öl. Jahrgang.
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U-.13. Freitag, den ». Januar. Z “löÖST
Mopgen-flusgabe.
Die Dardanellen-Frage.
Die vor kurzem von der Pforte vier russischen Torpedobooten erteilte Erlaubnis zur Durchfahrt durch dre Dardanellen hat die englische Regierung sofort zu einer Protestnote veranlaßt. Die bisher erhobenen Vor- stellungen Englands waren mündlich vorgebracht worden Jetzt aber überreichte der englische Botschafter der Pforte eme Note, in welcher die englische Regierung diese Vorstellungen wiederholt und sich die gleichen Rechte wie die den Russen gewährten vorbchält. In der Note wirv behauptet, daß zwei der russischen Torpedofahrzeuge vor 12 Tagen bereits die Meerengen passiert hätten. Tat- fachlich aber waren die vier russischen Schiffe ain 81. Dezember in Suda (Kreta) eingetroffen. Es der- lautet, daß Italien und vielleicht auch andere Mächte sich dem Schritte Englands anschließen werden.
Wenn dies geschieht, so wird damit eine der politisch wichtigsten Fragen unserer Zeit aufgerollt werden. Bekanntlich hat der Dardanellen-Vertrag vom Jahre 1841 bezw. 1856 festgesetzt, daß Rußland ursprünglich eine Kriegsflotte auf dem Schwarzen Meere überhaupt nicht halten solle, und daß keinerlei europäische Kriegsschiff durch den Bosporus und die Dardanellen fahren dürften. Handelsschiffe durften die Meerengen passieren. Seit 1870 hat Rußland bekanntlich einen Teil dieses Ver» krages beseitigt, indem es ohne weiteres an den Ausbau einer starken Kriegsflotte im Schwarzen Meere ging und gegeirwärtig zählt das Zarenreich außer den im Bau befindlichen Schiffen 6 Panzerschiffe erster Klasse, 2 Panzerschiffe zweiter Klasse, 2 Küstenpanzerschiffe 8 kleine Kreuzer, 3 Torpedokreuzer, 33 Torpedoboote, 8 Schulschiffe, 13 Spezialschiffe und 15 Schiffe der FreiwMgen-Flotte.
Fürst Bismarck hat s. Zt. im Hinblick auf den Dar- danellen-Vertrag gesagt, daß Rußland, sobald fe'ne Armee neu bewaffnet und die Flotte im Schwarzen Meere erheblich verstärkt sein würde, durch freundliches Abkommen mst dem Sultan, oder, wenn dieses nicht zu kr- reichen wäre, durch Gewalt sich in den Besitz seines Hausschlüssels setzen, das heißt für die russische Kriegsflotte den freien Eintritt in den Bosporus und die Dar- daneben erreichen, das Schwarze Meer aber nach Belieben den Kriegsschiffen anderer Nationen verschließen würde. Bismarck bezeichnete diesen Plan als einen lange vor- bereiteten. Jeder aufmerksam beobachtende Politiker mußte dem zustimmen. Es ist einleuchtend, daß eine Schlachtflotts von 8 Linienschiffen, deren Zahl auf 10 erhöht werden soll, keinen anderen Zweck haben kann, als auch außerhalb des Schwarzen Meeres verwendet zu werden.
In unserem beistehenden Karte,childe geben wir unseren Lesern die sehr' interessant werdende Situation
un östlichen Mittelmeer erläuternde Zeichnung. Die Karte umfaßt das Schwarze Meer mit Bosporus und Dardanellen und den an die türkischen Gebiete anschließenden östlichen Teil des Mittelmeeres.
des Schwarzen Meeres ist in technischen Schrfssskrzzen die russische Meer-Flotte eingezeichnet, nur dre Schulschiffe, Spezialschiffe und Schiffe der freiwilligen Flotte find hier nicht mit angegeben. Die
des Schwarzen Meeres in kürzester Zeit überraschend vor dem Bosporus erscheinen und bei dem kläglichen Zustande, in welchem sich die türkische Flotte permanent befindet, würde eine Überwältigung derselben, eine Erzwingung der Passage durch den Bosporus, das Mar- marameer und die Dardanellen nicht schwer fallen.
Eine Öffnung der türkischen Meerengen gestattet also Rrißland, mit einer ganz erheblichen Flottenmacht
kleinen Schiffsskizzen ermöglichen die verschiedenen Schiffstypen deutlich zu unterscheiden. Die Panzerung ist bei den Schlachtschiffen durch schwarze Zeichnung markiert, ebenso treten die schweren Geschütze derselben deutlich hervor.
Da die russischen Häfen, speziell Sebcstopol, Odessa und Nikolajeff nur 280—370 Seemeilen von Konstantinopel entfernt sind, so kann die russische Schlachtflotte
im ösllichen Mittelmeer zu erscheinen und die englische Etappenstraße, welche über Gibraltar und Malta durch den Suezkanal nach Indien führt, zu bedrohen. Außerdem ist durch den Eintritt der Schwarzen Meer-Flotte ins Mittelmeer die Möglichkeit gegeben, die Schiffe derselben auf dem in unserer Karte Punktiert gezeichneten Wege in die Ostsee zu dirigieren und eine gemeinsame Operation mit der russischen Ostseeflotte herbeizuführen.
Feuilleton.
Die neuhochdeutsche Schriftsprache.
Von vr. Wilh. Mießner.
Die einzig maßgebende Richtschnur für eine Rechtschreibung sollte natürlich die Aussprache sein, so daß jeder Laut, Vokal oder Konsonant, seinen Buchstaben hat, der allenthalben für ihn eintritt. Ja, man muß sich sogar wundern, wie es denn eigentlich anders hat kommen können. Und doch genügt ein Blick in unsere Schreibweise, die Abweichungen von diesem natürlichen Gesetz, oder, wie der Sextaner Fritz mit Schrecken sagen würde, die Ausnahmen und wieder die Ausnahmen von den Ausnahmen festzustellen. So sagen wir z. B. schprechen, schreiben aber immer noch sprechen, während sich in Schreib- und Sprechweise schon längst aus slagcn schlagen entwickelt hat. Anders ist der Laut ch zu sprechen in Bach, Loch, erlaucht als in Bäche, Löcher, erleuchtet, Milch. An Stelle von k steht ch in Dachs, Achse re. Der Nasal ng in Gang ist ein Laut, ebenso heute alle Doppelkonsonanten re. rc.
Die Ursachen dieser babylonischen Zustände in unserer Sprech- und Schreibweise sind natürlich in der Geschichte der Sprache zu suchen. Eine junge Sprache, die sich ihre Schreibung sucht, wird den einfachsten und gesundesten Standpunkt einnehmen. Die ersten Denkmale des Althochdeutschen zeigen ihn uns, nur tritt hier an die Stelle der Verzwicktheit die der Unsicherheit, und ein Dichter wie Otfrid mußte ausdrücklich hervvrheben, daß er diese und jene Zeichen für diesen und jenen Laut gesetzt habe. Von 1100 an rechnen wir die mittelhochdeutsche Periode. Hier steht die Schreibung wohl im allgemeinen fester, zeigt aber die deutlichen Unterschiede der verschiedenen Dialekte, die sich mit der Entwickelung der Sprache ebenfalls ausbilden, und beweist, daß die Dichter unserer ersten klassischen Periode keine einheitliche Kunstsprache gehabt haben, sondern jeder sang, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Dazu kommt, oatz in Handschriften, die ja für diese Zeit noch das einzige
llberlieferungsmittel waren, individuelle Eigenheiten
mehr hervortraten als in gedruckten Büchern. Die letzteren suchen schon, um allenthalben verstanden und gekauft zu werden, eine einheitliche Schriftsprache.
Also können wir von einer Schriftsprache in unserem Sinne natürlich erst seit Erfindung der Buchdruckerkunst reden. Wenn man nun Luther als „Schöpfer der neuhochdeutschen Schriftsprache" bezeichnet, so kann damit nicht gemeint sein, daß er sie aus der Erde stampfte. Sobald der Verkehr zwischen den verschiedenen fürstlichen und städtischen Kanzleien in deutscher Sprache geführt, die Urkunden und Akten überwiegend deutsch wurden, stellte sich auch das Bedürfnis nach einer Einigung im schriftlichen Gebrauch der Sprache ein. Dies geschah etwa im zweiten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts. Hier wiederum hatte die kaiserliche Kanzlei den Vorrang vor allen anderen. Da ist es nun von Bedeutung, baß von der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts an durch fast hundert Jahre die Kaiserwürde mit kurzer Unterbrechung beim Hause Luxemburg blieb. Ihre Prager Kanzlei lag in einem Gebiet, in dem die verschiedenen Mundarten Deutschlands, um es in großen Zügen zu sagen, das Mitteldeutsche und das Oberdeutsche (oder wie cs richtiger auch als hochdeutsch, nicht neuhochdeutsch, bezeichnet wird) zusammenstießen.
Nun erhielt das Mitteldeutsche, also das in der Mitte des Landes Gebrauchte, im Gegensatz zu den obendeutschen im höher gelegenen Teile und den niederdeutschen in der norddeutschen Niederung gesprochenen Mundarten, eine weitere Unterstützung durch die kur- sächsische Kanzlei, die damals von großem Einflüsse war. Die Sprache der kaiserlichen Kanzlei blieb aber Sie der Luxemburger, auch als die Habsburger das Regiment in Deutschland hatten. Weiter beobachten wir ut der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts eine Annäherung der kursächsischen an die kaiserliche Kanzlei. Das ist etwa der gegenwärtige Stand der Untersuchungen. Es wird sicher auf Grund eingehender Urkundenstudien im einzelnen nachgewiesen werden, daß und wie die anderen maßgebenden Kanzleien der deutschen Fürstenhöfe und Städte sich diesem Einheits
streben angeschloffen haben. Nur so ist cs zu verstehen, wenn Luther ausdrücklich sagt: „ich brauche der gemeinen deutschen Sprache, das mich beide. Ober- und Nieder- länder, verstehen mögen. Ich rede nach der sächsische,t Cantzelei, welcher Nachfolgen alle Fürsten und Könige in Deutschland. Kaiser Maximilian und Kurfürst Friedrich, Herzog von Sachsen, haben im römischen Reich die deutschen Sprachen also in eine gewisse Sprache gezogen". Diese „eine gewisse Sprache" zum allgemeinen Volksgut gemacht zu haben, bleibt natürlich das unermeßliche Verdienst Luthers. Aber auch hierin stand er nicht allein. Die Dichtung des sechzehnten Jahrhunderts lehrt uns allenthalben das Urwüchsige und Gesunde dieser noch mit vielen unmittelbar anschaulichen Dialektworten durchsetzten Schriftsprache. Man war eben in allem deutschen Wesen auf dem Wege zu einem ganz erstaunlichen Aufschwung deutscher Kultur. Die deutsche Kunst schickte sich an, die italienische Renaissance zu überflügeln: da kam der größte Schicksalsschlag, den der Übermut der Pfaffen und Fürsten unserem Vaterland je beigebracht hat: der dreißigjährige Krieg. Ein Tohuwabohu der Fremdherrschaft in Deutschland war die Folge. Französische Sitte und lateinische Sprache zerrten an dem elenden Restchen Kultur, das uns noch geblieben war. Hier von einer neuhochdeutschen Schriftsprache reden, heißt, sich natürlich lächerlich machen, sie war verwahrlost wie alles andere auch.
So kam es trotz eifriger Bemühungen der Grammatiker und dem Auftreten hervorragender Schriftsteller, endlich der deutschen Sprachgesellschaften mit ihren zimperlichen Allüren nicht zum allgemeinen Bewußtsein einer Einheit. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Einheit entschieden. Leibniz, Wolfs, Mathusius sind die ersten Vorkämpfer für die Anwendung des Deutschen auf Schule und Universität, Hohngelächter und Entlassung ans dem Amt war zunächst die Antwort der zopfigen Gelehrtenschaft.
Hier nun alle Kennzeichen der neuhochdeutschen Schriftsprache gegenüber den althochdeutschen und mittelhochdeutschen Mundarten zu geben,würde zu weit führen. Man darf auch eigentlich nicht von einer natürlichen
