlin, 15. Januar.

Fortsetzung der Beratung der beiden Resolutionen Heyl zu Herrnsheim und Genossen, resp. Speck und Ge- nossen, betreffend Lösung aller Meistbegünstigungs-Ab-

„Er malt ein neues Bild. — die kleine Fanchon."

Das kam sehr kurz heraus.

„So so! Die also!" — Ritter spitzte die Lippen, als pfiffe er lautlos vor sich hin, und in der Unterhaltung entstand eine Pause, die nach seiner voraufgegangenen Gesprächigkeit förrnlich beklemmend wirkte.

Vor einer der Ladentüren, mitten auf dem Trottoir, saß ein Hund, stand bei ihrer Annäherung langsam aus und setzte sich faul drei Schritte weiter, ihnen abermals in den Weg, nur dasselbe Manöver gleich danach träge zum drittenmal zu wiederholen.

„Jesses! Wenn das Tier das so fortmacbt, wird es richtig noch vor uns im Quartier Latin ankommen!" be­merkte Ritten trocken.

Jenny brach irr unaufhaltsames Lachen aus. Für solche kleinen harmlosen Albernheiten war sie im höchsten Grade enrpfänglich, und die Heiterkeit, der sich beide jetzt Hingaben, verscheuchte in wohltätiger Weise 'den Bann des Schweigens, der sich lähmend auf sie zu legen ge­droht hatte.

Sie plauderten wieder munter fort. Jenny berichtete von den Ihrigen daheim, so nett und einfach, daß Ritter ein vollständiges Bild von der friedlichen Professorerr- häuslichkeit erhielt, der sie entstammte. Er glaubte förm­lich den gelehrten Vater vor sich zu sehen, mit der Brille aus der Stirn und den dünrren Haarsardellen über dem kahlen Schädel, die stattliche, prakttsche und hausbackene Mutter, die ein so reges Interesse an der kleinen Welt um sich her nahm und unbegrenzte Ehrfurcht vor ihres Mannes Fähigkeiten einpfmrd. Es wurde ihm ganz klar, wie dieses Mädchen sich so hatte errtwickeln können, zu dem Gemisch von ordentlicher Tüchtigkeit und wissen- schaftlichem Ehrgeiz.

Jenseits der B.üae blieb Jenny vor einem großen düsterer: Hause stehen und sagte herzlich: „Da sind wir! llnd nun danke rch Ihnen vielmals, Herr Ritter, nicht nur für Ihre Begleitung, sondern arrch für die ange­nehme Unterhaltung. Ich war gerade recht nieder- geschlagen, als ich Ihnen begegnete, bin aber jetzt wieder ganz vergnügt."

machungen mit anderen Ländern. — Abg. Bernstein iSoz.) erklärt sich namens seiner Fraktion auf das be­stimmteste gegen beide Resolutionen. Seine Freunde hätten das dringendste Interesse daran, daß Deutschland von den Auslandstaaten, bezrv. für seinen Absatz nach dem Auslande möglichst günstige Bedingungen erhalte. Redner wendet sich lebhaft gegen die beiden Resolutionen und bemerkt weiter: Grundsätzlich habe Deutschland von der Meistbegünstigung wenigstens den Vorteil, daß es von Amerika, von Argentinien nicht schlechter behandelt werde als andere Staaten. Im Interesse der deutschen Industrie, der deutschen Arbeiter wünsche er, daß die Regierung diese Frage nicht so leichtherzig behandle, wie dies gestern von dem Antragsteller geschehen sei. Durch die gestern hier laut gewordenen Drohungen würden sich die Amerikaner sicherlich nicht einschüchtern lassen. Diese wüßten zu genau, welche volkswirtschaftlichen Nachteile ein Zollkrieg für Deutschland selber haben würde. Seine, Redners, Partei lehne unbedingt diese Resolution ab. — Abg. Graf K a n i tz lkons.l bedauert, daß die Regierung den 81. Dezember habe vvrübergchcn lassen, ohne die be­stehenden Tarif-Verträge zu kündigen. Er bitte die Regierung, in ihrem eigenen Interesse die Kündigung nicht länger hinauszuschieben, denn das Vertrauen zur Regierung werde durch deren übergroße Rücksichtnahme auf die groß-industriellen Jndustrieen im Volke nicht ge­stärkt. Redner geht auf die Ausführungen des Vorred­ners näher ein, indem er dabei bemerkt, daß diese Aus­führungen Amerika nur ermutigen könnten, sich in einen Zollkrieg mit Deutschland einzulassen. Eine solche Rede könne den Übermut Amerikas nur noch steigern. Weiter­hin behandelt Graf Kanitz das Verhältnis Deutschlands zu den Vereinigten Staaten, die dortigen hohen Zölle arrf deutsche Industrie-Fabrikate, die chikanöse Form der Zoll­erhebung ec. Alle die vielen schweren Lasten, weiche Deutschland und seine Erwerbsstände zu tragen hätten, könne Deutschland nur tragen, iveirn es einen genügen­den Sckmtz erhalte gegen die ausländische Konkurrenz. Er bitte um Annahme der Resolution Heyl oder doch wenigstens der Resolution Speck. — Staatssekretär Posadowsky hält es ebenfalls für das Beste, einen den beiderseitigen Interessen entsprechenden Tarifvertrag mit Amerika abzuschließen. Was die Bemerkung an­lange, daß die deutsche Regierung das Abkommen mit den Bereinigten Staaten dem Reichstage nicht vorgelegt habe, ko erwidere er, daß früher bei der Reichsrcgiernng die Ansicht geherrscht habe, daß der Vertrag mit Amerika von 1828 beide Teile auf den Boden des Meistbegtinstigungs- rechts stelle. Als der Dingley-Tarif mit seinen starken Zollerhöhungen gekommen sei, habe die amerikanische Regierung die Auffassung vertreten, daß neue Kon­zessionen auch von den Meistbegünstigungs-Staaten erst durch Gegen-Konzessionen erworben werden müßten. Auf Grund dieser Auffassung habe die deutsche Regierung mit Amerika verhandelt. Deutschland habe Amerika seinen

„Dann wäre ja alles in Ordnung."

„Ja, und was ich noch sagen wollte. — letzthin nach Ihrer Ermahnung machte ich sofort Besuch bei einer Dame, an die ich empfohlen wurde. Es war sehr freund- sich von Ihnen, mich dararif hinznweisen."

„Das ist recht. Sic sind ein gutes Kind."

»Kind? Oho. ich bin zweinndzwanzig Jahre alt."

„Also, dann sind Sie eine gute alte Tarne, lind wenn Sie ganz arttg sein wollen, so benutzen Sie rrachher znrn Heimweg der: Omnibus."

Sie schüttelten sich lächelnd die Härrde und dann lief Jenny in den großen Tottveg. der zu den Hinterhäusern führte, wo die Kameradinnen wohnten. Wenn sie cs sich recht überlegte, hätte sie eine Plauderei mit diesen jetzt gar nicht nötig gehabt. Ihr war ganz leicht ums Herz geworden. Das. was Ritter erzählt hatte, beschäftigte ihre Gedanken. Wenn nur Engler einen kleinen Teil von dem Charakter des anderen gehabt hätte! Ihr kannte es auch nicht schaden, einiges vorr den, zu belrerzigen, lvas da zur Sprache gekommen war.

Nichtsdestoweniger klopfte sie bei Jnhi und Bilinska an und trat mit frohem Gesicht bei ihnen ein. als liege ein besonders guter Tag hinter ihr.

Neuntes Kapitel.

Tie Arbeit ging Engler in der Tat rasch von der Hand. Er verliebte sich förmlich darein, hatte eine künst- lerrsche Freude an diesem weichen. frühlingsjungenKörper der Ivarm unter der zartlila Schleiergewand,:ng hervor­leuchtete. Das mußte einmal ein Bild werden, das jeden entzücken loürde. Nebenher schien ihm die Technik, in der­er sich versuchte, die leichteste von der Welt.

Wie hätte es sich aber auch nicht gut arbeiten sollen wenn das kleirre Atelier so von Lacher: und Sä-erz erfüllt ,var. Obendrein traten die Geldsorgen für den Augen­blick zurück, denn einer seiner wohlhabenden Bekannten hatte ihm bereitwillig fünfhundert Franken auf drei Monate gelichern Er war so sicher, seinen „Frühling" zu verkaufen. daß er sich chrenwortlich verpssichtetc, die verhältnismäßig ja nicht große Summe am ersten Ok- tober bestimmt zurückzuzahlen.