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eilage Mm Wiesbüüener Tnchlntt.

Uo. 11. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 8. Januar.

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Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten, sie lernen k schon in jungen -Jahren die Leiden der Tyrannen kennen. £

M. v. Ebncr-Eschenbach.

51. Jahrgang. 1803.

(20. Fortsetzung.)

Ich.

Roman von Ada Boy-Ed.'

... ihn, doch Platz zu nehmen, fuhr fort

über Defsky und den Spielteufel zu sprechen, und bald frei Olga ihr sekundirend in die Rede. Sie hatte sich gefaßt und plauderte nun mit fieberhafter Lebhaftigkeit. Hellwang, antwortete zuerst leidlich, Interesse heuchelnd, dann verstummte er mehr und mehr. Die ersehnte Ge- legenheit, erne Pause des Gesprächs zu einer Bitte um «ne Unterredung mit Olga zu benutzen, kam immer nicht. ^ t™, 11 161(^1, ihn zu verblüffen — die beiden Frauen verblüfften ihn vollständig. Auch mit seiner geringen Äntztrauensfahigkeit mußte er begreifen, daß man ihm auswich und jeder seiner fragenden Blicke marterte Olga Bor Dfitleid hätte sie weinen mögen, zehnmal schwebte ihr ein entgegenkommendes Wort auf den Lippen, aber es schrie in ihr auf:

„Ich kann nicht — ich kann nicht."

. Mt einemmal ging zu ihrem Erstaunen wieder Helles Lrcht in Hellwangs Zügen aus. Hätte sie ahnen tonnen, daß er, auf der Suche nach Gründen für dies unerwartete Benehmen, plötzlich den Einfall bekommen hatte, Olga wiche ihm aus jungfräulichem Schamgefühl au ?:.J Zurückhaltung, die ihn eben noch ängstigte, entzückte chn nuil. Selig dachte er, daß er ihre Zartheit schonen wolle, daß morgen auch ein Tag sei, daß er es im Grunde gar nicht anders von einem so außerordent­lichen Mädchen hätte erwarten können — gewiß sie fürchtete, ihr keckes Entgegenkommen damals auf der Straße konnte von ihm als chr eigenstes Wesen aufge- faßt sein.

So schied er denn endlich, doch wurde beim Abschied seine Bestürzung neu, als weder Agnes noch Olga ihn für den Abend einluden, worauf er bestimmt gerechnet, ^m Wagen versuchte er nachzugrübeln. Das war für ihn eine gar schwere Sache. Kommen — sehen — siegen, dazu war er der Mann. Schwierigkeiten gab es für ihn nicht, so lange er sie klar vor sich sah, und mochten sie gleich himmelhoch aufgethürmt erscheinen, aber die ge­ringste Unerklärlichkeit verwirrte ihn so vollständig, lwß er Urtheil und Selbstvertrauen verlor. Er fuhr bei Albert vor der nicht wenig erschrak, den Freund so in festlichem Auszuge zu sehen.

Da der alte Bach eben zur Börse gegangen war, so konnte sich Hellwang auf den hohen Lederstuhl des Alten setzen. Er stemmte die Füße gegen den Holzschemel, legte

: Rücken gegen die Lehne, faltete die Hände im Schooh, und mit dem Hut aus dem Kopfe sah er Albert kläglich an.

„Du siehst nicht aus wie Jemand, der auf die Freite gehen will. Dein Kleid und Dein Gesicht widersprechen

sich", sagte Albert, mit Herzklopfen eine heitere Miene er­zwingend.

„Wenn ich bei herrlichstem Wetter meine Leute in der Ernte zum Ausladen hinausschicke und sie kommen wegen plötzlich eingetretenen Regens unverrichteter Sache pudel- naß heim, so ist dergleichen nicht sehr förderlich für die Ernte, das mußt Du zugeben. Gerade jo sitz' ich da. So ein scheußlickies Pech kann nur ich haben", sprach Hell- wang mit dumpfer Resignatiom

„Das verstehe ich nicht."

„Was sagst Du! Fahre hin, werde angenommen, aber komme gar nicht zu der Geschichte! Und die Kleine sah Dir aus! Und erröthete! Es war so süß, daß man ihr hätte schlankweg um den Hals fallen mögen. Weiß der Teufel, was die Frauenzimmer hatten, aber sie ließen mich nicht heranbirschen."

„Und was wirst Du nun thun?" fragte Albert, sich mit dem Rücken gegen Hellwang am Geldschrank zu thun machend.

„Vorerst bis morgen warten und meinen Besuch wiederholen. Wie in aller Welt schlägt man heute den Tag todt?"

„Wenn Du kannst, Hellwang, heute ohne mich."

„Aber mit Dir kann ich doch wenigstens von chr sprechen", sagte der Baron.

„Ich habe mst dem besten Willen keine Zeit."

„Hm — na, dann werde ich Rixhausen aufiuchen; rch glaube, heute ist irgend eine Geschichte im Tattersall. Außerdem kann ich schon den Schmuck für Olga bestellen: die Familiendiamanten bekommt sie erst zur Hochzeit. Sag, was hat sie gern? Perlen? Saphire? Grüne Steine sind zu kalt, röche zu alt für sie."

„Mit dem Besorgen des Schmuckes würde ich warten, bis ich das Jawort hätte."

„Du glaubst ... Du fürchtest ... sie könnte „Nein" . . ." stammelte Hellwang erschrocken.

„Ich meine, weiß und glaube nichts. Du mußt ja wissen, ob sie Dir so bestimmte Zeichen ihrer Neigung ge­geben hat, daß Du ein Nein nicht mehr zu erwarten hast."

Darauf nickte der Baron wieder beruhigt, ja, gewiß war er seiner Sache.

Er ging dann nachher auch, um den Schmuck zu kaufen, und wählte eine doppelte Perlenschnur mit einem Brillantschloß, ein dazu passendes Armband und einen kleinen Schmetterling aus farbigen Edelsteinen. Diese Gegenstände erfreuten ihn so, daß er in seinem Hotel- z-.mmer wieder und wieder die Etuis öffnete, um sie an­zusehen — es war ihm wie ein Theil von Olga selbst.

. Am nächsten Morgen fuhr er wieder in die Friedrich- Wilhelmstraße, diesmal jedoch in einem einfachen Morgen­anzug. Ihm war, als würde er in seinem gewöhnlichen Straßenrock mehr Muth haben als im feierlichen Frack. Er hate keine Gelegenheit, von seinem Muth Gebrauch zu machen. Agnes und Olga waren nicht allein, zwei Freundinnen nahmen das Frühstück bei ihnen, der Baron mußte sich dazu setzen. Nicht einmal neben Olga bekam er seinen Platz, sie saß ihm gegenüber. Und wunderbar, so gesichert vor dem entscheidenden Wort, fand sie wieder die Stimmung, ihm durch Blick und Lächeln unausgesetzt zu locken. Vielleicht, so dachte er, gchen die beiden Damen

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bald for±._ Aber kaum, daß man vom Frühstückstisch aufstand, so ergriff Olga den Arm chrer Freundin und verließ mit chr das Zimmer. Mt Hut und Mantel kamen sie zurück und Hellwang erfuhr, daß die Mutter der Freundin die jungen Mädchen erwarte.

„Wir gehen heute Abend in das Deutscke Theater", sagte Olga ihm mit halbverlegenem Lächeln, „wenn Sie Agnes und mich dort treffen wollen — wir würden glück­lich sein: also auf Wiederschen. Gustav kommt nicht mit.' Auf Wiedersehen!"

Das war doch eine Aussicht für den Abend. Ge­tröstet plauderte Hellwang noch chn paar Minuten mit den beiden zurückgebliebenen Damen und suchte dann Albert aus. Er sagte ihm, daß heute kchne Vorwände an­genommen würden, Albert müsse mit in das Deutsche Theater kommen und in den Zwischenakten, sowie bchm Nachhauseweg Agnes aus sich nehmen.

„Gut denn", dachte Albert, „sehen wir, ob sie in mchner Gegenwart noch den Muth hat, mit diesem chlen Mann zu spielen."

Und wenn sie ihn hätte, so dachte er weiter, so wollte er sie zwingen, Hellwang anzunehmm, oder der Baron sollte die Wahrheit über sie erfahren.

Er sagte also zu, der Baron nahm es auf sich, noch Billette zu bchorgen, was vielleicht Schwierigkeiten, jeden­falls viel Geld kosten würde, da heut die Premidre eines lang erwarteten LustsviÄs stattfand. Aber was der Baron sich vornahm, setzte er gewönhlich durch. Mit Billetten zu zwei Parkettplätzen und seinem bekannten riesigen Opernglas bewaffnet, trat er bei Albert zur rechten Zeit ein.

Beide Männer waren sehr schweigsam, und chnem fich's nicht auf, daß der andere nicht sprach. Sie fuhren die Friedrichstraße enllang. Bald stand ihr Wagen: das blauweiße elektrische Licht des Centralhotels überschien wie eine Nordlandssonne bleich die abendliche Straße. Ein wirres Getöse von Wagenrädern, Pferdehusen, Menschenstimmeu brauste zwischen den Hausermauern dev Straße. Hohe Omnibusse schwankten vorüber, auf dem Bürgersteig drängten sich die schwarzen Silhouetten der Menschen vor den erhellten Magazinfenstern vorbei. Weiter! — die Wagenreihe rückte vor. Donnernd raste ein Eisenbahnzug über die Straßenbrücke, weißer Qualm ballte sich einige Minuten zwischen den Giebeln und fiel als feiner Staubregen nieder. Nun zog die schwarze Wagenkette sich in die dunklere Schumannstraße hinein, Pferd um Pferd, Droschke um Droschke rückte vorwärts und verschwand im Thorbogen der Durchfahrt zum Theater.

Endlich standen der Baron und Albert im Vestibül. Ein stoßendes Durcheinander von Menschen machte fast das Vorwärtskommen unmöglich. Bekannte trafen sich und bildeten verkehrsstörende Gruppen. In den Korri­doren stieß man sich, vor den iGarderobebarren hielten Herren in geballter Faust die Shawls und Tücher ihrer Damen den Garderobieren hin, über die Schultern vor ihnen Stehenden wegreichend, Damen ordneten mit spitzen Fingern die Stirnlöckchen. Ein Gemenge von den verschiedensten Parfüms wehte in allm Raumem (Fortsetzung folgt.)

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