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Wiesbadener TsMatt.

Sl. Jahrgang.

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Uv. 24. BerlagS-Fernsprrcher N-. 2953. DoNNersIllg, de« 15. IaNNak. Redaktions-Fernsprecher N». 52. 1903.

Abend>Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin. 14. Januar.

Am Bundesratstische Staatssekretär Graf Posa- dowsky. Das Haus ist ganz schwach besetzt. Tagesord­nung: Beratung der zweiten Resolution zum Zolltarif. Diese zweite Resolution der Kommission ersucht die ver­bündeten Regierungen mit Rücksicht auf die Erklärungen ihrer Vertreter in Bezug auf die Zollsätze der Tarif­nummer: Erdöle :c. keinerlei vertragsmühigen Verbind­lichkeiten anderen Staaten gegenüber eingehen zu wollen, mit möglichster Beschleunigung zu erwägen, ob nicht durch differentielle Zolltarifierung von raffiniertem und rohem Petroleum die Schaffung einer inländischen Raffinerie- Industrie möglich und wirtschaftlich geboten sei. — Der Berichterstatter Müller- Sagan (freis. Volksp.) ver­zichtet auf das Wort. — Wg. Wurm (Soz.) findet dies sehr merkwürdig. Was die Resolution anlange, so handle cs sich bei derselben um einen Raubzug der Agrarier aus die Taschen der Armen. Die bankerotte Spiritus-In­dustrie solle künstlich gehoben werden durch Verteuerung des Petroleums, indem dadurch der Brenn-Spiritus kon­kurrenzfähiger gemacht werden solle. Diesem famosen Betrieb werde ein nationales Mäntelchen umgehängt, indem man Amerika und Rockefellcr an die Wand male. Redner plädiert schließlich noch für Förderung des Ver­brauchs von Wassergas zu Leuchtzwecken und verlangt Er­mäßigung des Zolles auf Mineralöle. — Abg. H cy l zu Herrnsheim (nat.-lib.) widerspricht dem Vorredner, daß es sich hier um eine agrarische Maßnahme handelt. Im Gegenteil, im Interesse der deutschen Konsumenten solle das unerträgliche Monopol Rockcfellers durch diese Resolution gebrochen werden. Irgend welche Hinter­gedanken hätten die Agrarier dabei nicht. — Unterstaats­sekretär v. Fischer erhebt gegen die Resolution ernste Bedenken. — Abg. Frese (Preis. Wer.) betrachtet diese ganze Frage vom Standpunkte der Wohlfahrt des Kon­sumenten, und da sei er der Ansicht, daß die Durch­führung der Resolution die Konsumenten schädigen würde, und daß es sich in der Tat hierbei um eine Aktion handle, die mit einem nationalen Mäntelchen auffrisiert werden soll. Alles Ol, das sich in Amerika befindet, stehe schon jetzt unter der Kontrolle der Standard Oil-Com- pany und in Bremen bestehe schon jetzt eine Raffinerie, die von der Standard-Company kontrolliert werde. In seinen weiteren Ausführungen weist Redner noch hin auf das schon vom Unterstaatssekrctär v. Fischer betonte Moment des zu gewärtigenöen Ausfalles an Reichsein- nahmen. — Abg. Paasch e (nat.-lib.) tritt lebhaft für die Resolution ein und bittet um Annahme derselben. —

Abg. G o t h e i n (freis. Ber.) wendet sich lebhaft gegen dieselbe. Der Gedanke, in Deutschland die Petroleum- Raffinerie einzubürgern, müsse vor allem daran scheitern, daß man in Deutschland für die Raffinerie-Rückstände nicht genügend oder doch nicht genügend preiswürdige Verwendung und Verwertung habe. Denn das Masut komme wegen des auf dem Roh-Petroleum liegenden Zolles, der doch auch nach dem Gewichts-Verhältnis für das im Roh-Petroleum enthaltene Masut mit zu ent­richten sei, in Deutschland zu teuer zu stehen. Auch er rönne sich dem Eindruck nicht verschließen, daß hinter der Resolution die Interessen der Spiritusbrenner lauerten. — Die Abgg. Graf K a n i tz, Go t h e i n und P a a s ch e beteiligen sich noch an der Debatte, worauf in nament­licher Abstimmung mit 152 gegen 70 Stimmen die Reso­lution zur Annahme gelangt. — Zur Beratung stehen so­dann die beiden auf das Meistbegünstigungs-Verhältnis bezüglichen Resolutionen. Die eine von dem Abg. v. Heyl, Graf Kanitz und v. Kardorff beantragte will das Meist­begünstigungsrecht gegenüber allen denjenigen Ländern gelöst wissen, welche den deutschen Waren nicht volle Reciprocität in Bezug auf Zollgesetzgebung oder zollamt­liche Behandlung gewähren. Tie zweite Resolution Speck und Genossen verlangt Lösung des Meistbegünsti­gungs-Verhältnisses gegenüber den Ländern, bei denen die Erfahrung gezeigt hat, daß ein solches Verhältnis den deutschen Interessen nachteilig sei. — Abg. Heyl von Herrnsheim (nat.-lib.) befürwortet die erste Reso­lution. Er und einige seiner Freunde würden keinem Handelsvertrag zustimmen, der es irgend einem Staate ermöglicht, Deutschland auf Grund einer Meistbegünsti­gung mit Getreide zu überschwemmen. — Abg. Speck (Centr.) empfiehlt die zweite Resolution. — Staats­sekretär Graf Posadowsky erklärt, für die verbünde­ten Regierungen sei es jetzt der ungünstigste Augenblick, sich über ihr Verhalten zu äußern. Was hier gesprochen werde, werde auch außerhalb des Hauses gehört. Ein grundsätzlicher Verzicht auf jedes Meistbegünstigungs- Verhältnis würde Deutschland Schranken auferlegen, die mit seinem Weltverkehr nicht in Einklang stehen würden. Uber die Resolutionen könne er sich nicht auslassen, weil er keinen allgemeinen Grundsatz aufstellen könne, wie künftig verfahren werden soll. Es sollten aber in Zu­kunft die Staaten individueller behandelt werden als bis­her. (Beifall.) — Morgen 1 Uhr: Fortsetzung. — Schluß nach 6 Uhr.

Berlin, 14. Januar. Der Abgeordnete R ö ficke - Dessau hat mit Unterstützung der beiden freisinnigen Fraktionen, sowie der süddeutschen Bolkspartei folgende Interpellation im Reichstage cingebracht: Welche Maß­nahmen gedenkt der Herr Reichskanzler zu treffen, um festzustellen, was unter dem im § 1 des Zolltarifgesetzes vom 25. Dezember 1902 enthaltenen Begriff „M a l z - g e r st e" zu verstehen ist.

Preußischer Kandtag.

Abgeordnetenhaus.

Berlin, 14. Januar.

Das Abgeordnetenhaus wählte in seiner heutigen zweiten Sitzung das bisherige Präsidium: v. Kröchcr als Präsident, v. Heeremann und Krause als Vizepräsi­denten und auch die bisherigen Schriftführer wieder. Alsdann nahm das Wort Finanzminister v. Rhein­baben zur Einbringung des Etats, indem ei' zunächst einen Blick auf die Ergebnisse des Jahres 1901 warf. Ter Fehlbetrag von 37(1- Millionen Mark sei hauptsäch­lich auf den Rückgang in der Eisenbahnverwaltung zu­rückzuführen. Diese ungünstigen Verhältnisse, die schon 1901 sich bemerkbar machten, wirkten auch im folgende» Jahre nach. 1902 betrug die Mindereinnahme 43 Vz Mil­lionen Mark weniger, als veranlagt war. Auch für das laufende Etatsjahr wird der Minderbetrag hinter der Schätzung Zurückbleiben. Hierauf erörterte der Minister die Einnahmen aus den direkten Steuern und die preutzischerseits zu leistenden Matrikularbeiträge, welche die Überweisungen sehr erheblich übersteigen. Trotz der ungünstigen Budgetverhältnisse ist kein Anlaß vor­handen, trübe in die finanzielle Zukunft Preußens zu blicken. Eine gewisse Besserung macht sich allerdings schon jetzt bemerkbar. Ter Minister streift die Lage der Landwirtschaft und das Abströmen der ländlichen Ar­beitskräfte. Charakteristisch für die industrielle Lage sei die Abnahme der Kaufkraft des inneren Marktes und infolgedessen die steigende Abhängigkeit der heimischen Industrie von dem auswärtigen Markte. Der heimischen Eisenindustrie ist in dem gestiegenen Bedarf an Eisen­schienen Nordamerikas eine ergiebige Abnahmegelegen­heit geschaffen. Allein gerade diese amerikanische Kund­schaft bildet den dunkeln Punkt der deutschen Industrie, deren Lage prekär bleibt, so lange die Kaufkraft des inneren Marktes geschwächt ist, und dies wird sich nur dann ändern, sobald erst die Landwirtschaft wieder ge­sundet ist. Dies sei und bleibe die Hauptsache. Im weiteren Verlaufe seiner Ecätsrede kam der Minister dann auf die Ergebnisse der Eisenbahnverwaltung, aus die Schuldentilgung in Höhe von 300 Millionen Marr seit 1896 und auf die früheren Überschüsse der Eisenbahn­verwaltung zu sprechen. Er gedachte der weisen Finanz- vcrwaltung unter dem verstorbenen Minister Miguel und ging sodann auf das gegenwärtige Extraordinarium über, das das vorjährige um 11 Millionen übersteigt. Der Minister hielt an dem Satze fest, daß Preußens Finanzen im ganzen und großen nnerschüttert seien. Hierauf wandte sich der Minister einer Betrachtung über die preußische Domänenpolitik zu, die vornehmlich aus eine Stärkung des Domänenbesitzes im Osten hinaus­laufe. Ferner erwähnt Herr v. Rheinbabcn der Aus­gaben zur Förderung der Fürsorge für die Arbeiter in Staatsbetrieben. Der Etatseinteilung folgend, erörterte nunmehr der Finanzminister die Ergebnisse der Staats­

Me Eidechse.

Roman von A. v. Klinckomström.

(20. Fortsetzung.)

Jenny malte mechanisch mit den Fingern Figuren auf die nassen Scheiben und sah dem Wagen ganz geistes­abwesend so eindringlich nach, als nähme sie an ihm das tiefste Interesse. Drüben, in schräger Richtung, auf dem Boulevard Rochechouart wurde eine Lampe mit rotem Schirm im ersten Stock der großen Mietkaserne ange- zündet, dann weiter oben in der Mansardenwohnung eine zweite ohne bunten Schirm. Diese beiden Hellen Fenster sahen freundlich in die graue, gaslichtdurchflackerte Straße hinaus und erweckten den Eindruck von trau­lichem Behagen.

Me einsame Beobachterin in ihrem nun völlig dunklen Zimmer sann darüber nach, ob die Menschen, die dort wohnten ,wohl auch etwas mit innerem Unfrieden und Kümmernissei: zu schaffen hatten oder sich jetzt ganz sorglos und traulich in wohliger Übereinstimmung um den Familientisch versammelten. Es war doch merk­würdig, wie gleichgültig in solch einer großen Stadt die Leute aneinander vorübergingen. Nienrand wußte von deni andern, und wenn man sich noch ch nahe wohnte und immer Gelegenheit hatte, die täglichen Daseins­äußerungen und Gewohnheiten zu bemerken. Daheim kannte man doch jeden, der auf eine Viertelstunde im Umkreise hauste, wenn auch nicht persönlich, so doch von Ansehen, wußte, wer er sei, wie seine Verhältnisse be­schaffen waren, und nahm Anteil an dem, was bei ihm gelegentlich vorging.

Zum erstenmal empfand sie starkes Heinüveh, kam sich entsetzlich vereinsamt und verloren vor. Weni: nur jemand dagewesen wäre, der ihr ein gutes Wort gesagt oder sie rechtschaffen ansgezankt hätte! Warum verlebte sie den Abend eigentlich nicht mit Engler? Heute hätte sie ja noch Heit gehabt und obendrein in ihrer zer- knirrschten Stimmung rechtes Verlangen, sich sanft und liebevoll zu eilveisen. Es war ihr wahrhaftig am Mittag gar nicht eingefallen, sollte das auch ein

Symptom sein, daß sie dem Zusammentreffen mit ihm nicht^mehr mit der richtigen Sehnsucht entgegensah?

Sie fing an, sich vor sich selbst zu fürchten, mochte nicht länger im Dunklen allein bleiben. Dem wäre nun wohl abzuhelfen gewesen, wenn sie die Lampe angezündel hätte, aber ihr junger, gesunder Körper, der tagsüber zum Stillsiben verurteilt worden war, verlangte nach Bewegung und frischer Luft. Schnell zog sie den Regen- mantä an und lief hinaus, um Juhl und Bilinska auf­zusuchen. Tie beiden Kameradinnen saßen jetzt wohl beim gemeinschaftlichen Abendessen, das Juhl stets auf dem Petroleumkocher bereitete, und sie konnte in unbefangenem Geplauder mit ihnen das seelische Gleichgewicht wieder­finden.

Das feine, kühle Geriesel schlug ihr ins Gesicht und tat ihr wohl. Jetzt noch einen ordenllichen Dauerlauf! Ter Arbeitsehrgeiz durfte auch nicht übertrieben werden. Von dem langen Sitzen und Büffeln kamen alle die dummen Gedanken. Sie raffte das Kleid auf, bog flink um die Ecke und prallte in der Rue Truda'.ne mit Martin Ritter zusammen, der, in den Wettermantel gewickelt, mit aufgeklapptem Kragen, ebenso eilig der Place d'Anvers zustrebte.

Er erkannte sie, blieb stehen . und entschuldigte sich lachend.

„Ich hoffe,_ Sie haben sich nicht weh getan. Es ist keine Kleinigkeit, an eine so gewichtige Person zu stoßen."

Sie lachte gleichfalls. Ter freundliche Ton seiner Stimme hatte so etwas Beruhigendes.

„Wo gehen Sie denii hin?"

„In die Stadt hinunter zu meinen Freundinnen."

„Allein? So spät?"

„Ich hatte früher keine Zeit und bin nicht in der Lage, mir eine Anstandsdame zu halten."

„Und ohne Regenschirm dazu! Sie wollen wohl der Wäscherin die Mühe an Ihren Kleider sparen?"

„Ach, das bißchen Nässe macht nichts. Sie sind ja auch ohne Schirm."

„Darf ich mit Ihnen gehen? Es schemt mir nicht sehr rötlich, daß eine junge Dame bei dieser Finsternis

ohne Begleitung durch die nicht gerade berühmt sicheren Gassen des Montmartre läuft."

„Das kann ich eigentlich gar nicht annebmen, da Sie die entgegengesetzte Richtung einschlagei: wollten. Ich bin es so gewohnt, mich allein zu beschützen."

„Ja so! Ich vergaß, daß ich es mit einer Frauen­rechtlerin zu tun habe, die für sich auch das Privilegium beansprucht, abends aus der Straße angesprochen zu werden."

Sein gutmütiger Spott erheiterte sie. ohne zu ver­letzen. Er ging inzwischen neben ihr her die Rue Radier hinab und fuhr fort: „Ein bißchen Bewegung wird meiner Korpulenz gut tun. Ich habe einen mühevollen Tag hinter mir. ^ Diese alten Meister, die ich kopieren mutz, haben es in sich. Das sieht alles so einfach aus. und wenn man sich ganz hineinversenkt, um den Geist, der drin liegt, zu erfassen, erhebt es sich wie ein steiler Berg vor einem, zu dessen Höhe man sich schwer emporarbeiten muß. Aber das tut nichts. Ich bin froh, so viel dabei zu lernen, und verdiene auch ordentlich."

„Zurücklegen kann man hier ja doch nichts. Das Pariser Leben ist zu teuer."

„Na, na, ist nicht (o schlimm! Das kann man sich ganz nach Belieben einrichten. Man muß nur wollen können, die Ohnn steif halten, und nicht da und dort sein Geld unnütz verplempern. Es kommt vor allem darauf an, einen Punkt fest im Auge zu behalten. Das tun Sie doch wohl auch."

„Ich? — Ach!"

„Sie wollen sich doch verheiraten, nicht wahr? Denken Sie also mal bei jedem Franken, den Sie unnütz ausgcben wollen „Halt, den kann ich besser für meine Aussteuer brauchen!" und dann stecken Sie ihn wieder ein mit dem Bewußtsein, Ihrem Ziel um bare 80 Pfennig näher gerückt zu sein. Das hilft, sage icy Ihnen. Ich mache es immer so."

„Sind Sie denn auch verlobt?"

„Nicht im entferntesten. Aber ich gedenke doch nicht, mein Leben als alter Junggeselle zu beschließe. Wenn ich einmal ein Mädel finde, das mir zusagt und mich lieb hat, wird geheiratet, und ich krieche dann in Deutschland