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Jtjj. 19* verlagS-Frrnfprecher No. 2953.
Morgen »Ausgabe.
KoziitzolltW WSilHc im nenttt Mk.
Von Haus Seelmann.
Bei der gegenwärtigen politischen Lage sozialpolitische Wünsche zu äußern, wird manchem etwas gewagt erscheinen. Bei ruhiger Überlegung mutz aber doch zugegeben werden, daß es aus dem Wege der Sozialpolitik kein Halt mehr gibt. Die sozialpolitische Idee hält ihren SiegeSzug durch die Welt, sie ersaht immer weitere Kreise und bereitet so den Boden für treue praktische Matznahmen. Zweifelhaft kann nur das Tempo sein, in dem dre Sozialpolitik bei uns fortschreiten wird, und da die Schaffung einer communis opinio die beste Vorbereitung für die gesetzliche Regelung einer Materie bildet, muß als erster sozialpolitischer Wunsch fürs treue Jahr der erhoben werden, daß soziales Empfinden und Denken immer mehr Gemeingut der Bevölkerung wird. Damit würde dann gleichzeitig erreicht werden, daß die Ausführung der sozialpolitischen Gesetze und Verordnungen eine immer bessere und zweckentsprechendere werden würde.
Aber auch Fortschritte in der Praxis sind im neuen Jahre wünschenswert. Die Witwen- und Waiseuver- sorguna, für die ja nunmehr gesetzlich der Grund gelegt rst, wird zwar sicher im neuen Jahre nicht weiter konrmen. Dasselbe gilt von der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch gesetzliche Maßnahmen, Für diese beiden Fragen muß erst ein ausreichendes Fundament geschaffen werden, für die erster« durch Ansammlung von Kapitalien, für die letztere durch eingehende statistische Erhebungen. Zu wünschen ist aber, daß im neuen Jahre die Regelung der Kinderarbeit zil einem befriedigenden Resultate kommt, daß die Arbeitszeit für Frauen herabgesetzt wird, daß Sondergerichte für die Streitigkeiten der Handlungs- gehülfen mit ihren Arbeitgebern geschaffen werden und daß ferner die seit langer Zeit verheißene Novelle zum Krankenversicherungsgesetz endlich an den Reichstag kormnt und damit der schwere Mitzstand beseitigt wird, der darin besteht, datz die Krankenkassen ihre Unter- stützungen nur für 13 Wochen leisten, die Invaliden-
S icherungsanstalten aber bei vorübergehender Erwerbs- ähigkeit erst mit Beginn der 27. Woche eintreten, sodaß di« Versicherten ein Vierteljahr lang ohne Hülfe Lasteten — ein Zustand, der schon so manche Arbeiterfamilie ruiniert hat. Würden diese Wünsche im neuen Jahre erfüllt, so würde man von demselben sagen können, datz es für die Sozialpolitik kein unfruchtbares ge- wesen ist.
Gewünscht muß ferner werden, daß sich im neuen
Dienstag» den 13. Januar.
Jahre die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Übelstand lenkt, der bisher nicht in genügendem Matze erörtert ist, aber immer deutlicher in Erscheinung tritt, nämlich auf die Tatsache, datz unsere brsberigeu sozialpolitischen Maßnahmen und Gesetze der Arbeiterschaft auch einen schweren Schaden zugefügt haben. Unter den Arbeitslosen gibt es eine Gnippe von Arbeitern, die nicht nur im Winter oder bei Eintritt eines wirtschaftlichen Niederganges oder einer wirtschaftlichen Ruhepause arbeitslos werden, sondern ständig oder mit kürzeren Unterbrechungen arbeitslos bleiben. Es sind die Mindererwerbsfähigen, die infolge von Krankheit oder sonstigen Gebrechen nicht mehr soviel leisten können, wie ein Durchschnittsarbeiter, die aber doch noch nicht soviel von ihrer Erwerbsfähigkeit eingebüßt haben, datz sic zum Bezüge der Invalidenrente berechtigt sind. Daß diese Minderwertigen arbeitslos bleiben, verschuldet zum nicht geringen Teile die Sozialpolitik. Die Arbeiter- Versicherungsgesetzö legen den Arbeitgebern gewisse Lasten auf, die höher sind, wenn minder leistungsfähige Arbeiter beschäftigt werden. Wenn z. B. ein Betriebsunternehmer an Stelle von zehn voll erwerbsfähigen Arbeitern zwanzig halb erwerbsfähige einstellt, die zusammen nur dasselbe leisten wie zehn normale Arbeiter, so hat er für zwanzig Arbeiter Beiträge zur Unfall-, Kranken- und Invalidenversicherung zu leisten und wird also dadurch höher belastet. Inhaber unfallversicherungs- pflichtiger Betriebe scheuen sich vielfach, ältere, schwächliche Arbeiter, insbesondere aber solche, die an Schwindel- ansällen oder Krämpfen leiden, einzustellen. weil diese eher Gefahr lausen, einen Betriebsunfall zu erleiden und so die Kosten der Unfallversicherung erhöhen. Arbeitgeber, die für ihren Betrieb eine eigene Betriebskrankenkasse errichtet haben, lassen gewöhnlich die einzustellenden Arbeiter zunächst von einem Arzt untersuchen und lehnen ihre Annahme ab, wenn sich ihr Gesundheitszustand als nickst ganz intakt erweist; denn sie fürchten, datz sie in absch- barer Zeit die Leistungen der Betriebskrankenkasse in Anspruch nehmen und so größere Aufwendungen für dieselbe verursachen könnten. Größere Stadtgemeinden, die ihre Arbeiter pensionsberechttgt gemacht haben, müssen dahin kommen, die Arbeiter vor der Annahme ebenso wie die Beamten einer ärztlichen Untersuchung zu unterwerfen, um den Pensionssonds nicht zu sehr zu belasten 2C. Dieser Mitzstand wird sich immer mehr verschärfen, je weiter die Sozialpolitik fortschreitet, insbe- sondere auch mit der Einführung der Witwen- und Waisenversorgung und der Arbeitslosenversicherung, für die ja auch die Arbeitgeber Beiträge werden leisten müssen. Er wird aber seinen Höhepunkt erreichen, wenn erst einmal die Sozialpolitik die Hausindustrie erfassen wird, die zur Zeit die Zufluchtsstätte der beschränkt Er-
RedaktisnS-FrrnsPrecher N». 52. 1903.
werbsfähigen bildet. Jetzt ist es einem Betriebsunter- nehmer, der Waren von Hausindustriellcn Herstellen läßt, in der Regel gleichgülftg, ob an der Herstellung von Waren im Werte von 100 Mk. 10 oder 20 Arbeiter gearbeitet haben. Hat er dagegen auch für die Haus- industriellen Beiträge zu den Reichsversicherungsgesetzen zu leisten, so ist er natürlich bestrebt, eine möglichst geringe Anzahl von Arbeitern zu haben, denn sonst belasten ihn die Versicherungsbeiträge zu sehr. Werden dis Netchs-Versicherungsgesetze aus die Hausindustrie aus- gedehnt, so werden große Mengen der in ihr beschäftigten minder leistungsfähigen Arbeiter brotlos; eS tritt derselbe Zustand ein wie in Australien (Viktoria), als man den gesetzlichen Mindestlohn für die Hausindustrie ein- führte.
Aus der Versicherungsgesetzgebung entspringt also eine neue Aufgabe der Sozialpolitik, die Fürsorge für die beschränkt Erwerbsfähigen. Wie diese Frage zu lösen ist, wird erst nach eingehenden Erörterungen entschieden werden können. Aber auch in der Praxis würde aus diesem Gebiet im neuen Jahre schon ein Schritt vorwärts gemacht werden, wenn durch die Novelle zum Kranken- Versicherungsgesetz die Betriebskrankenkassen beseitigt werden würden. 6. B.
Das MchsdeM
beträgt nach dem Voranschlag für bas Rechnungsjahr 1908 118 % Millionen Mark, die zum Teil durch eine Zu, schußanleihe Deckung finden sollen. Eine dem Reichs, Haushalt beigegebene Denkschrift bemerkt dazu:
Die wirtschaftliche Stockung, deren die Denkschrift zum Etat des laufenden Jahres als seit länger denn Jahresfrist auf allen Staaten mit hochentwickelter Iw dnstrie lastend und gleicherweise Handel und Verkehr in Mitleidenschaft ziehend gedenken mußte, ist noch nicht überwunden und übt mit je längerer Dauer desto un. günstigeren Einfluß auf die Finanzen des Reiches aus. Die sorgsam veranschlagten Einnahmen weisen in ihrer Gesamtheit gegen 1902 einen erheblichen Mtnderertrag ans, da zu den Folgen der ungünstigen Konjunktur der aus der Ermäßigung der Zuckersteuer herrührende, wenn auch nur vorübergehende, so doch für 1803 recht beträcht» liche Einnahmeausfall hinzutritt. Bei dem Ansätze der Ausgaben hat tunlichste Sparsamkeit obgewaltet. Gleich, wohl war eine mäßige Steigerung gegenüber dem laufen, den Jahre nicht zu vermeiden. An den auf gesetzlicher oder dem ähnlicher Verpflichtung beruhenden Äufwen- düngen konnte nicht gespart werden. Ebenso konnte, wie für 1901, den drei Betriebsverwaltungen bet den per. sönlichen Ausgaben eine geringe Erhöhung nicht versagt werden, sollten nicht Lohnermäßigungen oder gar Entlassungen eintreten, und sollten die dem Reichstage gemachten Zusagen betreffs Aufrechterhaltung eines ange-
Feuilleton.
Die Pflege des Ohres im Winter.
Bon vr. med. Th. Hövel«.
Za denjenigen Organen unseres Körpers, welche im Winter der Kälte und dem eisigen Winde am meisten aus- ges^t sind, gehört unbedingt auch das Ohr. Am häufigsten zeigt sich die Einwirkung eines strengen Winters in der Erfrierung der Ohrmuscheln. Es kommt aber auch häufig vor, daß eine Erkältung der Atmnngsorgane, ein Schnupfen oder ein Rachenkatarrh zu einer Erkrankung der Trommelhöhle führt. Diese Gefahr ist besonders groß bei Kindern. Es läuft nämlich von der Trommelhöhle ein enger Kanal nach der Mundhöhle, durch den dem Ohr die znm Hören unentbehrliche Luft zugeführt wird. Durch Liesen Kanal kann die Entzündung des Katarrhs leicht zum Ohr hingeleitet werden. Bei Vernachlässigung dieser Entzündung kann es zur Eiterung des Trommelfelles kommen, so schlimm sogar, daß dieses durchbrochen wird. Man nehme also keine Erkältung zu leicht, besonders wenn sie Sausen und Brausen im Ohr oder gar leichte Schwerhörigkeit zur Folge hat. Personen, die im Winter leicht zu Erkältungen und Schnupfen neigen, müssen den Mund bei strenger Kälte durch einen Respirator und die Ohrmuscheln durch Ohrklappen schützen.
Die nur äußere Erfrierung des Ohres, also der Ohrmuscheln, ist nicht so schlimm, sie schwindet bcklb durch häufige Einreibung mit Kampfersalbe, die in jeder Apotheke zu haben ist. Um Erfrierungen der Ohrmuscheln und Entzündungen öeö inneren Ohres nach Möglichkeit zu vermeiden, achte man darauf, datz man niemals mit feuchten Ohren in die eiskalte Luft geht. Diese Vorsichtsmaßregel wird viel zu wenig beachtet. Die Lage des Ohres bringt es mit sich, baß nach dem Waschen das Ohr zu wenig abgetrocknet wird und dabei mehr oder weniger feucht ist. Auch läuft beim Menschen oft etwas Wasser in den äußeren Gehörgang: auch dieses Wasser ist nach Möglichkeit vollständig zu beseitigen, natürlich mit bei' nötigen Vorsicht. Wird ein feuchtes Ohr von einem starken Winde
oder kaltem Luftzuge getroffen, so sind die Folgen meist recht unangenehme. So herrscht im Winter die Schwerhörigkeit entschieden stärker als im Sommer. Sie kann nun freilich auch eine andere Ursache als eine Erkältung haben, nämlich eine Ohrverstopfung, die auch im Winter häufiger ist als im Sommer, bedingt durch eine mangelhaftere Ohrpflege. Jede Ohrverstopfung kann Entzündung und Schmerz zur Folge haben. Sehr viele Menschen leiden an Ohrschmerzen oder an einer leichten Schwerhörigkeit und könnten beides so leicht beseitigen.
Die Ohrverstopfung ist in jüngeren Jahren meist nur eine Folge von Nachlässigkeit und Unreinlichkeit. Die Verunreinigung des Ohres, d. h. die Verstopfung, rann entstehen durch die Beschäftigung des Betroffenen, indem Mehl, Ruß, Staub und dergleichen in die Gehörgänge eindringt und sich mit dem Ohrschmalz zu einem Pfropfen verbindet, der dann allmählich den ganzen Gehörgang verschließt und die Schwerhörigkeit verschlimmert. Abgesehen von der körperlichen Unannehmlichkeit, kann solche Schwerhörigkeit auch wirtschaftlich schädlich einwirken. Wer z. B. wird einen schwerhörigen jungen Herrn als Verkäufer oder eine taube junge Dame als Telephonistin anstellen?
Die Schwerhörigkeit kann ferner entstehen durch übermäßiges Absondern und Anhäufen des Ohrenschmalzes oder dadurch, daß man das Ohrenschmalz beim Reinigen des Ohres mittels Ohrlöffelchen oder Haarnadeln, statt nach außen, nach innen befördert, was nur allzuoft vorkommt. Seltener sind die Ursache der Ohr- verstopfung harte Gegenstände, wie Kampherstückchen, elektrische Pillen oder Pfefferkörner, die man bei Zahnschmerzen in Watte gehüllt in das Ohr gebracht. Wollte man doch endlich begreifen, datz alle diese Mittel bei Zahnschmerzen garnichts helfen. Alle diese genannten Ohrverstopfungen sind durch das einfache Verfahren der Einspritzungen mit lauwarmen Wasser zu heilen. Gut ist es, wenn vor der Einspritzung das Ohrenschmalz durch einfaches Oliven- oder Mandelöl aufgeweicht wird. Will man selbst die Einspritzung vornehmen, so laffe man den Ohrleidenden sich auf eine Backe legen, ziehe dann die Oyr- zipfel derart in die Höhe, baß der Gehörgang dadurch mehr geöffnet wirb, tröpfle etwas Ol hinein, lasse demselben Zeit, in die Tiefe zu gelangen und schließe dann
das Ohr mit Watte, um das Auslaufen de8 OleS z« verhindern. Dieses Eintröpfeln von Ol wiederholt man mehrmals und beginnt dann mit den Einspritzungen. Hierbei zieht man wieder den Ohrzipfel in die Höhe und spritzt vorsichtig und langsam mit einer kleinen Spritze, am besten aus Gummi, das lauwarme Wasser ein. Bei jeder beginnenden Schwerhörigkeit empfiehlt es sich, vorsichtig diese Einspritzungen zu machen. Helsen diese aber nicht, dann liegen tiefere Leiden vor, welche nur durch den erfahrenen Arzt beseitigt werden können. Wer es haben kann, ziehe überhaupt bet jedem Ohrleiden den Arzt hinzu, denn derselbe hat ein Mittel, leicht festzu- stellen, was dem Ohre fehlt. Dieses Mittel ist der Ohren- spicgel. Ohr- und Mutterspiegel sind zwei der segensreichsten Erfindungen der Neuzeit, die schon manches Leiden beseitigt haben, welches früher, vor ihrer Erfindung, für unheilbar galt. So lange machte sich auf dem Gebiete der Ohrenleiden eine gefährliche Kurpfuscherei breit, bis der Ohrenspiegel erfunden wurde. Heute kann der Arzt fast alle Ohrleiden heilen, wo nicht gar zu große organische Defekte oder zu hohes Alter des Patienten vorliegen. Die Schwerhörigkeit des Alters ist nicht mehr zu heilen, sie muß mit Würbe ertragen- werden. Sie entsteht durch den Zerfall des Gehörganges, durch den Schwund der elastischen Teile, wodurch der Gang in sich zusammenfällt. Nur ein sehr künstliches Herrohr könnte den Gang wieder etwas öffnen und das Gehör wieder Herstellen. Aber das Ideal eines Hörrohres ist noch nicht erfunden, weder für junge noch alt« Schwerhörige.
Um im Winter, auch bei mildem Wetter, sich vov Ohrenentzündungen zu schützen, empfiehlt es sich, wäh- dend des Aufenthalts im Freien die äußeren Ohröffnungen leicht mit einem Wattepfröpfchen zu verstopfen. Es wäre aber ganz verfehlt, wenn man dieses Schutz, mittel immer, also auch im warmen Zimmer, anwenöcn wollte. Denn dadurch würde man gerade das Ohr ver- weichlichen, und das Schutzmittel würde draußen bet kalter Witterung den Dienst versagen. Wer leicht zum Schnupfen neigt, stopfe beim Ausgehen auch Waite- pfröpfchen in die Nasenlöcher. Das Wirksamste bei der Formanwatte und anderer Schnupfenwatte ist eben nur die Watte selbst, die den Staub und die allzu große Kalte xbhält.
