Wiesbadener Tsgblatt.
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||t0» 23» SerlagS-Fernfprecher N». 2953.
iüoa’gen-flusgabe.
As dcilW GcmjsciisAflWese» 6er «kgmmrt.
Von Alfred Moeglich.
Seitdem zu der lebendigen Muskelkraft, die jahrtausendelang die Welt regiert hatte, Dampf und Elektrizität traten und das wirtschaftliche Leben der Kultur- nationen in ungeahnter Weise steigerten, sah sich der Kleinbetrieb in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe genötigt, neue Formen zu suchen, in denen es ihm möglich war, sich neben der gewaltigen und gewalttätigen kapitalistischen Produktionsweise zu behaupten. Der einzelne galt nichts, die Macht des Großkapitals und des von ihm geschaffenen Großbetriebs alles. Aber in geschlossener Vereinigung wurden die hilflosen Einzel-Personen zu einer Macht, die ein schweres und fühlbares Gewicht in die Wagschale der neuzeitlichen Volkswirtschaft warf. Diese Erkenntnis — in gewissem Sinne längst verwirklicht in der altgermanischen Stammes- und Kriegsgenossenschaft — brach sich zu neuem Leben zuerst in Großbritannien erfolgreich durch und schlug um die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinüber in die deutschen Gauen. Als damals der genossenschaftliche Gedanke die öffentliche Bühne betrat, glaubte er, zu einer außerordentlichen Mission berufen zu sein. Und einen großen Teil dieser Mission, nämlich wirtschaftende Menschen im Kampfe um die soziale Existenz zu stützen und zu fördern, hat er tatsächlich erfüllt. Es war ein Glück, daß die Bewegung von Männern getragen wurde, die sie von vornherein auf die Basis entschiedener Solidität stellten und sie dadurch vor den Schlägen bewahrten, welche in den Gründcrjahren dem bescheidenen Vermögen so vieler Kleinen unermeßlichen Schaden brachten.
Nur allmählich hat sich der Genossenschaftsgedanke durchgcrungen. Schritt für Schritt hat er von altgewohnter Gleichgültigkeit und Trägheit erkämpfen müssen. Aber die Not der Zeit war sein bester Bundesgenosse,' und heute kann man feststellen, daß die Genossenschaften zu einem Faktor geworden sind, der das ganze nationale Wirtschaftsleben tiefgehend beeinflußt. Der Zusammenschluß der Einheit zur Vielheit; die Verkörperung der Einzel-Persönlichkeit durch die Gesamt-Persönlichkeit hat etwas Erhebendes und Sieghaftes an sich. Er weckt das Selbstgefühl, stärkt die Tatkraft, reguliert den Fleiß, mahnt zur Ordnung, erzieht zur Umsicht und gibt so der Arbeit des Individuums doppelten Wert: ökono-
misch und ethisch.
Bisher war eine zuverlässige Übersicht des Erreichten nicht möglich. Als rein private Institution großge- wachfen, fehlte dem Ganzen der Zwang, ohne welchen
Donnerstag, den 15. Januar.
eine planmäßige sichere Zählung undenkbar ist. Erst der jüngsten Zeit war es Vorbehalten, ein umfassendes Bild des gegenwärtigen Standes zu geben. Wenn auch infolge des Beiseitestehens von Bayern, Württemberg und Hessen eine lückenhafte Genossenschafts-Statistik noch nicht errungen ist, wurde doch das übrige Deutschland ziffernmäßig erfaßt. Die enormen Zahlen, die sich hier Herausstellen, genügen, um die Bedeutung der Genossenschaft für das nationale Produktions- und Erwerbsleben zu verstehen.
Am Ende des Jahres 1900 waren in dem gekennzeichneten Genossenschaftsgebiete 2,07 Millionen Genossen in 12 836 Genossenschaften vereinigt. Entsprechend der fundamentalen Bedeutung, die das Kapital für die moderne Wirtschaftsweise hat, kennzeichnen sich 60 pCt., nämlich 7778 Genossenschaften mit 1,15 Millionen Mitgliedern als Kreditgenossenschaften. Der Produktion bienten 2122 Verbände, der Verbilligung des Haus- haltungsbcdarfs 1118 Konsumvereine, dem gemeinschaftlichen Bezug von Rohstoffen 770, Wohnungs- und Bauzwecken 358, der gemeinschaftlichen Maschinenbenutzung re. 807 Werkgcnossenschaften. Außerdem kommen in Betracht 183 Magazingenossenschaften, 18 Waren-Einkaufsvereine und 185 Genossenschaften mit sonstigen Zwecken. Auffallend und in gewisser Beziehung überraschend ist die Tatsache, daß der Wert der genossenschaftlichen Vereinigung, besonders in landwirtschaftlichen Kreisen, außerordentlich geschätzt ist. Von den 770 Rohstoff-Genossenschaften haben 697 landwirtschaftlichen Charakter; von den 307 Werkgenossenschasten 246, von den 183 Maga- zin-Genosienschastcn 109, von den 2122 Produktivgenossenschaften 2004.
Am meisten hat der Genossenschaftsgedanke Mittelund Westdeutschland befruchtet. Die hochstehende westdeutsche Kultur, gepaart mit einer alteingesessenen Wohlhabenheit, war zunächst dazu berufen, die wirtschaftlichen Fragen der Zeit in praktischem Sinne zu lösen. Hessen- Nassau, Baden, Braunschweig, Weimar und das Königreich Sachsen zeigen die höchsten, Ost- und Wcstpreutzen, Brandenburg und Pommern die niedrigsten Ziffern der sogenannten genossenschaftlichen Dichtigkeit. Wie gewaltig wird erst die Kraft genossenschaftlicher Vereinigung in Wirksamkeit treten, wenn alle jene von ihr umfaßt werden, die ihrer bedürfen. Beurteilt nach den letzten vier Jahren wird es in Kürze dahin kommen. Noch am 30. Juni 1898 entfielen in Preußen auf 100 000 der Civil- bevölkerung 3583 Genossenschaftler; am 31. Dezember 1900 waren es bereits 4220, in den wenigen Jahren ein Mehr von 20 pCt. Wo der Boden noch nicht ganz reif ist und der Entschluß noch schwankt, wird das harte, segensreiche Muß bald sein Machtwort gesprochen haben. Genossenschaftlich schwach organisierte Gebiete sind nicht im stände, auf die Dauer im Konkurrenzkämpfe zu bestehen.
Redaktions-Fernsprecher N». 52. 1903.
Zwei Momente treten fördernd hinzu: erstens die un- gemeine Sympathie, die dem genossenschaftlichen Gedanken selbst von der organisierten Arbeiterschaft entgegengebrachi wird, und zweitens die neuere Sozialgesetzgebung, die auf dem Zwangswege weite Bevölkerungsgruppen in Be- rufsgcnossenschaften mit spezifisch socialen Zwecken geschaffen hat. Das Übrige wird durch die Macht des Großkapitals und des Trustwesens besorgt werden. Landwirtschaft, Kleingewerbe und Handwerk werden sich durch den Zusammenschluß eine Kraft aus eigener Machtvoll, kommenheit verleihen, daß sie auf jedes Almosen von außerhalb verzichten können. Dann ist das Ziel einsichtiger Nationalökonomen erreicht, nach welchem unsere Wirtschaftsgestaltung so verändert werden soll, daß der „privilegierte Müßiggang" nicht mehr einen so bedeutenden Teil des nationalen Gütervorrates verschluckt, sondern der schaffenden Arbeit der Lohn wird, der ihr gebührt. Bisher haben zu viel Tagediebe mit den Händen in den Hosentaschen an sich genommen, was von Rechts wegen dem Fleißigen gehören sollte.
Deutsches Deich.
* Über die Regelung der Leichenschau in Preußen ist nach der „Voss. Ztg." von den Ministern der Medizinal- angelegenheiten und des Innern ein E r l a ß an dis Regierungspräsidenten gerichtet worden, welcher auf die früherer! Berichte der Regierungspräsidenten Bezug nimmt, wonach die Leichenschau, wo sie nach Lage der örtlichen Verhältnisse durchführbar erscheint, im Wege der Polizeiverordnung in einer nicht unbeträchtlichen Anzahl von größeren und mittleren Städten und in einigen Landkreisen eingeführt ist. „In der überwiegen- den Mehrzahl der ländlichen Kreise haben jedoch noch der Auffassung der Berichterstatter der Einführung der. Leichenschau gewichtige Bedenken entgegengestanden. In einer Reihe von Kreisen wurde die Bedürfnisfrage der- neint, in anderen das Bedürfnis zwar anerkannt, jedoch entweder die Gewinnung eines geeigneten Leichenschauerpersonals als unmöglich oder die Schwierigkeit einer angemessenen Lösung der Kostenfrage als zur Zeit un- überwindlich bezeichnet. Bezüglich des Personals neigt sich die überwiegende Mehrzahl der Berichterstatter der Ansicht zu, daß die von uns hervorgehobenen Zwecke der Leichenschau nur unter der Voraussetzung erreichbar wären, daß die Schau grundsätzlich durch Ärzte statt- fände, da nur sie im stände seien, zuverlässige Ermittelungen über die Todesursachen anzustellen und nament- lich das Vorhandensein einer übertragbaren Krankheit festzustellen. Die Zahl der Ärzte aber sei trotz des an tnanchen Orten bestehenden Überflusses an Ärzten in
Feuilleton.
Sabel und Slbel.
In Gegen wart des Kaisers und der Kaiserin, eines zahlreichen Gefolges, des Reichskanzlers, der Gräfin Bülow, der Minister Studt und Rheinbaben und einer zahlreichen, teils vornehmen, teile gelehrten Versammlung, wie sie zur deutschen Orientgesellschaft gehört, hielt am 9. ds. im Saale der Sing' akademie Professor Friedrich Delitzsch einen Vortrag, der eine Fortsetzung seines vor etwa Jahresfrist gehaltenen Vortrages „Babel und Bibel" war und der ebenso uno wahrscheinlich noch niehr als jener Kritik und Wider- ipruch aus den Kweisen strenggläubiger Theologen er- fahren wird. Gestützt auf die neuesten babylonischen Ausgrabungen, die er durch Lichtbilder veranschaulichte, erbrachte der Vortragende weitere Beweise dafür, daß das hebräische Altertum des alten, aber auch des neuen Testaments vielfach abhängt von der babylonisch- a s s y r i s ch e ii Welt. Er führte u. A., nach einen. Bericht der „Vossischen Zeitmig", aus:
Es gibt keine größere Verirrung des menschlichen Geistes als der Glaube, die Bibel sei eine persönliche Offenbarung Gottes. Der Inhalt der Bibel selbst widerspricht vielfach dieser Anschauung. Das Buch Hiob enthält Stellen, die an Blaspheinie grenzen. Das hohe Lied enthält weltliche Lieder voller Lust, umsonst bemühen sich in Einseitigkeiten befangene Ausleger, durch künstliche Konstruksionen solchen Stellen einen Sinn unterzulegen, der dem Inhalt fremd ist, nur um sie in ihre Anschauungen von dem göttlichen Ursprung einzuzwängen. Die wissenschaftliche Djeologie hat auch längst erkannt und entdeckt, daß die Bibel durch fortdauerndes Umarbeiten und Ineinander- -arbeiten von ganz verschiedenen literarischen Bestandteilen zu dem Canon geworden ist, das uns vorliegt. Das Bemühen, die Bestandteile aus dem Ganzen auszulegcn, ist nicht ohne Erfolg gewesen. Aber Hand aufs Herz: Außer der Gottesoffenbarung, die jeder Mensch in sich trägt, brauchen wir keine. Me ist es im Lichte der wissenschaftlichen Forschung um die 10 Gebote bestellt?
Es ist leicht zu zeigen, wie engere Interessen der einzelnen Glaubensgemeinschaften Änderungen nicht nur in der Anordnung, sondern auch im Texte vorgenommen haben, und zwar Änderungen ganz wesentlicher Art, und doch sollen die zehn Gebots die eigenfte Offenbarung Gottes an Moses sein! Aber selbst Moses ging nach der biblischen Überlieferung mit den Tafeln nicht so um, wie er es hätte tun müssen, wären sie ihm die höchste Offenbarung Gottes gewesen. Wie könnte er an einer göttlichen Darbietung willkürlich ändern? Was wir als die erste Pflicht eines jeden erachten, der es mit einem Testament zu tun hat, nämlich, daß er es rein und unverfälscht überliefert, das soll Moses an einer von Got> herrührenden, den Inhalt aller Gesetze und Moral ent- haltenden göttlichen Darbietung außer acht gelassen haben! Aber wir wissen von Dillmann, daß es mehr als einen Text der 10 Gebote gibt, und zwar Texte, di-' zeitlich weit auseinander liegen. In Wirklichkeit steht es um die zehn Gebote so: Von alters her waren Bräuche und Gesetze ausgebildet, es gab Normen für das Handelt in Haus und Gemeinschaft, den Mitmenschen und der Gottheit gegenüber. Alle diese Normen wurden zu sammengelegt und Moses zugeschrieben, sodaß er in dm Überlieferung als der geissige Urheber von alledem er scheint, was in den mosaischen Gesetzen enthalten ist Nun wissen wir aber, daß in Babylon langevorder mosaischen Zeit ein wohlgeordnete, Rechts st aatbestandmitGesetzenindenen sichalledieBestimmungen finden, welch. Moses a u f st e l I t. Obenan steht darin der Schutz der Waisen und Witwen und der Schwachen. Wer abei it^ aller Welt möchte meinen, daß die Gesetze von Babel göttlichen Ursprungs seien! So gut wie nun sie menschlichen Ursprungs sind, sind es auch die mosaischen. Es wird Sache künftiger Forschungen sein, zu ermitteln was an dem Mosaischen spezifisch israelitisch, was all- cgemein semitisch und babylonischen Ursprungs ist. Viele Übereinstimmungen fallen ins Auge, wie der Rechtssatz „Aug' um Auge," der Sabbat- und vor allem der Jahve- Gedanke. Daß der Jahve-Gedanke babylonischen Ursprungs ist, dieser sein letztes Jahr getaner Ausspruch habe wie ein Dcnnerschlag gewirkt. Trotz all der Erregung, womit der Satz bekämpft wurde, er bleibt doch
bestehen, denn er ist die Frucht wissenschaftlicher. Erkenntnis. Die Widersacher haben sich dagegen gewehrt, daß die babylonische Kultur mit der biblischen in eine Reihe gestellt worden ist, und werden nicht müde, auf die Scheußlichkeiten hinzuweisen, die sich in der Überlieferung von Babel finden sollten. Dabei haben sie viel Willkürliches und Unwahres behauptet, sie haben den Babyloniern Dinge nachgesagt, von denen sich in allen Dokumenten keine Spur findet. Nur eines von vielen: man vergleiche die Verehrung, die in Babel die Frau hatte, mit der Stellung, der Knechtschaft, welche der Frau in der Bibel zugcwiesen ist. Nirgends findet sich dort ein Frauennamen, aus dem hervörgmg^ daß das Mädchen als Geschenk Gottes angesehen wurde. Als Eroberer haben sich die Juden auch nicht gerade milde erwiesen und von der Bilderverehrung konnten sie nicht loskommen. Die babylonische Überlieferung soll unsittliche Dinge enthalten. Man vergesse aber nicht, daß oft genug gefordert worden ist, daß man Bibelausgaben für den Schulgebrauch herstellt. Was es mit der Un- sittlichkeit der Babylonier auf sich hat, das lehrt u. a., daß man bisher bei den Ausgrabungen noch keine obscöne Frauenfigur gefunden hat. Beeinflußt von der Home- fischen Kultur ist in Babel sogar ein feiner Frauenkult r.eimisch.
Wenn auch dem alten Testament der Charakter einer Offenbarung genommen wird, seine Bedeutung behauptet es doch als Zeugnis eines großen religionsgeschichtlichen Prozesses. Die viele Schönhfit in ihm wird in uns immer ein Echo finden, aber wir dürfen an dem Veralteten nicht festhalten. Alles Irdische ist wandelbar. Dre Reformation hat vieles Alte überwunden. Aber sie ist nur eine Etappe der Entwicklung. Die freie Forschung in der Wissenschaft dfingt unaufhaltsam vorwärts. Ihre Pfleger sind die Vorkämpfer des großen Wortes von der Notwendigkeit der Weiterbildung der Religion!
Mit dieser Ansvielung auf das bekannte Wort des Kaisers von der Notwendigkeit der Fortbildung der Religion schloß der Vortrag. Professor Delitzsch wurde dann in die kaiserliche Loge gerufen. Der Kaiser unterhielt sich mit ihm wie mit dem Reichskanzler und dem Prinzen Heinrich Carolaih.
