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§ftf« IT* verlazS-Fernsprecher No. 2953. SülUttltf , bftl 11« RedaktionS-Fernsprechcr N». 52. 1903«
Morgen-Ausgabe.
Politische Krbrrsicht.
Fn der nächsten Woche erreicht die kurze parlamentarische Ruhepause, die uns nach den heißen Kämpfen um den Zolltarif beschieden war, ihr Ende und die parlamentarische Saison, die uns freilich nicht mehr viel Überraschungen bringen wird und verhältnismäßig ruhig verlaufen dürfte, nimmt wieder ihren Fortgang. Am Dienstag tritt der Reichstag wieder zusammen, um den ziemlich knapp bemessenM Rest seines Arbeitspensums zu erledigen. Und gleichzeitig beginnt auch die Session des preußischen Landtags, die ebenso wie die des Reichs- tags dt« letzte der Legrslaturperwde ist. Der Landtag wird sich diesmal, so viel bisher bekannt, nur mit Ausgaben sekundären und tertiären Ranges zu beschäftigen haben; vor allem ist di« große Kanalvorlage abermals aus „bessere Zeiten" verschoben worden. Sowohl im Reichstag wie im Preußischen Landtag arbeitet man mit Rücksicht aus die kommenden Nemvahlen aus einen möglichst frühzeitigen Schluß der Tagung hin.
Ist die Tagesordnung der Parlamente, so weit sie bisüer bekannt geworden ist, von Sensationen frei, so ist doch trotzdem in dieser bewegten Zeit an Sensationen kein Mangel. Hierfür sorgt schon allein die Affäre der KrvnprinKessin Luis«, in der fortwährend neue Über- raschungen auf die Tagesordnung kommen. Die Kronprinzessin Luise, die ja lange geschwiegen hatte und manches in ihrem Herzen angesammelt haben mochte, hat jetzt zahlreichen Interviewern gegenüber aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht und über die Vor- gänge am sächsischen Hofe mancherlei erzählt, was sensationelles Aufsehen erregt hat. Es ist sehr schwer, hier die Anklagen vom Tatbestand, Wahres vom Falschen zu sondern. Jedenfalls wird man sich aber, bis die kronprinzliche Ehetragödie mit der Trennung des krönst rinzlichen Paares und vielleicht mit der Vereinigung von Giron und Luise endet, noch aus mancherlei Überraschungen gefaßt machen müssen.
In ruhigerem Tempo wickelt sich die Liebesaffäre des Bruders '»er Kronprinzessin Luise, des Erzherzogs Leopold Ferdinand, ab, die allem Anschein nach nicht als bürgerlich-romarltisches Trauerspiel, sondern als bürger- liches Schauspiel, nämlich mit der Liebesheirat des Ex- erzherzogs und seiner Auserwählten, der Schauspielerin Adamovrc, enden wird. Im übrigen drängen sich die politischen Ereignisse in Österreich zur Zeit derart, daß sich dis öffentliche Aufmerksamkeit schon von jener sensationellen Affäre, wie sie ja übrigens in Österreich keineswegs unerhört ist, abzutvenden beginnt. Der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn ist zwar
zwischen den beiden Regierungen mit Hängen und Würgen zu stände gebracht worden, aber die parlamentarische Erledigung des Ausgleichs steht noch aus. Dieser stellt sich die von den Tschechen angedrohte Ob- struktion gegenüber, und andererseits sind die Chancen des zwischen Deutschen und Tschechen angebahnten Ausgleichs bisher verschwindend gering.
Auf dem Wege eines Ausgleichs, und zwar eines Ausgleichs mit seinem ältesten Bruder, hat auch der Sultan von Marokko Abdul Aziz seine Herrschaft gegenüber dem Kronprätendenten Bu Hamara gesichert. Abdul Aziz hatte sich in seinen Sorgen des alteren Bruders Muley Muhammed, über dessen Kopf hmweg er zur Thronfolge gelangt war, erinnert, und dieser scheint ihm in der Tat die Kastanien ans dem Feuer geholt zu haben. Über die günstige Wendung in Marokko ist man besonders in Spanien erfreut, wo man im Grunde des Herzens befürchtete, daß Frankreich und England die Gelegenhest benutzen könnten, in Marokko im Trüben zu fischen. In die Freude über die günstigeren Nachrichten aus Marokko mischte sich in Spanien die Trauer über den Tod des greisen Sagasta, dem freilich in ferner politischen Laufbahn wenig Erfolge beschieden gewesen sind.
Während von den derzeit schwebenden internationalen Fragen die marokkanische und ebenso die macedonische em beruhigenderes Aussehen aufweisen, will die Erledigung der venezolanischen Frage noch immer nicht vorwärts kommen. Mit ermüdender Langsamkest schleppen sich die Verhandlungen zwischen den Mächten und dem noch immer nicht völlig zahm gewordenen Präsidenten Castro hin, und es wird noch geraume Zeit vergehen, -bis ine venezolanische Affäre sich ihrer schiedsgerichtlichen Erledigung nähert. Vielleicht wird es sich auch noch nötig erweisen, Herrn Castro, der es nicht eilig zu haben scheint, etwas Dampf zu machen. Unterdeß beschäftigen sich beide Parteien in Venezuela, die Regierungspartei und die Aufständischen, damit, Siegesnachrichten über Schlmhten zu fabrizieren, in denen immer beide Parteien siegen.
Der in China ausgebrochene Konflikt dürfte schneller und leichter erledigt werden. China weigert sich, ent- gegen den getroffenen Abmachungen, die Entschädigungszahlungen in Gold zu leisten, aber diese Weigerung wird rhm nichts nützen. Der Bim muß! . . » Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!
Zur Ueichslagsumhl 1903.
über Wahlvorbereitungen der CentrumSpartei in Naffau entnehmen wir einer Korrespondenz der „Köln. Volksztg." unter anderem folgendes. Im Wahlkreise Höchst hat am 28. Dezember 1902 „eine zahlreich besuchte Bertrauensmänner-Versammlung die Gründung eines allgemeinen Centrumswahlvereins beschlossen und einen
Vorstand aus zehn Herren gewählt. Einstimmig sprach man dem bisherigen Vertreter Müller volles Vertrauen aus und faßte ebenso einmütig eine Resolutton, Herrn Müller zu bitten, sich in Anbetracht der so schwierigen Berhältnifle zur Wiederannahme der Kandidatur bewegen zu lasten. Zweifellos wird die Organisation in wenigen Wochen bis zum letzten Dorfe ausgebaut sein. Kommt das Centrum wieder in die Sttchwahl, was mit Müller wahrscheinlich ist, so werden die Nattonalliveralen ebenso einmütig wie 1898 ihm in der Sttchwahl ihre Stimme wieder zuwenden. Freilich dürfte die Sozialdemokratie nicht zurückgegangen sein? wenn die Frei- sinnigen teilweise sich auf ihre Seite schlagen, so werde» wenige Stimmen den Ausschlag geben."
In demselben Artikel wird ausgeführt, daß die Centrumswahl in Limburg-Diez 1898 als Gelegenheitserfolg anzusehen sei und 1903 sehr in Frage stehe. Den beiden eventuellen Verlusten der Centrumspartei in Höchst und Limburg könne unter Umständen ein Gewinn in Wiesbaben-Rheingau gegenübertreten. Hier könne eine leichte Verschiebung das Centrum an Stelle der Freisinnigen Volkspartei in die Sttchwahl bringen. Das Centrum sei äußerst tätig? im Dezember 1902 hätten drei Vertrauensmänner - Versammlungen zu Wiesbaden, Eltville und Rüdesheim stattgefunden.
Diese Notiz dürfte jedem Wähler des hiesigen Wahlkreises zu denken geben, wenn er sich das Resultat der letzten Wahl ins Gedächtnis zurückruft.
Es fielen Stimmen auf:
Quarck (Soziald.) 9500, Crüger (freisinn. Dolksp.) 6400, Fuchs (Centrum) 5826, Bartling (national!.) 5452, Hatzmann (Bund der Landwirte und nattonall.) 944.
Auf Dr. Crüger fielen somit 948 Stimmen mehr als auf Bartling, 5456 mehr als auf Hatzmann oder, da Bartling wie Hatzmann beide der nationalliberalcn Partei angehören, 6 Sttmmen mehr als auf beide zu- fammen, 574 Sttmmen mehr als auf den Centrums- Kandidaten Fuchs und 8100 Stimmen weniger als! auf Quarck. — Die nationalliberale Partei hatte erst ca. 4 Wochen, der Bund der Landwirte erst 3 Tage vor dem Wahltage einen eigenen Kandidaten aufgestellt, sonst würde sich das Wahlbild wohl noch etwas verschoben haben, vermutlich zu Gunsten Hatzmanns. — Inzwischen hat der Bund der Landwirte zwar auf dem Lands manchen neuen Anhänger gewonnen, andererfetts aber dürfte auch, nachdem der Zolltarif angenommen und somit ein Hauptwnnsch der Landwirtschaft erreicht, sich unsere nassauischen Bauern aber wohl kaum dauernd zu Schleppenträgern der Großgrundbesitzer des Ostens! oder des Centrums machen wollen, wieder eine Abwanderung ursprünglich entschieden liberaler nastauischer Landwirte nach links stattfinden. Die nationalliberale Partei, die vor der Ersatzwahl keine Organisatton besaß, hat sich inzwischen festere Organisatton gegeben und dürfte kräftiger auf dem Plan erscheinen.
Die Hoffnung des Centrums, durch die Zersplitterung der Sttmmen der anderen Parteien
FemUrton.
Wmterlngr am Ml.
Bon vr. Alex Sooft.
Wenn der Winter in unseren Breiten seinen Einzug gehalten hat, richten wir wohl verlangend unsere Blicke nach jenen Ländern, die in dem Glücke eines sogenannten „ewigen Frühlings" schwelgen, und beneiden im Sttllen jene bevorzugten Menschenkinder, die nun frohgemut ihr Bündel schnüren, um unter jenen beglückten Breiten dem heimischen Winter den Rücken zu kehren. Egypten, das ehrwürdige Land der Pharaonen, erfreut sich vor allem dieses beneidenswerten Rufes, und Italien mit seinen beiden Rivieren ist für „Winterfrischler" unserer fortgeschrittenen Zeit fast ein veralteter und überwundener Standpunkt. Wenn wir unter „Winter" wistenfchaftlich jene Jahreszeit verstehen, in welcher infolge atmosphärischer, besonders klimatischer Einflüsse sich eine allmähliche Stockung der Säfte und endlicher Sttllstanb im Pflanzen, leben bemerkbar macht, so liegt zu Tage, daß das gesegnete Nilland kaum von einem eigentlichen „Winter reden darf. Denn infolge seiner geographischen Breite genießt es vor allem den unschätzbaren Vorteil, daß eine Temperaturabnahme in dem erforderlichen Grade überhaupt nicht eintreten kann, ganz zu schweigen von der bedeutenden Wärmezufuhr aus den unendlichen benachbarten Wüstenflächen, den natürlichen Wärmebehältern unseres Planeten, und der maritimen Lage Egyptens. Wenn wir gleichwohl von einem egypttschen „Winter" reden, so geschieht es wohl hauptsächlich darum, weil die darunter verstandene Jahreszeit sich annähernd mit unserem Winter deckt. Im voraus möge aber zugleich bemerkt werden, daß hierin auch die markanteste Ähnlichkeit dieses sogenannten Sinters" mit dem unsrigen liegt. Denn der egypttsche „Winter", der mit Ausschluß von etwa vier Wochen (Januar bis Februar) annähernd vom Dezember bis März währt, gehört zu den köstlichsten Jahreszeiten, die überhaupt einem irdischen Lande beschieden sein können, und sein einziger Nachteil ist seine nur allzukurze Dauer.
Etwa um Mitte Dezember treten als erste Vorboten des Winters außergewöhnlich dichte Morgennebel aus, die nicht selten so intensiv sich gestalten, baß erst die Strahlen der Mittagssonne sie zu scheuchen vermögen. Natürlich ist zugleich der Feuchttgkeitsgehalt der sonst so beispiellos trocknen, kristallklaren Lust ein bedeutend hoher, 60 bis 70 pCt. Zum guten Teil erklären sich diese Naturerscheinungen daraus, daß die befruchtenden Fluren des Nilstromes vor kurzem erst in ihr altgewohntes Bett zurückgetreten sind und nun den überaus fruchtbaren Schlamm auf den weiten Flächen ringsum abgesetzt haben, während der heilige Strom selbst gerade jetzt in Ehrfurcht gebietender Majestät sein Land durchflutet. Zu diesen Niederschlägen gesellt sich als weiteres Merkmal des hiesigen „Winters" der Regen. Der Leser wolle zu- nächst nicht außer acht lassen, daß Egypten zur sogenannten „regenfreien Zone" gehört, b. h. regelmäßig wieder- kehrende Regenperioden, wie sie z. B. die Äquatorialgegenden besitzen, nicht kennt. Gleichwohl fehlt cs auch hier an solchen Niederschlägen nicht, ja, dieselben bilden das charakteristische Merkmal des „Winters". In neuester Zeit hat man vielfach eine nicht unerhebliche Zunahme der Regentage beobachtet und diese auffällige Tatsache auf die allerdings sehr reiche Vaumbcpflanzung zurückführen wollen, die seit dem Vorgang des verdienstvollen Garten- direktors Barillet (f 1874) zum System geworden ist.
Ich habe während meines letzten einjährigen Aufenthaltes im Nillanöe nicht weniger als fünfzehn Regentage, eine ganz ungewöhnlich hohe Zahl, nottert, von denen drei in den Monat Dezember, sechs in den Januar, drei in den Februar, zwei in den März und einer in den April sielen. Und was die Menge des gefallenen Regens, sowie die Zeitdauer eines egypttschen Regengusses betrifft, so genüge die Bemerkung, daß von einem eigentlichen „Gusse" insofern kaum die Rede sein kann, als cs sich nur um tropfenweise sich bemerkbar machende, vorübergehende Schauer handelt, die selten länger als eine Stunde an- halten, soöaß der Ausdruck „Regentag" stark übertrieben ist. Freilich genügt auch schon das geringste Quantum des gefallenen Regens, um binnen kurzem die meist un- gepflasterten Straßen und Plätze in ein unpassierbares Kotmeer zu verwandeln, daß oft tagelang die Straße
für den Fußverkehr unzugänglich bleibt. Mit den sich einstellenden Regenschauern geht als weiteres Merkmal des egypttschen „Winters" eine auffällige Temperaturabnahme Hand in Hand, die ja übrigens auch nach nnse- ren Begriffen das Kennzeichen eines echten, rechten Winters ist. Während das Jahresmittel für Kairo + 21 Grad Celsius beträgt und das hundertteilige Thermometer als höchsten Stand bis + 15 Grad Celsius im Schatten aufweist, so wird der egypttsche „Winter" etwa + 15 Grad Celsius Durchschnittstemperatur besitzen. Das ist natürlich ein überaus günstiges Mittel, wenn man erwägt, daß der Morgen im Durchschnitt -ft 8 bis 16 Grad Celsius aufweist und das Quecksilber um die Mittagszeit sich selten über -ft 20 Grad Celsius erhebt. Allerdings wollen wir bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lasten, daß, je weiter wir in das Binnenland Vordringen, das Quecksilber naturgemäß größeren Schwankungen unterworfen ist, als an der Meeresküste.
So hat z. B. Alexandrien nie so ttefe und so hoh« Temperaturen wie Kairo, wo ich morgens einmal, kurz vor Sonnenaufgang, nur -ft 2 Grad Celsius beobachtet« und Tage mit einer Durchschnittstemperatur von -ft 10 bis 12 Grad Celsius auch nicht zu den Seltenheiten ge- hören. Was aber diese Temperaturen für den Etnheimi- scheu, der an ein in der Hauptsache gemäßigt warmes und sich gleich bleibendes Klima gewöhnt ist, bedeuten, lehrt uns bald ein flüchttger Blick auf die menschenleeren Straßen, die sonst den Schauplatz regsten Lebens bilden, während jetzt nur dann und wann ein Eingeborener, über den luftigen Kaftan einen dunklen Tuchrock europäischen Schnittes tragend, den Turban auf dem Haupte, dicht mit einem buntfarbigen Tuche umwunden, gespenstergleich und zitternd vor Frost an der Häuserfront vorüberhuscht. Aber auch der Fremde, namentlich der Nord- und Mittel- europäer, fühlt sich bei solcher Temperatur äußerst unbehaglich, zumal da die meisten Nilreisenden infolge ihrer mangelhaften Kenntnis der taffächlichen Verhältnisse es unterlassen, sich mit wärmenden Winterkleidern zu versorgen. Denn wir dürfen nicht außer acht lassen, daß die besseren Wohnungen in Egypten durchgängig weite und hohe Räume besitzen, deren Fußboden in den meisten Fällen aus Steinplatten besteht, über die Strohmatten
