61 . Jahrgang.
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22. BerlagS-Ferafprccher Nv. 2953.
Mittwoch» den 14. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1883.
Abend-Ausgabe.
Die Wssnns des pieugirttjEu Kudiigs.
P. Berlin, 13. Januar.
Die Session des preußischen Landtags, die ebenso wie die des Reichstags die letzte der lausenden Legislaturperiode ist, wurde heute mittag um 12 Uhr im Weißen Saal des königlichen Schlosses in der schlichen Form eröffnet. Zu dem Eröffnungsakt hatten sich gegen 150 Mitglieder des Herrenhauses und des Abgeordneten- Hauses eingefunden. Obwohl der Kaiser zur Zeit rn Berlin anwesend ist, verlas doch der Reichskanzler und Ministerpräsident Graf Bülow die Thronrede, deren Inhalt recht knapp bemessen ist, und die keine Über- raschungen gebracht hat. Die Verlesung wurde denn auch von keinerlei Kundgebungen seitens der Abgeordneter» begleitet.
Wir betonten schon, daß die Thronrede über das hinaus, was man schon wußte, nichts Neues gebracht hatte; eher könnte man das eine oder andere darin vermissen. Me Thronrede betont auch ausdrücklich, daß die Regierung sich im Hinblick auf die ihrem Ende entgegengehende Legislaturperiode und in Rücksicht auf die ungünstige Finanzlage auf notwendige und unaufschiebbare Maßnahmen beschränkt hat. Trotzdem hat es sich, wie in der Thronrede hervorgehoben wird, nicht vermeiden lassen, daß zur Herstellung des Gleichgewichtes im Staatshaushaltsetat der Staatskredit „in beträchtlicher Höhe" in Anspruch genommen wird. Über die Höhe dieser Inanspruchnahme ist bisher noch nichts bekannt, doch wird der Staatshaushaltsetat nebst deni Anleihegesetz dem Landtag schon in den nächsten Tagen zugehen.
Trotz der ungünstigen Finanzlage des preußischen Staates, die mit der ungünsügen Finanzlage im Reiche korrespondiert, hat die Regierung die notwendigsten und dringlichsten Ausgaben selbstverständlich nicht zurückstellen könneit. Hierher gehört in erster Reihe die weitere Ausgestaltung der Eisenbahnanlagen und die regelmäßige Ergänzung des Fuhrparkes, wodurch ja auch zu gleich für erweiterte Arbeitsgelegenheit Sorge getragen wird. Gleichzeitig werden dem Landtag Vorlagen übe> die Verstaatlichung von 6 Privateisenbahnen und über die weitere Förderung von Kleinbahnunternehmungen zugehen. Ebenso wird die Regierung einen weiteren Kredit zur Schaffung besserer Wohnungen für die in staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und gering besoldeten Beamten fordern. *
Me heftigsten Kämpfe dürften im Landtag über die von der Regierung angekündigte Polenpolrtik entbrennen. Me Thronrede teilt hierüber nur mit, daß die Regierung „in Fortführung ihrer aus den Schutz des Deutschtums in den Ostmarken und auf deren wirtschaftliche Stärkung gerichteten Poliftk" erhebliche Mittel erbitten werde. Über die Art der im einzelnen geplanten Maßnahmen ist
bisher noch nichts Näheres bekannt geworden, doch steht fest, daß der verfehlte Gedanke eines besonderen Ministeriums für die Ostmarken nicht in Frage kommr. Erfreulich ist es, daß den Volksschullehrern und der» mittleren und unteren Beamten in den Ostprovinzen die versprochene Zulage zu teil werden soll.
Im übrigen kündigt die Thronrede nur Vorlagen vorr sekundärer oder terftärer Bedeutung an, so die etwas abgeänderte Vorlage über die Befähigung für den höheren Verwaltungsdienst, welche den Landtag schon in der vorigen Session beschäftigt hat, und ein Ausführungsgesetz zum Reichsgesetz über die Bekämpfung gernein- gefährlicher Krankheiten. Erstaunen mutz es erregen, daß die mit Bestimmtheit erwartete Vorlage, betreffend die Wänderung der Bessimmungen über die Landestrauer, in der Thronrede nicht angekündrgt wird. Wie erinnerlich, waren bei Gelegenheit des Ablebens der Kaiserin Friedrich lebhafte Klagen über die einschneidenden Besümmungen des für Preußen geltenden, aus den» Jahre 1797 stammenden Trauerreglements laut gewor- den. Als damals ein Jnitiaftvantrag auf Aufhebung dieses völlig veralteten Reglements im Landtag einge- bracht wurde, erklärte der Minister des Innern, daß die Regierung einen diesbezüglichen Gesetzentwurf einbringen werde. Hoffentlich wird dies Versprechen in der laufenden Session noch eingelöst, obwohl die Thronrede nicht» darüber verkündet.
Zu den Mngen, die in der Thronrede nicht erwähnt werden, gehört auch die Kanalvorlage. Als die vorige Session des Landtags am 8. Januar 1902 eröffnet wurde, kündigte Graf Bülow in der von ihm verlesenen Thronrede an, daß die Regierung dem Landtag „seinerzeit" eine neue Kanalvorlage unterbreiten werde. Diesmal enthält die Thronrede keine derarftge Ankündigung. Daß die Regierung in dieser, ihrem Ende zugehenden Legislaturperiode nicht mehr den heiklen Versuch mit der Kanalvorlage machen werde, war bekannt. Ob die Regierung in dem im Laufe des Jahres neu zu wählender. Äbgeordnetenhause den zweimal gescheiterten Versuch zum drittenmal wagen wird, wird abgewartet werden müssen und hängt auch von der Zusammensetzung des neuen Abgeordnetenhauses ab.
Was die Konstellaüon im jetzigen Wgeordnetenhause betrifft, so ist der B e st a n d der Parteien folgender: Konservative Partei 143 Mitglieder freikonservative Partei 57, Centrum 99, nattonalliberale Partei 75, freisinnige Volkspartei 25, freisinnige Vereinigung 11, Polen 13, frakffonslos 7.
*
Die Thronrede, deren wesentlicher Inhalt wir bereits mitteilten, hat folgenden Wortlaut:
Erlauchte, edle und geehrte Herren von beiden Häusern des Landtags!
Seine Majestät der Kaiser und König haben mich mit der Eröffnung des Landtags der Monarchie zu beauftragen geruht. Die bevorstehende Tagung ist die letzte einer arbeitsreichen Legislaturperiode. Die Ihnen zu unterbreitenden Vorlagen beschränken sich deshalb auf notwendige und unaufschiebbare Maßnahmen. Schon bei Ihrer letzten Berufung ist auf die wenig befriedigende
Gestaltung der Finanzlage des Staates htngcwiesen worden. Die Rechnung des Jahres 1801 hat mit einem Fehlbetrag von rund S7 1 /, Millionen Mark abgeschlossen. Auch für das laufende Etatsjahr wird nach den bisherigen Ergebnissen ein wesentlich günstigerer Abschluß nicht erwartet werden können. Zwar ist in den letzten Monaten im Berkehr auf den Staatseisenbahnen eine geringe Steigerung etngetreten, doch wird der Reinertrag hinter dem Boranschlag erheblich zurückbleiben. Der Entwurf de» Staatshaushalts-Etats für 1903 wird Ihnen alsbald vorgelegt werden. Trotz der vorsichtigen und sparsamen Bemessung der Ausgaben in allen Zweigen der Staatsverwaltung hat es sich nicht vermeiden lassen, zur Herstellung des Gleichgewichts den Staatskredit in beträchtlicher Höhe in Anspruch zu nehmen. Diese unerwünschte Erscheinung hat ihren Grund darin, daß infolge der Schwierigkeiten, mit denen seit Jahren die Landwirtschaft und in letzter Zeit auch Handel und Industrie zu kämpfen haben, bet einem Teile der Betriebsverwaltungen auch für das Jahr 1908 mit einem weiteren Rückgänge der Überschüsse gerechnet werde» muß. Die zeitweilige Finanzlage hat jedoch nicht dahin führe» können, Ausgaben zurückzustellen, die im politischen und wirtschaftlichen Interesse dringend geboten sind. Hierunter fallen die erheblichen Mittel, welche die Staatsregierung in Fortführung ihrer auf den Schutz des Deutschtums in den Ostmarken und auf deren wirtschaftliche Stärkung gerichteten Politik von Ihnen erbittet. Auch soll den in diesen Landestetlen wirkenden mittleren und unteren Beamten, sowie den Lehrern an den öffentlichen Volksschulen die in Aussicht gestellte Zulage gewährt rveröen. Vom wirtschaftlichen wie vom Standpunkt einer sürsorgenden Finanzpolitik erschien es ferner nicht ratsam, den großen Betriebsverwaltungen die Mittel zu versagen, die zu einer ordnungsmäßigen Ergänzung ihrer Einrichtungen erforderlich sind. Namentlich erachtet cs die Staatsregierung für ihre Pflicht, auch in den Zeiten ungünstiger Abschlüsse mit der betriebssicheren Ausgestaltung der Eisenbahnanlagen und der regelmäßigen Ergänzung des Fuhrparks nicht zurückznbleiben. Die Bewilligung der hierzu erforderlichen Mittel wird die Staatsregierung zugleich in den Stand setzen, die Arbeitsgelegenheit im Lande zu vermehren. Zum Ausbau des Staatseisenbahnsystems durch Erwerb mehrerer Privateisenbahnen, zur Erweiterung des Staatsbahnnetzes und zur Förderung der Kleinbahnunternehmungen sind größere Mittel vorgesehen. Der Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der in den staatlichen Betrieben beschäftigten Arbeiter und der gering besoldeten Beamten ist mit Ihrer Zustimmung wiederholt besondere Fürsorge gewidmet worden. Da das Bedürfnis unverändert fortbesteht, wird von Ihnen in einem neuen Gesetzentwurf ein weiterer Kredit zu gleichem Zwecke erbeten wer» den. Im Jntereffe der Förderung der allgemeinen Volksgesundheit wird Ihnen alsbald ein Gesetzentwurf zugehen, um dar Reichsgesetz, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Kranb, heilen, innerhalb des preußischen Staates zur Ausführung z« bringen. Der im vorigen Jahre nicht zur Verabschiedung gelangte Gesetzentwurf über die Befähigung für den höheren Verwaltungsdienst wird Ihnen in etwas veränderter Gestalt wieder vorgelegt werden. Ihre Zustimmung wird ferner zu dem Gesetz über die Bildung kirchlicher Hilfsfonds für katholische Pfarrgemeinden erbeten werden.
Meine Herren! Auch in der bevorstehenden Tagung sind Sie zu wichtigen Arbeiten berufen. Mögen dieselben dem Vaterland« zum Segen gereichen!
Auf Beseht Seiner Majestät des Kaisers und Königs erkläre ich den Landtag der Monarchie für eröffnet.
Deutscher Reichstag.
Berlin, 18. Januar.
Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung und Wünscht den Herren ein gutes neues Jahr. Es folgt sodann eine Reihe geschäftlicher Mitteilungen, Eingang des Etats re. Auf der Tagesordnung steht zunächst die zum Zolltarif beantragte Resolution. Die Kommission be-
Me Eidechse.
Roman von A. v. Klinckorvström.
(19. Fortsetzung.)
„Jenny", sagte er sehr weich, „hast du überlegt, was du eben sprachst? War das mein liebes, gutes Mädchen, das so harte Worte für mich fand? Wie Feinde stehen wir uns gegenüber und sind uns doch gut. Nicht wahr? Du mußt nicht zu streng mit mir ins Gericht gehen, wenn ich auch imverantwortlich gehandelt habe und aus reiner Beschämung darüber eben weiter nichts zu sagen wußte als Brutalitäten. Sieh, es kam immer eins aus dem anderen. Das kleine Modell ist mir für mein Bstd wahrhafftg unentbehrlich und drohte doch, mich im stich zu lassen, wenn ich seine kindischen Wünsche nicht erfüllte. Um es nicht zu verlieren, ließ ich mich leichtsinnigerweise zu einem Versprechen Hinreißen. Aber ich mochte dir nichl weh tun, dachte, du würdest meine Motive mißverstehen und dich um eine Sache grämen, die es nicht wert ist. Da griff ich denn zur Notlüge. Ich sehe vollkomemn ein. daß es das Düminste war, was ich tun konnte. Aufrichtig keft bleibt doch unter allen Umständen das beste! Nun es indessen einmal geschehen ist, trage es mir nicht nach Komm, schau mich an! Hast du kein gutes Wort mehr fiii einen armen reuigen Kerl, der dich von Herzen lieb hat?"
Sie brach plötzlich in Tränen aus. Seine Weichheit löste die heftige Bitterkeit, die vorhin unbezähmbar in ihr aufgekocht war. Ja, sie wollte gern vergeben, es war ihr leid um die bösen Worte, und doch wäre es ihr lieber gewesen, wenn er statt ihrer die Situafton beherrscht und den ganen Handel in weniger jungenhafter Weise erledigt hätte. Sie empfand es in seiner Seele als Beschämung, daß ei' sich zuerst hinter Ungezogenheit verschanzt hatte, mit demütiger Bitte zu enden.
Engler wurde gleich wieder ganz fröhlich, als er merkte, daß sie in versöhnliche Stimmung geriet. Er
küßte die nur schwach Widerstrebende sehr zart und liebevoll.
„So ist's recht, Schatz. Weine dich nur aus, aber dann laß auch wieder die Sonne scheinen. Ein kleiner streit reinigt die Luft, und man hat sich hinterher um so lieber. Das wäre noch schöner, wenn wir um solch einer dummen Person willen, die ich leider für meine Arbeit nicht entbehren kann, ernsthaft aneinander geraten sollten. Bist du wieder mein liebes Mädchen?"
Jenny nickte flüchtig und versuchte zu lächeln.
„Na, dann ist alles in Ordnung! Und in den nächsten Tagen sollst du in mein Atelier kommen und dein Urteil über das Bild obgeben. Ich glaube nicht, daß ich länger als zwei Wochen noch damit zu tun haben werde. Diese neue Manier, weißt du, geht mir rasch von der Hand."
„Das glaube ich! Kleckserei ist keine Kunst!" schwebte es ihr auf den Lippen, aber sie unterdrückte die Worte. Warum ihn wieder reizen, nachdem der Friede eben her- gestellt worden?
„Höre, Mar>" sagte sie nach einer Weile sanft und nahm seine Hand. „Ich muß dir auch noch mittestcn, oatz wir künftighin nicht mehr wie bisher oie Abende miteinander verleben werden, mit Ausnahme des Sonntags naftirlich. Professor Lebrun hat für den Unterricht nur die Abendstunden zu meiner Verfügung, und ich muß dankbar sein, daß der so vielbeschäftigte Mann überhaupt Zeit für mich tindet. Es ist mir schwer, auf das Zusammensein mit dir zu verzichten, doch wir werden uns nun häufig während der Mittagstunden sehen können, da ich ja nicht mehr in die Stadt hinunter zu gehen brauche, sondern tagsüber daheim arbeite."
Er starrte sie befremdet an.
„Du beabsichtigst, jeden Abend bei ihm zuzubringen? Das ist doch wohl nicht dein Ernst? Der Professor ist noch ein viel zu junger Mensch, als daß ein Mädchen von deinem Aussehen ohne Schaden an seinem Ruf ihn zu vorgerückten Stunden aufsuchen dürfte."
„Als Mensch kommt er bei mir nicht in Betracht. Will ich von deni berühmten Chemiker unterrichtet werden, so bleibt mir eben keine andere Wahl."
„Dann kann von der ganzen Angelegenheft nicht mehr die Rede sein. Ich als dein Bräutigam wünsche iftcht, daß du hingehst, und betrachte es als weht Recht, ja sogar als Pflicht, über deinen Ruf zu wachen."
„Lieber Max, du lässest dir von mir nicht in deine Arbeit und den Verkehr, den du dazu nötig zu haben glaubst, dreinreden; ich beanspruche also auch für mich das gleiche Recht. Unsere beiderseitigen Berufsstudien stehen auf einem Blatt, unsre Beziehungen als Verlobte auf dem anderen. Das hast du mir so klar bewiesen, da es sich um dich handelte Wir wollen daher auch, wo es sich um mich handelt, beides nicht miteinander verquicken."
Er biß sich auf die Lippen. Ihr Eimvand war ganz logisch; es ließ sich nichts darauf erwidern, wenigstens fiel ihm nichts Schlagendes ein.
„Der Gedanke, daß der Mann dir den Hof machen könnte, ist für mich nicht gerade erbaulich!" grollte er.
„Das wird er nicht."
„Doch, doch! Ich an seiner Stelle täte es auch, wenn ein Mädchen >ich so weit vergäße."
„Das ist kein passender Ausdruck. Du mußt m r darin schon so viel Vertrauen schenken, wie ich es mft Bezug auf dich zu tun gezwungen bin. Ich suche ihn meiner Studien wegen auf, das weiß er und wird sich danach richten."
Engler ging, die Hände in den Taschen, heftig im Zimmerchen auf und nieder und streifte Jennv dazwischen mit scharfen Blicken. Sie war ihm noch nie so anziehend erschienen wie heute, wo seine Einbildungskraft sich Zusammenkünfte zwischen ihr und einein anderen Mann ausmalte, die unter dem Deckmantel der gemeinschaftlichen Arbeit stattfinden sollten, und von denen er ausgeschlossen blieb.
„Wenn ich dich wenigstens begleiten dürste!" brach er abermals los
