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Mage nun Wieslmüener Tagklatt.

Ua. 13. Morgen-Ausgabe.

Freilag, den 9. Januar.

31. Jahrgang. 1903.

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nehme

Sitte®, was wir tit bet Welt fertig dasieheu sehen, ist eigentlich da« äußere leibliche Ergebniß, die thalsächliche Verwirklichung »nd Verkörpeinng von Gedanken, welche den in die Welt gesandten großen Menschen innewohnlen: die ^ Seele der ganzen Weltgeschichte, so dürfte man füglich an» £ Ä nehmen, wäre die Geschichte dieser Helden. ^

Carlyle.

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<21. Fortsetzung.)

Ich-

Roman von Iba Boy-Ed.

Heiß schlug es den Eintretenden aus dem vollen Theater entgegen. Es war lauter, als es sonst im Zu­schauerraum eines ersten Theater zu sem pflegt. Die zahllose Menge schien unter sich eine Gesellschaft zu sein '■— die Weltstadt warf hier eine bestimmte, gewaltige Gruppe aus ihren weiten Kreisen zusammen, jene Gruppe, die man das Premidren-Publikum nennt und die sich hauptsächlich aus der Kunst- und Finanzwelt zu- sammensetzt. Es war ein Nicken, ein Flüstern, ein Lachen, ein Zurufen — hier und dort standen Herren und Damen vor chrem aufgeklappten Sitz und hielten Rmrd- schau mit dem Glas. Fächer wehten, Seide rauschte, bunte und schwarze Farbentöne wirkten unruhig zu- fammen aus dem beweglichen Bild. Jemand zu suchen war unmöglich, wenn die Augen nicht zufällig das Er- wünschte trafen.

Ein kurzer, einsilbiger Glockenschlag. Noch einmal schwirrte der murmelnde Lärm auf, dann erstarb er wie eine sich zurückziehende Welle; das Theaterfieber, jene halb behagliche, halb ängstliche Spannung, ob es einen Erfolg oder einen Skandal giebt, nahm alle gefangen. Seit Wochen saß ein kleiner Posaunenengel unsichwar auf dem Strich aller Feuilletons der Refidenzblätter und blies ganz vernehmlich, während seine eine Hand kräftig an ein Tamtam schlug. Der Herr Doktor Soundso schreibt ein neues Stück — es ist eingereicht — zurück­gezogen — der Schluß ist verändert — es wird dann — nein, dann aufgeführt — der und der und die und die sind mit den ersten Rollen betraut. Und all die kleinen Rinnsale der Neugier, der Angst, der Freude, des Neides, der Skandallust sind heute hier zusammengelaufen in ein großes, wogendes Becken — es wird nun wie ein ge- wattiger Wassersturz hinabbrausen und Mes vernichten oder gleich einer stolzen Fontaine zum Sonnenglanz des Erfolges emporsteigen.

Noch ein Glockenton, der Vorhang rauscht auf. Und

dann spielt sich eine Doppelkomödie ab — ein lustiger Kampf droben auf den Brettern, ein bitterer unten aus den Sammetstühlen. Droben führt ihn Jntrigue, Schelmerei, Anmuth gegen die Unarten der Gesellschaft, unten führen ihn klatschende Hände und zischende Lippen für und wider den Autor. Das trügerische Endergebniß, der Triumph der Hände oder der Lippen heißt dann der Erfolg. Alle betheiligen sich, nur die Göttin der Ge­rechtigkeit hat manchmal keinen Parkettplatz mehr be­kommen können.

Im großen Zwischenakt, als die bekanntesten Kritiker mit den vielsagendsten Mienen durch die Reisröcke der Damen sich Wegebahnten, um im Foyer mit Kollegen sich zu berathen, wo ein Stimmengewirr aus den ver­schiedenen Rufen „reizend, zu dumm, zufammengestohlen, fabelhaft originell" entstand, da endlich tauchte Agnes vor den beiden Männern auf.

„Wo ist Olga?" rief Hellwang unwillkürlich.

„Olga bekam noch eine Einladung zu Meysenhofers, und weil sie dort bereits dreimal abgesagt hatte, mochte sie es nicht zum vierten Mal thun", sagte Agnes, während ihre Blicke der neuen Robe einer bekannten Schriftstellers- gattin folgten.

Hellwang war geschlagen. Eine andere Einladung angenommen! Ihm aus dem Weg gegangen, nachdem sie heute Morgen ihm so süß, so verheißend angesehen! War es denkbar!?

Auch Albert Milte einen Schrecken — einen be­ängstigenden, freudigen, ganz seltsam gemischtenSchrecken. Wenn Olga doch noch über sich siegte! ?lber konnte, durfte sie noch zurück?

_ „Höre, Albert", sagte Hellwang nachher bedenklich, „die Kleine wird doch am Ende nichts von meiner vorig­jährigen Affaire mit der Bernini gehört haben und sich daran stoßen? Du kannst ihr ruhig sagen, daß ich keine Unschuld entweiht, kein Herz gebrochen habe. Die Bernini hatte mich künstlich gekapert und darbte, ich sollte reinfallen und sic heirathen; aber so dumm bin ich nicht, nach wegen meines Titels und meines Geldes heirathen zu lassen. Na, die Bernini war nachher mit einem Cb eck auf die Reichsbnnk zufrieden und tröstete sich mit Rix- Hausen."

Sllbert beruhigte ihn, daß Olga davon nichts gehört habe, und wenn doch, kein Gewicht darauf legte.

Mit unbeschreiblickien Gefühlen saß Albert nachher neben dem Freunde. Wie hatte der gesagt? Er sei nicht so dumm, sich wegen seines Titels und seines Geldes heirathen zulassen? Die harmlose und vornehme Seele dieses Mannes kam nicht dazu, den Verdacht zu fassen, daß ein wohlerzogenes Mädchen der guten Gesellschaft derselben schnöden Berechnung fähig sei wie jene halb­

verblühte Schauspielerin. War es nicht Pflicht, ihm die Augen zu öffnen, und würde jener dem Berather nicht das Wort entgegmwerfen: „Du liebst sie selbst!" Dieser eine unglückselige Umstand verbot ihm, in die Speichen des rollenden Rades zu greifen, es mußte seinen Lauf haben, ob es nun ihn oder Hellwang zernialmte. Die Lüge hatte es einmal in Bewegung gesetzt, sie, die zwischen ihm und dem Freunde saß, sie, die in Olgas Lächeln wohnte, aus Agnes' Augen strahlte, sie, die hier frech auf allen Stirnen thronte und zwischen den Reihen ein­herschritt, shr Banner schwingend, worauf das Wort „Geld" zu lesen stand. Albert kannte ihrer ein paar Dutzend von denen, die hier mit heiteren Mienen saßen, Tort jene gluthäugige Frau hatte ihre Schönheit und ihr. Temperament an den Mann verkauft, der ihr Gatte hieß; dieser vielgenannte Schriftsteller verkaufte jüngst seine Feder an den leitenden Staatsmann; da, der vtel- gerühmte Pianist log einer reichen, häßlichen Finanz­baronin Liebe, damit ihr Geld seine Konzertsäle fülle und seine Lobschreiber speise; jener überwacht _ ausseh ende Elegant umwarb, Anbetung lügend, die junge, halb kindliche Erbtochter eines Millionärs, damit ihre Hand seine Schulden bezahle. Schreckliche, endlose . Kette von Vorstellungen — Lüge und Geld — die großen Mörderinnen der Menschlichkeit!

Und zur selben Stunde lag Olga auf ihrer Chaise- longue und sagte sich immer wieder: „Ich kann nicht — ich muß!" Sie hatte nicht ins Theater wollen, alle Vor­stellungen Agnes' prallten an ihr ab, Agnes mußte eine Einladung erlügen.

Nun ging es wie ein Pendelschlag in chrem Kopfe hin und her: „Ich kann nicht — ich muß!"

Warum mußte sie? Weil sie glaubte, nicht ohne Glanz und Reichthum leben zu können. Sie dachte mit geschäftiger Phantasie zuletzt sich das Leben der Armuch aus — oder doch dessen, was für sie Armuth bedeutete. Darüber verstummte das Hämmern in ihrem Kopf. Si« sah ein nettes Stübchen, drei Treppen hoch,^ ausstaffirt mit diesen lieben grauen Möbeln, die ihr gehörten. Sitz lief in diesem Stübchen hin und her, angethan mit dem weißen Schürzchen. Tassen klirrten, und die Sonne schien auf die Blumentöpfe am Fenster. Die Kaffeemaschine brodelte, und endlich rief sie: „Albert komm!" Und die Dhstr that sich auf, er trat ein, sie flog ihm an die Brust, und er sagte: „Liebe, gute, kleine Olga!" 8lh — Olga lächelte selig in ihren Träumereien. Aber da brauste wieder ein Viererzug durch ihre Gedanken. und. das Staubgewölk verbarg das heimliche Bild stillen Liebes­glücks.

„Ich muß!" (Fortsetzung focht.)

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