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«*• Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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Uv. 14. Berlags-Fernsprecher No. 2953. Freitag, de« 8. IaNUttr.

RrdaktionS-Fernsprecher N». 58. 1903.

Abend-Ausgabe.

RkWtig und pmißifdjtt Candtag.

Am Dienstag nächster Woche tritt der Reickstag wieder Zusammen, um den Rest seines Arbeitspensums zu er­ledigen, und cm dem gleichen Tage beginnt auch die iSession des pmußischen Landtages, die ebenso wie die »jetzige des Reichstages die letzte der laufenden Legis­laturperiode ist. Sowohl dem Reichstag wie dem preußi­schen Landtag wird aber nur ein sehr germges Arbeits­pensum zugeteilt werden, da man einen möglichst früh­zeitigen Schluß der parlamentarischen Campagne schon mit Rücksicht aus die Vorbereitungen zu den Neuwahlen herbeiführen will.

Der Reichstag wird sich zunächst noch mit einem Nachspiel zu den Zollkämpfen zu beschäfttgen haben, da noch die Erledigung der Petitionen und Resolutionen zum Zolltarif aussteht. Dre Petitionen freilich kommen nach der Annahme derZolltarifvorlage sehr post kestum, aber um die zum Zolltarif beantragten Resolutionen dürfte es noch lebhafte Debatten geben. Bon diesen Resoluttonen ist die bedeutsamste die vom Centrum e:n- ßeb rächte, lvelche an Stelle des von den konservativen Parteien unterstützten Antrages Heyl trete:: soll.

Die Resolutton des Centrums verlangt, daß mög- lichst bald, wenn möglich noch vor Erneuerung von Tarifverträgen, das vertragsmäßig oder herkömmlich be- stehende Meistbegünstigungsverhältnis zu allen den- jmigen Ländern gelöst werden soll, bei welchen die Er­fahrung gezeigt habe, daß ein solches Verhältnis den deutschen Interessen nachteilig gewesen ist, und daß mit solchen Ländern reine Meistbegünstigungsverträge nicht mehr abgeschlossen werden. Es ist bisher noch nicht be- kannt geworden, wie sich die Regierrrng zu dieser Resolu- tion, die sich in erster Reihe gegen die Vereinigten Staaten von Amerika richtet, stellt. Im übrigen ist es zweifelhaft, ob der Reichstag schon in den ersten Tagen nach seinem Zusammenttitt über diese Frage, die zunächst stuf der Tagesordnung stehen, wird Beschluß fassen können, denn eö fragt sich, ob das Haus sich nach den Ferien in knll llress, d. h. in beschlußfähigem Zustande, Kusammenfinden stnrd.

Die größte oder wenigstens zeitraubendste Aufgabe, deren Erledigung dem Reichstag bevorsteht, ist der Reichshaushaltsetat. Der Etat bietet bekanntlich kein er­freuliches Bild, denn trotzdem bei der Bemessung der Etatsposittonen eine durch die schlechte Finanzlage be- dingte Sparsamkeit obgewaltet hat, ist ein beträchtliches

Defiztt nicht cutt der Welt zu schaffen, und bei der Etats­beratung wird eifrig jcher Finanzfragen und Finanz­reform debattiert werden.

Die bedeutsamste Aufgabe, welche der Reichstag noch in dieser Session zu erledigen hat, ist zweifellos der Ge­setzentwurf über die Beschränkung der Kinderarbeit in ge­werblichen Betrieben. Die Kommission hat in der ersten Lesung die Bestimmungen der Regierungsvorlage wesent- lich verschärft, in der zweiten Lesung aber einen Tell dieser Besttmmungen wieder beseitigt. Das Plenum des Reichstags wird voraussichüich die Vorlage im wesent- licheir in der Form annehmen, die sie in der zweiten Kommissionslesung erhalten hat, doch wird es vielleicht gelingen, die eine oder andere der in der zweiten Lesung beseitigten Bestimmungen, so das grundsätzliche Verbot der gewerblichen Beschäftigung fremder Kinder an Sonn- und Festtagen, im Plenum wieder herzustellen.

Von weiteren Vorlagen, die der Reichstag noch zu er- ledigen hat, ist der Entwurf, betteffend das Verbot der Verwendung des Weißphosphors in Zündholzfabrikeir, zu nennen. Über diese Vorlage dürste es im Reichstag keine Meinungsverschiedenheiten geben, da die furchtbare Berufskrankheft der Phosphornekrose, die Jahr für Jahr zahllose Opfer fordert, das erwähnte Verbot als eine ganz unumgängliche und unaufschiebbare Forderung er­scheinen läßt. Des weiteren dürste den Reichstag auch noch die Refornc des Militärpensionsgesetzes besckstifttgen, obwohl diese Vorlage in letzter Zeit ebenso oft dementiert wie angÄündigt wurde. Dagegen ist die ebenfalls seit langer Zeft angekinrdigte Novelle zum Börsengesetz ans die nächste Legislaturperiode verschoben worden, und auch auf die Vorlage über die kaufmännischen Schiedsgerichte wird man kaum noch rechnen können.

Ebenso wie dem Reichstag, steht auch dem p r e u ß i - scheu Landtag nur ein sehr kleines Arbeitspensum bevor. Außer dem Etat wird man an größeren Vorlagen anscheinend nur die Entwürfe über die schon früher an- gekiindigte Verstaatlichung von 6 Privatefienbahnen zu erwarten haben. Denn es heißt, daß die in der vorigen Session nicht erledigten Vorlagen über die Verlängerung des juristischen Studiums und den Vorbereitungsdienst der BerwaltungSbeamten diesmal dem Landtag nicht zu- gehen werden. Zu den Toten gelegt ist wenigstens für diese Session des Landtages die Kanalvorlage. In der Thronrede zur Eröffnung der vorigen Session wurde mitgeteilt, daß die Kanalvorlage „seiner Zeit" kommen werde, und eine ähnliche Eröffnung ist auch diesmal zu erwarte::. Voraussichtlich werden sowohl der Reichstag wie der Landtag sehr früh geschlossen werden, da bereits im Juni die Neuwahlen zum Reichstag und im Oktober die zum preutzisck-en Landtag stattfinden werden.

Die Senalswahlen in Frankreich.

Unser Pariser Korrespondent schreibt:

Das Ergebnis der am 4. Januar staügehabten Wahlen, durch welche ein Drittel des Senats erneuert wurde, hat niemanden überrascht. Der Sieg der Regie­rung stand von vornherein fest. Nachdem nun auch die Nachrichten aus den Kolonieen eingelaufen sind, ergibt sich als endgültiges Resultat die Wahl von 66 Ministe­riellen und 32 Antiministeriellen. Die ministeriellen Republikaner haben 12 Sitze gewonnen, ohne drei be­strittene Wähler?, zu zählen. Gewisse regierungsfeind­liche Zeitungen bemühen sich, den Sieg abzuschwächen, iirdem sie behaupten, daß Senatswahlen niemals eine große politische Bedeutung besäßen, da sie stets zu Gunsten des jewettigen Kabinetts ausfielen. Das ist ein Irrtum, wie die vorletzten Wahlen vom 28. Januar 1900 und frühere Drittelserneuerungen des Senats beweisen. Die Regierung hat vielmehr einen recht be­deutsamen Erfolg mehr zu verzeichnen. Minister­präsident Combes, der unter ziemlich schwierigen Um­ständen ans Staatsruder gelangte, fühlt sich in seiner Stellung aufs neue befesttgt. Selbstverständlich konnte sich der Triumph der Regierung nicht so deutlich zeigen nüe bei den allgemeinen Deputiertenwahlen, denn der Mechanismus der Senatswahlen ist ein iehr kompli­zierter und bei ihnen spielen persönliche Fragen und lokale Einflüsse immer eine wichtige Rolle. Die Ministe­riellen treten neu gestärkt und im Verhältnis von 2 gegen 1 ins Palais de Luxembourg ein, und eine Kontro­verse über den Sieg der Regierung, wie sie manche Parteien versuchen, erscheint völlig überflüssig. Die Reaktion hat am 4. Januar eine weitere Schlappe erlitten.

Indessen diirfen einige Erscheinungen, welche bei der Senatserneuerung zu Tage ttaten, nicht außer acht ge- lassen werden, wenn man die Bedeutung des Siegs auf ihr wahres Maß zurückführen null. Zunächst wurde der „Druck von oben", der bei Senatswahlen stets viel mehr verspricht als bei der Ausübung des allgemeinen Stimm- rechts, aus den? die Deputierten hervorgehen, in besonders starken: Grade gepflegt und die „offizielle Kandidatur" stand fast in solcher Blüte wie zur Zeit Navoleons III. Als tveiteres Kennzeichen des verflossenen Wahlkampfes n:uß angeführt iverden, daß die Ministeriellen sehr ge- linde Saiten aufzogen, und um uns eines ländläufigen Ausdrucks zu bedienen, einen Pflock zurücksteckten. Combes gab dafür in seinem Wahlmanifest, welci^s er als Senatskandidat erließ, das Beispiel. Dieser Aufruf war in einem so gemäßigten Tone gehalten, daß ihn

Die Eidechse.

Roman von A. v. Klinckowström.

(15. Fortsetzung.)

Siebentes Kapitel.

Heute kein Kolleg! Sie wäre doch nicht im stand gewesen, ein Wort 311 fassen. Wozu auch, da sie die Uni dersität verlassen würde.

Stach einige:: Stunde:: festen Schlafes blieb Jenn träge, und mit offenen Augen, bis gegen Mittag im Bet: Es träumte sich so wundervoll weiter von der Zukuns und von allem, was sie gesehen und erlebt hatte. Jh wirbelte es im Kopf, und der Himmel hing ihr volle Geigen. Dann dachte sie daran, daß Engler das erst Recht auf die frohen Nachrichten habe. Lebrun hatte ihr ja auch seinen Besuch in Aussicht gestellt, und wer könnt wissen, was daraus enfitand. Vielleicht kaufte jener ei: ,Bild oder bestellte eine Kopie. Aber nein, letzteres woh sticht, er war ja den Alte:: nicht gewogen. Jenny mußt lachen, als sie sich seine Worte ins Gedäcdtnis ries sprang hurtig auf und kleidete sich an. Ob sie gleich in» Atelier lief? Wo hatte sie denn ihre Gedanken! Jetz machte Engler jedenfalls Mittagspause und saß in irgend einem Restauraist. Sie konnte unmöglich alle Speise lokale des Montmcirtre nach ihm absmhen Um vier fan sie chn mit Besttrnmtheit zu Hax^se und wußte sich bi: dahin gedrllden. °"

Vor dem Spiegel, fi^hend und ihr Haar Wrstend sagte ste nachdrücklich mit intensivem Wonnegefühl vo sich hm: „Nrchtz mehr in das enge, häßliche dunibfig Auartter Latin hinab, nicht mehr in die heißen, Mr füllten Horsach, nrcht mehr dm Schneckmgang machet «den d:e änderest gehen!"

emtrettnd" ^ ^ S3iIin§fa ' toie gewöhnlich stürmisc

"Was ist aus dir gSvorden, warum warst du nich im Kolleg? • xmhl meinte, du seiest überhaupt in de letzten Zert ^afftg gewesen und hättest wohl genug vo: Jfls ^ahr?"' daran, das Studium aufzugeben

^KernespieAZ i" Jenrw umarmte in der Freude ihre!

Herzens die Gefährtin. „Ich war nur müde, kam erst m der Frühe von Boiliers Fest heim, aber —"

»Bist Du eine Zimperliese! Ich war auch diese Nacht auf einem Fest und trotzdem auf dem Posten im Hörsaal. Wenn man etwas erreichm will, darf man nicht schlapp sein. Na, ich bin nur froh, daß Juhl unrecht hat. Du kannst ja meine Hefte haben und abschreibm. Vor allen Dingen erzähle nun mal. Ich brmne vor Neugier."

„Ja, Du wirst Augen machen! Sc ganz unrecht hat Juhl nicht. Das Studium an der Sorbonne gebe ich auf. Sieh mich an, so schaut ein Mensch aus, zu dem das Glück über Nacht kam! Dmke Dir, ich ttaf wieder mit Professor Lebrun zusammen, der gütig gmug ist, mich von jetzt ab privattm unterrichten zu wollen. Auch in sein Laboratorium soll ich Zutritt haben. Stelle Dir doch nur vor, was das für mich bedeutet: ein Studium unter de:: angenehmsten Bedingungen, Unterricht ganz unentgeltlich, und dieAussicht, das Examen und meinen Doktor viel früyer zu machen als auf dem gewöhnlichen Wege. Wenn ich mich bewähre, verschafft mir der Professor dann vielleicht auch eine Anstellung."

Bttinska blieb mit offenem Munde sitze::.

„Donnerwetter!" kam es endlich von ihren Lippen. „Was ein guter Wr:chs und ein Paar hübsche Augen nicht alles zuwege bringen. Ihr habt's gut, ihr statt- l:chen Frauenzimmer!"

„Was fällt Dir ein! Wenn ich dächte, daß es nur me:n Aeußeres ist, das den Professor bestochen hat, so winde ich mich sofort für die gebotene Chance bedanken. Es hat chm aber gefallen, daß ich intelligent bin und e:fr:g auf mein Ziel losgehe. Sein Interesse ist rein kollegialer Natt:r."

„Geh mir mit der Kollegialüät, ich pfeife darauf! Wer den Männern in die Augen sttcht, den prote­gieren sie."

- „Das mag von den jungen gelten, aber Lebrun iss, altttch."

„Die Älllichen sind die schlimmsten."

'FBilinska, wenn das zuträfe —"

„Pa, na, ich will Ar die Freude mcht verderben, u:ch m? allerwenigsten möchte ich Dir abreden. Deine Chancen wahrzunehmen. Es ist ja möglich, daß Tein Gönner e^e Ausnahme macht. Jedenfalls hast Du einen Treflav gezogen, und ich gratuliere Dir."

„Ach, geh! A: hast es richttg verstanden, den ersten Tropfen Bitterkeit in meinen Glücksbecher zu tun. Und ich war so froh!"

„Sei nicht närrisch! Du mußt auch nicht gleich alles, was:ch so hinplappere, auf die Goldwaage legen. Ich habe ja gar kein Urteil, war nur im ersten Augen- bl:ck e:n bißchen neidisch. Natürlich bist Du intelligenter als w:r andern, das sieht jeder, wenn Juhl es auch in Abrede stellen will. So was merkt doch ein Mann wie Lebrun, der ganz gewiß ein solider, ernster Gelehrter :st. Was ich da vorhin sagte, war selbstverstmttilich Spaß."

„Ist das auch wahr?"

„Mein Wort darauf!"

„Sieh, lieber Kerl, ich weiß so oft nicht, was bei Dir Scherz oder Ernst fit. Nun bin ich doch emmal ehrgeizig und mochte zeigen, daß ich meinen Verstand nicht un> focht m:tbekommen habe."

„Nur der mühselige Arbeitsweg ist Dir zuwider"

„Wenn es nicht anders gegangen wäre, hätte ich auch den uberwunden. Zeigt sich n:ir aber die Möglich­kett, mem Ziel auf andre Weise zu erreiche:: —"

• „So tust Du sehr recht, sie beim Schopf zu packen "

„M:ßverstehe mich nicht. Arbeitm muß ich auch jetzt, vielleicht noch intensiver als bisher."

„Nur daß es Dir mundgerechter gemacht wird."

„Und so unendlich viel interessanter."

„Meine Äbsolufion hast Du. Hoffenttich giebst Du als vornehme Privatschiilerin den Verkehr mit uns nicht auf. Mir täte es leid, Ach herzugebe::, nachdem wir so nett zusammengehalten haben. Und jetzt bitte ich um ernen ausgiebigen Festbericht. Waren ganz große T:ere da? Bstt Du sehr bewundert worden?"

Jenny beendete ihre Toilette und schilderte da- zwfichen d:e Erlebnisse der verflossenen Nacht.

Bilinska hielt es indessen nicht lange aus, sttcmme Zuhörerin zu sein. Es drängte sie, auch ihrerseits zu erzählen. So vornehm und prachtvoll sei es natürttch :n chrer Gesellschaft nicht hergegangen, aber bedeutend toller. Modelle, kleine Theaterdamen und Studentinnen bunt durchemander hätten einen Heidenradau gemacht und an Herren aller Stände sei kein Mangel gewesen'

„Apropos!" unterbrach sich die Lebhafte plötzlich selbst, „Wie kam es, daß Engler nicht put Dir war?"