Beilage nun Wieshaüener Tagßlatt.
Ao. 21. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch» den 14. Januar.
61. Jahrgang. 1903.
K**** ***-±±*-*±***±*»***±tt*±±*.a*.*.***** x.
Ä .. Da» ist die schönste, leichteste Iiud sicherste Erziehung. ^ «t die dem sich öffnenden und faltenden Beritäiidnik und T
FaffungSvermögcn de« Kinde» von Eltern und LauSaeuosscn T L unvermerkt und ungcsucht dargeboten wird.
^ Jakob Grimm.
V?jWW***** * *9**W*WT*W**W*****9¥*T99??V
(2B. Fortsetzung.)
Ich.
Roman von Jda Boy-Ed.
Ein Schrei wilder Angst kam von ihren Lippen. Olga fuhr auf.
„Was ist's?" rief sie besorgt.
* n ^ rer nochdürftigen Kleidung, beide Hände gegen die Brust gelegt und starrte wie eme Verrückte zum Licht einpor.
„Nichts, nichts!" stammelte Agnes und dachte: &?} eir }’^chdtet nicht, es hat nichts zu sagen; es ist Thorh.ert, mich zu fürchten, die Dosis war so klein." Sie
tln m £- ch^stt und sagte mit klappernden Zähnm: „Wir wollen schlafen."
Sie schloß die Augen und lag einige Minuten still, ^hr war ganz wobl: gewiß, es war nichts. Eine Art Lraumzustand umfing sie; ihr kam es vor, als habe sie ® ett verlassen gehabt, gar nicht jenes Fläschchen ausgetrunken. Dann hätte ja in jener Schreckenssekunde sich ihr Leib wie von Flammen verzehrt zu Boden Werfer, müssen. Und es war nichts ge- schehen. *
Nein, nicht sterben! DaS war ein tolles Spiel ihrer Gedanken gewesen, die sie verführt hatten, an den Tod
- Q r , et r e . n ^loser zu denken. Sterben muß gräßlich, gräßlich sein. Olga hatte recht: Tausenden war schon begegnet, was ihnen bevorstand, und sie waren nachher wieder reich geworden. Sie wollte Gustav bitten, fort- zugehen von Berlin und in Paris oder Wien eine Stellung zu suchen. An fremdem Ort konnten sie unbe- merkt bescheiden leben und dann nach einigen Jahren hier rat alten Glanz auftreten. Gewiß, so ließ es sich am ehesten tragen. Nein, nicht sterben! Gott sei Dank, die Mischung Atropin war zu unbedeutend gewesen; Agnes fühlte sich ganz wohl, nur nach all den maßlosen Erregungen hatte sie eine furchtbare Trockenheit im Hals und rasenden Durst.
Sie trank alles Wasser aus, was sich vor ihrem Bett Karaffe befand. Ah — das that wohl. Agnes verschränkte die Arme unter dem Kopf und dachte, daß sie es durchsetzeil müsse, morgen schon von hier zu reisen, damit sie Allem entgehe. Gustav, Olga und der Junge tonnten ihr dann Nachkommen, wenn der ganze Koifturs mit allem Drum und Dran zu Ende war. — Seltsam fcte vpkniiende Trockenheit im Halse war schon wieder da
„Olga!'
«Fa!" fuhr diese schlaftrunken auf.
„Gteb mir, bitte, Wasser!"
„Die Karaffe ist voll."
„Nein, das habe ich schon ausgetrunken."
... Olga stund auf ging an Gustavs Waschtisch, wo sich über dem Waschbecken ein Wasserkran befand und füllte die Karaffe wieder. Darauf goß sie Agnes ein Glas voll, was diese gierig ergriff und austrank — austrinken wollte, denn schon beim ersten Schluck machte sie eine mühsame Kopfbewegung vorwärts und sagte mit heiserer Summe:
„Ich kann nicht schlucken, es thut so weh "
Und plötzlich warf sie das Glas fort und that einen gellenden Schrei.
„Doch — doch!" rief sie und wälzte sich in ihrem Bett.
Olga, zu Tod erschrocken, glaubte nicht anders, als daß Agnes, den Verstand verloren habe. Es rieselte ihr kalt den Rücken hinunter.
„Sei ruhig, liebe Agnes. Komm, ich will Helles Licht machen."
Olga zündete mit bebenden Fingern eine Lampe an, die auf Agnes' Toilettentisch stand und durch ihr Spiegelbild doppelte Leuchttrast besaß. Dann trat sie nahe an das Bett und fragte:
„Was ist Dir Liebe?"
Und dawi fuhr sie zurück. Agnes' seines, bleiches Gesichtchen glühte jetzt in Scharlachröthe, und Agnes' ganzes Auge schien nur noch Pupille — es strahlte in tiefem Nachtschwarz.
„Das Gift, das Gift!" stöhnte Agnes.
„Was für Gift?"
„Ich —Atropin! Rette mich!"
Olga stürzte zur Thür.
„Gustav — Albert!" gellte es durch das stille Haus.
„Ich verdurste, gieb mir Wasser!" jammerte Agnes.
Olga kniete schon neben ihrem Lager.
„Komm, trinke und sei ruhig, Dir wird geholfen werden!"
„Mein Kopf!" schrie Agnes auf, „o, die Schmerzen!" Und sie riß sich den Verband von der Stirnwunde.
Beide Männer kamen zugleich hereingestürzt, der bange Ton hatte das ganze Haus geweckt; man hörte Thüren schlagen und Tritte auf den Korridoren.
„Agnes!" rief Gustav schreckensbang.
„Ich sterbe!" stöhnte sie.
„Nein!" sagte Olga mft bebenden Lippen. „Schafft schnell einen Arzt — Agnes hat Atropin genommen. Klementine soll kommen — o mein Gott!"
Gustav stand vom Schreck gelähmt neben dem Bett, Agnes umkrallte mit ihren Fingern seine Hand. Albert war schon auf der Treppe — ihm fiel ein, daß in dieser Straße ein berühmter Spezialist seine Klinik hatte. In einem solchen Fall würde der große Mann gewiß Rettung nicht versagen.
Klementtne war schon bei Olgas erstem Ruf in die Kleider gefahren; nun stand sie zitternd vor Olga, und ihrer beider Unwissenheit berieth sich, was man thun könne.
„Milch", flüsterte Klementtne, „Hab' ich immer ge- hört, wird gegeben."
„Nun, wir wollen's versuchen!"
„Ich weiß, in der Küche ist welche, ich will sie über dem Gas heiß machen."
„Agnes", sagte Gustav leise, „fasse Muth, die Kunst der Aerzte ist so groß."
Agnes lag sttll und hielt den Gatten fest. Sie fürchtete sich.
Ihre Gedanken jagten umher. Wenn sie wirklich sterben mußte — was geschah mit ihr? Wenn nian im dunkeln Grab läge und noch denken könnte? Wer hatte je Kunde gegeben, was hinter jener schaurigen Stunde des letzten Seufzers geschah! Gräßlich! Oder wenn das Gift einen Starrkrampf herbeiführte und man würde sie lebendig begraben — noch gräßlicher! Nein, nicht sterben — leben, leben leben!
Klementtne kam mit einenr Glase dampfender Milch.
„Trinke", sagte Olga, „das hilft!"
Agnes versuchte gewaltsam: es ging nicht. Vor unsäglicher Uebelkeir konnte sie keinen Schluck hinunterbringen. Aechzend fiel sie wieder zurück.
Ja, sie mußte sterben. Und was dann — wer füllte ihren Platz in der Welt aus? Sie ließ keinen leer! Ihr Gatte würde sie nicht entbehren; sie hatte nie Sorge, Theilnahme, Verständniß, Aufopferung für ibn gezeigt; sie hatte nur an sich, an sich gedacht. Ihr Kind würde nicht um sie klagen; sie hatte keine Zeit für dasselbe ge- habt und nur an sich, an sich gedacht. Olga? Die würde weiterleben wie zuvor, für Olga war sie keine Herzensfreundin, nur eine Verqnüqungsgenossin ge- wesen, und eine solche brauchte Olga nicht mehr als reiche, vornehme Baronin Hellwang. Ihr Platz im Hause? Jede Fremde konnte liebevoller und umsichtiger erfüllen, was sie widerwillig, mit halber Aufmerksamkeit gethan
Ausverkauf
Nein, sie ließ keinen leeren Platz zurück; Niemand würd« trat sie klagen, Niemand eine Thräne ihr nachweinen, deiur sie hatte auf Erden auch Niemand geliebt und für nichts Zeit gehabt als für ihr Ich! Furchtbares Loos — selbstgeschaffen und darum um so schrecklicher! Ein Ruf ttefster Herzenssorge! O, wie das wohlthäte! Da stand ihr Gatte, mehr gelähmt von Schreck wie von Schmerz. Da waltete Olga, mehr getrieben von Menschlichkeit unb Dankbarkeit, aiö von heißer Sorge um die Sterbende.
„Mein Kind!" stöhnte Agnes.
Ja, Hans — der mußte sie lieben, der mußte sich weinend über sie stürzen, ihre Hände, ihre Wange küssen; er war doch Fleisch von ihrem Fleisch.
Olga lief hinaus und trug, mühsam an dem für sie zu schweren Jungen schleppend, Hans in seinem Nacht- hemdchen auf den Armen herbei. Das erschreckte Kind schaute schlaftrunken um sich; Agnes streckte ihm gierig die Hände entgegen. Gewohnheitsmäßig, wie man ihn gelehrt, stets seine Bkutter anzureden, stammelte er:
„Gute Nacht, meine liebe Mama!"
Aber als Olga ihn niederbog, damit Agnes ihn erfassen könne, fuhr er schreiend in die Höhe, umklammerte Olgas Hals und rief:
„Ich bin so bange — ich bin so bange!"
„Fort, fort!" sprach Agnes dumpf.
Olga trug ihn hinaus; man hörte sie nebenan einige beruhigende Worte sagen, man hörte die Küsse, die Hans auf ihre Lippen drückte — dann kam sie wieder.
Agnes lag mit offenen Augen und wartete — wartete, daß Gustav oder Olga sich jammernd über sie werfen mrd rufen sollten: „Geh nicht von uns, wir können Mch nicht entbehren!" Kein Ton, kein Ruf der Liebe, nur stummer Schreck! Ein Schreck, wie er jede Menschenbrust umfängt, wenn ein anderes Menschen- leben ausglüht . . .
Albert kam, bleich und athemlos.
„Ter Professor folgt mir auf dem Fuß", sprach er schon in der Thür. „Er kleidet sich nur an. Unterdes schwarzen Kaffee oder Citronensäure — Milch nützt nichts."
Olga flog davon, um das Nöthige zu beschaffen. Albert trat an das Lager des schwerathmenden Weibes, Tief ergriffen legte er seine Hand auf den blonden, wirren Scheitel und sagte milde:
„Die Gnade Gottes wird uns in dieser Stunde beistehen, liebe Agnes; Sie werden uns erhalten bleiben!'"
Sie hob das Gesicht zu ihm; durch den starren Todesglanz der unnatürlichen Augen brach ein Strahl unendlicher Erlösungswonne. Er, gerade er, der Tiefgehatzte, der Unerbittliche, er hatte ein Wort der Hoffmmg, des Trostes, der Liebe! Sie ließ die Hand ihres Gatten und griff nach der Werts. Sie griff vorbei. Eine seltsame Erscheinung kam. ihr — alle Gegenstände, schienen ferner und ferner zu rücken und wurden ganz klein. Sie konnte nicht mehr ordenttich sehen. Albert nahm ihre heiße Hand.
„Ter Herr Professor wird Sie retten, AgneS, imd dann fängt ein neues, schöneres Leben an."
„Ja", mirrmelte sie mit verzerrten Lippen, „ein neues Leben, nicht mehr ich, ich, ich!"
Ihre Stimme erstarb, aber ihre Gedanken wareii wach Ja, ein neues Leben! Sie wollte glücklich und heiter sein, Gustavs Sorgen durch ein Lächeln verscheuchen, mft Hans lernen und spielen, froh mit Olga den künftigen bescheidenen Hausstand besorgen und jeden Tag dem Schöpfer alles Lebens dankeii. daß er ihr das ihrige gelassen. O, man brauchte keinen Reichthum, keinen Glanz, wenn man nur geliebt wurde, warm, innig geliebt, so sehr, daß, wenn eines Tages die Scheideftunde kam, eins unausfüllbare Lücke in der Familie blieb und eine ewige Wehmuth im Herzen der Lieben. Nein, nicht sterben I
Ah — der Tod; da kam er auf schwarzen Fittichen heran!
(Fortsetzung folgt.)
Geschäfts - Aufgabe
meines grossen Lagers in
Ja q nettes, Paletots (darunter sehr elegante Modelle), Costiinsen, Jackenkleidern, ITmliängen, Blonsen aller Art, Japans n. s. w. zu enorm billigen Preisen.
Anfertigung nach Maass wie bisher.
H. B. Langte, Wilhelmstrasse 16 .
Anznndeholz, J&SSSS
Brennholz ä Ctr. 1.30 Mk.
liefern frei in« Haus 10462
" Gehr. Neugcbaner, Dampl-Schreinerei,
Telcviioii 411. Scliwalbacherftr.22. Telcvlwn 411.
Aepfel. Acpfel.
Wegen Räumung des Keller« 10 Pfd. 60 Df. ! > Herdcrstraßc 19.
