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51 . Jahrgang.

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jtq. 16. Berl-»S.Fer»sprccherN,.2953. KkrMSjKg» de« 10. IaUNNr.

RcbaktionS-Fernfprecher N». 52. 1903 .

Abend>Ausgabe.

Sie WlmiMe MiikW der hem«. Wilebe«.

Die Meldung, daß der deutsche Botschafter in Washington, Herr' v. Holleben, einen längeren Urlaub «vachgesucht hach weil er an eineinJnfluenzaanfall erkrankt war, also nicht mehr i st, war geeignet, Erstaunen hervorMrufen. Dich ein Botschafter in diesem kritischen Augenblick den Posten in Washington, wo ja ein Teil der Läden der Venezuela-Affäre znsammenläuft, als Rekon- valescent verläßt, wäre an sich unverständlich. Aber es steht jetzt fest, daß der längere Urlaub des Herrn voir Holleben nicht auf die Influenza, sondern auf diejenige Krankheit zurückzuführen ist, die man als morbus diplomaticus, als diplomatische Krankheit zu bezeichnen pflegt. Es ist ein häufiger Fall, daß ein Diplomat oder Minister, wir erinnern nur an den Fall des bayerischen Kultus Min isters v. Landmann, zunächst „erkrankt" uird ^beurlaubt wird, um daiur das Ende des Urlaubs mit dem Rücktritt zusammenfallen zu lassen.

Auch die Influenza des Herrn v. Holleben ist ein Fall des morbus diplomatieus. Herr v. Holleben wird auf seinen Posteir nach Waflstngton nicht mehr zurückkehren, und dieser Posten wird voraussichtlich für die Dauer von idem vorläufig als provisorischen Vertreter dorthin ent- sandten Generalkonsul in Kalkutw. Frhru. Speck von Sternburg, besetzt werden. Herr v. Holleben hat sich seine diplomatische Influenza bei der Benezuela-Affäre geholt. Das Verhalten de? Botschafters bei den Verhandlungen mit der amerikanischen Regierung über die Venezuela- Angelegenheit ist der tatsächliche und, wie wir ausdrück- lich betonen, der einzige Grund für den Rücktritt des -Herrn v. Holleben. Alles, was sonst über die Ursachen des Rücktritts erzählt wird, ob dabei von dem Verhalten des Botschafter? bei Gelegenheit der Amerikareise des !Prinzen Heinrich oder von seinem Verhallen im spanisch- iamerikanifchen Kriegs oder endlich von der Hetze der Jingopresse gegen Herrn v. Holleben die Rede ist, ist stichts als Kombination und durchaus unzutreffend.

- Dm Grund des Rücktritts bildet, wie schon betont, ällein die Tätigkeit des Herrn v. Holleben in' der Vene­zuela-Affäre. Diese Tätigkeit ist hier als eine unzuläng- siche empfunden worden. Man ist der Meinung, daß der Botschafter sich über die Anschauungen der Washing-' toner Regierung in Bezug auf dieVenezüela-Affäre mehr- stach in gründlichen Täuschungen befunden habe. So macht man Herrn v. Holleben zum Vorwurf, daß er sich

nicht rechtzeitig oder aber falsch darüber informiert habe, ob Präsident Roosevelt Neigung hatte, das Schieds- richterarnt in der Venezuela-Frage anzunehnien. Über­haupt meint man hier, daß Herr v. Holleben bei dieser ganzen Sack)« nicht genügend auf den: Posten gewesen sei, dies im wörtlichsten Sinne genommen, denn er soll sich während der schwebenden Verhandlungen länger als eine Woche statt in Washington in New-Uork ' aufge­halten haben.

„ Hierin und hierin allein liegen die Gründe für den Rücktritt des Herrn w Holleben, der danut zugleich aus dem diplomatischen Dienst ausscheiden wird. Herr von Holleben steht im 64. Lebensjahre, wäre also an sich noch keineswegs reif, für „dienstuntauglich" erklärt zu wer­den. Er wurde im Jahre 1830 in Stettin geboren und wandte sich zunächst der militärischen Carriere zu, trat aber 1872 in den diplomatischen Dienst über. 1874 wurde er zuni Legationssekretär bei der Gesandtschaft in Peking ernannt. 1875 bis 1885 war er Ministerresident in Argentinien und wurde dann Gesandter in Japan. 1891 ging er als Gesandter nach Washington und kehrte, nachdem er 1893 bis 1897 preußischer Gesandter in Stuttgart gewesen war, im Jahre 1897 wieder nach Washington zurück, wo die Gesandtschaft unterdes in eine Botschaft verwandelt worden war.

Selbstverständlich muß der Rücktritt des Herrn von Holleben gerade in dem jetzigen Augenblick, wo der Washingtoner Posten infolge der Venezueia-Angelegen- heit besondere Bedeutung hat, Wunder nehmen. Aber die Dinge in Venezuela sind jetzt so vorwärts geschritten, daß eine baldige und befriedigende Regelung der Ange- legenhell mit Sicherheit zu erwarten steht. Was den Nachfolger des Herrn v. Holleben betrifft, so scheint es sicher zu sein, daß der Frhr. Speck v. Sternburg, der zu­nächst die provisorische Vertretung übernimmt, der Nach­folger des Herrn v. Holleben in Washington werden wird.

Frhr. Speck v. Sternburg ist am 21. Arrgnst 1852 geboren, steht also im Alter von 50 Jahren. Er hatte sich ebenfalls zunächst der militärischen Laufbahn zuge- wandt. 1888 wurde er als Rfttmcister ä In suite des Ulaneir-Regimcnts Nr. 17 zur Gesandtschaft nach Washington kommandiert und 1891 unter Beförderung zum Major ä la suite des Generalstabes zum kommissari­schen Legationssckretär bei der Gesandtschaft in Peking ernannt. 1892 schied er aus dem aktiven Militärdienst, blieb bis 1896 als Legationssekretär in Peking, war dann kurze Zeit Legationssekretür in Buenos Aires und Belgrad, wurde 1898 erster Botschaftssekretär in Washington und vor kurzein Generalkonsul in Kalkutta. Er ist mit einer Amerikanerin, Miß Langham, ver­

heiratet, gilt als ein genauer Kenner der amerikanischen Verhältnisse und erfreut sich in den dortigen politischen und gesellschaftlichen Kreisen einer großen Beliebtheit.

*

New-Uork, 9. Januar. Der „Commcrcial Adver- tiser" erklärt, der deutsche Botschafter v. Holleben werde von der deutschen Regierung zum Sündenbock ihrer diplomatischen Fehler gemacht. Diese hätten mit Samoa begonnen, dann sei die Manila-Bai gekommen, später die Pauncefote-Affäre und schließlich Deutschlands rauhes Eingreifen in Haiti, wo milde Maßregeln genau so gute Dienste geleistet haben würden. Die „Evening Post" widmet Holleben warme Worte der Anerkennung und sagt, er habe sich um bas gute Einvernehmen zwischen den beiden Mächten sehr bemüht. Das Blatt bemerkt ferner, die seltsame Feindseligkeit, die bis zum spanischen Kriege gegen England hier vorgewaltet habe, sei an­scheinend nun auf Deutschland übergegangen.

bd. Berlin, 10. Januar. Der zum deutschen Ge­schäftsträger in Washington bestimmte Baron Speck von Sternburg ist hier eingetroffen, um im Auswärtigen Amte seine Instruktionen in Euipfang zu nehmen. Gestern abend war der neue Botschafter beim Reichskanzler Grafen Bülow zum Diner geladen. Nach dem „B. L.-A." war Baron Speck v. Sternburg von seiner Ernennung sehr überrascht.

Im flndjt iser KMMlnWn von Sachsen und ihres Bruders.

bd. Berlin, 9. Januar. Der „L.-A." meldet aus Genf: Giron hatte geglaubt, er werde von Lausanne aus alle Tage hierherkvmmcn können, um die Prinzessin zu sehen, aber Maitre Lachenel drängt mit aller Ent­schiedenheit darauf, daß die Trennung des Paares eine vollständige sei, damit in Wirklichkeit Prinzessin Luise ihre Entschlüsse ohne jeden Zwang treffen könne und ohne jeden Einfluß, den Giron auf sie ausübt. Weiter wird aus Genf gemeldet, daß als Privatsekretär der Prinzessin Luise für ihren Briefwechsel mit dem sächsischen Rechts­anwalt ihr Bruder Leopold Wölfling fungiert. Es handelt sich bei dem jetzigen Meinungsaustausch hauptsächlich darum, die seitens des sächsischen .Hofes angeblich schon von 80 000 auf 50 000 Mark erhöhte Apanage noch höher zu steigern, sowie das künftige Domizil der Prinzessin und die Termine für die Begegnung mit ihren Kindern festzustellen. Wahrscheinlich wird in Tirol oder Vorarl­berg ein Ort für diese Begegnung als Basis ausersehen werden. — Nach einer Meldung des „B. T." aus Leipzig verbot die Polizei den Verkauf von Postkarten mit dem Doppclbrustbild der Kronprinzessin und Girons.

Are Eidechse.

Roman von 31. v. Klinckorvström.

(16. Fortsetzung.)

„Es tut mir leid. Ich arbeite, — habe ein Modell. Hat es nicht Zell bis zum Abend?"

„Nein, eS sind dringliche Angelegenheiten."

„Ja, Liebste, — ich bin wirklich unglücklich, muß aber wiederholen, daß ich dich jetzt nicht einlassen kann. Be­greife doch, wenn ich ein Modell habe, ist es rnir unmög­lich, Damenbesuch zu empfangen."

Der vorgeschobene Wandschirm entzog das Innere des Raumes jedem Blick. Jenny war überzeugt, daß die kleine Fanchon dahinter sitze, und ein Gemisch von Zorn und Eifersucht schnürte ihr die Kehle zusammen. Zurück­gewiesen zu werden in dem Moment, rn dem sie mit vollem Herzen und schwerwiegenden Fragen, die keinen Aufschub duldeten, zu ihrem Verlobten kcmi. Ah, das war zu viel!

„So laß dich nicht stören!" entgegnete sie kurz. „Da du keine Zeit für mich haben willst, mußt du ■ auch die Verantwortung für das tragen, was daraus entstehen kann."

„Lieber Schatz, du bist böse? Ich kann dir jedoch nicht helfen. Meine Arbeit geht allem anderen voran."

„Natürlich!" rief sie bitter. „Die Arbeit wird immer borgeschützt. Ihr Maler besitzt eine unglaubliche Portion von naivem Egoismus, hüllt euch in den Mmbus der Wichttgkeit und meint, die Welt ginge unter, wenn erier Bild nicht entsteht, — das dann nachher doch niemand staust."

Diese ihre letzten Worte trafen ihn an seiner empfind- lichsten Stelle, der Ettelkeit.

„stkun, wir wollen doch sehen, ob ich dieses Blld, das .ich'heute ansing, nicht sofort verkaufe!" brai'ste er auf. „Es scheinst, du bist nur hergekommen, mir die Stiminung zu verderben."

„Die ja sehr gut gewesen zu sein scheint, so daß ich ^nehmen muß. du hast die schlimme Migräne" — das Wort wurde mit scharfer Betonung herausgestoßen — „ganz überwunden."

Er wurde rot.

„Das habe ich auch,*

Um so besser für dich. Ich meinesteils besitze nicht die ^beneidenswerte Fähigkeit so rasch zu überwinden."

Jenny wandte sich kurz und ging ohne Gruß davon. Ihr brannte das Gesicht, und war sie mit versöhnlichen Gedanken gekommen, bereit, jede Entschuldigung von ihm gläubig hinzunehmen, so gab ihr der Zorn jetzt häßliche Vorstellungen, die weit übers Ziel hinaus­schossen. Trotz und Erbitterung süegen ihr zu Kopf. Vor­hin war ihr halb und halb der Entschluß gekommen, Lebrnn mit höflickiem Dank zu schreiben, sie verzichte auf die ihr gebotene Auszeichnung. Sie hatte nur noch hören wollen, was Engler dazu meinte. Jetzt ging ihr Tempera­ment mit ihr durch und trieb sie leidenschaftlich, die Chance nicht von der Hand zu lveisen. Dein Egoismus und der Selbstüberschätzung ihres Verlobten mußte sie die eigenen Fähigkeiten entgegensetzen, um ihn von selbst­errungener Stellung aus triumphierend zu fragen: „Da sieh her, wer von uns ist nun weiter gekommen? Du mit deiner Malerei, die nichts einbringt, oder ich mit meiner Begabung?"

Bei ruhigem Blut wäre ihr all das nicht in den Sinn gekommen. Sie neigte im Grunde nicht zur Selbst­überhebung. ließ sich jedoch im Augenblick von der an­geborenen Heftigkeit sortreißen und stand pünktlich zur angegebenen Zeit vor der Thür des Professors.

Lebrun empfing sie mit zuvorkommender Liebens­würdigkeit in einem Zimmer, daS ihr der Inbegriff der Eleganz schien. Gewohnt, an die stillen Räume eines Gelehrtem den Maßstab des eignen Elternhauses zu legen, blickte sie staunend auf den weichlichen Luxus, der sich hier breit machte, auf Spiegel, die von der Decke bis zum Fußboden reichten, Smyrnatepviche, Causeusen und flockige Bärenfelle. Dazwischen bewiesen wertvolle Broncen und an den Wänden moderne Bilder bekannter Meister, daß der Inhaber dieses Gemaches in der Tat Kunstverständnis besaß, nebenher auch das Vermögen, demselben Rechnung zu tragen.

„Sie kommen zu auter Stunde!" rief der Professor heiter nach einigen höflichen Fragen über ihr Befinden. „Ich bin gerade im Beariff. zu Tisch zu gehen, und hoffe und bitte, daß Sie mir dabei Gesellschaft leisten." l „Verzeihen Sie!" sagte das Mädchen befremdet. „Ich \ konnte das nicht wissen. Sie bestellten mich zu dieser i Stunde —"

„-Heute früh war ich zerstreut, dachte wahrhaftig nicht daran. Es scheint, daß ich über den vorangegangcnen Stunden angenehmster Plauderei den Kops verloren hatte. Und somit sind Sie die eigentlich Schuldige, wenn ich einen Mißgriff beging."

„Dann erlauben Sie. daß ich mich zurückziehe und zu gelegenerer Zeit wiederkomme."

„Auf keinen Fall! Sie werden nicht so unfreundlich fein, mir Ihren Anblick wieder zu entziehen. Ach. -Sie glauben nicht, welche Erholung es für einen armen, ab­gehetzten, einsamen Gelehrten ist, einmal in liebens­würdiger Gesellschaft zu speisen. Nein, nein, keine Widerrede!" Er schellte und befahl dem eintretenden Diener: „Noch ein Couvert."

„Aber ich bin nicht gewohnt, um diese Stunde zu dimeren, -- und dann kam ich doch auch nur, weil ich glaubte, Sie wollten mich prüfen."

„Alles zu seiner Zeit. Tie Prüfung komint auch noch an die Reihe, nach Tisch. Sie begreifen, daß ich nach beendeter Tagesarbeit hungrig und abgespannt bin. Später stehe ich dann ganz zu JhrenDiensten, doch jetzt er- weisen auch Sie mir eine Gefälligkeit."

Jenny wußte nicht recht, was sie tun sollte, mochte ihn nicht durch eine Weigerung erzürnen und fand es doch unschicklich, hier in der Wohnung eines Junggesellen mit diesem allein zu tafeln.

. „Nun, wenn Sie nicht wollen, so muß ich wohl auf mein Diner verzichten, un: mich unserer geschäftlichen An- gelegenheit zu widmen", meinte er resigniert ^>och ich gestehe, daß es mir schwer fällt. Ich war "sehr be­schäftigt und konnte tagsüber keinen Bissen zu mir nehmen."

„Darf ich dann nicht lieber hier warten?" fragte sie kleinlaut. J 1

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Zu rauben? fiel er ein. „Nichts ist schrecklicher, als sich eilen zu müssen, weil man jemand wartend weiß. Waruin in aller Welt wollen Sie sich nicht an meinen Tisch setzen' Sic wären nicht die erste Dame, die dies chte "

„Wie Sie wünschen Herr Professor. Ich möchte -ahnen i ebenfalls kein Mißbehagen veimrsachen "

„Mit welch verzweifelter Miene Sie das sagen' — Merkwürdig! Keine Dame trägt Bedenken, einen ält­lichen unverheirateten Arzt in seiner Wohnung aufzu-