WiesbailkM Ts
si. Jahrgang.
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Donnerstag, den 8. Januar.
Do. 11. BerlagS-Ferafprecher R». 2953.
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
1903.
Morgen ■fliigggBfae.
Sorialpoliüsche Umschau.
— Anfang Januar. —
Das sozialpolitische Ereignis des letzte,: Jahres ist die Annahme der Zolltarifvorlage durch Reichstag und Bundesrat. Ihre soziale Wirkung kann unter gegebenen Verhältnissen eme so tiefgehende feig, daß unter ihr die Bedeutung unserer wichtigsten Gesetze über Arbeiterschutz und Arbeiterfürsorge zurücktritt. Doch ist es heute zu spür, hrerüber noch weitere Betrachtungen anzustellen, man kann nur wünschen, datz es trotz dieses Zolltarifs gelingen möge, mit unseren Absatzländern Handelsverträge abzu- schließen, die eine weitere Entwickelung unseres Wirtschaft- iichen und sozialenLebens nicht verhindern. Von wichtigen sozialpolitischen Ausgaben hat dieser Reichstag zunächst noch den bekannten Gesetzentwurf über die Beschränkung dm Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben und den Entwurf über die Herstellung und den Verkehr mit Phos- phorzündwaren zu erledigen. Me große Bedeutung des ersteren ist bekannt, weit weniger hat sich jedoch die öffentliche Kritik mit dem letzteren beschäftigt, obwohl er das dunkelste Kapitel unserer sozialen Hygiene behandelt. Zu den furchtbarsten Berufskrankheiten gehört die ekel- erregende und qualvolle Phosphornekrose. Meser Knochenfraß entstellt den Menschen und wirkt wie starkes schleichendes Gift. Mese Krankheit ergreift einen großen Teil aller Arbeiter, die in der Phosphorindustrie beschäf- tigt sind, namentlich fordert sie aber zahlreiche Opfer bei der hausindustriellen Herstellung der Phosphorzünd- Hölzer. Zwar sind bereits 1884 umfangreiche sänitäts- Polizeiliche Vorschriften durch ein Reichsgesetz zur Ab- Wendung der größter, Gefahr erlassen, die 1893 wesentlich erweitert wurden, aber alle diese Vorschriften sind ohne dm erwarteten Erfolg geblieben. Ae ärztliche Wissenschaft hat es daher als ihre Pflicht betrachtet, in An- sehung dieser StuNlosigkeit sanitärer Vorschriften vom Staat ein völliges Verbot der Phosphorzündhölzer zu oerlangm. Wahrscheinlich wird der Reichstag den gleichen Standpunkt einnehmen und damit eine der gesundheits- gefährlichstm Jndustriem beseitigen, die seit der Einführung völlig giftfreier Zündhölzer keine wirtschaftliche Notwendigkeit mehr ist.
Ae Reichstagskommission zur Beratung jenes Ent- Wurfs über die Kinderarbeit in gewerblichm Betrieben hat in der jetzt beendetm zweiten Lesung eine Anzahl der diese Arbeit einschränkenden Bestimmungen, die in der ersten Lesung angenommen wurden, wieder beseitigt. So soll nach dm nmestm Beschlüssm die gewerbliche Beschäf- ttgung fremder Kinder an Sonn- und Festtagm nicht gmndsätzlich ausgeschlossen sein, auch sind weitere Aus- nahmm von dm Bestimmungen desEntwurfs vorgesehen Ein Arbeiterschutzgesetz durch zahlreiche Ausnahmebestim
mungen durchlöchern, ist immer mißlich und so wird auch die Arbeit der Reichstagskommisfion in sozialpolitischm Kreism nicht überall Beifall finden.
Ein gewisses Aufsehen erregte im vorrgm Monat die Mitteilung, das preußische Oberverwaltungsgericht habe das preußische Gesetz über die Besteuerung der Warenhäuser für rechtsungültig erklärt, da es mit der reichs- rechtlichen Gewerbefreiheit in Widmspruch stehe. Man darf es als bekannt voraussetzm, daß auch dieses Gesetz die Hoffnungen nicht erfüllte, die man ihm in klein- getverblichm Kreisen und unter den kleinen Kauflmtm entgegenbrachte. Ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts würde nun nach jener Meldung zahlreichm Besitzern von Warenhäusmn die Möglichkeit gegeben haben, auf Rückgabe dm erhobmm Steuem zu klagm und tatsächlich wurde bereits über die Erhebung dmartigm Klagm berichtet. Das ist jedoch voreilig gewesen. Das prmßische Obervmwaltungsgericht hat nämlich die Warenhaussteum nur in sehr bedingter Weise als ungesetzlich erklärt und zwar nur dann, wenn die Höhe dm Besteuerung zur Erdrückung des Betriebes eines Warenhauses führm würde. Überall, wo durch die Höhe der Bestmerung nachweislich die Fortfühmng eines'Warenhauses unmöglich gemacht wird, widerstreitet nach dem Obervmwaltungsgericht die Bestmemng dem Reichsrecht. Übrigens hat das Ministerium von Reuß ältere Linie die beantragte Bestmerung der Warmhäusm grundsätzlich abgelehnt, da sie zwecklos sei.
Die seit einer langm Reihe von Jahren aus flein- gewerblichm Kreism gegen die gewerbliche Gefängnisarbeit erhobenen Vorstellungen habm in letzter Zeit mehr Beachtung gefunden. In Preußen will man ablaufende Verträge mit den Unternehmern, die Gefangene gewerb- lich beschäftigen, nicht westm mneumn. Die Gefangenen sollm künftig mehr als bisher zu landwii-tschaftlichm und ähnlichen Arbeitm, ebenso für die Bedürfnisse dm Post- und Eissubahnverwaltung verwendet wmden. Sehr wichttge Besttmmungm hat die prmßische Regiemng in dm letzten Wochen auch zur Bekämpfung der Trunksucht erlassem Es ist dm Wirtm und Branntweinhändlern nämlich verboten, an Betrunkme odm an solche Personen, die von der Polizei als Trunkmbolde bezeichnet sind,' geistige Getränke zu belaufen. Ter letzte Teil des Verbotes ist in größerm Orten zwar sehr schwer durchführ- bar, aber in Kleinstädtm und Dörfmn, wo man die Tmnksüchtigm allgemein kennt, ziemlich leicht und gerade dort wird diese Bestimmung sehr segensreich wirken. Denn manche Wirte machen mit dm Trunksüchtigen die besten Geschäfte, ihr größter Nutzen beginnt erst dann, wenn diese Art Gäste betrunken sind. Es ist ganz gerechtfertigt, daß diesm trunksüchtigen Personen künftig auch nicht einmal dm Aufmthalt in Schankwirtschaften gestattet wird und es ist auch nichts dagegen einzuwenden, daß Branntwein an junge Leute untm 16 Jahrm nicht der- schänkt wmden soll. Mes das ist eigentlich selbstverständ- lich und ein ehrenwerter Wirt sollte dmartiger Besttm-
mungen bei der Ausübung seines Berufes überhaupt nicht bedürfen. _ Aber man darf bei allen wohlgemeinten polizeilichen Bestimmungen doch nicht vmgessm, datz dm Kampf gegen den Alkoholismus auf breitestm sozialm Basis geführt werden nmß. Die Ursachen des Alkoholis- mus sind vielfach in schlechten Wohnungs- und Ernährungsverhältnissen, in der ganzen sozialm Misöre unserer Zeit zu suchen; gesunde und billige Wohnungm, wohlfeiles Brot und Fleisch, Hebung der allgemeinen Sittlich» tert im weitesten Sinne, Selbstzucht, Rückkehr zur Nüchternheit und Mäßigkeit auch bei dm sogenannten höherm und gebildeten Ständen, Abkehr von den oft so läppischen und gleichwohl dm Volksgesundheit gefährlichen Trinksittm und manches andere muß angestrebt werdm, wenn man dem Alkoholismus gründlich bei- kommen Ivill. Polizeimaßregeln könnm hier nur die gröbsten Ausartungm treffen und man mwartet denn auch wohl kaum etwas anderes von ihnen. Ein kräftiges Mittel gegm die Trunksucht ist die Verbreitung billigm alkoholfreimGetränke, wie das jetzt auch von dm deutschen Marineverwaltung geplant wird. Diese will überall in Messm und Kantinm alkoholfreie Getränke einführen, um dm Genuß von Wein, Grog und Bier noch weitm einzuschränkm, da die nach diesm Richtung angestelltm Versuche zur Zufriedenheit ausgefallm sind.
Erwähnung verdient, datz nach einem Beschluß von Senat und Bürgerschaft in Hamburg jetzt gleichfalls weibliche Assistentm bei dm Gewmbeinspektion angestellt wmdm sollen. Aus England ist vor allem jene richte» liche Entscheidung zu berichten, nach dm die Organisation dm Eisenbahnbedimstetm, die ihre bei dm Taff-Thal- Eisenbahn' beschäfttgtm Mitgliedm zu einem elftägigen Streik zwang, verurteilt ist, an jme Bahn 560 000 Mark Schadenersatz zu zahlen. Der Streit hat einige Jahre geschwebt, rst aber jetzt durch jmes Urteil zu Ungunstm der Arbeiterorganisation entschieden, derm Streikrecht in feiner bisherigen Ausübung dadurch aufgehobm wird. Man will jetzt die bestehende Gesetzgebung ändmn, um die den Arbeiterorganisationm und ihrem Vermögen drohmde Gefahr abzuwenden. Nach dem vor einigm Wochen erschimenm Jahresbericht des englischenHandels- amtes gab es 1901 in England 1236 Trade-llnions mit 1 922 780 Mitgliedern. Ae 100 wichtigstm Unions umfaßten über 60 % aller Mitgliedm mit über 40 Mll. Mark Jahreseinnahme und etwa 35 Mll. Mark Jahres- ausgabe, von dm über zwei Drittel für Unterftützungen ausgegeben wurden. Das Kapitalvermögen dieser 100 llnions betrug im genannten Jahre reichlich 82 Mllionen Mark.
In zahlreichen Betrieben dm ftanzösischen Staats- Verwaltung hat man im letzten Jahre mit dem unter Mllerand einge führten Achtstundentag so vorzügliche Erfahrungen gemacht, daß man in Aussicht nahm, ihn auch in dm Werkstätten des Kriegsministmiums ein- zuführen. Kriegsminister Andräe erklärte, m sei selbst Anhänger des Achtstundentages.
Feuilleton.
Friedrich v. Esmarch als Achtzigjähriger.
Von Knrt v. Walfeld.
Am 9. Januar 1903 feiert einer dm sympathischsten und berühmtesten Gelehrten das seltene Fest des acht- zigsten Geburtstages. Bei dm hervorragenden Be- deutung Esmarchs in dm Mssenschaft und den unge- wohnlich großm Verdiensten, -die der große Gelehrte sich um dasAllgemeinwohl erworben hat, ist es nicht nur billig, sondmn auch intmessant, an seinem Jubeltage etwas Näheres über seinen Lebensgang und seine Lebensarbeit zu bringen und zu erfahren.
Johannes Friedrich August Esmarch wurde am 9. Januar 1823 zu Tönning in Schleswig-Holstein, einer kleinen Hafenstadt am Ausflusse der Eider, geboren. Esmarchs Vater war prakflschm Arzt in Tönning und als folcher von nicht gewöhnlicher Bedeutung. Spätm kam Esmarch Vatm als Kreisphysikus nach Flensburg, wo Esmarch Sohn seine Schulbildung erhielt.
Als Zwanzigjährigm, im Jahre 1843, bezog Friedrich Esmarch die Universität Kiel. Doch him gefiel es dem strebsamen, fleißigen und durch seinen Vatm in dm medi- zwischen Mssenschaft bmeits gut Vorberesteten durchaus nicht, west gmade damals die medizinische Falkultät in Kiel keine Autoritäten aufwies. Dagegen genoß Götstngen in diesm Beziehung eine großen Ruf und besonders stand dort der praktische medizinische Untemicht in hoher Blüte. Das war etwas für den jungen Friedrich Esmarch, und so zog m alsbald nach Göttingen, um mit unermüdlichem Eifm seinen Studien obzuliegen.
Sobald aber ein Jahr später Bernhard v. Langenbeck die Professur für Chirurgie in Kiel übernahm, da kehrte auch Esmarch nach dort zurück Noch als Student wurde er Hülfsarzt an dm Langenbeckschen Klinik. Das Jahr 1848 brachte den Krieg Schleswig-Holstein gegen Däne
mark. Esmarch zog als Leutnant und Arzt mit ins Feld.
Es mangelte dm schleswig-holsteinischen Armee an Ärzten, und so hatte der junge Leutnant auch als Arzt seine Dienste angeboten. Freflich war ein chirurgisches Besteck im Tornister die ganze Ausrüstung des Feldchirurgen Esmarch. Da sah Esmarch zum erstenmal die Greuel einer Schlacht, und der Offizier trat vollständig vor dem Arzt und Chirurgen zurück. Viele Verwundeten vmdankten damals dem eifrigen und geschicktenOperateur das Leben und die Erhaltung von Gliedmaßen. In seinem Berufseifm achtete Esmarch Leben und Freiheit gering, und so wurde m, während er gmade einen Schwerverletzten verband, von den Dänen gefangen genommen.
Beinahe ein Vierteljahr lag dm junge Arzt auf einem schlechter: Linienschiff bei elender Verpflegung als Ge- fangenm. Sobald m seine Frecheit erhielt, eilte er nach Kiel zurück, wo er sofort Oberarzt und Adjutant des Generalarztes B. v. Langenbeck wurde.
In den schleswig-holsteinischen Kriegen wurde der Grundstein gelegt zu Esmarchs späteren Großtaten auf dem Gebiete der Chirurgie.. Bmeits im Jahre 1852 er- schien sein Buch: „Über Resekstonen nach Schießwundeu. Beobachtungen aus den schleswig-holsteinischen Feld- zügen von 1848---1851."
Dieses Buch gehört zu den klassischsten Werken der neueren Chirurgie. Das Wesen des Fortschrittes auf diesem liegt in dm Verallgemeinerung der Gelenkresektionen, durch welche der dmitschen Chirurgie eine eigenartige Richtung als konservierende gegeben wurde.
Ende des Jahres 1847 verlor Esmarch seinen großen Lehrer, mdem Langenbeck einem Rufe nach Berlin folgte. An seine Stelle trat in Kiel der gleichfalls als Chirurg und Opmateur berühmte Freiburger Professor Dr. Louis Stromeym. Diesm erkannte auch sofort die großen Fähigkeiten Esinarchs und wußte ihn an sich zu fesseln. Im Jahre 1849 habilitierte sichEsmarch als Privatdozent in Kiel, und er hatte gleich starken Zulauf von strebsamen
Studenten. Im Jahre 1854 wurde Esmarch Mrektor der chirurgischen Klinik. Als solcher heiratete m im gleichen Jahre die Tochter Stromeyers (Anna), mft welcher m brs zu deren Tode, am 31. Mai 1870, in glück- lrchstm Ehe lebte. Von den .Kindern, die dieser Ehe ent- sprossen, leben rwch ein Sohn, Erwin, und eine Tochter, Grsella, jetzt Freifrau v. Luprn in München. Anfang des Jahres 1855 erhielt Stromeym einen Ruf als Generalarzt nach Hannover. Doch dieser Umstand allein hatte :hn nicht bewogen, seine angesehene und lohnende Stellung rn Kiel aufzugeben, es trat noch ein andmm h:nzu, dm :hn rn erster Linie antrieb, die Stelle in der hannoverschen Armee anzunehmen. Stromeym wußte es genau, daß seine Anwesenheit in Kiel der schnelleren Laufbahn Esmarchs im Wege stand. So nahm m den istuf nach Hannover seinen Kindern zu Liebe an Er hatte richtig geurteilt. Esmarch trat sofort in alle serns Stellungen ein, indem er zuerst zum orüentlichen Pro- fessor ernannt wurde. Im Jahre 1864 erwarb sich Esmarch große Verdienste um das Lazarettwesen im Kriege. Seine Einrichtungen wurden maßgebend für alle Armeen dm gebfldeten Welt. Heute noch ist dm Jubilar Ehrenpräsident des „Vereins für das Lazarettwesen vom Roten Kreuz". Infolge seinm Vmdienste wurde Esmarch im Jahre 1866 in die Jmmediat-Lazarettkommission nach Bmlin berufen und übernahm die Oberleitung der chirurgischen Tästgkeit.
Im Jahre 1870 ernannte ihn dm König von Preußen zum Generalarzt der Armee I. Klasse mit dem Range eines Generalmajors. Als solcher trat er entschieden für die Nützlichkeit des Barackenbaues während des Krieges ein. Die Baracken 1870 auf dem Tempelhoferfelde der- danken ihm ihre Entstehung. Ein weitmes Vmdienst Esmarchs von großm Tragweite ist die Vereinfachung des Wundverbandeö. Esmarch vmeinfachte den Feldverband so sehr, daß jeder Lazarettgehülfe, ja selbst jeder kluge Soldat ihn im Notfälle anlegen konnte. Man muß ein Schlachtfeld gesehen haben, die Verwundeten haben
