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Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 15. Morgen-Ausgabe.

Samstag, den 10. Januar.

51. Jahrgang. 1903.

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* _ Kut febtn zu können — in die Welten der Natur, der Menschen und der Kunst — und gut lesen zu können, das « sind die zwcl großen Ziele, denen die Erziehung de» Hauses i» L wie der Schule zusteuern soll. Wenn das Kind das vermag, » ^ kann e» fast alles Andere selbst lernen. £

Ellen Key. £

(Da» Jahrhundert de» Kindes.) ^

X9¥¥¥&Ff¥¥¥¥¥¥¥¥¥¥WWW¥¥¥¥¥¥¥¥W¥¥¥9V&$'a (22. Fortsetzung^

Ich.

Roman von Jda Boy-Etz.

Sechste» Kapitel.

^ Itltimo! Der Letzte! Der letzte Tag friedlichen Oamürenglücks für jene, denen er ungeinessenes Gold in den Schooß schüttet; die letzten Stunden gierigen Ge­nusses für die, denen er die schwindelnde Jagd nach Nerchthum jäh abschneidet! Ulümo! Ein Wort ohne Er­barmen, ohne Hoffnung! Der Schlußstein einer fried- Irchen oder erlogenen Vergangenheit, selten das Funda- vxmt einer besseren Zukunft. Ultimo! Ein Tag der Ab­rechnung, wo gähnend sich das Defizit in den Börsen und das Defizit in den Herzen aufchut. Ultimo! Ein Ge- spenst, das man nicht sieht und das doch mit knöchernen Fingern Menschen würgt, Häuser zusammenwirst, Städte schreckt und Staaten ängstigt. Eine Macht, die Gewinn­sucht und Gebrauch schufen und die nun die höhnt, die ihre Schöpfer waren. Ultimo! Ein Riese, der die Menschen sich zum Spielzeug hernimmt, ilm Fangball mit ihnen zu werfen. Ultimo! Eine Fata Morgana, die in nichts zerrinnt, wenn man sich ihrem reichen und lockenden Bild nähert. Ulümo — wunderlicher Schicksalsträger, der in der eirren Hmrd ein Sterbeglöckleiir, in der anderen eine Siegestrompete trägt, tausend bange Ohren lauschten dir eiügegen!

Gustav Mesmer stand vor feinem Bruder und er­wartete das Gericht über sein und seiner Familie Geschick. Er wußte, daß seine Mstttheilungen den Strengen nicht überraschten, daß jener sich längst auf diese Sturrde und die Nachricht durch vorgefaßte Entschlüsse bereitet haben würde, und war einer erlösenden Versprechung so gewiß, daß er nur mühsam die ängstliche und gedrückte Miene feschielt.

Albert stand an sein Pult gelehnt und iah vor sich hm, während der alle Bach, als ginge ihn die Sache gar nichts an, emsig Briefs schloß und adressirte Die Ant­wort blieb lange aus; Albert war sehr bleich und hielt die Lippen fest geschlossen.

In langen Kämpfen war er zu dem Schluß ge- kommen, dem Bruder — sollte er eines Tages schiff- brüchig in den Wogen kämpfen — auch nicht den kleinsten Strohhalm zur Rettung hinzureichen. Denn er wußte, daß es nur eine Scheinrettung sein könne. Aber mm wollte daS herbe Wort nicht aus seinem Mlnid.

«Wie hoch belaufen sich Deine Differenzen?" fragte er endlich,

, Gustav antwortete leise: i „Dreimalhunderttausend Mark!"

„Mit dieser Summe sind wohl nur die llliimo- Engagements gemeint!" bemerkte Bach und befeuchtete mst der Zunge einen Briefumschlag.

„Wenn es mir nur gelingt, diesen nachzukommen, hoffe ich, mich flott zu erhalten", sagte Gustav ärgerlich.

„Das heißt", sprach Wert, „daß Du auch ohne diese wahnsinnige Haussespekultaüon fest saßest, daß Du des Gewinnes von dreimalhunderttausend Mark bedurftest um solvent zu bleiben, und daß, da Mr der aehoffte Ge^ winn entging. Du nun vor einer Unterbilarn von mehr als einer halben Million stehst." 1

Gustav schwieg.

„Du überschätzest mein Vermögen, wenn Du mich im Stande glaubst, das herzugeben."

„Aber Du hast mit dem Gleichen angefangen wie ich und bist fleißig, vorsichüg, sparsam ..."

Gustav brach ab; er fühlte peinlich, daß er die eigner: Fehler mit den Vorzügen des Anderen vergrößerte. Wert lächelte schmerzlich.

, „Lieber Bruder", sagte er, „von meiner halben Million ließ ich Dir hnndertundfünfundzwanzigtausend im Geschäft — sie sind durch Dich verloren. Weitere fünfzigtausend gab ich Dir vor acht Tagen — sie sind auch verloren. Und abermals fünfzigtausend gab ich ... nun, einerlei wem! Sie wurden auch Deinet­wegen geopfert. Daß ich zu den zweimalhundertund- fünfzigtausend. He mir bleiben, in den wenigen Jahren meiner Selbständigkeit mit Bach schon Unsummen hürzu verdient hätte, tannst Du nicht glauben. Du weißt, ich bin ein redlicher und vorsichtiger Arbeiter, ein wenig zu eng von Gewissen, um mehr zu wagen, als ich decken tonnte, ein wenig zu pedantisch in der Wahl der Mittel und Wege, ein wenig zu kurzsichtig, um weit voraus zu kombiniren — kurz, gar nicht, was mau eineu genialen Börsianer nennt. Ich bin für ein bescheidenes und ge- sundes Mittelmaß der Dinge von Natur aus veranlagt und strebe nur nach glänzender Ehrlichkeit, nicht nach glänzenden Reichthümern."

„Aber — aber was soll dann werden?" rief Gustav, zum ersten Mal von dem entsetzlichen Gedanken an voll­ständige Ruin ergriffen.

„Du wirst Bach und mir Einsicht in Deine Bücher gestatten. Wir kommen heute Abend au Dir."

. Was für Sümden durchlebte Gustav! Er wußte, daß von Comptoir zu Comptoir das Gerücht lies, sein Haus schwanke, werde fallen. Er verbarg sich in seinem Privatzimmerchen und verließ es den ganzen Tag nicht. Aber die Herolde des Ruins kamen auch in diese Ver­borgenheit. Geschäftsfreunde, die zu verlieren fürchteten, Leute, die ihre Papiere bei ihm deponirt hatten. Genossen, mit denen zusammen er sich soweit gewagt, und die rmn noch von ihm-, dem selbst Gestrandeten, Hülse erflehte;:. Sie Alle vertröstete er nrit der Hoffnung, daß sein Bruder helfen, retten werde, und war selbst von der Angst um­krallt, daß diese Hoffnung trügerisch sei.

Es schien, ccks seien sein Weib und sei» Sohn aus seinen: Gedächtniß geschwunden. Ihm fiel den ganzen Tag nicht ein, daß auch Agnes in Sorgen sein möchte.

„Was werde ich thun, wenn Albert nein sagt?" Diese eine Frage beschäsügte ihn die ganzen langen Sttmden hindurch.

Es wurde Abend, seine Beamten erttfenrte:: sich, er selbst schloß die Thür hinter ihnen. Er war allein. Im vorderen Comptoir brannte kein Licht; das große Fenster zur Sttaße war von einem diebessicheren Rollblech ver­schlossen, kein Laternenschein siel von der Straße herein. Ter Raum glich einer Gruft. Nebenan in Gustavs Zimmer waren die Fenster zum Hof ebenso verschlossen, aber hier brannte eine Flamnre an dem vielarmigen Bronzelerrchter mitten im Gemach. Das einsame Licht hatte etwas Melancholisches, es glühte wie eine ewige Lampe in schweigender Kirchennacht. Ein Gefühl, das auf ein Haar dem Furchtgefühl eines Kindes glich, über- mannte Gustav. Mit zitternden Händen zündete er noch eine Lampe auf seinem Schreibüsch an. Fast wäre ihm dabei die Milchglaskupvel aus der Hand gefallen, so schrak ec zusamnren, als nebenan eine harte Glocke kurz anschlug. Es wer die Glocke, die meldete! daß draußen Jemand an der eisernen Doppelthür des Comptoirs stehe und Einlaß wünsche.

Gustav nahm die Schlösser und Riegel — ängstlich, wie sonst Schätze, war hier der Bankrott verwahrt. Albert und Bach traten ein. Der alte Mann sah an Gustav vorbei, legte seinen Cytinder mit der größten Sorgsamkett auf das Pult, und als er dort von der schrägen Ebene rutschen zu wollen schien, ttug er ihn zum

Kleiderrechen im Winkel. Er trat mich erst lange seine Füße auf der Hanfmatte ab, die vor der Thür von Gustavs Zimmer lag. Drinnen stellte er ein Tischchen und zwei Stühle in die Nähe des Schreibtisches — Alles mit der stummen Geschäftigkeit eines Todtengräbers, dachte Gustav, den dies schweigende Gebaren nervös machte. Albert, der dem Bruder uit eurem innigen Blick die Hand gedrückt hatte, trat an den Schreibüsch, und indem er sich daran niedcrließ, fragte er mit einer sanften Stirmne:

„Tu wirst uns in keinem Punkt belügen?"

„Nein!" sagte Gustav heiser. „Meine Bücher sind in Ordnung — sie liegen vor Dir."

Albert sah sich nach Papier um; auf seine suchend» Kopfbewegung hin sagte Gustav:

„Im Schränkchen."

Der Schrelbüsch hatte einen Aufsatz von Borden, di» in der Mitte durch ein einthüriges Schränkchen unter­brochen wurde. Albert zog die Thür, darin ein Schlüssel steckte, an diesem auf. Er erdete — drinnen lag zwischen Kartons mit Papier, Kartei:, Couverts, zwischen alten Briefen und leeren Cigarettenschächtelchen ein Revolver!

Daß sich diese Waffe dort befand, war gänzlich aus Gustavs Gedächlniß geschwunden — Albert aber glaubte, sie sei dort hingelegt als letzter Freund, der sicher aus dein Elend des Leberw rette.

Nun begann eine schwere und erdrückende Arbeit —■ es hieß flüchtig vorerst mir die Summe von Gustavs Unterbilanz fesistellen. Eintönig gingen Fragen und Antworten hin und t)ev, Papier rauschte, die Feder knirschte, dann und wann räusperte sich der ulte Bach. Und jede neue Ziffer fiel wie ein Felsblock auf Gustavs Schuldregister. Albert äußerte niemals ein Wort des Erstaimens, wenn er die ungeheuren Summen sah, dis Gustav als Verbrauch des Hausstandes gebucht haste; er uiüerbrach die Nachforschung durch keine Klage, keinen Vorwurf, keine Betrachtung.

„Und Olgas Vermögen?" stagte er, als die vor­läufige Aufmachung beendet war.

„Sie hat in den vier Fahren jedes Fahr an Toiletten- und anderen Bedürfnissen drest bis viertausend Mart verai^gabt. Den Rest habe ich in Banknoten und Gold in meiner Wohnung. Es sind noch zehntausend Mark", sagte Gustav.

Wert sah ihn groß an.

„Seltsam — in baarem Geld — in Deinem Haufe?"

Gustav errötheie; hatte er etwa aus der Noth eins Tugend gemacht? Wer konnte das wissen?!

„Somit", sprach der alte Bach mit seiner immer h» legten Stimme, „somit wären siebenn:alhunderttausend Mark nöthig, um reinen Kram zu machen."

Albert stand ans, Schweißttopfen traten auf sein« Sürii. Er ging an das Fenster, mechanisch, und starrte gegen die von außen durch ein Eisenblech gedeckte Scheibe. War Hülfe möglich? Nein, das ging über seine Kräfte, das Verderben mußte seinen Gang gehen. Was. er in diesen Schlund hineinzuwerfen vermochte, und hätte er gleich seiire ganze eigene Existenz geopfert, reichte kaum, ihn zum vierte;: Theil zu füllei:. Der Revolver siel ihm ein Es durchschauert? ihn. Unerträglich — gräßlich -—> ja, Gustav konnte vielleicht nicht leben ohne Luxus; er würde den Tod dem dreifachen Elend mit Weib und Kind vorziehen. Und doch — es sah ihm so unähnlich ; er ge­hörte zu den Charakteren, die sich immer biegm. Aber Agnes — die war zuAllem fähig, auch zu der verzweifelten Feigheit, de;: Tod zu suchei:. Und haste Gustav nicht die Hoffnung, wenn er nur die Differenzen des Ulümo zu decken vermochte, sich oben zi: halten? Er hatte einen findigen Kopf und geniale Einfälle. Dreimalhundert­tausend Mark konnte Albert mit Hilfe seines Kredtts schaffen. Aber wenn es nutzlos war, dies Opfer. wenn Gustav dennoch siel, so war auch seine eigene Existenz vernichtet, ;;nd er koimte dann nicht einmal für Hansis Zukunft sorgei:, wie ihm doch heute möglich blieb.

(Fortsetzung folgt.)

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