I Beilage Mm Wirsbaüener Tagblatt.
Ko. 17. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 11. Januar.
31. Jahrgang. 1903.
ri
In der Natur flieht es ein Einfacheres und Complicirtere«,
«in unter den momentan «««ebenen Verhältnissen Stärkere» und Schwächere», aber kein Höhere» und Niederes: letzteres ist doch immer »nr die Eitelkeitsempfindunfl de» Menschen, sich al» da» höchste Geschaffene zu nehmen und da» al» das .Höhere zu bezeichnen. wa« ihm nahe steht.
Theod. Billroth. |£
( 28 . Fortsetzuns.)
Momem von Iba vozp-E».
Demwch — sich opfern, sich opfern, wenn auch nutzlos! Der eine gräßlich« Vorwurf konnte ihn dann nie von deS armen Kindes Lippm treffen, daß er nicht das Lleußerste gethmi. die Eltern vor Ruin und Selbstmord KU bewahren.
Die schwere Stunde fand Albert schwach. Er hatte sich gedacht, unerbittlich das kalte Nein sprechen zu können, das Verstand und Gerechtigkeit von ihm forderten. Er wußte, daß er auch den Gläubigern seines Bruders besser diente, wenn er nach der Katastrophe diesem zu neuem Wohlstand allmählich verhaft. Aber nun befiel es ihn feige, und er hatte nicht den Much, die Katastrophe herbeizuführen.
will Dir helfen', sagte er mühsam, sich um- tvendend, „dreimalhunderttausend schaffen sein.'
Mit einem Jubellmrt stürzte Gustav auf den Bruder pr und siel chm um den Hals.
„Nein", sagte da eine altersheisere Sfimme, und Bach erhob sich, beide Fäuste auf das Tischchen vor ihm stemmend, „rretu, wir werden nicht helfen, weil Hilfe un- möglich ist. Wir werden keinen Heller hinein thun in diese ganz und gar faule Sache. Ich will es nicht."
Beide Brüder starrten den Alten sprachlos an. Der sah «ms seinen tiefen Augen nicht Gustav, sondern Albert eindringlich ins Gesicht und fuhr fort:
„Die Herren wundern sich, daß ich auf mein Recht Ja, Herr Albert, es steht in unserem Kontrakt,
Maü weroen zu
Äe haben ohne meine Zustimmung, wie ich nicht ohne die Ihre, unserem Geschäft kein Geld zu entziehen. Jed- wede Uebernahme auch der kleinsten Schuldtitel aus Herrn Gustavs Masse verweigere ich. Wenn Ihnen dies mein Vorgehen nicht gefällt. Herr Albert, können Sie liqui- Aren und mich heraussetzen; aber bis das geschchen sein wird, ist Herr Gustav längst fällst."
»Dachl" ries Albert mahnend, während Gustav er- Kckchend in den nächsten Sessel fiel.
»Äch weiß, was ich thue und warum ich'» ihr«, und WM» der selige Herr Papa hier gegenwärtig wäre, würde « mst , zunicken und sagen: „Recht so. Bach, recht so!" erwiderte Dach auf den Anruf.
begriff ihn: jener hatte die Stärke, die ihm fchlts. Er streckte ihm beste Hände hin.
„Aber es ist hart und gewagt. Mer!" murmelte er.
„Das ist Ihre Anhänglichkeit, das Ihr Dank dem Hause Mesmer!" rief Gustav jammernd.
„Jawohl, das ist er", sagte Bach nachdrücklich; „und weiter rst heute Abend wohl nichts mehr zu machen.
Empfehle mich, meine Herren, wünsche gehorsamst angenehme Ruhe!"
Er ging mit seinen langsamen, schlurrenden Schritten davon, als ob hier ein ganz alltägliches Geschäft abge- macht worden wäre.
Gustav verbarg aufstöhnend sein Gesicht in den Händett, Albert ging lange, heftig ausschreitend, auf um» ab.
steht wester, der Alte", sagte er zuletzt, vor dem Bruder stehen bleibend, „und er hat recht. Nur ein künstliches und nothdürftiges Ueberwasserhalten wäre die Hstfe Dir geworden; vielleicht hätte uns dann Beste sehr bald Dem leckes Schiff hinabgezogen. So bleiben meine Kräfte uns erhalten. Der Verlust der Hälfte meines Vermögens wird mich davor bewahren, daß man mir Eigennutz vorwirst. Mir bleibt gmug, um Dir und den Deinen nachher von Nutzen zu sein, um Dir in meinem Comptoir eine Stellung zu bieten, damit wir dänn vereint weiterstreben können. Denn ich hoffe von Herzen, daß. wenn Dein Unternehmungsgeist meiner Vorsicht zur Seite steht, wir noch viel erreichen werden."
Gustav nahm die Hand seines Bruders und legte seine Stirn gegen dieselbe. Er versuchte sich zu sammeln; er konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Gehe zu Agnes", sprach Albert liebevoll, „theile ihr sofort die Wahrheit im ganzen Umfang mit. Beschönige nichts; laß sie ganz erkennen, was ihrer wartet. Viel- lcicht wird der große Schmerz das Best der Wiedergeburt für sie, vielleicht erhebt sie sich zu ungeahnter Kraft und Würde. Das Unglück, das sie selbst mit verschuldet hat, kann sie so gräßlich nicht wessen wie ein unverschuldetes; der Gedanke, daß sie etwas gut zu machen hat, wird sie erheben. Und dann — bewache fiel Laß nicht die Verzweiflung Gewaü über ihr Gemüth gewinnen."
Gustav erhob sein Geficht. In seinen Angen standen Thränen.
„Allein habe ich nicht den Muth, Albert; willst Du
mich begleiten?"
Albert nickte; er sah nach der Uhr — es war halb zehn. Er zog Gustav den Paletot an, als sei jener ein kleines Kind; er löschte die Lampen und führte denBruder an der Hand hinaus. Schweigend saßen sie zusammen im Wagen. Gustavs Phantasie regte sich schon wieder, er dachte voraus, er malte sich das Leben und die Arbeit künftiger Tage vor, er saß schon bei Albert im Comptoir und — seltsam — im Augenblick, da durch des Bruders Verheißung die erste gräßliche Sorge und Noth schon be- seiftgt war, wurde der Sanguiniker in ihm wach; er sah sich schon wieder emporsteigen und fühlte sich in dem neuen Gewinn leichter und froher, weil er nicht auf schwindelnden Brücken erbaut war.
Aber Albert hastete noch ganz cm der tödilich ernsten Gegenwart. Er bebte vor der Schnmch, die alte, Väter- liche Firma stürzen zu scheu; er zitterte für die Frauen und malte sich miS, wie es für Agnes sein müsse, das Haus zu verlassen, ihre kostbare Einrichtung unter dem Hammer zu sehen, ihrer Kleider, ihrer Diamanten beraubt zu werden. Niemals hatte sein Herz für Agnes brüderlich geschlagen, in dieser Stunde der Sorge und des Mit- leids schien es ihm, als liebe er sie.
Die Frauen hatten einen unerquicklichen Tag ver- bracht. Olga bereute auf das heftigste, am Slbend zuvor nicht mst ins Theater gegangen zu sein, und doch — als sich um die Besuchszeit Hellwang abermals melden ließ, wies sie ihn ab unter dem Vorgeben, daß sie Kopfschmerzen
habe. Dann stand sie hinter den Fenstergardinen und schaute ihm sehnsüchtig nach.
Agnes war den ganzen Tag von ihrer Migräne geplagt. die sich stets einstellte, wenn keine Unterhaltung in Aussicht war, wenn weder eine Einladung oder ein Theaterbesuch in Frage kam. Diese Migräne gab ihr dann das Recht, auf der Chaiselongue zu liegen. Niemand außer der lmstlos austretenden Klementine ins Zimmer zu lassen und den ganzen Tag schlüpfrige Roman« |U lesen.
Daß Gustav sich den ganzen Tag nicht sehen ließ, wunderte weder Olga noch Agnes; es kam oft genug, vor. Me unangenhmen Gedanken an den heuttgen Tag — an Ultimo — die ihr zuweilen durch den Kops huschten, vergaß Agnes über der auftegenden Handlung des Romans.
Erst gegen Abend, als die Lektüre beendet war, schalt sie über Gustavs rücksichtsloses Benehmen und sagte, daß man nicht mit dem Abendessen auf ihn warten wolle. Hansi wünschte seiner Mama gute Nacht zu sagen, aber Agnes klagte, daß das Kind immer so laut sei, so ging es denn ohne den Musterkuß schlafen,
Agnes und Olga speisten zusammen. Agnes erging sich in bitteren Vorwürfen über das unbegreifliche Benehmen Olgas gegen Hellwang, Olga erwiderte scharf, und sie waren im besten Streit, als ein Wagen vorfichr und ein Kutschenschlag hefttg zugeworfen wurde.
„Gustav!" sagte Agnes.
„Wllhelm muß noch ein Gedeck auflegen!" rief Olga
und estte schon zum Klingelzug.
„Ach. der wird schon irgendwo gegessen haben."
Da that sich die Thür auf.
„Albert auch!" sagte Olga erglühend.
Agnes erhob sich, die ein« .Hand auf den Tisch ge- stützt, sah sie mst vorgeneigtem Leib den beiden Männern entgegen. Sie sah — da kam ein Unheil! Albert war leichenblaß, Gustav sab aus wie ein Junge, der dummes Zeug gemackst hat und hier die Strafe empfangen soll.
„Was ist's?" fragte sie mit heiserer Sfimme. „Ich sehe Euch's an — heraus nur. heraus nur schnell! Ultimo ist übel für Gustav ausgefallen?"
Gustav nickte und ging auf AgneS zu.
„Liebes Kind", sagte er. seinen Arm um ihre Taille legend, „nimm all Deinen Muth zusammen für das, waS Ml nun . . ."
Sie sfieß ihn von sich.
„Sprechen Sie, Albert! Keine Vorbereitungen; kosten Sie den Moment aus. auf den Sie sich gewiß schon lang« fteuten!" rief sie höhnend.
„Agnes!" schrie Olga empört auf.
Durch ihren Hohn aus seiner ganzen Mttlckd». stimmung gerissen, sprach Albert mit scharfer Stimme: „Nun denn — Gustav ist bankrott!"
Agnes lachte gellend.
„Und nun beginnt eine Erntezeit für Sie! DK Vcotz- muth, mit der Sie Gustavs Fallisement verhindern, werden wir durch zahllose Demüthigungen zu bezahlen haben. Wohlan — ich bin seit Langem darauf gefaßt; verkaufen Sie meine Pferde, ich kann auch in Droschken zweiter Klasse fahren; jagen Sie Wilhelm aus dem Hause, ich werde mich inst Klemenfinens Aufwartung begnügen; verbieten Sie mir zu reisen, ich werde auch ohne Ostend» leben."
(Fortsetzung folgt.)
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Männer - Turnverein.
Sonntag, 1«. Jan. r 2. Winter » Turn« ,fahrt über Soden— Falkenstein—Fnchrtan, Feldberg — Glashütten Schloßborn—Niedernhausen. Abfahrt 6 M TaunuSbahnhof.Rund- fahrkarte Höchst—Soden—Niedernhausen—Wiesbaden. Nichtmitglieder sind willkommen. Liederbücher mitbringen. Der Borstand. F445
Zither-Verein.
Sonntag, den 11. Februar 1903, Nachmittags 4 Uhr, in der Männer-Turnhalle,
Platterstraßc:
Tmsz-Kränzchen,
verbunden mit Humorist. Unterhaltung un» Zither-Vorträgen. Freunde und Gönner sind willkommen. Besondere Einladungen ergehen nicht.
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