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51. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 5« Pfq. monatlich, durch die Post B Mk. 5«» Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

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Ausnahme spater eingereichter Anzeigen zur

18. Verlags-Fernsprecher N». 2953.

Montag, den 12. Iarrnar.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abend-Aysgabe.

Deutsches Deich.

Znr Kanalfragc.

Ein konservativer Parlamentsberichterstatter meldet, die Thronrede zur Eröffnung des preußischen Landtags werde zwar die Kanalvorlage nicht ankündigen, dagegen chre Einbringung auf eine spätere Session verheißen. Die elftere Mitteilung glaubt man ohne weiteres, die zweite soll sich erst bewahrheiten. Geschähe es, so wäre es auch „noch so". Versprechungen solcher Art sind wertlos, da nichts die Regierung zu hindern brauchte, d>e sorgfältig durchgearbeitete Kanalvorlage schon jetzt einzubrmgen. Wer schließlich gibt es doch einen Hinderungsgrund, und zwar einen sehr triftigen. Graf Bülow hat enüveder nicht gelvagt, sich in den Verhandlungen mit den Konservativen und dem Centrum über den Zolltarif die Zuftimnnmg beider Parteien zu den Kanalplänen zu sichern, oder er hat es versucht und ist dabei auf einen so starken Widerstand gestoßen, daß er es vorzog, sich zurückzuziehen. Ter abermalige Verzicht auf das Kanalgesetz fällt umso schwerer ins Gewicht, als die Regierung sich auf diese Weise der Möglichkeit begibt, für die nächsten Landtags­wahlen eine zugkräftige Parole zu gewinnen. Zwar wird sie nebenbei auch die Parole der Kanalpläne ausgeben, aber wie kann von der: hochkonservativen Landräteu und anderen Wahlmachern erwartet werden, daß sie auf dies Stichwort hören werden, wo sie doch aus dem bisherigen Verhalten der Regierrmg hinlänglich gemerkt haben, daß die letzte entscheidende Energie nicht hinter den großen Worten steht? Das Schlimniste bei der Verzögerung namentlich des Mittellandkanals ist, daß die technische Ausführbarkeit der Pläne tatsächlich immer schwieriger wird, vielleicht sogar schon nicht mehr möglich ist, denn immer neue Kohlenfelder werden in den westfälischen Ge­bieten, die der Kanal durchziehen soll, in Angriff ge­nommen, sodaß die anfänglich vorgesehen Linie jeden­falls wohl wird geändert werden müssen.

Krupp-Klatsch.

In seltsamen Andeutungen spricht der „Vorwärts" von einer „Entmündigungssache Krupp", als sei das eine Angelegenheit, . die eigentlich als bekanm vorausgesetzt werden müßte. Wir gestehen unsere Unkenntnis, und wir glauben, daß wir in dieser Beziehung unzählige Genossen haben. Was ist das siir eine Entmündigungssache? Sie mutz natürlich vor dem Abschluß der Krupp-Tragödie ge­spielt haben, und sie muß mit dieser Tragödie im engsten Zusammenhänge stehen. Der „Vorwärts" stellt es so dar, als sei die Sympathieadresse des Vereins deutscher Ingenieure vor ihrer Eirkulation verschiedenen Ministern vorgelegt worden; und das sozialdemokratische Blatt äußert seine Verwunderung darüber, daß diese Minister, denen die Entmündigungssache doch bekannt gewesen sei, nicht vor der Absendung der Adresse gewarnt hätten.

Rätsel über Rätsel! Angeblich beschäftigen sich Pro- vinzial-Blätter mit dieser Angelegenheit, aber auch daS wissen wir nicht, ob diese Behauptung des „Vorwärts" zu- trifft, denn es ist uns noch kein derartiges Blatt und keine beziigliche Mitteilung vor die Augen gekommen. Aber auch sonst wird in der Krupp-SacA mit geheimnisvollen Andeutungen operiert. So hieß es jüngst in der „Zu­kunft": „Das eigentlich Skandalöse/ das mit dem be- schlagnamten Artikel nichts zu tun hat, scheint schon durch­gesickert ; isl's, so wirst du statt der blauen Grotte ein blaues Wunder sehen." Was ist drwchgesickert? Wo ist etwas durchgesickert? Man beliebe, deutlicher zu werden. Diese Manier der klatschhaften Hinweise ist ungefähr das Häßlichste, was in der seltsamen Krupp-Affäre geschehen ist und weiter geschehen kann.

*

* Hof- und Personal-Nachrichten. Das „58. T." meldet auS N c w - I o r k : Der deutsche Botschafter v. H o l l e b e n ist am Donnerstagabend in New-Aork eingetroffen. Er lehnte jede Unterredung ab oder überhaupt eine Äußerung darüber, mit welchem Dampfer er am Samstag abreisen werde. Seine Unpäß­lichkeit ist durch die andauernd rauhe Witterung in Washington verschlimmert. Der erste Sekretär der dortigen Botschaft, Graf v. Quad-Wykradt-Jsnv, ist mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt worden. Seine Beziehungen zum Staats- Departement sind sehr herzlich.

Das Befinden des K ö n i g S Georg von Sachsen hat stch, wie ein Telegramm aus Dresden meldet, derart gebessert, daß Hofberichte nicht mehr ausgcgebcn werden.

Nach dem „Fremdenblatt" werden der Legationssekretär Frei­herr v. Linderer von Bern nach Dresden, der LegationS- fekretär Graf C h e r n i n von Dresden zur Botschaft beim Vati- kan und der Militär-Attache Graf Lengsheim von München nach Petersburg versetzt werben.

* Berlin, 10. Januar. Wie ein parlamentarischer Berichterstatter meldet, ist der Wortlaut der Thronrede, welche Graf Bülow bet Eröffnung des Preußischen Land­tages am Dienstag verlesen wird, bereits festgestelli? Der Passus, daß die Kanal-Vorlage auf alle Fälle in einer anderen Session eingebracht werden wird, soll in derselben enthalten sein. Im übrigen wird die Thron­rede als Vorlagen ankündigen: den Etat, die sechs Ver­staatlichungsgesetze von Eisenbahnen, den Gesetzentwurf, betreffend den höheren Verwaltungsdienst, und die Vor­lage, betreffend Umgestaltung des Grunewaldes.

Der Reichshaushalts-Etat für 1903 balanciert in Einnahmen und Ausgaben mit 2 464 972 734 Mk. und weist ein Defizit von 11 8 % Millionen auf.

Zur fludjt der Kronprinzessin non KnUen und ihres Bruders.

Eine offiziöse Erklärung, wb. Dresden, 10. Januar. Das „Dresd. Journal" meldet halbamtlich: Ta seitens der Regierung alles ge- schchen ist, um die durch das Verhalten der Kronprinzessin entstandene Lage mit tunlichster Beschleunigung der kom­petenten, nüt den Garantieen eines gerichtlichen Ver­fahrens umgebenen Entscheidung unter voller Anwendung des bürgerlichen Eherechtes entgegenzuführeu. durste an­genommen werden, daß auf diese Weise zugleich begründe­

ten Ansprüchen der Öffentlichkeit auf zuverlässige und un> parteiische Klarstellung der rechte Weg eröffnet sei und du öffentliche Beurteilung sich bis zum Austrag des gericht­lichen Verfahrens zuriickhalten werde. Auch gegenüber den neuerdings aufgetauchten Versuchen, der Handlungs-, weise der Kronprinzessin nachträglich eine politische und' konfessionelle Seite abzugewinnen, durfte zunächst von dein gesunden Sinne der Bevölkerung erwartet werden, daß diese durch innere Haltlosigkeit sich kennzeichnenden Ausstreuungen ohne wefteres abgewiesen würden. Diese Erwartung erfüllte sich insofern nicht, als in den letzten Tagen Gerüchte jeder Art, gestützt auf angebliche von der Kronprinzessin gegenüber ausländischen Berichterstattern gemachte subjektive Meinungsäußerungen, von viel ge­lesenen sächsischen Tagesblättern übernommen und damft zu einer Verbreitung gebracht worden sind, die im Inter» esse der Wahrheit aufs Schmerzlichste zu bedauern ist. Demgegenüber sei zunächst festgestellt, daß die Verhand­lungen, die zur Berufung Girons führten, nicht durch geistliche Mittelpersonen, sondern auf diplomatischeiu Wege erfolgten, wobei init aller Gründlichkeit versucht wurde, der erteilten Weisung gerecht zu werden, die von dem zu berufenden Lehrer persönliche Vertrauenswürdig­keit und eine gute wissenschaftliche Airsbildung forderte und vorschrieb, daß der zu Berufende zwar ein guter Katholik sein solle, aber kein Jesuit sein dürfe. Der formelle Abschluß des Engagements erfolgte dann durch den Militärgouverueur des Prinzm. Nach den Angaben Girons ist derselbe 1879 in Gent als Sohn eines belgi­schen Kapitäns E im Geniekorps geboren. Ein Bruder seines Vaters war Mitglied des Kassationshofes in Brüssel, ein anderer Direktor im belgischen Ministerium des Innern. Seine Schulbildung erhielt er in Lehr­anstalten, die nach den angestelltm Ermittelungen nicht mrter jesuitischer Leitung stehen. Wenn übrigens der Kronprinzessin Äußerungen in den Mund gelegt werden, in denen sic sich über den Einfluß der Jesuiten am sächsi­schen Hofe beklagte, so genügt es, die Tatsache hervor- zulieben, daß nicht nur nach Paragraph 56 der sächsischen Verfassung Jesuiten iin Lande nicht auszunehmen sind, sondern auch nach landesgesetzlicher, bis in die neueste Zeft streng gehandhabter Vorschrift kein katholischer Gast­licher zu einem Priesteramte in Sachsen berufen oder zu geistlichen Amtshandlungen zugelassen werden darf, der auf einem unter Leitung des Jesuitenordens oder einer diesem Orden verwandten religiösen Genossenschaft stehen­den Seminare seine Vorbildung erlangt hat. Was ins­besondere die jetzt amtierende Hofgeistlichkeit anlangt, so darf derselben ausnahnilos das Zeugnis erteilt werden, daß sie sich jederzeit loyal und tadellos benommen und aller den konfessionellenFrieden störendenHandlrmgen ent­halten hat. Endlich liegt auch nicht der geringste tatsächliche Anhalt vor, der zu der Annahme führen könnte, als sei vom Auslande her jemals eine jesuitische oder verwandte Einwirkung auf die Erziehung der Prinzm bezw. Ein­schränkung der mütterlichen Bestimmungsrechte in dieser Hinsicht versucht worden. •— Der gesamte Elementar­unterricht der Prinzen wurde mit Ausnahme des fremd-

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(17. Fortsetzung.)

Ter Professor brach ab mit dem eitlen Lächeln eines Mannes, der sich der größten Erfolge bei Frauen rühmen darf, es jedoch vermeidet, davon ausführlrch zu sprechm, nur durch jenes Lächeln Alles andentmü, was er ver­schwieg.

Jenny hörte ihm mit atemlosem Interesse zu. Ihre Phmüasie malte sich das kleine Drama lebhaft aus, und sie überlegte unwillkürlich, ob sie in ähnlichmr Fall wohl ebmso gehandelr hätte. Nein, sie konnte sich doch nicht da hineindenken. Ihre nordische Natur wußte nichts von derartigen überraschenden Wendungen und überspannten Empfindungen, aber Lebrnn erschien ihr jetzt als der Held ehemaliger galanter Abentenr in ganz anderm Licht wie zuvor. Freilich lag das weit zurück. Jetzt war er ein ältlicher Mann, der nicht mehr an dergleichen dmken konnte.

Er fuhr nach einer Weile fort, von seinem Aufenthalt m Algerien und seinm Reise durch Egypten zu erzählen, verlor sich offenbar in Erinnerungen und vergaß darüber dm eigentlichen Zweck von Jennys Anwesenheit; und sie war so mittm in den Situationm drin, die er schilderte, da sie ebmfalls nicht mehr daran dachte, nur brennend wünschte, et möge fortiahren, wenn er einm Augenblick inne hielt.

Hier und da stand er ans, holte Bilder, Stoffe und andere Gegenstände herbei, die seine Schilderungen illustrieren sollten, und ihr eines und das andere in die Hand gebend, beugte er sich dicht über sie, um zu er- Nären, so dicht, daß sich sein Arm einmal wie in halber Gedankencckwesercheit um ihre Schultern legte.

Sie richtete sich schnell sehr gerade aus und machte eine Bewegung, als wolle sie sich erheben, so daß er sich

bewogen fühlte, eine lächelnde Entschuldigung zu sagen. Dies geschah in so väterlich heiterem Ton, daß Jenny sich schämte. Was dachte er wohl von ihr, die einer ganz zufälligen Berührung solche Auslegung gab?

„Nicht wahr?" meinte er, gleichmittig weiter- sprechend, „das olles möchten Sie gern auch einmal selbst sehen?"

„Natürlich. Doch wird es wohl ein 'frommer Wunsch bleiben."

„Warum? Man muß nur fest zu wollen verstehen."

„Meine Ersparnisse werden sich schwerlich jemals zu der erforderliche Höhe ansschwingen."

„Das käme doch nur ans Sie selbst an."

Sie wußte nicht, wo das hinanswollte, und es war ihr unbehaglich. In mancher Beziehung blieb sie doch immer noch ein großes Baby. Außerdein kam es ihr nüt einmal zuni Bewußtsein, daß es neun Ühr geworden und ihre fachwissmschastliche Prüfung, van der sie sich so viel versprochen hake, höchst oberflächlich ausge­fallen sei.

„Herr Professor!" rang es sich zögernd von ihren Lippen. „Was Sie erzählen, hat mich ja unendlich interessiert, und ich bin Ihnen den größten Dank für diese angenehmen Stunden schuldig, -— aber, — Sie wissen doch nun eigentlich noch gar nicht, woran Sie mit mir sind, und auf welchem Punkt meme Kenntnisse stehen."

„Sie trauen mir wenig Scharfblick zu. Wes Geistes Kind Sie sind, das habe ich vorhin schon aus ihren knappen genauen Antworten ersehen. Jetzt passen Sie auf: ich gebe Ihnen zwei Werke mft, erneu Band des Lehr- und Handbuchs von Regnault-Strecker und einen Band Berthelot: „La synth&se chimiqne", letzteren

sogar in guter deutscher Übersetzung. Studieren Sie die von mir angezeichneten Abschnitte, denn bei unserm nächsten Zusammensein werde ich Sie genau darüber examinieren. Wir stellen dann gemeinschaftlich in meinem

Laboratorium die praktische Probe aufs Exempel an. Der angehende Berufschemiker darf nichts auf Treu und Glauben hinnehmen, sondern muß die Berechnung aus eigner Anschauung machen können."

Er holte die betreffenden Bücher ans seiner Bibliothek hervor, und Jenny dankte eifrig.

„Übrigens", fuhr er fort, „werde ich Ihnen meine persönlichen Erfahrungen nicht vorenthalten. Ich schmeichle mir, verschiedene Entdeckungen und neue Ver- fahren, von denen jene alte Herren nichts wußten, der Welt zugänglich gemacht zu haben. Die werden Ihnen dann als Ergänzung dienen. Ich lege Ihnen auch Lavoisier ans Herz, weil die Prüfungskommission, vor der Sie Ihr Examen abzulegen haben, gern von ihm ihren Ausgangspunkt nimmt, will Jhncm ferner einen Vortrag hervorsüchen, der von mir im verflossenen Jahre gehalten wurde und die Quintessenz der Forschun­gen unseres großen Chemikers zusammenfaßt."

„lind wann soll ich wiederkommen?"

„Ja so!" — Lebrnn strich überlegend mit der Hand den rötlichen Spitzbart. — „Kommen Sie übermorgen zur nämlichen Stunde wie heute."

„Ich bitte um Entschuldigung, aber wäre es nicht besser, ich käme eine Stunde später, um nickt wieder zu stören?"

„Ich versichere nochmals, daß Ihre Gegenwart bei meinem T-rner mir ein besonderer Genuß war. In­dessen, wie Sie Nullen. Von halb acht bis neun oder auch länger stehe ich ganz zu Ihrer Verfügung. Sie dürfen bte Mühe nicht scheuen, selbst wenn Ihnen die Stunden unbequem sind. Ich bin vorher zu beschäftigt lind ehe ich es vergesse in der Frühe zwischen neun und zehn finden Sie mich stets im Laboratorium und zu praktischen Lehrversuchen bereit. -Später bin ich dann durch meine Berufstätigkeit in Anspruch genommen."

Sie war glücklich, daß nun wirklich ein Anfang ge­macht wurde. Ter Professor begleitete sie auf den Vor-