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«Der Roman, i

i«-.-l Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts. >- - ^

Nr. 186.

Donnerstag» 12. Nugust.

1915.

(28. Fortsetzung.)

Zrau kldas Töchter.

< Nachdruck verboten.)

Roman von Emma Haushofer-Merk.

Am nächsten Tage erschien ein Telegramm, das ausführlicher über den Erkundungsrrtt bei Hamafari berichtete, dem Oberleutnant v. Fahrenstein Zum Opfer gefallen war. Die Bekannten und Freunde hielten sich zurück mit den Äußerungen der Teilnahme. Man war offenbar in Verlegenheit, wie man sich der jungen Frau gegenüber, von deren Scheidung die Rode gewesen, zu verhalten habe. Nur Dr. Robertus bekam einige Briefe und Dr. Dornberg, dem Felicitas ja anvertraut hatte, wie sie sich nach einer Versöhnung söhnte, kam von Marienbad hergefahren, um ihr die Hand zu drücken.

In all dem Jammer um die Schwester fühlte Olly doch eine heiße Freude, daß er sich so zur Familie rech­nete, daß wieder ein festes Bund zwischen ihm und den Ihren bestand und er schien in der gedänrpsten Stim­mung, die im Hause herrschte, herzlicher, wärmer als sonst.

Aber seine Zeit war wieder bemessen. Wie der Blitz tauchte er auf, in einer beständigen Hetzjagd jagte er von München nach Garmisch, und dann wieder zu­rück an die böhmische Grenze.

In diesem rastlosen Leben war wohl kein Raum mehr für die zarteren, leiseren Stimmen der Liebe.

Olly blieb nichts übrig, als sich in die Arbeit zu vertiefen, ihre heimliche Sehnsucht den Menschen, von denen sie in ihren Novellen erzählte, in den Mund zu legen und ihre eigenen heißen Wünsche zu vergessen. Wer die Leidenschaft, die sie empfand, hatte sie gereift und ihre letzte Arbeit wirkte doch stärker, ging weniger unbemerkt vorüber als das Erstlingswerk, das sie noch mit kühlem, unberührtem Herzen geschrieben hatte.

Der Vater hätte dringend gewünscht, daß Felicitas für einige Wochen frische Wald- und Bergluft genossen und in einer schönen Natur den einzigen möglichen Trost gefunden hätte. Wer sie war nicht von der Stadt loszureißen. Täglich ging sie auf den Friedhof an das Grab ihres Kindes. Da fühlte sie sich Walter am nächsten und da er so fern von ihr in die Ende gebettet worden, wollte sie an dem kleinen Hügel weinen um ihn und um ihr verlorenes Glück.

Sie meinte auf diesen Wegen hinabgestiegen zu sein in den Wgrund der Schmerzen und doch kam noch wilderes, marterndes Weh über sie: Von allem, was er brühen besessen, was er zuletzt in Händen gehabt, wurde ja nichts ihr Eigentum, so sehnlichst sie sich ein An­denken wünschte. Sein Besitz war an seine Eltern ge­schickt worden, die in tiefem Groll gegen sie nicht daran dachten, diese traurigen Erinnerungen mit ihr zu teilen. Nur ein in ein Kuvert eingeschlossenes Buch wurde ihr ohne Begteitwort zugosendet. Darauf stand in seiner festen, gleichmäßigen Schrift:Im Falle meines Todes an Felicitas von Fahrenstein zu geben."

Es war ein Tagebuch, das er auf der Reise und drüben in der Fremde ausgezeichnet hatte.

O diese Worte, die ein Toter göschrieben, wie sie sich gleich feurigen Lettern in ihr Herz brannten, wie sie

bei diesem Einblick in seine Seele immer tiefer und tiefer sank vor sich selber! Reue! Reue! Reue über ein Unrecht, auf das der Tod seinen Stempel gedrückt, Rone, für die es keine LÄhne mehr gibt, nie wieder, m Zeit und Ewigkeit! Es sind die Qualen, die der Ver­dammte leidet, es ist das Martyrium der Hölle.

Und doch zog es sie immer wieder hin zu dem Buch, aus dem sie ihr Urteil las. aus dom ihr eine so tiefe, schmerzliche Liebe redete, doch zwang es sie immer wie­der, sich das Messer in die Brust zu stoßen und die Strafe zu leiden.

Nächtelang saß sie wach und las und las:

3. August. An Bord desEntrerios". Ich schaue hinaus aus das Meer und sehe, wie die Wellen an daL Schiff braiiden und so gleichmäßig, wie sie heranwallen und dann in weißem Gischt zerstieben, gehen die Ge­danken auf und ab: War es denn möglich, daß sie mich verraten hat? Ich selbst gehörte ihr doch so ganz.mit Leib und Seele. So fest habe ich geglaubt an ihre Treue wie an das Licht der Sonne! Und dennoch, dennoch falsch! Zerbrochen ein Menschenglück, wie ein Kind sein Spielzeug zuschanden nracht in einem blinden Verlangen, zu zerstören.

Wbabis, 10. Oktober. Draußen rauscht der.Tropen­regen nieder. Schlafen! Ja, wer nur fest einichlasen und alles vergessen könnte! Aber plötzlich fahre ich auf und erinnere mich an das Furchtbare, was sie mir an­getan hat. Dann überkommt mich eine rasende Sehn­sucht, ihr eimiimal noch in die Alleen zu sehen und zu ergründen, welche Rätsel in solchem Frauenherzen schlummern, das uns so selig und so namenlos elend machen kann! Elend, elend hat sie mich gemacht!

Okahandja, 24. Oktober. Mir träumte von ihr. Sie war lieb »ich saß auf meinen Knien lvie einst, nnd schlang die Arme um meinen Hals. Und im Traum, da konnte ich ihr sagen, wie gut ich ihr bin. Hätte ich es doch im Loben getan! Viel zu stumm bin ich ge­wesen! Ich weiß es, Fe! Wenn du es gewußt hättest, was du mir bist > du wärst mir treu geblieben. Aber ich bin ein stiller Mensch und habe wenig Worte gehabt l

Windhuk, 17. Dezember. In glühender Hitze denke ich oft an das kühle Waldrauschen in der Heimat und denn steigt aus der Erinnerung immer jener schöne stille Wog in der Valepp empor, wo wir Arm in Arm gingen, im Herbstsonnenschein, aber im Mai unserer Liebe. Damals hielten wir das Glück, das uns nun fortgeglitten ist auf Nimmerwioderkahr. Vielleicht sehnst auch du dich zurück an jenen Waldfleck, nach der reinen warmen Stimmung, in der du mein geworden, nach der mondhellen Nacht, in der ich es dir sagte, zum ersten Male, daß ich dich lieb habe.

Windhuk, 24. Dezember. Ich kann nicht summmen sein mit den andern! Freilich besser wäre mir's, ich tränke Punsch und betäubte mich, bis ich schlaftrunken in die Kissen falle. Besser als die tollen Träume, denen ich nachbänge, die schlimmer an mir zehren als Alkohol und Opium es könnten. Ich male mir aus, wie eS sein